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Der verratene Mantel
oder
Ach, du arme Seele

Zwischen meiner Frau und mir gibt es ein kritisches Dauerthema, es ist mein alter Pullover. Er wärmt mich schon viele Jahre, er ist abgetragen, verwaschen und hat Löcher. Seine Farbe war einmal ein tiefes Braun, jetzt ist er schmutzig-grau. Ich liebe ihn. Meine Frau liebt ihn nicht, darum will sie ihn herzlos zum Abfall geben. Er ist ein Werkzeug, das mich wärmt, aber er ist mehr.

Diese Sätze schrieb der bekannte Philosoph, ehemalige Benediktinermönch und Theologe Prof. Fulbert Steffensky, Ehemann der verstorbenen feministischen Theologin und Mystikerin Dorothee Sölle in seinem neuen Buch Heimathöhle Religion Untertitel Ein Gastrecht für widersprüchliche Gedanken

Mit lieben meinte er hier selbstverständlich nicht die erotische Bedeutung des heute so inflationär, gedankenlos und missbräuchlich verwendeten Begriffes Liebe, sondern eine freundschaftliche Beziehung.
Wie der Kampf gegen seine Frau um den Pullover ausgegangen ist, schreibt Steffensky nicht. Wahrscheinlich hat Dorothee Sölles Tod ein Machtwort gesprochen und nachhaltig Frieden gestiftet.

Steffensky führt dann in seiner ungemein lebendigen Sprache aus, wie in diesem Pullover ein Stück seines Lebens hineinverwoben ist, dass wir die Dinge nicht mehr ehren, mit denen wir umgehen, wir uns selbst dadurch entheimaten. Dass auch zur Freiheit gehört, dem Markt der Möglichkeiten nicht zu verfallen. Seine vielen tiefgründigen Gedanken, die ich hier unmöglich zitieren kann, enden mit den Worten Unsere Freundschaft haben auch die Dinge verdient, die uns lange begleiten. Ein bisschen Seele haben auch sie.

Nanu, dachte ich mir, was ist denn das? Dinge sollen eine Seele haben, wenn auch nur ein bisschen. Ist das nun eine philosophisch-theologische Kernaussage oder sentimentaler, literarischer Füllstoff?
Auch verwendet er das Allerweltswort Seele, wo doch niemand wirklich weiß, was, wie und wo die Seele ist. Setze ich die Suchmaschinen des Internets ein, schwallt mir eine Kakophonie widersprüchlichster Deutungen, die Menschen über Jahrtausende erdacht haben, entgegen. Sollten wir deshalb dieses Wort nicht ehrlicherweise aus dem geisteswissenschaftlichen und medizinischen Wortschatz streichen? Die einzigen Menschen, die ingenieurwissenschaftlich exakt eine Seele beschreiben können, sind Arbeiter, Seeleute und andere handwerklich tätige Menschen. Für sie ist die Seele die Mittelfaser in einem Seil, um die sich die anderen Fasern winden. – Es gibt aber auch seelenlose Seile.

Leider hat Steffensky sich davor gedrückt wie so viele seiner Zunft, uns seine Definition der Seele mitzuteilen.
Aber seine Einlassungen haben mich so fasziniert, dass ich mich nun traue, meine tragische Freundschaft mit meinem alten Mantel zu erzählen, selbstverständlich ohne mich literarisch auf dieselbe Stufe dieses weltbekannten Gelehrten stellen zu wollen. Denn irgendwie kann ich sein Gefühl nachvollziehen.

Meine Geschichte hat eine kleine Vorgeschichte.
Eines Tages im Jahr 1951, ich war gerade 18 Jahre alt geworden, schneite mal wieder der joviale Herr X, wie üblich ein- oder zweimal im Jahr, bei uns herein. Er war ein fahrender Oberbekleidungshändler. Diese inzwischen ausgestorbene Berufsgruppe gab es damals noch. Sein Auto war auch sein Warenlager. Er kannte seine Kunden genau und auch deren ungefähren Bedürfnisse und finanziellen Möglichkeiten. In ihre Wohnungen brachte er dann die Kleidungsstücke mit, die sie benötigten und sich leisten konnten. Mit seiner Freundlichkeit und großem Verkaufsgeschick brachte er vieles an den Mann oder die Frau.
Er hatte auch genau beobachtet, dass mein jüngerer Stiefbruder Kurt (17) und ich keine Mäntel besaßen. So schleppte er zwei dicke, lange Wintermäntel heran. Wir jungen Burschen waren in der Kriegs- und Nachkriegszeit herangewachsen, als äußerste Mangelwirtschaft herrschte und an Mäntel für Heranwachsende nicht zu denken war. Im Stile von aus Alt mach Neu liefen wir meistens in Kleidungsstücken herum, die aus abgetragenen Jacken oder Mänteln von Erwachsenen zusammengeschnitten und zusammengenäht wurden, aus denen wir nach etwa zwei Jahren wieder herausgewachsen waren.

Kurt und ich hatten aufgrund unseres Bewegungsdranges auch kein Bedürfnis nach Mänteln und in unserer jugendlichen Weltanschauung galten diese wärmenden Kleidungsstücke als unsportlich und waren nur etwas für Weicheier. Dieses neue Wort kannten wir damals noch nicht und sagten Memmen oder Muttersöhnchen zu solchen Typen.

Unsere Eltern waren da ganz anderer Ansicht. Wir mussten die Mäntel anziehen und probieren, sie passten perfekt, wie angegossen. Wir zierten uns in diesen – nach unserer Meinung spießigen – Kleidungsstücken und protestierten. Aber es half nichts. Kurt erhielt einen grauen Einreiher für 180 DM und ich einen Zweireiher mit Schulterklappen, hoch angesetzten Revers, breitem Kragen, großen, aufgesetzten Taschen und einem Gürtel mit breiter Schnalle für 200 DM. Der Stoff besaß eine Art Fischgrätmuster in sehr angenehmen Farben. Die genannten Accessoires am Mantel verhalfen dem Träger zu einem sportlich eleganten Eindruck, doch dafür war ich noch blind. Meine Mutter zwang mich auch noch, dazu einen hellen Hut und einen Schal zu tragen. Alles (er)trug ich widerwillig, und zwar nur an Sonn- und Feiertagen oder sonstigen feierlichen Anlässen.

Doch eines Tages äußerte unser Deutschlehrer auf einer Schulfeier: Was sieht der Günter schick aus. Ich traute erst meinen Ohren nicht, zumal ich auch noch den ungeliebten Hut auf hatte. Einige Jungen guckten neidisch wegen dieses Lobs und die Mädchen wohlwollend. Ich empfand diese Worte wie einen Ritterschlag für mein Outfit und fortan trug ich meinen Mantel gerne, mit Stolz und auch zum Tanzvergnügen. Meiner Mutter und meinem Stiefvater war ich dankbar, dass sie sich gegen uns junge Burschen durchgesetzt hatten, zumal 380 DM eine relativ große Summe bedeutete – gut zwei Jahre nach der Währungsreform.

Der bewusste Mantel wurde also geschont und für Alltags bekam ich die zu jener Zeit moderne Schüleroberbekleidung, die heute keiner mehr anguckt: einen Lodenmantel und eine Baskenmütze. Dieses trug ich auch während der gesamten Studentenzeit. Meinen schneidigen Mantel zog ich nur sonntags an.

Dann kam der unvergessliche Tag, an dem mir mein Mantel auf fast magische Weise zum Freund und Retter wurde.
Im ersten Semester meines Studiums 1954/55 wohnte ich wegen Budenknappheit in Höngen, einem kleinen Ort, gut zehn Kilometer nordöstlich von der Universitätsstadt Aachen entfernt. Er war für mich nur mit der Eisenbahn zu erreichen. Aber der letzte Zug spät abends fuhr leider nur bis eine Station vor Höngen. Ein Auto besaß ich natürlich noch nicht.

Es war ein Sonntagabend und ich besuchte eine späte Veranstaltung in Aachen in meinem schönen Mantel und musste den letzten Zug nehmen, was ich sonst immer vermied. Aber an diesem Abend glaubte ich, die restlichen Kilometer ohne Probleme laufen zu können. Doch ich hatte die Rechnung ohne den Wettergott gemacht. In jener kalten Winternacht zog während der Eisenbahnfahrt ein gewaltiger Schneesturm auf. An der Endstation hatte ich den Eindruck, in einem Blizzard zu stecken, von dem ich in den spannenden Abenteuergeschichten von Jack London gelesen hatte. Vor mir lag kilometerweit freies Feld bis Höngen. Übernachten ihm kalten, schmuddeligen Wartesaal ging nicht, weil der kleine Bahnhof von eins bis vier Uhr geräumt und abgeschlossen wurde. So musste ich hinaus marschieren in das heulende Unwetter und erlebte eine Nacht, die sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt hat.

Der eisige Sturm türmte im Nu hohe Schneewehen auf und biss sich in meinem Gesicht fest. Der hochgeschlagene Mantelkragen und die breiten Revers schützten meinen Hals- und Brustbereich einigermaßen gegen eindringende Schneeflocken und nadelspitze Eiskristalle. Die Landstraße und andere Konturen, an denen ich mich hätte orientieren können, waren nicht mehr zu erkennen. Wie blind stapfte ich mühsam durch die weiße Finsternis und wusste nicht mehr, ob überhaupt die Richtung stimmte. Irgendwann stolperte ich gegen eine morsche Holzwand. Sie gehörte zu einem offenen Unterstand für das Weidevieh. Erschöpft lehnte ich mich daran an. In ihrem Windschatten war ich nicht mehr direkt dem Schneesturm ausgesetzt. Aber die Kälte kroch mir in die Knochen und ohne den dicken Mantel wäre ich erfroren, hatte ich das Gefühl. Übernachten konnte ich dort nicht, also musste ich mich weiterbewegen. Nach Stunden, als der Sturm etwas nachgelassen hatte, fand ich meine Behausung doch noch und musste meine Wirtsleute aus dem Schlaf klingeln. Wie eine Eissäule stand ich da und meine erstarrten Finger konnten mit dem Haustürschlüssel nichts mehr anfangen. Hätte ich es ohne meinen Hut und ohne meinen langen, dicken Wintermantel mit dem großen Kragen geschafft? Ich bezweifele es. Seitdem war mir der Mantel zum echten Freund geworden.

Als ich dann nach einigen Jahren heiratete, sah meine Frau es ganz anders. Mein Mantel war in die Jahre gekommen, sein Stoff war zwar noch immer ansehnlich, aber sein Schnitt inzwischen angeblich unmodern. Da sie ein sehr tüchtiger und ordentlicher Mensch ist, hat sie meine alten Sachen aus der Junggesellenzeit ausgemistet. Ich bin ja eher für das Bewahren, aber ich ließ es um des lieben Friedens willen geschehen. Nur über meinen Freund, den Mantel, hielt ich meine schützende Hand. Meine bessere Hälfte führte sehr logische und vernünftige Argumente ins Feld wie zum Beispiel: Ist doch nur ein Stück Stoff, oder wir haben nicht so viel Platz im Schrank und so weiter, aber dennoch wollte ich meinen Freund nicht im Stich lassen. Im Laufe der Jahre musste ich immer wieder ihre Sturmläufe gegen diese Freundschaft abwehren. Unsere Bekannten und Verwandten hatten den Dauerkonflikt inzwischen mitgekriegt, stichelten und frotzelten amüsiert. – Irgendwann hatten die Angreifer Erfolg, ich resignierte und mein Mantel verschwand. Ich fühlte mich fast wie ein Verräter, denn der Mantel war wie ein Stück von mir. Er hatte, wie F. Steffensky es so schön ausgedrückt hat, ein bisschen Seele angenommen. Mir bleibt nur die Hoffnung, dass meinem Freund die Schmach erspart geblieben ist, als öliger Putzlappen sein verdienstvolles Leben in irgendeinem schäbigen Abfalleimer zu beenden. Das hätte er nicht verdient! Meinen sie nicht auch, liebe Leserin, lieber Leser?