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Sorglose Kindheit in den Vorkriegsjahren

Wir schreiben das Jahr 1935 mit Blick auf die Weihnachtszeit. In der Nacht weckt meine Mutter meinen Vater und sagt: Ferdinand, es ist so weit!. Mein Vater im Schlaf gestört: Das kann nicht sein. Der Arzt hat gesagt, dass das Kind erst in 14 Tagen kommt. Dreht sich um und schläft weiter.

Nach einer Stunde: Ferdinand, wach auf, ich habe schon die Wehen! Widerwillig steht mein Vater auf, geht in die Küche und setzt einen Kessel Wasser auf. Unrasiert kann der Herr auch des Nachts nicht das Haus verlassen. Meine Mutter stöhnt. Dann ruft mein Vater über das Fräulein vom Amt eine Taxe. Wir hatten schon Telefon in der Alten Jakobstraße 8 in Berlin SW 29.

Im Eiltempo geht es gegen zwei Uhr morgens am 24. Dezember in die Frauenklinik der Charité in der Ziegelstraße in Kreuzberg. Um 6 Uhr erblickte ich das Licht der Welt. Kommentar meines Vaters: Und was mache ich jetzt mit Vera — meine fünf Jahre ältere Schwester — ohne dich zum Weihnachtsfest? Mein Eintritt in diese Welt, nicht gerade positiv begleitet. Zuvor gab es noch ein Gerangel um den Vornamen. Meine Mutter wollte den Eberhard und mein Vater fand den kürzeren Heinz besser. Einigung, der Doppelname Heinz-Eberhard.

Das Haus in der Alten Jakobstraße gehörte meinen Eltern. Straßenfront etwa 40 m mit Seitenflügeln und einem schmalen Innenhof. Den Abschluss bildete das vermietete Fabrikgebäude. Wir wohnten in der ersten Etage im Vorderhaus, hatten schon eine Innentoilette in der ehemaligen Speisekammer und einen Dienstbotenaufgang zum Hof.

Die Jahre vergingen schnell, doch einige Erlebnisse sind im Buch der Erinnerung erhalten geblieben.

Mein Vater, Ingenieur von Beruf und im Lokomotivbau bei der Firma Schwarzkopf beschäftigt, nahm sich viel Zeit an den Wochenenden für seine Kinder. Während Mutter und Oma sich um die Wirtschaft und das Essen kümmerten, zogen wir, mein Vater, meine Schwester und ich, los in Richtung Unter den Linden, bis zum Ehrenmal. Dort erlebten wir immer das gleiche beeindruckende Zeremoniell der Wachablösung mit militärischen Ehren. Viele Menschen blieben stehen und folgten den Kommandos und dem Stechschritt.

Danach ging es ins Zeughaus, wo uns zunächst das Pferd Friedrich des Großen begrüßte. Nachgestellte Schlachten in Sandkästen riesigen Ausmaßes und die erbeuteten Kanonen im Innenhof haben sich für immer eingeprägt wie auch der lange Nachhause-Weg zu Fuß. Nie wurden öffentliche Verkehrsmittel benutzt. Vater schimpfte manchmal, wenn ich mich ziehen ließ. Dabei berücksichtigte er nicht, dass ich erst fünf, meine lebhafte Schwester schon zehn Jahre alt war.

Auf dem Heimweg wurde nicht selten noch EinkriegezeckMit Fangen oder Nachlauf, landschaftlich geprägt auch Barlaufen, Abklatschen, Ticken, Packen, Hasche, Abschlagen, Klatschen, Fangemanndel, Fangis, Fangi, Fängi, Fango, Fangsdi, Fangus, Fangsdl, Fangerles, Fängerles, Fangerlos, Greifen, Wupp, Einkriegezeck, Zeck und Kriegen, bezeichnet man ein simples Geländespiel, bei dem ein Fänger andere Mitspieler durch eine Berührung fassen muss. Zur Verdeutlichung wird dabei oft gerufen: Du bist! oder Ich hab dich!. Infolgedessen wechseln Teilnehmer die Seiten, so wird der Fänger zum Gejagten und umgekehrt.
Quelle: Wikipedia.de
gespielt. Einmal stieß meine ungestüme Schwester mit einer Laterne zusammen und entschuldigte sich, weil sie glaubte, einen Passanten angerempelt zu haben. Bei dieser Gaudi war selbst ich wieder hellwach!

War das Wetter schlecht, ging es zum Kaufhaus Tietz in der Leipziger Straße. Vor allem die Spielwarenabteilung hatte es uns angetan. Nicht aber der Kauf von Puppen war das Ziel, sondern der Erwerb von Lineolsoldaten, von Geschützen und Munition oder auch von Teilen für die Eisenbahn.
Zu Hause angekommen, war das Sofa das gemeinsame Ziel. Links meine Schwester, rechts ich, lagen wir in den Armen unseres Vaters und schliefen bald ein.

War das Wetter sehr schlecht, Zoo und Wannsee nicht das Ziel, wurde zu Hause gespielt. So durften und konnten wir mit dem Holländer, einem Kinderfahrzeug mit Tretantrieb, um den großen Tisch des Wohnzimmers kurven. Nicht selten wurden auf dem Tisch zwei Fronten aufgebaut und wechselseitig mit den Kanonen geschossen, bis das Zimmer blau vom Dunst der Knallplätzchen war und meine Mutter unwirsch reagierte.

Wurde mit der Eisenbahn gespielt, lagen die Schienen sowohl auf dem Tisch als auch auf dem Boden. Ich kleiner Tölpel, der gerade mit der Nasenspitze über den Tisch reichte, trat dann hin und wieder auf die Schienen am Boden. Dafür gab es einen Katzenkopf und das Geheul meiner Schwester wegen meiner Dummheit.

Zur Nachrichtenzeit mussten wir ins Bett. Meine Schwester schlief bei meiner Oma in dem dortigen Doppelbett und ich im Schlafzimmer meiner Eltern in einem Bett mit Gitter. Mein Beschützer und Gefährte war ein großer Teddy. Dies war auch nötig. Denn kaum war es dunkel und ruhig, ertönte nicht selten ein leises Surren. Einmal streckte ich meine Hand durch das Gitter aus dem Bettchen, als diese angefasst wurde. Ich schrie auf und rief nach meiner Mutter. Als diese endlich kam und fragte, was eigentlich los sei, glaubte sie meinen Worten nicht. Hier ist außer dir niemand im Zimmer, sagte sie. Ich solle schlafen und nicht träumen. Ich legte den Teddy an die Gitterseite meines Bettes und schlief dann tatsächlich ein.

Erst Jahrzehnte später gestand meine Schwester, dass sie sich in der Dunkelheit tatsächlich in mein Schlafzimmer geschlichen und es sich im Kleiderschrank meiner Eltern gemütlich gemacht hatte. Dort hatte mein Vater eine Flasche mit selbstgemachtem Eierlikör für besondere Fälle deponiert, der auch ihr schmeckte. Meine Hand hatte sie zum Anfassen inspiriert. Als meine Mutter im Zimmer erschien, saß sie schon längst wieder im Kleiderschrank.

Eines Tages, unsere Eltern waren außer Haus und Vera und ich blieben allein mit der Oma, da ließen wir uns etwas einfallen zum Zeitvertreib. Vom Wohnzimmer führte ein schmaler Gang, links das Badezimmer, rechts die Mädchenkammer für das einstige Gesinde, direkt in die Küche. Im Gang selbst konnte man über eine Leiter zum sogenannten Hängeboden aufsteigen. Also kletterte Vera nach oben, um zu sehen, was es da Interessantes gab, und wurde auch schnell fündig. Mein Vater, akkurat wie er war, hatte alle Ausgaben der Berliner Zeitung nach Jahrgängen sortiert gestapelt aufbewahrt. Also knüllte Vera die Zeitungen zusammen und warf sie nach unten und ich warf sie wieder zurück. Schneeballschlacht mit oder aus Papier. Als Oma, durch den Lärm angelockt, feststellen musste, was passiert war, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen. Wenn das euer Vater erfährt, jammerte sie. Flugs wurde aufgeräumt und das Papier beseitigt. Außerdem wurde Stillschweigen vereinbart. Mein Vater erfuhr erst nach dem Krieg und dem Verlust des Hauses von dieser Misere.

Es ist das Jahr 1942. Eingeschult in der Volksschule in der Alten Jakobstraße — praktisch auf der anderen Straßenseite — also gegenüber. Die Schultüte war fast so groß wie ich. Nach dem ersten Schultag begann der Ernst des Lebens. Mein Vater wurde eingezogen, allerdings aufgrund seines Alters im Zivildienst im Reichsluftfahrtministerium.

In den großen Ferien besuchten wir unsere Verwandten in Schlatzmann bei Glogau in Schlesien. Wie bei jedem guten Berliner kamen die Vorfahren aus Schlesien. In diesem Falle mütterlicherseits.
Wegen der zeitversetzten Ferien musste ich in dem Dorf zur Schule gehen. Auf dem Weg begleiteten uns oft Gänse, die sich wohl mehr für den Städter interessierten. Ein Ganter schnappte nach meiner Hand und zischte. Ängstlich wollte ich fort, doch das Vieh folgte sehr schnell. Da half mir ein Bauernsohn. Du musst ihn am Hals hinter dem Kopf packen, einmal um dich herum schleudern und dann loslassen. Gesagt, getan. Es klappte. Das Tier ließ mich fortan in Ruhe.

Neu war für mich die Erfahrung, dass vier Klassen in einem Raum gleichzeitig unterrichtet wurden. Auf diesem Gut — mein Onkel war dort Bürgermeister — musste ich noch viele Erfahrungen machen, wie meine Schwester auch. So durfte sie auf dem Hof reiten, rund um den Misthaufen. Ein Pole, auf dem Gut beschäftigt, zwickte das Pferd, so dass es einen Sprung machte und meine Schwester auf dem Misthaufen landete.

Ich selbst hatte mit einem Puter (Truthahn) Probleme, der mir überall auflauerte. Sobald ich das Haus verließ, stellte er sich vor mich hin, kollerte und ließ mich weder rechts noch links vorbei. Ich wollte aber in das Häuschen mit Herz. Einer der Gefangenen, ein Franzose namens Louis, der am Tage auf dem Hof arbeitete, scheuchte das Tier mit der Harke davon. Kaum hatte ich das Häuschen mit Herz verlassen, stand das Aas wieder vor mir und ließ mich nicht entrinnen. Diesmal war Louis nicht in der Nähe, und rufen half auch nichts. Also nahm ich mir die nasse Klobürste und schlug auf das liebe Tier ein, das mit dieser Abwehr nicht gerechnet hatte. Fortan respektierten wir uns.

Louis sollte später der Vater meines Cousins zweiten Grades werden. Er hatte sich in meine Cousine Hildegard verguckt. Das war seinerseits strengstens verboten — ein Gefangener und eine Deutsche! Deshalb musste meine Cousine nach Berlin zur Entbindung gehen und das Kind zur Adoption freigeben. Erst nach dem Kriege hatten die Nachforschungen Erfolg. Louis war nach Frankreich gegangen und hatte dort geheiratet. Nach seinem Tod fanden die Söhne in der Hinterlassenschaft Hinweise zu seiner Beziehung mit der Hildegard. Auch die Nachforschung nach ihrem Sohn Peter
hatte Erfolg. Dieser sieht übrigens seinem französischen Vater sehr ähnlich. Heute sind beide Familien aus Deutschland und Frankreich freundschaftlich verbunden.

So etwa endete die sorglose Zeit meiner Kindheit. Der Krieg kam immer näher.