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Hammelsprünge

Mehrere Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner Ostern 1945 in Gelsenkirchen-Horst, im Kohlenpott, konnten wir Kinder uns wieder auf die Straße trauen und spielen. Dabei wurden auch Neuigkeiten ausgetauscht. Diese Art der Nachrichtenverbreitung war in jenen Tagen die einzige, weil die Bevölkerung noch ohne Zeitungen und Rundfunk auskommen musste. Neugierig lauschten wir - auch oder gerade dann - wenn Schauergeschichten erzählt wurden; z. B. berichtete eines Tages der lange Emil von nebenan, dass eine Straße weiter der Ortsgruppenleiter (der NSDAP) erschlagen aufgefunden worden sei und dass - dabei tat er geheimnisvoll — die Amis KCs entdeckt hätten. Wir anderen Jungen guckten uns verdutzt an.

Was uns allen auf der Zunge lag, fragte der blaue (mundartlich: rothaarige) Kurt, der immer einen quer gestreiften Seemannspullover trug, wahrscheinlich hatte er sonst nichts anzuziehen: Emmil, samma, wat is denn ´n KC?

Emil strahlte, weil es ihm offensichtlich gut tat, einen Wissensvorsprung zu haben. Gönnerhaft ließ er sich zu der Antwort herab: 'n KC, Kurti, dat iss' 'n besonderet Gefangenlager für Juden und Kommunisten, wo se unter Hitlo schwer arbeiten und Kohldampf schieben mussten. Un wenn se sich drückten, krichten se Senge, bis se tot umfielen. Uns schauderte. Senge (mundartlich: Schläge, Prügel) hatten wir alle schon mal bezogen, wenn wir was ausgefressen hatten, aber natürlich nicht bis zum Tod. Muss ganz schlimm sein!

Nee, dat habbich noch nie gehört, schaltete sich Friedhelm (Fiddem genannt) ein, der immer damit prahlte, alles zu wissen, nur weil er fast ein Jahr älter war als die meisten von uns. Wo hasse dat denn her? Dabei ließ er keinen Zweifel, dass er Emils Aussage misstraute.

Emil spielte nun verbal seinen höchsten Trumpf aus: Hömmo, Fiddem, unso Tutti, die ihre Freundin, die hat 'n Krösken (Techtelmechtel) mit 'nem Ammi, un vom dem hat se dat! Glaubses jetz?

Diese Begründung war für uns wasserdicht und unwiderlegbar, und auch Friedhelm gab klein bei. Ein Amerikaner galt zu dieser Zeit für uns als höchste Instanz. Tutti (Kosename für Gertrud) war Emils älteste Schwester.

Was wir alle in diesem Moment nicht wussten, war die Tatsache, dass entweder Emil seine Schwester oder sie ihre Freundin oder diese ihren Amerikaner nicht ganz verstanden hatte, denn gemeint waren KZs (Konzentrationslager), aber auch das hatten wir noch nicht gehört.

Während dieses Geplauders balancierten wir - wie so oft — mit seitlich ausgestreckten Armen auf den Blindgängern von Fliegerbomben, denen der Sprengstoffräumtrupp nur die Zünder herausgeschraubt und dann aus Zeitgründen wegen der großen Anzahl in den Straßengossen einfach liegen gelassen hatte. Keiner kümmerte sich um die dicken, glatten Metallzylinder, denn ohne Zünder waren sie relativ harmlos. Mit Feuer oder einem dicken Hammer durfte man sie allerdings nicht bearbeiten, dann machten sie sich nämlich durch Hochgehen bemerkbar - eine äußerst ungesunde Angelegenheit. Doch wer tat das schon! Wir waren ja alle froh, noch zu leben.

Ein weiterer Junge schlenderte herbei und störte meine Gleichgewichtsübungen mit den Worten: Eeei, Günno, euo Mutto hat dich gerufen, du solls sofort nach Hause komm.

Widerwillig trollte ich mich Richtung Wohnung meiner Großeltern, bei denen meine Mutter, meine vierjährige Schwester Doris und ich zusammen mit mehreren anderen, ebenfalls ausgebombten oder vertriebenen Verwandten, zeitweise 10 bis 15 Personen, vorübergehend Unterschlupf gefunden hatten. Die Wohnung trug zwar auch Bombenschäden davon, hatte aber für damalige Verhältnisse noch zwei einigermaßen bewohnbare Zimmer. Wahrscheinlich sollte ich wieder mal stundenlang in einer Menschenschlange für ein Brot oder einen Liter Milch oder sonst was anstehen, nörgelte ich bei mir.

Zu Hause herrschte große Aufregung. Denn es ging dieses Mal um viel mehr. Meine Mutter befahl mir hastig: Junge, lauf schnell zur Rennbahn (gemeint war die renommierte Horster Galopprennbahn), da werden lebende Hammel verkauft für 200 Reichsmark das Stück, eine ganze Herde. Tante Malchen ist schon dort, Oppa sucht noch einen dicken Strick und kommt nach, lauf!

Ich rannte los. - Ein lebendiges Schaf, das konnten wir doch gar nicht halten. Damit hatten wir überhaupt keine Erfahrungen. Aber wenn es geschlachtet würde, hatten wir viele Tage Fleisch zu essen für die große Ansammlung von hungrigen Menschen bei Oma und Opa. Welch ein Glück! Auch wenn der Preis sehr hoch ist, aber Geld kann man nicht essen. Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, während ich im Dauerlauf der Rennbahn näher kam. Sternförmig rannten andere Leute auch auf dieses Ziel zu, wo sich vor dem Krieg berühmte Jockeys auf edlen Pferden spannende Rennen geliefert hatten. Wo elegante Damen in Begleitung galanter Herren ihre neusten Hutkreationen und Garderoben vorgeführt und wo Zocker in den Wettbüros riesige Summen umgesetzt hatten.

Von weitem sah ich schon eine brodelnde Menschenmasse im Tumult vor den riesigen Pferdestallungen hinter der jetzt leeren Tribüne, wo ich die Schafherde vermutete. Ob wir hier in diesem gewaltigen Andrang von ungefähr tausend hungrigen Menschen noch ein Schaf ergattern und es nach Hause bringen können? dachte ich ziemlich entmutigt.

Plötzlich peitschten vorne Gewehrschüsse! Uns, die wir von hinten anstürmten, kam es so vor, als ob vorne in die Menge geschossen worden sei. Da uns die Sicht durch die Menschen versperrt war, konnten wir nicht erkennen, dass es Warnschüsse waren. — Um mich herum schrilles Kreischen, einige stürzten vor Schreck oder stolperten über die vielen Maulwurfshügel zu Boden. In meiner schwarzen Phantasie sah ich Tante Malchen in ihrem Blut liegen, denn sie musste ja schon da vorne irgendwo sein. Die erschreckten Menschen besannen sich nur kurz und rannten weiter auf die Ställe zu, wo frisches Hammelfleisch winkte, aber die Herde würde nicht für alle reichen. Also los und schnell hin! Bald erreichten wir die dichte, wogende Menschenmauer vor uns und drückten wie wild von hinten nach. Panik brach aus. Wer konnte hier noch für Ruhe und Ordnung sorgen?

Da stürmten 10 bis 15 voll bewaffnete amerikanische Soldaten aus dem Gebäude, in dem sich die Wettbüros befanden und bildeten in Windeseile eine Schützenlinie vor dem Eingang zu den Stallungen. Jemand bellte auf Englisch einen kurzen Befehl. Die Soldaten legten ihre Gewehre an und zielten - tatsächlich auf die Menschenmenge. Wieder Kreischen und wildes Brüllen. Wieder gingen mehrere zu Boden - vor Schreck oder um Deckung zu suchen. Wieder ein kurzer, scharfer Befehl, die Soldaten rissen im letzten Moment die Gewehrläufe hoch und schossen knapp über die Köpfe. Das verstand die Menge und stob für eine Weile auseinander, zumal die Amerikaner demonstrativ nachluden.

Diejenigen, die sich ganz vorne am Eingang befanden, wurden hineingelassen, etwa 20 bis 30 Personen. Plötzlich erkannte ich Tante Malchens lange, blonde Locken. Sie überragte die anderen Frauen, weil sie groß und schlank war, Modelfigur würde man heute sagen. Und das Allerwichtigste: Sie war im ersten Pulk der Käufer. Ich wartete etwas abseits, während sich die vielen Leute wieder zusammenrotteten zum Sturmangriff auf den Stall. Nach einigen Minuten öffnete sich eine kleine Nebentür, und nacheinander stolperten Menschen mit wild gewordenen Schafen heraus.

Da! Auch Tante Malchen! Die Hände fest verkrallt in die Halswolle eines Hammels, der wie verrückt lospreschte. Zufällig - Gott sei Dank - in ungefährer Richtung unserer Wohnung. Ich stürzte mich von hinten auf das Tier, krallte meine Hände tief in seine Wolle und versuchte, es zu bremsen.

Gut für uns, dass die Tiere noch nicht geschoren worden waren. Aber es war dennoch kaum zu bändigen. Es sprang auf der Stelle hoch in die Luft, dann wieder jagte es mit Urgewalt vorwärts. Bisher lebte ich in der überlieferten Vorstellung, dass Schafe geduldig und brav seien. Aber dass sie dermaßen wild springen können, überraschte mich total. Als 12jähriger hatte ich noch nicht viel Gewicht, und es drohte mich abzuschütteln. Da bekam ich seinen Schwanz zu fassen, und ich ließ mich auf dem Boden entlang schleifen, benutzte meinen ganzen Körper als Bremsbelag. Der Zustand meiner Kleidung war in diesem Moment völlige Nebensache. Vorne schwanden Tante Malchen zusehends die Kräfte. Da stand Opa plötzlich wie Ziethen aus dem Busch vor uns mit einem Strick in der Hand. Den band er blitzschnell dem rasenden Hammel um den wolligen Hals. So konnten wir zu dritt die unbändige, aber für die Nahrungsversorgung so wertvolle Kreatur am Entwischen hindern, mit Mühe und Not nach Hause eskortieren und auch schon ein bisschen lachen über unsere komische Situation als ungeübte Schaftreiber.

Aber dann die bange Frage: Was machen wir jetzt mit dem Hammel? Er musste geschlachtet werden, das war klar, aber die Dunkelheit brach schon herein. Ihn bis zum nächsten Morgen im Stall unterzubringen, ging nicht, denn er würde bald geraubt werden. Ihn dort nachts zu bewachen, wagte keiner, weil dann Leben oder Gesundheit des Bewachers gefährdet wären. Es herrschte ja Anarchie unter der Zivilbevölkerung, das Faustrecht regierte, die Front war nahe, der Krieg noch nicht aus, und alle hatten Hunger.

Eilig tagte der Familienrat, beriet und entschied kurz und bündig: Der Hammel muss über Nacht in die Wohnung, dort direkt bei uns ist er vor Dieben sicher. Morgen bei Tageslicht wird er geschlachtet.

Also bugsierten wir mit vereinten Kräften das störrische Tier teils schiebend, teils tragend hinauf in den zweiten Stock. Nun hatten wir es in der Wohnküche, wo auch einige von uns nachts schlafen mussten. Doch dann erlebten wir eine böse Überraschung. Unser Vierbeiner war ja ein Herdentier, das sein Leben lang nur die freie Natur, höchstens einen großen Stall, aber keine enge Wohnung mit ihren Geräten und Einrichtungen kannte. Außerdem fehlten ihm seine Artgenossen. Kurzum, die fremde Umgebung regte es bis zum Äußersten auf, es drohte ein Chaos zu veranstalten.

Da beschlossen alle, den Hammel sofort zu schlachten, obwohl wir keine Vorbereitungen getroffen haben konnten und das Tageslicht fehlte, Strom gab es noch nicht. Dann zeigte sich wieder ein Problem: Keiner hatte bisher ein Schaf geschlachtet, auch Oma und Opa nicht, obwohl sie als Bauern- und Fischerkinder in Ostpreußen aufgewachsen waren. Doch wir alle redeten ihnen gut zu und sagten, dass nur sie es schaffen können und es auch schaffen werden.

So wurde der Hammel nachts bei Kerzenschein auf dem Küchentisch geschlachtet und zerlegt. Wir Kinder durften vor dieser blutigen Aktion ins Bett gehen, zogen uns die Decke über den Kopf und wollten davon nichts hören und sehen. Die Erwachsenen mussten Oma und Opa helfen, die ihre unfreiwillige, ungewohnte Aufgabe bravourös meisterten. Noch lange danach wurden sie in geselligen Runden dafür gelobt und gerühmt.

Auf diese Weise hatten wir eine Zeit lang außer den Hungerrationen auch Fleisch zu essen.

Übrigens: Ob das Schaf wirklich ein Hammel oder ein Widder oder ein Muttertier war, kann ich nicht mehr klären. Mir war es damals auch piepegal.

Jedenfalls mag ich diese Tierart seitdem besonders. Nicht nur deshalb, weil ein Exemplar davon in jenen kritischen Tagen uns vor dem allerschlimmsten Hunger bewahrt hat oder weil diese wiederkäuende, vierbeinige Spezies die auf der Erde dominante, zweibeinige Spezies homo sapiens sapiens während ihrer Entwicklung vom Jäger und Sammler zum modernen Menschen treu und hilfreich — obwohl ungerechterweise für besonders blöd angesehen - begleitet hat, sondern auch deshalb, weil bei dem Gedanken an eine saftige Hammelkeule oder zarte Lammkoteletts, dazu als Beilage knackigfrische Prinzessböhnchen, geschmort mit etwas Speck und gehackter, glasig gelassener Zwiebel - dazu ein Glas halbtrockenen Pfälzer Rotwein — mir das Wasser im Mund zusammenläuft.