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Mai-Singen

Nach langen, kalten Wintertagen wurde es wieder wärmer, der Frühling ging durch das Land und machte die Bäume grün. Die ersten warmen Tage weckten Insekten und die Käfer, die dann am späten Nachmittag um unseren Birnbaum summten und brummten, der mitten im Hof neben der Hühnervoliere stand. Aus den weißen Engerlingen, die unter der Erde den Winter überstanden hatten, waren braune Maikäfer geworden. Es brummten so viele herum, dass man sie vom Baum schütteln konnte. Meine Mutter sammelte sie dann in ein Glas und überbrühte die Käfer mit heißem Wasser. Sie war froh, wenn sie nicht nur das teuer bezahlte Hühnerfutter verfüttern musste, die Käfer waren billig und nahrhaft.

Der Wonnemonat, der Mai kündigte sich an. Meine Schwester ging bereits zur Schule, während ich noch mit Hühner jagen und Spielen im Garten beschäftigt war. In ihrer Schule wurde für den ersten Mai geübt und organisiert. Es sollte ein Mai-Singen veranstaltet werden, dessen Spendenerlös einem guten Zweck zufließen sollte.

Meine Schwester sang und summte zu Hause manchmal eins der Lieder, die Wochen zuvor in der Schule einstudiert worden waren.

Eines Morgens legte unsere Mutter die Sonntagskleidung für den Tag bereit und half mir beim Anziehen. Die weißen Kniestrümpfe gab es eigentlich nur sonntags und an Feiertagen, und auch nur, wenn wir einen Ausflug machten. Es musste also ein besonderer Tag sein, auch meine Schwester hatte ihr Sonntagskleid und weiße Kniestrümpfe angezogen.

Nach dem gemeinsamen Frühstück wurde sie von den Eltern ermahnt, gut auf ihren kleinen Bruder aufzupassen und ich sollte kein dummes Zeug und mich nicht wieder so schmutzig machen. Meine Schwester zog ein säuerliches Gesicht, nahm ihren kleinen Bruder an die Hand, so zogen wir los.

Am Treffpunkt warteten schon die anderen Schüler aus der Klasse meiner Schwester, ebenfalls im Sonntagsstaat. Einige Schüler hatten lange Gehstöcke dabei, mit bunten Bändern und Blumen geschmückt. Ein Spielmannszug mit Flöten, Xylophon, Tamburin und einer gewaltigen Pauke formierte sich jetzt und setzte sich in Bewegung. Schüler, Lehrkörper und ein kleiner Bruder folgten.

Es wurde das erste Lied angestimmt, von den Instrumenten begleitet sangen alle De-er Mai ist gek-ommen, die Bäume schl-aa-gen aus. Darum bleibe, wer Lust hat, mit So-o-orgen zu Haus. Einer sang - die Pferde treten aus, was ich lustig fand.

So ging es durch alle Straßen der Siedlung, sehr zur Freude der Bewohner, die an den Pforten standen und mitsangen. Ein paar Schüler nahmen mit ihren Sammelbüchsen die Geldspenden entgegen.

Ich stolperte im Zug mit, Texte und Lieder kannte ich nicht und immer noch an der Hand meiner Schwester. Die Siedlungsstraßen waren nur grob mit Trümmerschutt befestigt, der nach den schweren Bombenangriffen auf Hamburg reichlich in der Stadt vorhanden war. Üblicherweise wurde in Norddeutschland viel mit Ziegeln gebaut, die sich jetzt als Straßenbelag wiederfanden, verdichtet und gewalzt.

Zurück am Ausgangspunkt löste sich der Zug auf, alle Straßen waren abgelaufen, alle einstudierten Lieder gesungen worden.

Die weißen Kniestrümpfe hatten eine undefinierbare Farbe angenommen, auch die helle Hose und das Hemd waren ziegel-rot-braun-grau, so habe ich die Farbe in Erinnerung.
Die vielen Füße hatten den Staub aufgewirbelt, der jetzt die Kleidung verdunkelte.

Zu Hause angekommen, gab es wieder Musik, eine Standpauke! An die Vorwürfe meiner Mutter, ich würde ihr nichts als Arbeit bereiten, erinnere ich mich noch heute – wie ungerecht die Eltern doch manchmal waren.

Schade eigentlich, dass sich niemand mehr singend am ersten Mai durch die, heute asphaltierten Straßen bewegt. Ich würde gerne an der Pforte stehen und mitsingen.