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Wi-wi-wi

Martina hieß sie, Jahrgang 1936, zog ein in die wissenschaftliche Weltliteratur und wurde dadurch unsterblich. Warum? Weil der berühmte (politisch aber umstrittene) Verhaltensforscher und Mitbegründer der Verhaltenslehre Konrad Lorenz 1949 sein erstes Buch veröffentlichte, das er ihr, der prominentesten Graugans der Welt, sowie ihren namenlosen Schwestern und Brüdern widmete. Darin beschrieb er bekanntlich seine akribischen Beobachtungen über ihre Lebensläufe.

Er dokumentierte auch ein Verhalten, das er Prägung nannte. Diesen Begriff erklärte er so: Wenn Sie eine junge Gans (...) in Obhut des Menschen aus dem Ei schlüpfen lassen, so dass der Mensch das erste Lebewesen ist, das ihm begegnet, dann fixiert die junge Gans in nicht mehr rückgängig zu machender Weise ihre kindliche Anhänglichkeit an den Menschen, dem sie als erstes begegnet ist, und folgt ihm während ihrer ganzen Jugend so getreu nach, wie sie normalerweise den Eltern nachfolgen würde.

Bei der Stoffsammlung für sein Buch hätte er von mir Studienmaterial bekommen können, das schon aus dem Jahr 1942, als ich 9 Jahre alt war, stammt und seine wissenschaftlichen Forschungsergebnisse exakt bestätigt. Doch er, gerade aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen, wusste natürlich nichts von mir, und ich noch nichts von ihm. Erst viele, viele Jahre später, als ich etwas über Konrad Lorenz' Veröffentlichungen gehört oder gelesen hatte, wurde mir bewusst, dass meine Erlebnisse, die ich in der nun folgenden kleinen Geschichte wiedergebe, auf einer allgemein gültigen, biologischen Regel beruhen. Ich hatte sie bis dato als glückliche, einmalige und individuelle Ereignisse wahrgenommen und in schöner Erinnerung behalten.

Aber der Reihe nach:

1940 zogen meine Eltern um in die Everstalstraße 30, wo ein kleines Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde stand. Dort übernahmen sie das Hausmeister- und Küsteramt. Hauptberuflich arbeitete mein Vater als Dreher in einem riesigen Betrieb der Schwerindustrie. Das Gebäude lag am Ende der Straße, eingebettet in einen Park mit mannigfaltigen Bäumen und Büschen sowie einer imposanten, großen und herrlich bunten Wiese mit fettem Gras und blühenden, duftenden Kräutern. Zwischen den Bäumen tobte ich oft mit den Kindern aus der Nachbarschaft, und wir kletterten in die höchsten Wipfel. Unsere Lieblingsspiele hießen Räuber und Schanditz, Indianer sowie Handgranatenangriff. Im letzten Spiel bewarfen wir uns so lange mit ausgerissenen Grasbüscheln, wo noch viel Erde dran war, bis einer Truppe die Munition ausging und überrannt wurde. Als schwerste Mutprobe bot sich ein etwa 30 Meter langes, schlammiges Betonrohr an, das unter unserem Vorgarten lag und bei Starkregen das Wasser aus den umgebenden, abschüssigen Feldern in einen kleinen Bach ableitete. Der Rohrdurchmesser betrug etwa 50 cm. Wer dort hindurch kroch, war in unseren Augen ein echter Held.

Meine Eltern hatten das Haus und die gesamte Anlage zu pflegen und für die verschiedenen Veranstaltungen herzurichten. Dafür durften sie den riesigen Nutzgarten hinter dem Gebäude für den Eigenbedarf bebauen, damals im Krieg wegen der Lebensmittelknappheit sozusagen lebenswichtig. Mein Vater errichtete einen geräumigen Stall aus Holz, und wir hielten viele Kaninchen, Hühner und Enten. Saftiges Grünfutter gab es im Überfluss, so stand die Frage nach weiteren Grasfressern wie Schafen oder Gänsen im Raum. Die Entscheidung fiel auf Gänse. So tauschte im Frühjahr 1942 mein Vater 48 Hühnereier gegen 12 angeblich befruchtete Gänseeier bei einer Geflügelfarm ein und ließ sie dort in der Brutmaschine ausbrüten. Doch das Ergebnis war sehr mager. Nach quälend langen 31 Tagen schlüpften nur 3 kleine Gänschen. Die anderen Eier waren entweder doch nicht befruchtet, oder die Embryos starben ab. Als mein Vater die Winzlinge behutsam in einem mit Stroh ausgefütterten Pappkarton nach Hause brachte, ging ein Gössel unterwegs ein.

Unsere Enttäuschung über das Brutergebnis konnten wir nicht verbergen, aber dennoch freuten wir uns mächtig über die beiden piependen Daunenbällchen, ein weißes und ein scheckiges. Wir konnten uns an ihnen nicht satt sehen. Gänse hatten wir noch nie gehalten. Nun musste als Gluckenersatz ein warmer Ort für sie gefunden werden. Der kalte Stall eignete sich auf keinen Fall dafür.

Zu jener Zeit konnte ich mehrere Wochen die Schule nicht besuchen. Mich hatte eine langwierige Ohrenkrankheit mit Verdacht auf Diphtherie befallen. Sie zwang mich, das Bett zu hüten. Was lag näher, als dass meine Eltern mir den Pappkarton mit den Gösseln unter das warme Oberbett schoben. Ich freute mich über ihre Gesellschaft und ihr zufriedenes Wi-wi-wi.

Am nächsten Morgen war Arbeit angesagt. Ich hatte ihnen essen und trinken beizubringen. Normalerweise besorgt das die Gänsemutter, aber sie hatten ja keine. Da ich im Bett bleiben musste, schob meine Mutter einen Tisch heran, brachte ganz fein geschnittene Grashalme, ein wenig hart gekochtes Ei und etwas Wasser in einer Untertasse. Ich nahm die kleinen, strampelnden Wesen aus dem Karton und setzte sie vor ihre Mahlzeit. Doch von ihnen aus geschah nichts, außer einem leisen, hungrigen Wi-wi-wi, das sie dauernd wiederholten. Das Futter nahmen sie gar nicht wahr, sondern stierten mit leerem Blick umher und traten bei ihren Gehversuchen tollpatschig mit ihren kleinen Paddelfüßchen darauf. Meistens standen sie auf ihren wackeligen Beinchen, wobei sie krampfhaft wippend versuchten, das Gleichgewicht zu halten. Sie erinnerten mich stark an den dummen August im Zirkus. - Wenn das so weitergeht, verhungern und verdursten sie, fürchtete ich.

Da fiel mir ein, wie wir es mit unseren Eintagsküken gemacht hatten, die man auf dem Markt kaufen konnte. Wir pickten mit unserem Zeigefinger auf das Futter direkt vor ihren Augen, wie eine Glucke es mit ihrem Schnabel tut. Die Hühnerküken begriffen es schnell und konnten nach einem Tag selbständig essen und trinken. Nun wandte ich diese Methode bei meinen Gänslein an, aber zunächst ohne Erfolg. Immer und immer wieder versuchte ich es, Stunde um Stunde. - Wie groß war dann die Freude, als gegen Abend das Weiße endlich den ersten Krümel Gras zu sich nahm. Das Schwarzweiße jedoch, das von Anfang an deutlich schwächer war, lernte es nicht und saß zum Schluss nur noch mit hängendem Köpfchen apathisch da. Am nächsten Morgen lag es tot im Karton. Aber das Weiße machte große Fortschritte, und sein Wi-wi-wi wurde von Tag zu Tag lauter und fordernder.

Nach einigen Tagen war es zu groß für den Karton im Bett geworden. Meine Mutter besorgte einen größeren Karton, tat abends das kleine Wesen dort hinein und stellte ihn zur Nacht in die Nähe des warmen Kanonenofens ab. Aber das Gänseküken schrie pausenlos, und ich konnte nicht schlafen. Missmutig stand ich auf, ging zum Karton und brummte: Sei doch still!, oder so ähnlich. Tatsächlich war es sofort still. Ich knipste das Licht aus und ging ins Bett, da fing das Theater wieder an. Schließlich schrie ich: Halt den Schnabel! Das half. - Stille. Aber bald hörte ich wieder das klägliche Wi-wi-wi. Ich rief etwas. Wieder Stille. So ging es mehrmals, bis ich todmüde einschlief.

Diese Prozedur wiederholte sich Abend für Abend. Es war eindeutig. Wenn das Kleine mich nicht hörte oder sah, reckte es sich hoch, lief umher und piepte so lange, bis es mich visuell oder akustisch wahrnahm. Inzwischen machte meine Gesundung Fortschritte. Ich konnte das Bett verlassen und mich auch draußen an der frischen Luft aufhalten. Aber in die Schule durfte ich einige Wochen nicht gehen. Inzwischen wuchs die kleine Gans schnell heran. Sie hatte sich unter großem Geschrei daran gewöhnen müssen, im Stall zu übernachten. Wenn ich dann morgens die Stalltür öffnete, schoss sie zur Begrüßung mit fröhlichem Wi-wi-wi auf mich zu, wobei sie ihren noch kurzen Hals gerade nach vorne streckte und aufgeregt mit ihren noch stummelhaften Flügeln schlug. Dann wich sie den ganzen Tag nicht von meiner Seite und lief mir überall hin nach. Ich durfte sie streicheln und auf den Arm nehmen, was sie keinem anderen Menschen erlaubte.

Es war eindeutig, die Gans war auf mich geprägt. Aber das wusste damals keiner von uns. Konrad Lorenz hatte ja noch lange nicht sein Buch geschrieben. So dachten wir alle, es wäre eine einmalige, rätselhafte Beziehung zwischen dieser Gans und mir. Mein Eltern, meine Verwandten und Bekannten wunderten und amüsierten sich ein bisschen über dieses Verhalten, dieses Auftreten im Doppelpack, und gaben der Gans sogar meinen Namen.

Ich hatte ja viel Zeit, brauchte nicht zur Schule zu gehen und spazierte mit der Gans im Tross durch den Park. Sie tat sich gütlich am frischen Gras. Vor allem fraß sie besonders gerne Löwenzahn und Futterkohl aus dem Garten. Sie war unersättlich. Nicht nur ihr Kropf war immer dick und voll, sondern zu meinem Erstaunen füllte sich auch ihre Speiseröhre im Hals manchmal bis zum Kopf hoch. Dann war ihr Hals doppelt so dick. Entsprechend wuchs sie zusehends heran. Jeden Tag entdeckte ich, wie ihr mehr und mehr weiße Federn wuchsen, die die gelben Daunen verdrängten.

Sehr gerne erinnere ich mich an die seligen Stunden, wenn ich bei Sonnenschein rücklings in der blühenden Wiese lag, mein Gänschen mit prall gefülltem Kropf neben mir ruhte oder auf meine Brust kletterte, wi-wi-wi wisperte, seinen Kopf unter einen Flügel schob und einschlief. Ich verschränkte die Hände hinter meinem Kopf, schaute in den Himmel, beobachte die Wolken oder die Schwärme von flatternden Schmetterlingen, meist Kohlweißlingen, und genoss das Konzert der Vögel und das Gesummse der vielen Bienen und Hummeln, die um mich herum an den Blüten naschten.

Hin und wieder wurde ich jäh daran erinnert, dass wir uns ja im Krieg befanden, nämlich dann, wenn es Fliegeralarm gab, und ich hoch über den Schmetterlingen die verräterischen Kondensstreifen feindlicher Flugzeuge erblickte. Dann wurde es höchste Zeit, sich unter ein schützendes Dach zu verkriechen. Nicht wegen der Bomben, denn zu jener Zeit flogen am helllichten Tag nur Aufklärer. Bomber flogen nachts. Tiefflieger trieben noch nicht ihr Unwesen, sondern wir mussten uns vor dem Splitterregen durch das eigene Flakfeuer (Flak: Abkürzung für Fliegerabwehrkanone) schützen. Je nach Größe konnte ein Granatsplitter lebensgefährlich sein, wenn er Kopf oder Schulter traf. Den scharfen, metallischen Ton Pink, Pink, Pink, mit dem diese zackigen Stahlstücke aus einer Höhe von mehreren Kilometern auf das Straßenpflaster prasselten, werde ich nie vergessen. Ganz in unserer Nähe, am Heimelsberg, befand sich eine komplette Flakstellung mit den gefürchteten 8,8cm-Geschützen, Suchscheinwerfern und 2cm-Vierlingsgeschützen, die Leuchtspurmunition verschossen. Die Soldaten konnten verdammt gut schießen und holten so manchen Tommy herunter. Eines Nachts stürzte ein getroffenes, vollbeladenes Bombenflugzeug nur etwa 500m von unserem Haus entfernt brennend ab, Gott sei Dank auf freies Feld. Die Flieger verbrannten allesamt in dem Inferno.

Mein gefiederter Namensvetter wuchs zu einer stattlichen Gans heran. Über das kükenhafte Wi-wi-wi hinaus bekam sie eine ordentliche, schmetternde Gänsestimme. Außer meiner Familie wurden alle Menschen, die unser Grundstück betraten, mit gestrecktem Hals drohend angezischt. Wenn sich der Vogel dann noch aufrecht stellte, mit seinen mächtigen, weißen Schwingen schlug und aus seinem knallroten Schnabel Töne wie aus einer Trompete stieß, flößte er jedem unweigerlich Respekt ein. Seine Anhänglichkeit mir gegenüber stellte er nie in Frage. Sobald er mich sah, begrüßte er mich freundschaftlich und folgte mir wie immer auf Schritt und Tritt. Nur ins Haus durfte er aus verständlichen Gründen der Reinlichkeit schon lange nicht mehr. Ob er sich Frau Gans oder Herr Ganter nannte, wurde nie geklärt. Ist auch egal.

Ich ging längst wieder in die Schule, und es gab große Ferien. Da ich Untergewicht hatte, schickten mich meine Eltern zur Erholung in ein Kinderheim in Bad Sassendorf. Als ich 4 Wochen später nach Hause kam, vermisste ich die Begrüßung durch meine Gans und fragte nach ihr. Betretene Gesichter um mich herum. Eine schreckliche Ahnung befiel mich. Sie wurde bald zur Gewissheit. Einmal musste es ja sein, sagte mir mein Verstand, es war ja Krieg, aber mein Herz war ganz anderer Meinung. Sie hatten es in meiner Abwesenheit getan, weil sie wussten, dass ich nie meine Einwilligung gegeben und natürlich keinen Bissen angerührt hätte. Ganz im Gegensatz zu Konrad Lorenz, in dessen Institut oftmals Gänsebraten auf der Speisekarte gestanden haben soll.

Und nun eine Schlussbemerkung:
Meine Frau mahnte mich: Diese Überschrift Wi-wi-wi kannst du doch nicht stehen lassen. Das ist keine Sprache.
Doch, antwortete ich, es ist Originalgänsesprache. Drei klare Wörter.
Witzbold! Und was sollen sie bedeuten?
Das kommt ganz auf die Situation an. Je nach Lautstärke, Tempo und Tonlage bedeuten sie etwas anderes.
Glaub' ich nicht. Gib mal 'n Beispiel. Damit wollte sie mir anscheinend eine Falle stellen. Ich tappte aber nicht hinein und deklamierte: Wo bist du?, oder Ich habe Hunger, oder Ich bin müde. usw.
Das ist doch Quatsch!
Kein Quatsch, konterte ich, so ähnlich ist Chinesisch. Ist das etwa keine Sprache? Sie wird von 1,3 Milliarden Menschen gesprochen. Hongkong, Macao und Taiwan nicht mitgerechnet. Und die kommen gut zurecht damit.

Meine Frau war klug genug, hier die Debatte mit einem vielsagenden Blick zu beenden. So blieb die Überschrift stehen. Oder hätte ich besser titeln sollen: Die geprägte Gans oder Der mit der Gans spricht oder Sie wisperte nur einen Sommer? Wi-wi-wi ist doch viel authentischer, finden Sie nicht auch?