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Affenbrot

In den 1950er Jahren wohnten wir im Norden Hamburgs, in einer neu errichteten Siedlung.
Wie es in Neubaugebieten auch heute noch üblich ist, wurde zuerst Wohnraum geschaffen, die notwendige Infrastruktur erst Jahre später. Die nächste Schule war zum Beispiel sechs Kilometer entfernt, einen Bäcker oder Krämer gab es auch nicht in der Nähe.

Diese Versorgungslücke war aber für den örtlichen Handel die Chance zum Geldverdienen. Ein Lebensmittelhändler, der einen halben Kilometer von der Siedlung entfernt einen kleinen Lagerraum hatte, kam regelmäßig mit seinem zweirädrigen Handwagen und verkauft hier die dringend benötigten Grundnahrungsmittel. So ein Gefährt wurde als Schottsche KarreKarrendienst als Strafvollzug7. September 1609
Ein Karrendienst für inhaftierte Frevler ist gleichzeitig Müllabfuhr und Strafvollzug. Die Übeltäter werden morgens zu zweit oder zu dritt vor eine große, zweirädrige Karre gespannt. Auf ihrer Brust tragen sie an einem krummen Eisen so viele Glöckchen wie sie noch an Jahren zu karren haben. Auf das Klingeln hin bringen die Hausmädchen den Unrat vor die Tür. 1620 macht das Zuchthaus die Schott'sche Karre – nach dem ersten Delinquenten, Michael Schotte – entbehrlich.Quelle: Das alte Hamburg Insel-Verlag Leipzig, 1936
[1] bezeichnet, hatte eine eineinhalb Quadratmeter große Ladefläche, eine Achse mit metergroßen, eisenbereiften Holzspeichenrädern und cirka zwanzig Zentimeter hohen Bordwänden. Die Karre wurde an zwei Holmen geschoben oder gezogen, wobei ein breites Band, quer über die Brust gelegt und mit der Karre verbunden, das Ziehen sehr erleichterte. Zwei hohe Eisenbügel dienten zum Abstellen der Karre. Über die Waren war eine Plane gezogen, die vor Nässe und Staub schützte.

Die Straße, in der wir wohnten, war nur notdürftig befestigt. Man hatte den schwarzen Humus mit einem Bagger ausgehoben und in die entstandene Vertiefung den Trümmerschutt aus der Innenstadt geschüttet. Ich erinnere mich an eine schnaufende Dampfwalze, die den Schutt verfestigte und dabei schwarze Wolken aus ihrem Schornstein ausstieß. Für uns Kinder eine Attraktion!

Der Regen wusch im Laufe der Zeit den Schutt so aus, dass die zerbrochenen roten Ziegelsteine kreuz und quer aus der Oberfläche schauten, weil die feinen Bestandteile des Schutts in die Hohlräume zwischen den groben Steinen gespült wurden.

Wenn der Kaufmann Heise mit seiner Karre kam, hörte man das Rumpeln der eisenbereiften Räder schon von weitem. Er stellte die Karre ab und läutete mit einer Handglocke, um auf sich aufmerksam zu machen.

Die Plane hatte er zurückgeschlagen und seine Waage mit den Gewichten, sowie seine Geldkassette aufgestellt. Mehl, Zucker und Salz wurden mit einer kleinen Schaufel aus dem Vorratsbehälter in Papiertüten gefüllt und abgewogen. Es gab die alltäglich benötigten Lebensmittel und die im Haushalt ständig benötigten Sachen, mehr passte auch nicht auf die Karre.

Ist der Handel noch so klein, er bringt doch mehr als Arbeit ein, sagte meine Großmutter immer, die bei uns im Haus lebte. So kam der Kaufmann Heise irgendwann einmal mit einem Kraftfahrzeug, der Transport mit der Schottschen Karre war wohl auch zu beschwerlich geworden. Ich erinnere mich aber nicht mehr an das Fahrzeugmodell, mit dem er von nun an regelmäßig kam.
Später schloss sich Kaufmann Heise der Edeka-Gruppe an und baute das kleine Lager zu einem Lebensmittelladen aus. Von da an kam er nicht mehr mit dem Lieferwagen in unsere Straße.

Dass man hier in der Siedlung Geld verdienen konnte, muss sich wohl herumgesprochen haben. Irgendwann einmal kam einer, der mit seiner lauten Stimme auf sich aufmerksam machte. Laut rief er: LUMPEN – FLASCHEN – EISEN – und PAPIER, dazu schlug er mit einer kurzen Stange an ein Eisenteil, das hinten an seinem Lieferwagen angebunden war. Der Lieferwagen hatte drei Räder, eine geschlossene Fahrerkabine und einen Aufbau über der Ladefläche mit Plane und Spriegelgestell. Das Auto rumpelte durch die Straße eben gerade so schnell, dass wir Kinder noch nebenher laufen konnten. Der Mann mit seinem Lieferwagen war die Sensation. Mehr Autos gab es zu dieser Zeit nicht, und auch auf den Kilometer entfernten Hauptstraßen war nur sehr wenig Verkehr.

Alles, was an Papier, alten Kleidungstücken, Altmetall und Glas nicht mehr zu gebrauchen war, wurde von nun an gesammelt, denn der LumpensammlerAlso, den Text hab ich so in Erinnerung:
Lumpen, Knochen, Eisen und Papier – ausgeschlagene Zähne sammeln wir – Lumpen, Knochen, Eisen und Papier, – ja das sammeln wir!
Und das natürlich auf einer bekannten Melodie! Ich versuch es morgen mal mit heiserer Stimme zu singen!Gruß F. Schukat
[2] kam regelmäßig alle paar Monate und zahlte für das Gesammelte. Auch er hatte eine Waage an Bord, mit der er die Sachen abwog, er zahlte nach Gewicht. Als Bezahlung gab es entweder ein paar Pfennige, Luftballons aus einer Tüte, die nicht sehr appetitlich aussah, Wundertüten oder aus einem schmierigen Sack — Affenbrot.

So sagten wir Kinder jedenfalls zu diesen brettharten, braunen, etwa zwanzig Zentimeter langen Früchten des Johannisbrotbaums.

Das Affenbrot schmeckte angenehm süß und hatte harte Kerne. Da es furchtbar hart war, konnte man den ganzen Tag darauf herumkauen und hatte so einen langen Genuss. Die Wundertüten waren regelmäßig enttäuschend und die Luftballons gingen viel zu schnell kaputt. Das JohannisbrotDer Johannisbrotbaum (Ceratonia siliqua), auch Karubenbaum oder Karobbaum genannt, ist eine Pflanzenart aus der Unterfamilie der Johannisbrotgewächse (Caesalpinioideae) innerhalb der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae). Diese Art kommt im Mittelmeerraum und Vorderasien vor.
Es werden erst grünliche und später schokoladenbraune, 10 bis 25 cm lange, gerade oder gebogene, glänzende Hülsenfrüchte mit wulstigem Rand und ledriger Schale gebildet. Sie sind 10 bis 30 cm lang, 1,5 bis 3,5 cm breit und etwa 1 cm dick. Sie werden nach knapp einem Jahr reif und können über Monate am Baum hängen bleiben. Das Fruchtfleisch, das so genannte Carob, ist anfangs weich und aromatisch-süß, wird später hart und ist dann lange haltbar.Quelle: Wikipedia, die freie Enzyclopädie
[3] war das einzig Wahre, und wir ganz verrückt danach.

Es machte mir noch nicht einmal etwas aus, dass er die Schoten mit seinen dreckigen Händen aus einem unappetitlich aussehenden Jutesack nahm, um sie mir zu geben. Allerdings nur, wenn ich eine bestimmte Menge der von ihm begehrten Rohstoffe als Gegenleistung abgeliefert hatte. So wurde eifrig gesammelt, meine Eltern verzichteten auf die paar Pfennige, die als Bezahlung zu erzielen waren zu meinen Gunsten. Die neue Vorliebe für die exotische Frucht war ihnen nicht entgangen.

Jedes Mal, wenn der Lumpensammler mit seinem dreirädrigen Gefährt in unsere Straße kam, wurde er schon sehnsüchtig erwartet. Ich lief neben dem Auto her, das über dem Vorderrad einen kleinen Auspuff hatte, aus dem es stank und qualmte. Lustig fand ich, dass vorn an der Kühlerhaube Tempo stand, dabei war der Lieferwagen nur so schnell, wie ich laufen konnte.
Hatte ich einmal wieder eine Ladung Altpapier, Eisen oder Flaschen, vermied ich es nach Möglichkeit, von Angesicht zu Angesicht mit dem Mann über die Menge Affenbrot zu verhandeln, die mir meiner Meinung nach zustand. Er benutze nämlich ein merkwürdiges Mundwasser, dass aufdringlich roch und das er immer dabei hatte. Meine Eltern sprachen von seiner Fahne, was ich nicht verstand. Hatte er zu viel von seinem Mundwasser benutzt, war er auch sehr schwer zu verstehen, wenn er sprach. Ich konnte beobachten, dass er dann auch mit dem Gehen so seine Probleme hatte. In diesem Zustand konnte ich aber sehr gewinnbringend mit ihm verhandeln, meistens gab er dann noch eine Wundertüte oder einen Luftballon zu der begehrten Schote als Draufgabe, weil ich so fleißig gesammelt hatte.

Wenn er dann abfuhr, vergaß er regelmäßig am Ende der Straße, vor der Kurve vom Gas zu gehen. Es schepperte gewaltig, denn nur zwei der drei Räder hatten noch Straßenkontakt. Das hintere, kurveninnere stand hoch in der Luft und das Gefährt lag auf der Seite.
Die verrutschte Ladung wurde nun von dem Torkelnden unter Flüchen entladen, das Dreirad wieder auf die Räder gestellt und erneut beladen. Ob er heil zu Hause angekommen ist?


[1] 7. September 1609 Ein Karrendienst für inhaftierte Frevler ist gleichzeitig Müllabfuhr und Strafvollzug. Die Übeltäter werden morgens zu zweit oder zu dritt vor eine große, zweirädrige Karre gespannt. Auf ihrer Brust tragen sie an einem krummen Eisen so viele Glöckchen wie sie noch an Jahren zu karren haben. Auf das Klingeln hin bringen die Hausmädchen den Unrat vor die Tür.
1620 macht das Zuchthaus die Schott'sche Karre – nach dem ersten Delinquenten, Michael Schotte – entbehrlich.

[2] Also, den Text hab ich so in Erinnerung:
Lumpen, Knochen, Eisen und Papier
ausgeschlagene Zähne sammeln wir -
Lumpen, Knochen, Eisen und Papier,
ja das sammeln wir!
Und das natürlich auf einer bekannten Melodie!
Ich versuch es morgen mal mit heiserer Stimme zu singen!
Gruß F. Schukat

[3] Der Johannisbrotbaum (Ceratonia siliqua), auch Karubenbaum oder Karobbaum genannt, ist eine Pflanzenart aus der Unterfamilie der Johannisbrotgewächse (Caesalpinioideae) innerhalb der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae). Diese Art kommt im Mittelmeerraum und Vorderasien vor.
Es werden erst grünliche und später schokoladenbraune, 10 bis 25 cm lange, gerade oder gebogene, glänzende Hülsenfrüchte mit wulstigem Rand und ledriger Schale gebildet. Sie sind 10 bis 30 cm lang, 1,5 bis 3,5 cm breit und etwa 1 cm dick. Sie werden nach knapp einem Jahr reif und können über Monate am Baum hängen bleiben. Das Fruchtfleisch, das so genannte Carob, ist anfangs weich und aromatisch-süß, wird später hart und ist dann lange haltbar.

Quelle: Wikipedia, die freie Enzyclopädie