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Peter

Jetzt, in der dunklen Jahreszeit habe ich endlich einmal die Muße, Papiere zu sichten und zu ordnen und die alten geerbten Fotoalben zu sichten. In Hochglanz präsentieren sich die Aufnahmen, sorgsam mit Fotoecken in das Album geklebt. Der Einzug in das neue Haus und der karge Garten, der erst einer werden soll, wurden damals mit der Einheitskamera Agfa-Box von Agfa-Gevaert im Format 6x9 cm auf Rollfilm gebannt.

Während ich blättere, denke ich daran, wie es hier rund um das Haus einmal ausgesehen hat. Dann stoße ich auf ein Foto von Peter, der sich bei meiner Schwester auf dem Arm scheinbar wohl fühlt.

1950 vergrößerte sich die Familie um ein weiteres Mitglied – Peter. Er hatte vier Pfoten und ein rot-weißes Fell, strich uns schnurrend um die Beine und schleckte die Milch aus einer kleinen Schüssel. Wenn er seinen Schwanz kerzengerade in die Höhe streckte, sah er wie ein kleiner Leuchtturm aus.

Nein - ich weiß nicht, wie er zu uns kam, soweit reichen meine Erinnerungen nicht zurück. Doch er wuchs mit uns auf und gehörte einfach dazu. Ohne ihn, das konnten wir Kinder uns gar nicht vorstellen.

So, wie wir größer und älter wurden, wuchs auch unser Stubentiger zu einem stattlichen Kater heran. Peter war verspielt, wie alle kleinen Katzenkinder und das Wollknäuel meiner strickenden Großmutter hatte es ihm besonders angetan. Wenn meine Oma, die bei uns im Hause wohnte, für den Winter Socken strickte, bewegte sich das Knäuel in der Schale, die auf dem Boden stand. Es war lustig anzusehen, wie sich der kleine Kater anschlich, um mit einem plötzlichen Satz die Kugelwolle zu erlegen.

Als Peter größer wurde, hörte seine Verspieltheit nach und nach auf, sein Interesse verlagerte sich vom Wollknäuel auf vierbeinige Nager, die es im ganzen Garten zu erlegen gab. Auch blieb er jetzt in der Nacht draußen und schlief nicht mehr in der Küche in seinem Körbchen. Am Morgen beglückte er aber die Familie mit den sorgfältig aufgereihten Mäusen, die er in der Nacht erwischt hatte. Dafür hatte er sich natürlich eine extra Belohnung verdient, und ich durfte sie für ihn beschaffen.

Das Haus stand dicht an der Stadtgrenze Hamburgs, die nächsten Einkaufsmöglichkeiten befanden sich im Nachbardorf Glashütte, heute zu Norderstedt gehörend und auch auf dem Hamburger Gebiet gab es spezielle Einkaufmöglichkeiten.

Der Schlachter, auf Hamburger Gebiet, hatte sein Geschäft nur wenige hundert Meter von zu Haus entfernt. Er führte in seinem Sortiment auch Lungenhaschee, ein besonderer Leckerbissen für unseren Peter. Das hellrote Fleisch wurde in mundgerechte Häppchen geschnitten und unserem Hausgenossen in der Küche serviert. Dieser strich mit hoch aufgerichtetem Schwanz – Leuchtturm – erst um die Beine seiner Menschen, dann machte er sich aber über seine Leckerbissen her.

Die Mäuse legte er zwar regelmäßig auf die Eingangstufen, verspeisen mochte Peter sie jedoch nicht, so lange es Besseres gab.
Einmal habe ich ihn beobachtet, wie er die arme Maus immer wieder mit der Pfote angeschubste, um sie zum Weglaufen zu bewegen. Das Nagetier war aber schon halbtot und bewegte sich nur noch mäßig. Bevor Peter aber endgültig die Lust an der Maus verlor, warf er sie noch ein paar Mal hoch in die Luft und ließ sie auf die Gehwegplatten knallen, bis sie sich nicht mehr bewegte.

Peter war für uns Mäusejäger und Hofhund zugleich. Wenn er auch nicht bellen konnte, so vertrieb er doch alle Vierbeiner, die seinem Revier zu nahe kamen. Vor Hunden hatte er dabei keinen Respekt.

Am späten Nachmittag verschwand der Kater zu einer bestimmten Zeit, und kehrte mit meinem Vater zurück, als er Dienstschluss hatte.
War Peter morgens mit zum Bus gegangen, holte er meinen Vater abends auch wieder dort ab. Sein Zeitgefühl war meistens so gut, dass sie zu zweit nach Hause zurückkehrten.

Kurz hinter der Stadtgrenze, in Glashütte, wurde eines Tages ein großes Gebäude errichtet. Die Nachbarn erzählten, dass jemand im Lotto einen Berg Geld gewonnen hatte und sich nun seinen Lebenstraum verwirklichte. Das Dorf bekam ein Kino, das unter dem Namen Camera, - mit C - eröffnet wurde.

Ein Fernsehgerät besaßen wir nicht, das Kino war eine echte kulturelle Bereicherung. Ich durfte mit meinen Eltern in die Spätnachmittagsvorstellung und sah Wem die Stunde schlägt von Ernest Hemingway, in der Starbesetzung mit Ingrid Bergman, Gary Cooper und Akim Tamiroff.

Als wir uns am späten Nachmittag auf den Weg machten, war die gesamte Familie unterwegs – auch Peter. Der ging den dunklen Grenzweg bis zur Hauptstraße mit, maunzte ein paar Mal und verschwand im Gebüsch.

Nach der Kinovorstellung erwartete er uns fast an der gleichen Stelle, an der wir uns verabschiedet hatten und ging mit uns nach Haus.

Ein anderes Mal gab es den Film Duell im Atlantik, den sich vor allem mein Vater ansehen wollte. Im Krieg war er als U-Boot-Fahrer zur See gefahren, das Thema des Films war ihm aus eigener Anschauung wohl bekannt. Zwei Stunden - mit Pause - zeigten uns der U-Boot-Kommandant Curd Jürgens und der Befehlshaber des Zerstörers, Robert Mitchum die Schrecken des Seekrieges. Dann folgte der Abspann und das Licht ging wieder an. Auf dem Nachhauseweg folgte uns der treue Kater, er hatte mal wieder auf uns gewartet.

Irgendwann meldete der Kinobesitzer Insolvenz an und das Kino wurde verkauft. Zu unserem Leidwesen baute der neue Besitzer den schönen Saal um, das Schild mit der Aufschrift Camera verschwand zu Gunsten einer Neon-Leuchtschrift. Ab sofort stand dort Bolle zu lesen, und die Lebensmittelhändler ächzten wegen der neuen, starken Konkurrenz.

Unser Peter war nicht mehr so agil wie früher, er folgte nicht mehr, wenn wir ausgingen, blieb lieber auf dem Sofa liegen. Eines Tages fanden wir ihn dort, ganz kalt und steif.

Aber er ist immer noch hier — hinten, in einer Ecke des Gartens…