© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Der unglaubliche Zimmerbrand

Was soll denn an einem Zimmerbrand so unglaublich sein? werden Sie fragen, liebe Leserin, lieber Leser, und sagen: Die Sache ist doch ganz klar: Da lodert, glimmt oder qualmt ein Schadenfeuer in einem Raum. Es bleibt dort und weitet sich nicht nach außerhalb des Gebäudes aus. Diskutieren könnte man höchstens noch über die Brandursache, die Qualität und die Höhe des Schadens. Basta! Was hat der Zimmerbrand denn noch mit Glauben oder Unglauben zu tun?

Aber genau darum geht es in meiner Geschichte. Es geht nicht um das Wie, sondern um das Ob. Das Paradebeispiel dafür ist die biblische Gestalt des ungläubigen Thomas. Wir kennen ihn alle. Er wollte nur glauben, was er sieht. Aber der Reihe nach:

Es muss 1961 oder Anfang 1962 gewesen sein, ganz genau kann ich es heute nicht mehr einordnen. Als frisch gebackener Diplomingenieur der Eisenhüttenkunde bekleidete ich bei der Klöckner Werke AG, Hütte Haspe, in Hagen-Haspe eine Stelle als Betriebsassistent im Walzwerk. Ich stand damals auf der untersten Sprosse der Karriereleiter für Akademiker, denn über den Betriebsassistenten standen der Tagesassistent, der Betriebsleiter, der Walzwerkschef und der Walzwerksdirektor. Mein Monatsgehalt betrug 900 Deutsche Mark, ein fürstliches Salär in Anbetracht der Schwindsucht in meinem Portemonnaie während meiner Studentenjahre, in denen ich mich mit Ferienjobs finanziell über Wasser halten musste. Ich konnte mir schon einen neuen, weißen VW Käfer, 34 PS, mit ungeteilter Heckscheibe und synchronisiertem Getriebe leisten, allerdings auf Wechsel. Noch nicht leisten konnte ich mir eine moderne Wohnung, brauchte sie auch nicht. Ich war ja noch nicht verheiratet und wohnte als möblierter Herr bei Fräulein Groß in der Heilig-Geist-Straße mit einem wunderschönen Ausblick auf die gegenüberliegende Heilig-Geist-Kirche, das Heilig-Geist-Krankenhaus, alles inmitten eines großzügig angelegten Parks mit reichlich Büschen, Bäumen und Rasenflächen.

Fräulein Groß, 72jährig, sehr belesen, etwas versponnen und unverheiratet, überaus freundlich und gebildet mit ausgezeichneten Manieren, war eine lupenreine Vertreterin der Kategorie Höhere Tochter. Sie konnte Klavier spielen und galant über deutsche Klassiker parlieren. Wenn sie ihren Hofknicks vor Kaiser Wilhelm II. erwähnte, glänzten ihre Augen in nostalgischer Verzückung. Doch die alltäglichen Arbeitsvorgänge im Haushalt gehörten nicht unbedingt zu ihrer Welt.

Sie bewohnte die oberste Etage in der Villa des Bauunternehmers Bergmann. Das äußerlich imposante Gebäude stammte aus der Gründerzeit, besaß viele großzügige Räume mit hohen Decken und reichlich Stuck. Die Bausubstanz atmete das vergangene Jahrhundert (das neunzehnte) und lechzte nach dringender Renovierung. Die fast hundertjährigen Holzvertäfelungen zierte schon ein trauriges Braunschwarz, bei jedem Schritt knarrte und ächzte der altersschwache Holzfußboden und die uralten Treppen vibrierten unter den Füßen. Man nahm es aber sozusagen als akustische Patina hin. Zentralheizung und Aufzug waren in seinem Geburtsjahr noch nicht erfunden. Gusseiserne Zimmeröfen mit verspieltem Design kämpften im Winter verzweifelt gegen die Kälte an, verschlangen zentnerweise Steinkohlenbriketts, die man aus dem Keller in Eimern keuchend nach oben schleppen musste.

Jede Wohnung bestand aus einem langen, düsteren Flur, von dem alle Zimmer abgingen. In der winzigen Küche befand sich die einzige Wasserstelle, die auch der Hygiene zu Diensten sein musste. Ein Badezimmer suchte man vergebens. Doch eine unscheinbare Tür führte diskret in ein WC der ersten Bauart im Versuchsstadium.

Trotz aller Unzulänglichkeiten standen diese Villen bei der Bevölkerung im guten Ruf, sie galten als Prestigebauten, in denen nur bestangesehene Leute wohnten. Zum Beispiel bewohnte die Nachbarvilla unser Walzwerksdirektor.

Fräulein Groß vermietete ausnahmslos an alleinstehende Herren mit gutem Leumund, nach dem sie sich vorher erkundigt hatte. Damenbesuch duldete sie nicht. Die Zugehörigkeit zur Führungsschicht der Hütte, wie das Werk allgemein genannt wurde, war für sie ein Persilschein. Sie redete mich auch immer mit Herr Diplomingenieur an, was mich zuerst etwas peinlich berührte, weil nach dem Krieg in unserem demokratischen Staat die Anrede mit akademischen Titeln, außer Professor und Doktor, unüblich geworden war. Aber sie bestand darauf genauso, wie sie erwartete, mit dem Titel Fräulein angesprochen zu werden.

Eines Nachmittags sollte eine der zahlreichen Fachsitzungen im Verein Deutscher Eisenhüttenleute in Düsseldorf stattfinden. Das angegebene Thema war sehr wichtig für unseren Betrieb, und ich erhielt die Genehmigung zur Teilnahme. Dieser Verein ist eine große Organisation und unterstützt national und international gleichermaßen Forschung, Lehre und Wirtschaft sowie den Austausch der Mitglieder untereinander. Prominente Eisenhüttenleute bilden den Vorstand. Diesem Verein anzugehören ist äußerst förderlich und ebenso eine Frage der Berufsehre. Der Walzenkalibreur unseres Unternehmens, Herr Arens, der auch die Walzendreherei leitete, bat mich, ihn in meinem Auto mitzunehmen. Ich sagte zu und wir verabredeten einen Zeitpunkt, an dem ich ihn von seinem Haus abholen sollte.

Gegen Mittagbeendete ich meinen Dienst, fuhr schnell zu meinem Zimmer, um mich frisch zu machen und umzuziehen. Der andere Untermieter und Fräulein Groß waren gerade nicht zu Hause. Gewöhnlich öffnete sie immer ihre Tür einen winzigen Spalt, wenn sie Schritte hörte, und grüßte freundlich kichernd. Heute blieb ihre Tür geschlossen. In ihr Zimmer hat sie nie einen ihrer Herren hineingelassen. Schnell durchschritt ich den Flur in Richtung Wasserstelle.

Als ich an der Tür meiner Vermieterin vorbeikam, hörte ich ein ungewohntes Knacken. Es war anders als die üblichen Geräusche in dem alten Haus. Ich beachtete es jedoch nicht weiter, weil ich nichts Verdächtiges sah und in Eile war. Im nächsten Moment vernahm ich lautes Prasseln hinter mir. Ich drehte mich um und sah Stücke des Putzes oben von der Wand an Fräulein Groß' Zimmertür zu Boden fallen. Wo der Putz gesessen hatte, strahlte mich hellrote Glut an. Beißender Rauch drang in den Flur. Ich begriff sofort, dass die Brandursache nur der überhitzte Kohleofen der alten Dame sein konnte und ich keine Chance haben würde, etwa mit einem Eimer Wasser löschen zu wollen. Hier musste sofort die Feuerwehr gerufen werden. Leichter gedacht als getan. Ich befand mich als einziger in den oberen Etagen. Telefon gab es dort nicht. Handys waren noch nicht erfunden. Weit und breit kein Feuermelder. Nur der Bauunternehmer im Erdgeschoss besaß in seinem Büro ein Telefon. Zur Mittagszeit war der Raum jedoch verschlossen und niemand anwesend. Ich stürzte ans Flurfenster, riss es auf und sah glücklicherweise im Hof die Haushälterin beim Wäscheabnehmen.

Ich brüllte aus Leibeskräften: Feuer, Feuer!!! Frau …. (ihr Name ist mir entfallen), gehen Sie sofort ans Telefon und rufen sie die Feuerwehr, hier brennt es!!!

Die Frau drehte sich erst einmal seelenruhig um und guckte, woher der Ruf kam. Ich brüllte wieder und wieder denselben Text. Endlich guckte sie nach oben und entdeckte mich. Ihr Gesicht verriet pure Verständnislosigkeit. Langsam begab sie sich ins Haus und — ich wäre bald ausgeflippt — watschelte seelenruhig die Treppe hoch in mein Stockwerk, anstatt ans Telefon zu eilen. Die treue Perle dachte wohl, ich würde sie vernatzen. Als sie aber den Brand selber gesehen hatte, kriegte sie plötzlich Beine und raste in panischem Schrecken nach unten ins Büro, sie hatte Gott sei Dank einen Generalschlüssel.

Nach nur wenigen Minuten polterten handfeste Feuerwehrmänner in voller Schutzkleidung die altersschwachen Treppen hoch, schlugen mit ihren Äxten den restlichen Putz von der Wand, um besser an den Brandherd heranzukommen, brachen Fräulein Groß' Zimmertür auf und griffen das Glutnest von beiden Seiten mit ihren Löschrohren an. Bald hatten sie ganze Arbeit geleistet. Nur noch leichter Rauch kräuselte sich über einigen Mauerbrocken. Der Korridor ähnelte einem Chaos aus Trümmern und Löschwasser. Inzwischen war der völlig verschreckte Hausbesitzer eingetroffen und bekam kurz und knapp die zusammengefasste Bewertung des Brandmeisters zu hören: Ein hölzerner Balken direkt am Kamin, das konnte ja nicht gut gehen. Dabei schüttelte er missbilligend den Kopf über diese Bausünde.

Fräulein Groß kehrte nach Hause zurück und wusste nicht, ob sie wachte oder schlimm träumte. Bisher war sie in ihrem Korridor ein Leben lang nur vornehme Stille und nach Bohnerwachs riechende Sauberkeit gewöhnt. Mit bleichem und verstörtem Gesicht lauschte sie meinem Bericht und brachte kein vernünftiges Wort heraus, nur immer wieder dieselben Laute wie: Ze ze ze oder so ähnlich.

Inzwischen war der Zeitpunkt, an dem ich Herrn Arens abholen sollte, weit überschritten. Von der Sitzung in Düsseldorf durften wir nicht allzu viel versäumen, weil wir am nächsten Tag dem Walzwerksdirektor berichtspflichtig waren. Also riet ich Fräulein Groß, alles Weitere mit dem Hausbesitzer abzusprechen, der ja als Bauunternehmer wüsste, was jetzt zu tun ist. Da mein Zimmer von dem Brand nicht betroffen war, machte ich mich schnell reisefertig und fuhr zu Herrn Arens' Haus. Dieser erwartete mich mit stoisch ernstem Gesicht. Auf meine Worte hin: Tut mir leid, bei mir hat es gebrannt, erwiderte er trocken: Das ist ja eine ganz neue Ausrede. Er hatte wohl in seinen 58 Jahren schon zu viele faule Ausreden und Lügen gehört und allgemein keine gute Meinung von jungen Kerlen, zumal Assistenten. Jedenfalls nahm er mir an diesem Tag und in der folgenden Zeit den Zimmerbrand nicht ab, und das kränkte mich.

So begegnete ich an jenem verhängnisvollen Tag gleich zwei Exemplaren der Kategorie ungläubiger Thomas, von denen nur das erste Exemplar von der Wahrheit zu überzeugen war und auch nur durch einen unmittelbaren Beweis.

Ca. 2 Jahre später, auf einer betrieblichen Feier, schnitt ich das Thema Zimmerbrand noch mal mit Herrn Arens an, weil mir sein übertriebenes Misstrauen von damals keine Ruhe ließ. Da erst schenkte er mir Glauben, weil ich inzwischen zum Betriebsleiter ernannt worden war und nun auf einer Hierarchiestufe mit ihm stand. Er gehörte anscheinend zu der Sorte Menschen, die meinen, jemand sei umso glaubwürdiger, je höher sein Amt ist, dass er bekleidet. In Wirklichkeit versteht er es bei Bedarf nur kunstfertiger, die Wahrheit zu verbergen. — Stimmt's?