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Eidelstedter Düfte

Im Oktober 1968 wurde ich nach erfolgreicher Prüfung von meinem Dienstherrn als Geselle, die genaue Bezeichnung lautete Junghandwerker, in ein festes Dienstverhältnis übernommen. In den 1970er Jahren wechselte mein Dienstort nach Stellingen, in die Kieler Straße. Heute liegt das Gelände an der Autobahnabfahrt gleichen Namens und beherbergt einen großen Baumarkt einer bekannten Kette.

Damals allerdings gab es auf diesem Grundstück große Hallen und andere zweistöckige Gebäude, die parallel zur Kieler Straße lagen. Im ersten Stock eines dieser Gebäude waren sowohl meine Dienststelle als auch die Kantine mit Küche untergebracht. In den Hallen werkelten Autoschlosser an den gelben und dunkelgrauen Fahrzeugen der Deutschen Bundespost. Diese Abteilung nannte sich Bezirkswerkstatt für Postkraftwagen, oder abgekürzt: BWKw.

Auf dem riesigen Gelände waren also sehr viele Menschen beschäftigt, sodass sich der Betrieb einer Kantine für einen Pächter lohnte.

An den Stadtteil Stellingen lehnte sich im Westen Eidelstedt mit seinen großen Industrieansiedlungen entlang verschiedener Gleisanschlüsse an. Unter anderem gab es dort an der Lederstraße die Hamburger Fischmehlwerke Wilhelm Pallasch & Co, die Anfang der 1970er Jahre von den Vereinigten Fischmehlwerken Cuxhaven GmbH …und fortan Eidelstedter Extraktions- und Fischmehlwerke (EEF) hieß, Pallasch war aber in der Bevölkerung weiterhin gebräuchlich. übernommen wurde.

Alles, was als sogenannter Beifang von den Trawlern und Kuttern der Hochseefischer angelandet wurde und nicht zur menschlichen Ernährung taugte, wurde hier zu Futtermittel für Tiere weiterverarbeitet. Ich erinnere mich, dass meine Eltern in den 1950er bis 1960er Jahren im Garten Hühner hielten, die uns mit Eiern und Frischfleisch versorgten. Im Hühnerfutter waren manchmal kleine Nordseekrabben, die den Hühnern offensichtlich gut schmeckten, sie schienen ganz wild darauf zu sein. Aus den Futtersäcken roch es manchmal sehr streng nach Fisch, bekamen unsere Hühner zu viel davon, schmeckten auch die Eier fischig.

Die Fischmehlfabrik Pallasch war berüchtigt für ihre starke Umweltbelastung. Bei überwiegend westlichen Winden, wie sie in Hamburg häufig wehen, stank es in den Stadtteilen Eidelstedt und Stellingen fürchterlich nach faulem Fisch. Mit seinen Eidelstedter Düften erlangte die Gegend neben dem Volkspark im Hamburger Umland eine gewisse Berühmtheit.

Die Kantine an meinem Dienstort bot am Freitag regelmäßig Fischgerichte an. So auch an jenem Freitag, von dem ich berichten will. Als ich mich zur Mittagspause an der Essensausgabe in die Schlange der Kollegen einreihte, fiel bereits ein penetranter Geruch auf, der mir den Appetit auf das Fischgericht vergällte. Da es ein warmer Tag war, hatten die Kantinenbesucher die Fenster geöffnet. Was da nun aber mit westlichem Wind in den Speisesaal strömte, war alles andere als frische Luft – es stank erbärmlich!

Nun wurden die Fenster geschlossen, aber der Gestank wurde nicht weniger, ganz im Gegenteil. Als ich am Nachmittag, nach Dienstschluss das Gebäude verließ, wehte der Wind zwar immer noch aus Westen, führte aber keine schlechten Gerüche mit sich. Merkwürdig, in der Kantine hatte es den ganzen Tag fürchterlich gerochen. Es keimte bei meinen Kollegen und mir der Verdacht, dass diesmal nicht die Fischmehlfabrik für die Düfte verantwortlich zu machen war. Das Schließen der Fenster hatte auch eher zur Verstärkung der Geruchsbelästigung geführt. Hatte uns der Kantinenpächter mit faulem Fisch beglückt?

Am Montag sannen wir auf Rache und wollten dem Koch eins auswischen, verdient hatte er es unserer Meinung nach. Da am Montag die Speisepläne für die kommende Woche ausgelegt wurden, wartete ein Kollege dort und nahm den Stapel Papier sofort an sich. Er warf seine Beute in einen der Altpapiersäcke und wir machten uns auf der Schreibmaschine an die Herstellung neuer Speisepläne.

An alle Gerichte, die wir uns nun ausdachten, erinnere ich mich nicht mehr, einige sind mir aber im Gedächtnis geblieben. So gab es zum Beispiel statt Wildedelgulasch ein Wildledergulasch mit bitterem Reis à la Silvana Mangano, und natürlich am Freitag Stinkfisch à la Pallasch. Selten hörte man aus unseren Diensträumen so viel Gelächter wie an diesem Tag. Am frühen Vormittag lag ein Stapel neuer Speisepläne in der Kantine, auch im täglichen Aushang hatten wir sie ausgetauscht. Das ganze Dienstgebäude hallte wieder von dem Gelächter, das unsere Aktion ausgelöst hatte. Nur einer lachte nicht und rannte nun mit dem Stapel Papier, dem Corpus Delicti, zum Personalrat, um sich dort zu beschweren.

So kam es zu einer Untersuchung der Vorgänge rund um die Kantine, die letztlich dazu führte, dass ein Vertreter des Hamburger Gesundheitsamtes die Küche inspizierte und strenge Auflagen erließ. Der Kantinenpächter musste unter anderem sogar einen Kammerjäger mit der Beseitigung von Insekten beauftragen, die in seinen Vorräten gefunden wurden. Wenige Monate später wurde in einer öffentlichen Ausschreibung ein Kantinenpächter für die Postkantine Kieler Straße gesucht, hätte er sich nur nicht beschwert!

So hatte unser Streich doch etwas Gutes bewirkt, wir bekamen einen neuen Pächter, der viele Jahre Leckeres zu Mittag zauberte und die Vereinigten Fischmehlwerke wurden 1974 geschlossen. Das hatten wir aber nicht zu verantworten! …sondern die Hamburger Aufsichtsbehörden