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Der Fall der Berliner Mauer 1989

Ein wunderschöner Herbsttag hatte mich noch einmal in das schöne Münstertal gelockt, wohl zum letzten Mal, denn in 6 Tagen ging meine Kur in Badenweiler zu Ende. Der Wetterbericht im Radio, von dem ich vor einer halben Stunde noch etwas mitbekommen hatte, sprach zwar vom ersten ausgiebigen Schneefall im Schwarzwald in der letzten Nacht, aber hier im Tal war davon noch nichts zu sehen. Ich wurde aber eines besseren belehrt, als ich den Weg an einem Berghang einige hundert Meter hinauffuhr: Plötzlich war alles um mich herum weiß, und hart gefrorener Schnee und Eisglätte ließen eine Weiterfahrt trotz Winterreifen nicht als sinnvoll erscheinen. Also umkehren. Außerdem war es hier oben schon recht kalt. Unten im Tal versprach ein freundlicher Gasthof Zum Hirschen Aussicht auf eine heiße Tasse Kaffee. Der Innenraum war hell erleuchtet, man wartete also schon auf Gäste. Wollte nur noch schnell mal im Autoradio die 10:00 Uhr - Nachrichten und vor allem den Straßenzustands-Bericht hören.

Und was hörte ich? Die Mauer in Berlin sei gefallen! Am Abend vorher schon. Wie folgenreich diese Mitteilung war, habe ich anfangs kaum wahrgenommen, dachte nur an einen Panzer, der vielleicht dagegen gefahren war. Die weitere Nachricht ließ mich jedoch aufhorchen: Die Grenzübergänge in Berlin sind jetzt alle offen und können ab sofort und ohne besondere Genehmigung passiert werden.  Mit zitternder Hand bediente ich den Sender-Suchknopf, um die Meldung auch von anderer Seite bestätigt zu bekommen. Aber überall das gleiche, es war also keine Fehlmeldung. Einen Fernseher müsste man jetzt haben. Der nächste, für mich zugängliche Apparat stand in unserer Klinik Fürstenhof in Badenweiler. Die Fahrt dorthin hätte mir wegen mehrmaliger Geschwindigkeitsüberschreitung bestimmt eine ansehnliche Geldstrafe und einige Punkte in Flensburg eingebracht. Aber es ging alles gut.

Der Fernsehraum in der Klinik war übervoll und meine Frage, was denn nun genau passiert sei, wurde nur mit einem eindringlich mahnenden Pschschscht! abgeurteilt. Auf dem Bildschirm sah man Leute in vollbesetzten Trabbis, die sich durch begeisterte Menschenmassen zwängten. Andere kamen zu Fuß durch die Maueröffnung. Man lag sich in den Armen, war offensichtlich vor Freude außer sich. Allmählich begriff ich, welch ein historisches Ereignis sich vor meinen Augen abspielte, denn immer wieder wurde die inzwischen allseits bekannte Pressekonferenz mit der maßgebenden Äußerung eines Herrn Scharbowski eingespielt. Und die Deutung des Begriffes unverzüglich machte die Runde. Ungefähr eine Stunde hatten wir die Bilder in ihrer ganzen Faszination verfolgt, bis jemand das Licht im Raum einschaltete.

Es wurde ruhiger unter den Zuschauern, jeder war in sich selbst gekehrt und versuchte, das Erlebte zu verarbeiten. Viele hatten Tränen in den Augen, andere weinten.
So habe ich – wenn auch mit Verspätung – die Öffnung der Mauer erlebt.

Vier Tage später, also am 14. 11. trat ich die Heimreise an, mit dem Auto von Badenweiler aus in Richtung Norden. Und, siehe da, die Grenzöffnung hatte sich auch auf den Autobahnverkehr ausgewirkt, denn alle Augenblicke traf man einen in gleicher Richtung tuckernden Trabbi oder einen Wartburg, beide schon von Weitem an der markanten weißen Rauchfahne am Auspuff zu erkennen! Meistens waren die Fahrzeuge voll besetzt mit neugierig aus den Seitenfenstern blickenden Reisenden, die jedes kurze Winken des überholenden Fahrers enthusiastisch erwiderten. Viele werden damals sicher zum ersten Mal das gelobte Land Westdeutschland erlebt haben. Oder man hatte den seit nunmehr über 40 Jahren überfälligen Besuch eines westdeutschen Verwandten endlich verwirklichen können. Ich wurde nachdenklich, und die in den meisten Trabbis gezeigte Fröhlichkeit wollte sich bei mir einfach nicht einstellen.

Im Raum Kassel/Göttingen brachte mein Magen sich in Erinnerung und ließ mich den Rasthof Göttingen-Ost ansteuern. Auf dem Parkplatz war normaler Wochentagsbetrieb, gleiches galt für die Restauration im Haus. Ich nahm am Fenster Platz und hatte gute Übersicht über das Kommen und Gehen. Auf dem Parkplatz reihte sich ein Trabbi ein und drei Personen stiegen aus: offensichtlich ein Vater mit seinen zwei Kindern, eine Tochter, vielleicht 9 – 10 Jahre alt, und ein paar Jahre jüngerer Sohn.

Der bedienende Kellner musste die neuen Gäste auch schon registriert haben, als sie noch draußen waren, denn er empfing sie am Eingang zum Restaurant. Man unterhielt sich leise, ich konnte den Kellner aber verstehen: Sind Sie von drüben? Ja. Dann habe ich was für Sie. Würden Sie bitte in dem Nebenraum Platz nehmen? 

Dieser Raum war von meinem Platz aus zwar durch zwei Fensterwände hindurch einzusehen, ich kann aber meine Neugierde bei solchen Gelegenheiten gut im Zaum halten. Es blieb mir jedoch nicht verborgen, dass die Gäste von drüben mit einer dezenten Freundlichkeit und wahrscheinlich kostenfrei bedient wurden. Wir führen momentan eine Begrüßungsaktion durch erklärte mir der Kellner, als ich ihm meine Genugtuung darüber zu verstehen gab.

Der Junge hatte sich inzwischen  schon mal umgesehen in dem Lokal, wobei ihn eine große Schau-Vitrine mit unzähligen Dingen, die Kinder nun mal gern haben, faszinierte. Plastik-Spielzeug in allen Farben, kuschelige Plüschtiere, im Aussehen dem Original verblüffend ähnlich usw. In hiesigen Kinderzimmern nennt man sie schon mal Bodendecker, die abends öfters für Verstimmung sorgen, wenn das Wegräumen angesagt ist. Nicht so bei dem Jungen vor der Schauvitrine: seine bewundernden Augen machten deutlich, dass diese schönen Dinge sein Zimmer bislang noch nicht erobert hatten.

Inzwischen hatte ich die Mahlzeit beendet, den Kellner entlohnt und war schon auf dem Weg zum Auto. Ein kurzer Blick in den besagten Nebenraum bestätigte, dass die Begrüßung der kleinen Gruppe durch das Restaurant sehr großzügig ausgefallen war. Der Mann hatte das Besteck bereits beiseite gelegt, die Kinder löffelten noch mit Hingabe an dem anscheinend wohlschmeckenden Begrüßungs-Eis. Begrüßung, das war das Wort, was mir in dem Moment wieder einfiel und mich innehalten ließ: ich wollte auch begrüßen und machte auf der Stelle kehrt, ging in den Nebenraum: Sind das Ihre Kinder? JaDarf ich denen ein kleines Geschenk machen? Kurzes Kopfnicken. Hier, für dich und deinen Bruder. Vielleicht wollt ihr eurem Vater ja auch etwas davon abgeben. Das Mädchen schaute mit großen Augen auf den Geldschein, und das leise Danke schön war bestimmt ehrlich und kam vom Herzen.

Für mich wurde es Zeit, den Rasthof zu verlassen, denn ich verspürte feuchte Augen und den Kloß im Hals, der jedes weitere Wort vereitelt hätte.

Auf der Weiterfahrt überfielen mich Gedanken, die die Weltordnung, wenn es die denn gibt, ins Wanken bringen würden. Da durften Menschen teilweise das erste Mal in ihrem Leben unser Land besuchen. Unser Land, das doch auch ihr Land war, denn es nennt sich Deutschland und sollte somit doch für alle Deutschen zugänglich sein. Sie fuhren in ihren Trabbis, auf die sie jahrelang gewartet hatten. Wir überholten sie in unseren Wohlstandskutschen und ließen uns nur blöde Witze einfallen, wenn wir es ihnen mal wieder gezeigt hatten, was bei uns Geschwindigkeiten sind. Sie fuhren in die Freiheit, die sie sich schon lange gewünscht hatten, aber auch in eine neue Zeit, die sie nicht kannten.

Gewiss, sie würden Mitmenschen begegnen, die es gut und ehrlich mit ihnen meinen, die ihnen zur Seite stehen, wenn es z. B. um geschäftliche Dinge geht. Sie würden aber auch die Ellbogengesellschaft kennen lernen, die sich ihre Unkenntnis rabiat und rücksichtslos zunutze machen würde. Und schließlich: Warum mussten Erwachsene und vor allem Kinder teilweise Jahrzehnte lang auf attraktive Dinge  verzichten, nur weil sie damals, als unser Land aufgeteilt wurde, im falschen Teil dieses Landes wohnten und den sie ihre Heimat nannten.

– Richtige Männer weinen nicht, sagt man. Warum eigentlich nicht? Ich habe geweint auf der Weiterfahrt.