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Vorwort: Das Wort Tonbandelei werden Sie im Duden vergeblich suchen. Aber finden werden Sie es in Herrn Fritz Schukats Geschichte Tonbandbriefe. Nur so viel sei verraten: Es ist kein Tonbandel-Ei, also ein Ei einer seltenen Vogelart, und dem Magen genauso unbekömmlich wie eine Tontaube.

Tonbandelei mit Schinkenwürfeln

Es war ein herrliches Gefühl von Freiheit damals Ende März 1954, in der Woche zwischen den mündlichen Prüfungen und dem Tag der Ausgabe der Reifezeugnisse mit der großen Schulabschlussfeier. Wir gingen noch zur Schule hin, aber ich weiß nicht mehr recht, was wir dort taten, jedenfalls nicht mehr pauken. Der zum Schluss fast unerträgliche Lerndruck war von uns abgefallen, und wir gaben uns den schönen Seiten des Lebens hin wie zum Beispiel der Besichtigung der heimischen Müser-Brauerei, deren Erzeugnis wir schon oft genossen und brav bezahlt hatten. Nun durften wir zuschauen, wie der Gerstensaft hergestellt wird und als eingeladene Gäste seine Qualität unentgeltlich kosten bis der Notarzt kommt.

Gemäß der Tradition wollten auch wir eine so genannte Abitur- oder Bierzeitung herstellen und sie am Abend auf der Feier vorlesen und verteilen. Darin werden die Lehrer und der Schulbetrieb durch den Kakau gezogen. Unser Klassenkamerad Manfred Zimmer, er war der Längste in der Klasse, deshalb nannten wir ihn Long, konnte herrliche Karikaturen zeichnen. Seine Begabung konnte er später als Architekt gut gebrauchen. Deshalb übertrugen wir ihm die Gestaltung. Am nächsten Morgen überraschte er uns mit der Frage: Wollen wir nicht anstatt einer Zeitung den Inhalt in Form eines Hörspiels auf Tonband aufnehmen und im Festsaal abspielen? Meine Eltern haben ein neues Radio mit angeschlossenem Tonbandgerät und Mikrofon. Wir dürfen es dafür benutzen. Eine Sekunde sahen wir uns alle total verblüfft an. Dann brachen wir in Jubel aus: Das ist es! Das hat noch keine Abiturientia gemacht! Spontan verabredeten wir uns für den Nachmittag in Zimmers Haus. Jeder sollte seinen Text schreiben und mitbringen.

Ich eilte nach Hause und schrieb schon während des Mittagessens. Da wir im Lateinunterricht das Somnium Scipionis (der Traum des Scipio, ein Stück über die Harmonie des Firmaments) gelesen hatten und es mir gut gefiel, erfand ich einen eigenen schönen Traum, in dem einer unserer Lehrer, ein geistiger Schleifer, vor dem jüngsten Gericht steht und das Urteil hört. Er muss eine Ewigkeit nur kegeln und Bier trinken, im Leben zwei seiner Lieblingsbeschäftigungen. Das Ganze titelte ich Somnium Scholaris (der Traum des Schülers).

Longs Vater war Betriebsführer (Sprachgebrauch jener Zeit) auf der Zeche Mansfeld, also aus unserer Warte ein hohes Tier und gesegnet mit allen damaligen Vergünstigungen für höhere Zechenbeamte. Obwohl sie nicht mit Staatsbeamten zu vergleichen waren, wurden sie damals so genannt. Die Zeche stellte ihnen ein Einzelhaus, einen Gärtner usw. zur Verfügung. Wir anderen, Söhne und Töchter niedrigerer Tiere staunten nicht schlecht über die Inneneinrichtung. Sie war großzügig, geschmackvoll und fortschrittlich.

Wir machten uns im Wohnzimmer mit großer Begeisterung ans Werk. Dort stand ein riesiges, brandneues, wattstarkes Radiogerät mit allen neusten, technischen Finessen. Für die vielen Funktionen hatten das Radio und das Tonbandgerät außer großen Drehknöpfen auch viele elfenbeinfarbene Drucktasten, die beim Drücken einen satten Klang machten. Nur ganz wenige konnten sich damals so etwas leisten. Longs Eltern waren außer Haus und störten uns also nicht. Nur der braune Spitz Pfiffi kläffte uns manchmal in die Texte hinein. Aus der Not machten wir einfach eine Tugend und erklärten sein Gebell als das des mythologischen Höllenhundes Zerberus. Jeder trug seinen Teil bei zum Gelingen des Hörspieles. Auch die dazugehörigen Geräusche kriegten wir irgendwie glaubhaft hin. Da am Schluss noch ein Stückchen Tonband frei war, improvisierte ich eine Reportage über ein fiktives Fußballspiel Lehrer gegen Schüler. Sie können sich denken, wer haushoch gewonnen hat.

Herr und Frau Zimmer waren inzwischen nach Hause gekommen. Wir hatten auch das Tonband voll mit unserem Ulk und waren mächtig stolz auf unser Werk. Da geschah die Krönung des Tages. Frau Zimmer servierte uns auf einem Holzbrett Schinkenwürfel mit Steinhäger. Das ist ein herber Edelwacholderschnaps, gebrannt im westfälischen Ort Steinhagen, abgefüllt nicht in Flaschen aus Glas, sondern aus braunem Steinzeug, sog. Kruken — passt exzellent zum Geräucherten. Vor Staunen blieb uns gesellschaftlichen Frischlingen die Spucke weg. Mit der heutigen Zeit verglichen war es ungefähr wie zum Frühstück echter Kaviar satt mit Champagner. Wir fühlten uns wie im Gourmet-Himmel. — Ich glaube, wir hatten es damals auch verdient nach der monatelangen Schinderei während der Vorbereitung und Durchführung der Reifeprüfung. Und mit dem sicheren Instinkt einer Frau hat uns diese Dame durch diesen delikaten Imbiss ihre Reverenz erwiesen — besser als mit den schönsten Worten, wofür wir uns auch artig bedankten.

Das Tonband spielten wir dann einige Abende später auf der Feier per Saallautsprecher ab. Es erregte Staunen und Aufsehen, was wir auch beabsichtigt hatten. Manche Gäste ließen sich nur schwer davon überzeugen, dass es kein Hörspiel des Rundfunks war. — Leider ist das Tonband mit seinem Besitzer verschollen. Wenn er dieses liest, soll er sich bei mir melden.