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Meine erste Zigarette

In Wirklichkeit war es keine ganze Zigarette, sondern nur drei vorsichtige Züge, keine Lungenzüge. Ich zählte erst zehn oder elf Jahre, damals in der Kleinstadt Reetz am Flüsschen Ihna, Kreis Arnswalde, im südlichen Westpommern. Dort lebte ich 1943/44 als kinderlandverschickter Schüler bei Pflegeeltern.

Mein Pflegevater Heinrich Schliep, angesehener Stellmachermeister, absolut unpolitisch, besaß ein ansehnliches Wohnhaus in der Hinterstraße sowie eine geräumige, moderne Werkstatt auf einem großen Grundstück, nach heutiger Erinnerung müssen es einige tausend Quadratmeter gewesen sein.

Seine Frau, eine vor der Roten Armee geflohene Weißrussin, war eine tüchtige, resolute und herzensgute Person. Die beiden hatten, als ich ihnen zugewiesen wurde, eine siebenjährige Tochter, deren Namen ich nicht mehr weiß, und einen fünfzehnjährigen Sohn namens Heini. Sie alle nahmen mich, den Bombenflüchtling aus dem Westen, vorbehaltlos in der Familie auf. Der älteste Sohn, den sie in die Ehe mitgebracht hatte, diente als Soldat in Jugoslawien. Um den hatten alle schreckliche Angst wegen der Überfälle der als besonders grausam berüchtigten Partisanen.

Was veranlasste mich nun in dieser damals behüteten Welt mit dem Laster des Rauchens in Verbindung zu kommen? Vater Schliep hatte sich den Tabakgenuss wegen der Brandgefahr in der Werkstatt erst gar nicht angewöhnt. Selbst wenn er in seinem Bienenhaus arbeitete, umschwärmt von stechlustigen Immen, benutzte er zu ihrer Abwehr keine Tabakspfeife, sondern einen kleinen Handblasebalg, in dem besonders mürbes Holz glimmte, das viel Qualm entwickelte.

Nun, das Laster ereilte mich auf folgende Weise: Auf dem Hof standen außer der Werkstatt und einigen Holzlagerschuppen noch Viehställe für Schweine, Schafe, Kaninchen, und Scharen von Hühnern, Puten, Enten und Gänsen sowie ein windiges Holzhäuschen für die Notdurft der Menschen — kein WC, wie ich es von zu Hause gewohnt war. Alle zusammen, Menschen und Tiere, produzierten viel Mist, der das ganze Jahr auf einem immer höher werdenden Haufen im Hof gesammelt wurde und einigermaßen erträglich vor sich hin stank. Üblicherweise räumte man einmal im Jahr diesen Fäkalienhügel mit Mistgabeln ab und transportierte ihn auf einer Handkarre in vielen Fuhren als wertvollen Dünger in den Garten und grub ihn unter als willkommene Nahrung für das üppige Gemüse.

Eines Tages war es wieder so weit. Mutter Schliep trommelte Heini, mich und den gleichaltrigen Sohn der im Obergeschoss wohnenden Untermieterin zusammen und befahl: Jungens, heute misten wir! Unser einstimmiges: Bäääh! und unsere missmutigen Mienen nahm sie ungerührt zur Kenntnis und verteilte die Mistgabeln. Es ging ans Werk, sie im Kittel und mit Kopftuch vorneweg. Der bestialische Gestank misshandelte unsere Nasenschleimhäute. Bei jedem Gabelstich wurde es schlimmer. Wir schufteten wie die Berserker im Akkord. Logisch, denn je schneller wir arbeiteten, desto schneller wurden wir mit dieser widerlichen Beschäftigung fertig.

Nach ungefähr der 7. oder 8. Fuhre rief unsere Vorarbeiterin energisch: Halt! Wir gehorchten gerne und stellten uns sofort abseits gegen den Wind. Heini, hol mal die Zigarettenpackung und Streichhölzer! befahl sie.

Heini war nämlich für sein Alter ungewöhnlich groß und reif, ein Frauenheld. Er zählte zu den so genannten Stenzen im Ort, stand nach meiner Einschätzung der Swingjugend nahe und hatte sich das Rauchen angewöhnt. Als seine Mutter es entdeckte, machte er sie in seiner charmanten Art zur Komplizin und durfte fortan mit ihrem Segen hinter dem Rücken seines Vaters qualmen. In der Hitlerjugend ließ man ihn unbehelligt, weil er dort allgemein seine Pflichten treu erfüllte und bald zu den Flakhelfern eingezogen werden sollte. Wie er die im Krieg streng rationierten und deshalb sehr wertvollen Tabakwaren auftrieb, hatte er mir nie verraten, obwohl er mir sonst viel von seinen Abenteuern anvertraute.

Heini erschien mit dem Gewünschten - und ich traute meinen Augen nicht. Mutter Schliep selbst klopfte, elegant schnipsend mit dem Fingernagel des rechten Zeigefingers, eine Zigarette aus der Packung, zündete sie an und sog tief ein. Dabei schloss sie genüsslich die Augen und hauchte: Das ist gut gegen den Gestank. Ich hatte diese bieder wirkende Frau in ihrem bäuerlichen Outfit noch nie rauchen gesehen. Jetzt aber, wie sie den Glimmstängel ansteckte, zu den Lippen führte, ihn lässig zwischen zwei Fingern hielt, erschien sie mir so lasziv wie Marlene Dietrich in dem Film Der blaue Engel. Mir wurde klar, das tat sie nicht zum ersten Mal. Damals wurde eine Frau, die rauchte, für unanständig gehalten - zumindest auf dem Lande.

Noch ein Zug und noch ein Zug, dann reichte sie die brennende Zigarette weiter an ihren Sohn und den Untermieterjungen, die wie selbstverständlich den Rauch genossen. Nun war die Reihe an mir. Ich lehnte ab. Los, zieh mal, ist gut, sprach sie aufmunternd und bestimmt.

Nun tobte in meiner Brust ein gewaltiger Kampf. Ich, aufgewachsen in einer gottesfürchtigen, bibeltreuen Familie und Verwandtschaft, wurde so erzogen, dass das Rauchen wie das Alkoholtrinken eine der schlimmen Sünden ist und vor dem Jüngsten Gericht geahndet wird. Außerdem fehlte ganz einfach das Geld für Tabak. Deshalb und weil ich noch sehr jung war, hatte ich es nie probiert. Dass nun aber meine Pflegemutter das Rauchen mir nicht nur anbot, sondern mit ihrer ganzen Autorität verlangte, erschütterte mein bisheriges Moralgefüge.

Schließlich siegte Mutter Schliep, und ich stellte mich fürchterlich ungeschickt an. Zuerst blies ich, anstatt zu ziehen. Beim zweiten Mal klappte es, aber nur paffenderweise. Zum Inhalieren des Rauchs und Ausstoßen durch die Nase, wie ich es bei den anderen bewunderte, besaß ich noch nicht die Fertigkeit. Außerdem hatte ich Angst, dass mir schlecht wird, wie ich es oft von anderen gehört hatte. Ich durfte noch einen kleinen Zug paffen, dann gab ich das sündige Objekt weiter.

Erstaunlicherweise fühlte ich mich danach nicht schuldig, sondern enorm gereift - fast weltmännisch. Gegen alle früheren Warnungen wurde mir nicht schlecht. Der Geschmack war zwar nicht besonders lecker, etwas bitter, aber erträglich. Alles in allem, ich empfand, was ich getan hatte, wie einen gesellschaftlichen Ritterschlag. Ich wusste nun, wie eine Zigarette schmeckt und konnte mitreden. Rauchen galt damals allgemein als ein Zeichen von Männlichkeit. Nikotingelbe Finger adelten ihre Besitzer als Kettenraucher und hoben sie automatisch in einen höheren Rang der Anerkennung. Bei Frauen jedoch, wie gesagt, sah man es nicht gern.

Die gesundheitlichen Gefahren wie zum Beispiel Krebs oder Arteriosklerose waren damals noch gar nicht allgemein bekannt. Außer, dass rauchende Sportler eingestanden, bei körperlichen Dauerleistungen weniger Luft zu haben. Das Wort Passivrauchen gab es noch lange nicht. An ein Gesetz zum Schutz der Nichtraucher, das nun erst einige Monate alt ist, hatte noch keiner gedacht. Allein Eisenbahn und Straßenbahn waren damals ihrer Zeit weit voraus. Dort gab es schon immer — strikt getrennt — Wagen bzw. Abteile für Raucher und Nichtraucher.

Wenn Sie mich fragen würden, wie die Zigarettenmarke damals hieß, müsste ich passen. Ich hatte noch keinen Sinn dafür. Als bekannte Marke fällt mir spontan nur Eckstein ein. Aber vielleicht können Sie sich, lieber Leser, besser an die Zigarettenmarken jener Zeit erinnern.