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Bergsteigen in den Ostalpen

Oktober 1988, der Herbst hatte noch ein paar schöne Tage bereit. Als Mitglied des Deutschen Alpenvereins, Sektion Hamburg hatte ich hier Freunde, die wie ich Freude am Klettern im Fels hatten. Das ganze Jahr trafen wir uns an den Wochenenden immer wieder in den Klettergärten der deutschen Mittelgebirge und stiegen zusammen durch die vielen möglichen Routen im steilen Fels. Der Umgang mit den Sicherungsmitteln, den SeilenKletterseilKletterseile oder Bergseile sind Seile, die als Hilfsmittel beim Klettern, der Sicherung der Kletternden und im Alpinen Klettern auch der Fortbewegung dienen (beispielsweise beim Abseilen).
Moderne Kletterseile bestehen aus dem Kunststoff Polyamid und weisen meist eine Kernmantelkonstruktion auf: Ein Kern aus verflochtenen Fasern wird von einem Mantel umgeben, der ihn vor Beschädigung schützt. Der Kern trägt die Hauptlast. Kletterseile werden nach ihrer Gebrauchsdehnung unterschieden in dynamische Seile (Dehnung um acht Prozent), und halbstatische Seile (Dehnung zwischen zwei und fünf Prozent). Die Mindestfestigkeitswerte der heute in Deutschland erhältlichen Kletterseile sind nach Festlegungen der UIAA genormt. Nach den Seilnormen werden Einfachseile, Halbseile und Zwillingsseile unterschieden.
, KlemmkeilenKlemmkeileDer Klemmkeil gehört zu den Klemmgeräten und ist ein technisches Hilfsmittel für Bergsteiger, um beim Klettern eine mobile Sicherung als Fixpunkt (Zwischensicherung oder zur Verwendung beim Standplatz) einzurichten. Hierzu wird der Keil in einen KlemmkeilFelsspalt gelegt oder geklemmt. Dann kann ein Karabiner, durch den das Bergseil geführt ist, in den im Fels fixierten Keil eingehängt werden.
Der Klemmkeil erfüllt also eine ähnliche Aufgabe wie der Felshaken. Er übt aber - im Gegensatz zum Haken - nur im Falle eines Sturzes Druck auf den umgebenden Felsen aus. Er wird meist auch wieder aus seiner Verankerung, dem Felsriss, herausgenommen. Daher kann er während einer Klettertour erneut verwendet werden.
, Karabinern KarabinerDie zum Klettern verwendeten Karabiner werden aus Gewichtsgründen fast ausschließlich aus Aluminium gefertigt. ExpresskarabinerKletterkarabiner, die in der Europäischen Union in den Handel kommen sollen, müssen nach CE und EN hergestellt und zertifiziert werden, die besagt, dass der Karabiner im geschlossenen Zustand mindestens 20 kN in Längsrichtung halten muss. Zusätzlich sind auch die Bruchlastwerte in Querrichtung sowie bei offenem Schnapper anzugeben, die etwa ein Drittel bis die Hälfte der Bruchlast in geschlossenem Zustand betragen. Geschlossene Klettersteigkarabiner müssen Bruchlastwerte von 26 kN erreichen, da diese beim Sturz größeren Belastungen ausgesetzt sind. Neben der EN-Norm existiert noch die UIAA-Norm, die wesentlich strengere Maßstäbe an die Haltbarkeit anlegt.
KarabinerhakenDer Karabinerhaken findet sich bis heute an Kleidungsstücken, Rucksäcken, Taschen, Spanngurten und anderswo. Dort dient er unter anderem der Befestigung von Schlüsseln, Kameragurten und ähnlichen Kleingegenständen.
war durch ständiges Üben Routine geworden.

In diesem Jahr hatte ich meinen Jahresurlaub mit Rosa in der Schweiz verbracht. In den Walliser Alpen, im Reich der schneebedeckten Viertausender, waren wir bei vielen kombinierten Bergfahrten erfolgreich gewesen. Ein besonders Highlight war die Besteigung des RimpfischhornsRipfischhorn
Rimpfischhorn, gesehen vom Allalinhorn (Bildquelle: Wikipedia)
, eine Eis- und Klettertour mit grandiosen Tiefblicken aus 4199m Höhe. Bis Ende August haben wir auf etlichen Viertausendern der Schweiz gestanden.

Kondition und Höhenanpassung waren im Oktober noch gut, so beschlossen Detlef, Rosa und ich eine Durchsteigung der Watzmann-Ostwand. Eine der großen Alpenwände mit zweitausend Höhenmetern vom Einstieg bis zur Südspitze, ein Mythos, Schauplatz großer Erfolge und tragischer Unfälle. So eine Wand gibt es in den Ostalpen kein zweites Mal. Sie erfordert zwar keine extreme Kletterei, doch sie verlangt den ganzen Bergsteiger.

Mehrere mehr oder weniger anspruchsvolle Routen ziehen durch die Wand, der Kederbacher, der Salzburger, der Münchner, der Frankfurter, der Berchtesgadener Weg, der Franz Rasp Gedächtnisweg und der Polenweg. Alle Wege folgen den natürlichen Gegebenheiten der Wand, ziehen entlang der Felsbänder empor und treffen sich an einem markanten Punkt, dem massigen Pfeiler.

Zu Hause gab es einige Vorbereitung auf die letzte große Bergfahrt dieses Jahres. Der kleine Ostwand-Führer, geschrieben von Franz Rasp, wurde eifrig studiert. Die Einzelheiten des Berchtesgadener Weges prägten wir uns gut ein. Franz Rasp hatte die Wand 294 Mal erfolgreich durchstiegen und als Kenner der Wand einen hervorragenden Führer geschrieben. Bei seiner 295sten Durchsteigung stürzte er mit einem weiteren Bergsteiger tödlich ab. Wir hatten uns für den leichtesten Weg entschieden, wobei der Begriff leicht relativ ist. Auch dieser Weg bietet extrem ausgesetzte Kletterstellen im dritten Schwierigkeitsgrad. Die Wegfindung ist schwierig, weil man von den Dimensionen der Wand regelrecht erschlagen wird. Weite Strecken sind aus Zeitgründen frei und ungesichert zu klettern und die Führe muss man auch erst einmal finden!

Am Freitag habe ich mir den letzten Tag Urlaub genommen, den ich für dieses Vorhaben aufgespart hatte. Mit Rucksack, Bergstiefeln, Kniebundhose, Steinschlaghelm, Seil und Kletterzeug erregte ich Aufsehen, als ich in die U-Bahn stieg. Meine Kletterpartner traf ich in der Innenstadt, dort stiegen wir in Detlefs Auto um. Er fuhr die Strecke nach Berchtesgaden mit dem eigenen Fahrzeug, weil er mit seiner Frau noch ein paar Tage Urlaub am Watzmann machen wollte.

Abends nahmen wir das letzte Schiff von Berchtesgaden über den Königssee nach St. Bartholomä und quartierten uns im Ostwand-Lager ein. Diese Hütte wird von der Sektion Berchtesgaden des Alpenvereins betreut, hat 40 Matratzenlager und ist von Mai bis Oktober offen. Eine Übernachtungsmöglichkeit besteht nur für Ostwand-Begeher. Als wir den Schlüssel im Gasthaus abholten, wurden wir von den Wirtsleuten vor den Gefahren der Wand gewarnt. Schlechtes Wetter war für die nächsten Tage vorhergesagt. Wir waren unserer Sache aber völlig sicher, hatten alle möglichen Auskünfte eingeholt, unter anderem hatten wir den Leiter der Berchtesgadener Bergschule, Heinz Zembsch, nach dem Zustand der Wand befragt. Leichter Schnee bereits im oberen Wandteil, aber sonst gute Verhältnisse, lautete die Antwort, und auch das Wetter sollte den nächsten Tag noch halten. - Also nicht bange machen lassen.

Der Tag nahm Abschied, als wir noch ein wenig am Ufer des Königssees schlenderten. Über den See kamen noch einige Schiffe mit festlich gekleideten Leuten – in der Kapelle fand ein abendliches Konzert statt und wir durften an dem kulturellen Genuss teilhaben. Nach einem Schlummerschluck wickelten wir uns in die Wolldecken und schliefen fest.

Als der Wecker gegen fünf Uhr morgens klingelte, packten wir unsere Sachen und machten uns nach dem Frühstück fertig zum Gehen. Die Verpflegung für den Tag bestand aus Müsliriegeln und eineinhalb Liter Wasser. An einer markanten Stelle im unteren Bereich der Wand, dem nassen Dreieck, sollte es lt. Führer immer Wasser geben. Detlef wollte deshalb aus Gewichtsgründen kein Wasser mitnehmen, ich war dafür, Rosa schloss einen Kompromiss und füllte ihre Wasserflasche nur halb.

Kurz vor Sechs gingen wir den zunächst breiten Wanderweg in Richtung Eiskapelle. Es war noch halb dunkel und wegen des herbstlichen Nebels kaum 50 Meter weit zu sehen.

Wir verließen nun den Wanderweg und stiegen durch das Schuttkar gegen die Wand. Schrofenlandschaft, Gras wuchs zwischen den Felsen, nass und schlüpfrig – hier musste man gut aufpassen, um nicht abzustürzen. Der Weg wurde immer steiler und war bereits mit einigen kürzeren Kletterstellen gespickt, als wir am Nassen Dreieck, der Wasserfallwand ankamen. Hier immer Wasser stand im Ostwand-Führer von Franz Rasp, heute aber war es knochentrocken. Für Detlef keine Chance ,wie erhofft, hier seine Wasserflasche aufzufüllen - das konnte ja heiter werden, denn damit blieben uns ganze zwei Liter Wasser für drei Personen!

Diese Wandstelle ist die erste ernstzunehmende Kletterpassage und so bauten wir einen Standplatz zur Sicherung und seilten uns ein. Detlef stieg vor und sicherte Rosa und mich nach. Der weitere Weg war zwar ausgesetzt und steil, aber auf Seilsicherung mussten wir nun verzichten, wir hatten schließlich nicht unendlich Zeit und wollten abends wieder im Quartier sein.

Allmählich ging die Sonne auf und der Nebel um uns nahm eine rosa Färbung an, als wir die erste Abzweigung erreichten. Hier sollten wir nach Führer und Höhenmesser die Richtung unseres Aufstiegs ändern. Die Wand ist reich gegliedert und die größte Herausforderung ist die Wegfindung. Gegen zehn Uhr streckten wir plötzlich unsere Köpfe aus dem Nebel und der aufgehenden Sonne entgegen. Als wir höher stiegen, war es uns, als wenn wir auf ein Nebelmeer unter uns schauen würden.

Einfach schön, keine Worte können unsere Gefühle beschreiben. Die Wand liegt jetzt in ihrer Größe vor uns, der Blick geht h inüber zur Eiskapelle, einem Altschneefeld rechts unter uns. Wir machen Rast und stärken uns mit Wasser und einem Riegel.

Wenig Zeit bleibt uns nur, die Tage sind kurz im Oktober! Also die Steinschlaghelme wieder auf und weiter. Der Höhenmesser zeigt den zweiten Richtungswechsel an. Der Weg führt auf einem Felsband weiter aufwärts zur nächsten Kletterstelle, die gesichert geklettert werden muss. Ein Standplatz ist schnell gefunden und eingerichtet, den alten Eisenhaken trauen wir besser nicht! Detlef steigt die Stelle vor und ruft nach kurzer Zeit Stand. Das Signal für uns, den Standplatz aufzugeben. Schon kommt sein Kommando Nachkommen. Er hat uns gesichert und wir steigen gleichzeitig hinterher. Wir sind an den Höhlen, durch enorme Wassermassen ausgewaschene Formationen im Kalkstein.

Langsam macht sich der Durst bemerkbar, unsere Wasservorräte sind aufgebraucht. Wir haben Glück, ein Altschneerest liegt vor uns am Fuße eines Felsbandes. Doch das Schmelzwasser tröpfelt nur langsam in unsere Trinkflaschen. Die Temperatur liegt hier auf über zweitausend Metern nur knapp über null Grad. Endlos dauert es, bis der größte Durst gestillt und eine der Flaschen halb aufgefüllt ist.

Der letzte Richtungswechsel wird vom Höhenmesser angezeigt und eine markante Felsformation zeigt uns an, dass wir nun den massigen Pfeiler erreicht haben. Ungefähr hier muss unser Führer Franz Rasp bei seiner 295sten Durchsteigung der Ostwand tödlich abgestürzt sein. Ein Blick nach unten zeigt den Königssee und St. Bartholomä, der Nebel hat sich jetzt am Nachmittag fast völlig aufgelöst. Unterhalb des massigen Pfeilers befindet sich eine Biwakschachtel, für den Notfall auch mit Schlafsäcken ausgerüstet. So manch einem Bergsteiger ist ein Wetter, von Westen aufziehend, dann anscheinend plötzlich über der Wand stehend, zum Verhängnis geworden. Von diesem Punkt ist ein Abstieg bei Regen und Schnee kaum noch möglich, die kleine Aluminiumschachtel bietet vier Personen Platz und Schutz. Hier liegt auch das Wandbuch. Alle Ostwand-Begeher tragen sich zuerst im Lager, dann an der Biwakschachtel in ein Wandbuch ein. Wird eine Suche nach vermissten Bergsteigern ausgelöst, schauen die Retter in beide Bücher und suchen dann oberhalb oder unterhalb des massigen Pfeilers in der riesigen Wand nach den Verschollenen.

Hier an diesem Pfeiler münden alle Wege durch die Ostwand in die sogenannten Ausstiegskamine. Das Seil lassen wir im Rucksack und steigen die über einhundert Meter hohen Kamine frei nach oben, wir haben mit Wasserschöpfen schon genug Zeit verloren und die Sonne steht bereits weit im Westen. Die letzte schwierige Kletterstelle oberhalb der Kamine ist von den vielen Bergstiefeln poliert und sehr glatt. Die letzten acht Meter Kletterei und wir steigen dem Gipfel der Südspitze zu. Gipfelrast und Gipfelglück? Eher nein – hier ist die Tour zu Ende, aber wir sind noch nicht heil und gesund im Tal. Konfuzius sagt: Der Weg ist das Ziel - wie Recht er hat.

Wir haben die große Wand in acht Stunden durchstiegen, sind müde und erschöpft und durch den Wassermangel dehydriert. Zwei Stunden sind es von hier über den Felsgrat zur Mittelspitze, dem höchsten Punkt des Watzmann. Die Sonne geht bereits unter, die Tage sind kurz im Oktober!

Während der Gipfelpause beraten wir über den Weiterweg. Der Grat zur Mittelspitze und dann weiter zum Watzmannhaus oder Abstieg durch die steile Südwand hinunter in das Wimbachgries – das ist hier die Frage – es wird auf jeden Fall in kurzer Zeit dunkel sein. Wir entscheiden uns für den Abstieg durch die Südwand. Steil geht es hier bergab, rutschig ist der Weg, aufpassen auf jeden Schritt, den man macht. Finster ist es geworden, als der Mond aufgeht – Vollmond. Wir haben Glück und können auch ohne die Stirnlampen den Weg einigermaßen erkennen. Als wir endlich im Tal, im Wimbachgrieß, sind, sehen wir vor uns ein Licht. Die Hütte hier unten hat heute den letzten Tag der Saison geöffnet. Der Wirt empfängt uns mit einem kühlen Bier und macht den Herd für uns an, so bekommen wir auch noch etwas Warmes zu essen.

Komm, wir bleiben heute Nacht hier und gehen erst morgen ins Tal versuche ich Detlef zu überreden hier zu bleiben. Meine Frau macht sich große Sorgen, wenn sie von uns keine Nachricht hat, ist sein Gegenargument. Also machen wir uns wieder auf den Weg hinab ins Tal. Nach kurzer Zeit geht es Detlef zunehmend schlecht, sein Kreislauf kollabiert schließlich. Wir kümmern uns um ihn, legen ihn auf den Rücken und Rosa sorgt dafür, dass seine Beine hoch liegen. Mehr Erste Hilfe können wir im Moment nicht leisten. Sie bleibt bei ihm, während ich zur Hütte zurück laufe. Der Wirt alarmiert über Funk die Bergwacht, die nach einiger Zeit mit einem geländegängigen Rettungswagen das Gries aufwärts uns entgegen kommt. Wir dürfen mit ins Tal fahren, brauchen nicht mehr zu laufen. Detlef kommt ins Krankenhaus, das Ende der Tour.
Hätte es damals bereits Handys gegeben, wir wären nach dem Essen auf der Hütte geblieben und erst am anderen Morgen abgestiegen. So konnten wir uns an diesem Abend nicht mehr über das gemeinsam Erlebte freuen.

Unser Bergkamerad wurde am nächsten Tag erfreulicherweise gesund und munter entlassen. Wassermangel und vielleicht auch die Sorge um seine Kameraden, für die er Verantwortung übernommen hatte, haben ihn an den Rand der Erschöpfung gebracht.
Gut hat er es allemal gemacht! - Danke Detlef!

Epilog:

Die Durchsteigung der großen Wand wurde am Samstag, den 22. Oktober 1988 bei besten Wetterverhältnissen durchgeführt. Auf dem Gipfel des Watzmann konnten wir die angekündigte Kaltfront bereits heranziehen sehen. Das Regengebiet hatte die Region am Sonntagmorgen erreicht. Eine Durchführung der Tour wäre jetzt nicht mehr möglich gewesen. Die Verhältnisse in der Wand haben sich nach dem 22.Oktober durch die Witterungseinflüsse stark verschlechtert, wir hatten die letzte Gelegenheit der Saison genutzt!
Am Sonntagabend fuhren Rosa und ich mit der Bahn zurück nach Hamburg. Bei Dienstbeginn am Montagmorgen erregte ich erneut Aufsehen, diesmal bei meinen Kollegen, als ich in Kniebundhose und Anorak, mit Rucksack und Bergausrüstung in der Dienststelle erschien.