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Heimat

Kapitel 1: Definition und Beispiele

Auf unserem Treffen der Erinnerungswerkstatt Norderstedt am 10. März 2009 hatten wir das Thema Heimat ohne Vorbereitung kurz angesprochen. Jeder sagte etwas anderes dazu. Es war alles richtig, aber bei weitem nicht vollständig. Auch viele Fragen wurden gestellt, z. B. was heißt Heimat in anderen Sprachen. Uns dämmerte, dass wir ein riesiges Fass aufgemacht hatten, das uns ohne gute Vorbereitung total überfordert. Unser Moderator schlug dann vor, dieses Thema — vielleicht auch im Zusammenhang mit der zzt. aktuellen, politischen Diskussion über Flucht und Vertreibung — in unseren Geschichten zu behandeln.

Ich machte mich ans Werk und wollte wie üblich mit der Definition des Begriffes anfangen. Doch mir fiel so viel ein, dass ich dafür schon einige Seiten gebraucht hätte und doch nicht sicher war, ob ich alles erfasst hätte. So habe ich Heimat gegoogelt — und war erschlagen von der gigantischen Menge dessen, was andere längst vor mir geschrieben hatten. Ergebnis: Der Begriff enthält inhaltlich wahnsinnig viel und änderte sich im Laufe der Jahrhunderte. Ich kann also nichts mehr dazu beitragen. Besonders gefallen hat mir der Stern-Artikel aus Heft 51/2004, er spricht von einem menschlichen Grundbedürfnis. Da sagte ich mir: Das isses. — Aber was ist das genau?

Mir selbst fiel dazu folgendes ein: Ein Bedürfnis äußert sich durch ein Gefühl. Wenn du Heimat fühlst, ist es aber nicht wie Hunger oder Durst, Hitze oder Kälte oder andere Gefühle infolge körperlicher Bedürfnisse. Es ist anders, viel gewaltiger, etwa so wie Liebe. Ich meine die richtige große Liebe, die dich zum Titanen macht und den Himmel herunter reißen lässt. Die Heimat, ich meine die echte Heimat, spürst du besonders dann, wenn du von ihr getrennt bist. Dann überfällt dich Heimweh, echtes Heimweh. Nicht intellektuelle Betroffenheit — oder als Gruppe tümelnde Feierlichkeit oder nostalgische Rückschau mit schönen Sonntagsreden und Musikkapellen. Sondern ein Gefühl mit Urgewalt. Es wird tief im Bauch geboren, erobert den ganzen Körper, zuletzt den Verstand, auch wenn er sich noch so wehrt. Du fühlst dein Herz herausgerissen und mit Füßen getreten, einmal, zweimal, zigmal. Du hast die Hölle auf Erden. Das ist Heimweh!

Einem Menschen die Heimat, die er wirklich liebt, zu entreißen, ist Raub und Folter zugleich. Er wird, ja er muss, ob er will oder nicht, sich sein Leben lang daran erinnern.

Eine wildfremde Frau brachte mir 1969 diese Erkenntnis unabsichtlich auf den Punkt. Ich fuhr im Außendienst mit der U3 die Strecke Rödingsmarkt, Baumwall, St. Pauli Landungsbrücken, übrigens das Filetstück aller Hamburger U-Bahnlinien wegen des atemberaubenden Hafenblicks. Durch Fahrgeräusche und Stimmengewirr hindurch hörte ich zwei Bankreihen vor mir eine helle Frauenstimme, manchmal unterbrochen von einem herzzerreißenden Schluchzen: Ich hab' so'n Heimweh, so'n schreckliches Heimweh. Wie elektrisiert schaute ich in ihre Richtung und wollte sie sehen. Doch andere Fahrgäste versperrten mir größtenteils die Sicht. Nur ganz kurz konnte ich ihren Anblick erhaschen. Hellblonde, gepflegte Haare, etwa Mitte 30, ausdrucksstarkes Gesicht mit Tränen in den Augen. Sie unterhielt sich mit einer anderen Frau, die augenscheinlich tröstend auf sie einredete. Verstehen konnte ich nur Wortfetzen. So blieb mir unbekannt, wo die Heimat dieser Frau lag. Ein paar Mal noch brachen diese Klageworte aus ihr heraus, dann stieg sie mit ihrer Begleiterin aus.

Am liebsten wäre ich aufgestanden, hätte diese Frau fest umarmt und mitgeschluchzt: Gute Frau, ich versteh dich, du sprichst mir aus dem Herzen, mir geht es genau so wie dir.

Warum? — Mehrere Wochen vorher hatte ich im Alter von 35 Jahren einen radikalen beruflichen und geografischen Wechsel vollzogen. Ich gab nach fast 10 Jahren meine Stellung als Betriebsleiter aller Walzwerke und Adjustagebetriebe bei der Klöckner Werke AG in Hagen-Haspe auf und wurde Berufsbeamter des höheren Dienstes bei der Arbeits- und Sozialbehörde, Amt für Arbeitsschutz in Hamburg. Genauer gesagt, ich wurde wie üblich als Anwärter eingestellt mit der Aussicht, nach mindestens zwei Jahren meine fachliche Befähigung in der Großen Staatsprüfung vor dem Hanseatischen Prüfungsausschuss unter Beweis stellen zu dürfen. Meine Frau und ich hatten vorher alle Konsequenzen, positive und negative, wiederholt durchgesprochen und kamen überein, dass wir den Umzug aus dem Westfalenland an de Woderkant und in die Weltstadt Hamburg ohne ernsthafte Probleme schaffen werden. Sicher war es ein Riesenschritt mit Risiken, aber der Verstand gab grünes Licht. — Leider hatten wir das Gefühl unterschätzt und nicht gefragt.

In den ersten 9 Monaten hatte ich ein möbliertes Zimmer in Hamburg. Meine Frau und mein kleiner Sohn wohnten weiterhin in Hagen, bis ich eine geeignete Wohnung in der Hansestadt gefunden hatte. Wenn ich an den Wochenenden nach Hause reiste, geriet ich spätestens hinter dem Kamener Kreuz in Hochstimmung, ausgelöst durch den unverwechselbaren Geruch der Industrieluft, Heimatluft, die ich mit meinem ersten Atemzug eingesogen hatte, die abwechslungsreiche Landschaft mit Bergen, Tälern und ausgedehnten Wäldern, die Aussicht auf das Zusammensein mit meiner Familie, Eltern, Verwandten, Freunden und Bekannten. Wenn ich den dichten, braunen Rauch meiner Hochöfen und Stahlkonverter sich durch das Tal der Flüsse Ennepe und Volme wälzen sah und die unverwechselbaren Geräusche aus den Fabriken hörte, dann war ich ganz daheim und schwamm im Glück. Radikal umgekehrt war die Stimmung sonntags abends, wenn ich die Fahrt nach Hamburg antreten musste. Meine Frau und ich litten dann entsetzlich. — Ich weiß, lieber Leser, es klingt heute fast unglaublich, aber so habe ich es tatsächlich erlebt. Es gab auch schon die Sorge um saubere Luft, aber andererseits lebte fast die ganze Stadt von der Großindustrie, und sie lebte nicht schlecht. Dafür nahmen die Menschen einiges in Kauf, auch hin und wieder ein Brikett im Auge.

Heute ist meine Gefühlslage natürlich eine ganz andere, nachdem meine Familie und ich in Hamburg und dann in Norderstedt im Laufe von 40 Jahren Wurzeln geschlagen haben. Hier bin ich nun zu Hause. Aber das Ruhrgebiet, wo ich geboren worden bin, wo ich meine ersten bewussten Eindrücke erlebt und woran ich meine ältesten Erinnerungen habe, fühle ich immer noch als meine Heimat, obwohl mich dort kaum noch einer kennt und auch ich dort nur noch wenige Menschen kenne. Es tut aber nicht mehr weh. — Eigentlich bin ich ein Mann mit zwei Heimaten — bin ich nun ein Bigamist auf diesem Gebiet?

Ein anderes Beispiel, wie stark Heimweh sein kann, erlebte ich viel früher schon als zehnjähriges Kind, nämlich kurz vor Weihnachten 1943 während der Kinderlandverschickung in Pommern. Ich war dort bei meinen Pflegeeltern gut aufgenommen worden und fühlte mich relativ wohl. Sie fütterten neben anderem Kleinvieh auch Schweine, die zu Weihnachten geschlachtet werden sollten. Wie alle anderen freute ich mich das ganze Jahr schon auf das Schlachtfest, weil man sich dann einen ganzen Tag lang an Fleisch satt essen konnte. Es herrschte ja Krieg in seiner letzten und totalen Phase. Außerdem nagte ich für mein Leben gern Knochen ab. Zu meiner großen Freude besuchte mich mein Vater, als die Weihnachtsferien begonnen hatten und bot mir an, mich über die Feiertage bis zum Ferienende mit nach Hause, nach Bochum, zu nehmen. Mich würden dort allerdings Schmalhans Küchenmeister, Bombenangriffe am Tage und in der Nacht, Trümmer, Bunkerleben und Verdunkelung statt Kerzenschein erwarten. Ich zögerte keine Sekunde und entschied mich für die Heimfahrt. Es war eine spontane Bauchentscheidung, über die ich selbst überrascht war. Meine Pflegeeltern und ihre Kinder konnten mich auch nicht umstimmen, indem sie mir den Verbleib bei ihnen immer wieder schmackhaft machten mit Hinweis auf das Schlachtfest und die gemütlichen Festtage mit üppigem Essen in friedlicher Atmosphäre, denn dort am Himmel gab es noch keine feindlichen Flieger.

Sicher ist Ihnen aufgefallen, dass auf keiner Landkarte irgendein Gebiet mit Heimat bezeichnet ist. Heimat kann anscheinend die ganze Welt sein. Andererseits kann Heimat überall auf dem Globus liegen. Heimat kann auch nur ein Ort, eine Straße oder ein Gebäude sein, manchmal auch nur liebe Menschen. Was dem einen seine Heimat ist, kann dem anderen egal sein oder missfallen. — Offenbar wird erst dann etwas zur Heimat, wenn der Mensch dort lange gelebt hat. Das stimmt aber nicht immer, denn ich habe z. B. noch keinen Verbrecher, der viele Jahre inhaftiert war, über Heimweh nach dem Gefängnis klagen gehört.

Zum Schluss möchte ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, den Beweis antreten — sofern es überhaupt nötig ist — dass dieses Thema unsere Gesellschaft schon vor langer Zeit umgetrieben hat — und wahrscheinlich auch in Zukunft weiter beschäftigen wird. In der Prima, also in der 8. und 9. Klasse des Gymnasiums, mussten wir im Deutschunterricht so genannte Besinnungsaufsätze schreiben. Der Lehrer stellte 4 Themen zur Auswahl, und jeder von uns hatte innerhalb von 6 Unterrichtsstunden eines davon zu bearbeiten. Wir durften eine leere Kladde zur Stichwortsammlung oder zum Vorschreiben benutzen. Als ich vor kurzem ein altes Schriftstück suchte, fiel mir doch tatsächlich so eine alte Kladde aus der Oberprima in die Hand. Sie hat 56 Jahren und allen meinen Umzügen getrotzt. Unser Deutschlehrer, Studienrat Dr. Jürgensmann, hatte für eine Klassenarbeit am 16.6.1953 u.a. das Thema vorgegeben: Warum ist es für die Ostvertriebenen schwer, bei uns heimisch zu werden?

Was sagen Sie nun?

Das Thema habe ich nicht genommen, es war mir damals zu schwer.

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