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Von rauchenden Seebären und röhrenden Hirschen

Meine große Schwester, sie ist vier Jahre älter als ich, entdeckte irgendwann ihre künstlerische Begabung und fing an, in Öl zu malen. Entweder zu Weihnachten oder zu ihrem Geburtstag bekam sie eine Staffelei und einen Kasten voller Aluminiumtuben, die mit Ölfarbe befüllt waren, geschenkt. Ich weiß nicht mehr genau, zu welchem der beiden Anlässe sie dieses Geschenk bekam, denn beide Ereignisse liegen zeitlich nicht weit auseinander.

An den Malkasten kann ich mich genau erinnern, er weckte meinen Neid, denn so ein schönes Geschenk bekam ich nie. Die Tuben waren mit farbigen Etiketten versehen und so in einer Reihe angeordnet, dass die Farben von Weiß über Gelb und Rot nach Blau bis Schwarz den Farben des Regenbogens entsprachen. Dazu befand sich im Deckel des Kastens noch eine Palette mit einem Daumenloch, sodass die Palette in der einen Hand gehalten werden konnte, während die andere den Pinsel führte. Der Kasten selbst war aus Sperrholz gefertigt, dunkel gebeizt, klar lackiert und mit zwei silbernen Schnappschlössern an der Vorderseite versehen.
Und die Staffelei erst – aus Buchenholz und je nach Bildgröße verstellbar – mit einer unteren Ablage. Nein, so ein schönes Geschenk habe ich nie von meinen Eltern bekommen.

Mein Vater sägte in seiner Werkstatt aus der großen Hartfaserplatte rechteckige Stücke in verschiedenen Größen aus. Diese Platten waren auf der einen Seite völlig glatt, auf der anderen besaßen sie ein feines Muster, das an grob gewebten Stoff oder Leinwand erinnerte. Für richtige, auf einen Rahmen gespannte Leinwand fehlte das Geld. Unser Nachbar Herbert A. war Maler von Beruf und konnte neben perfekten Lackierungen und Anstrichen auch Landschaften auf Leinwand bannen. Meiner Schwester gab er einige Tipps und verriet ihr etliche Kniffe für ihre künstlerische Schaffensphase. Er stellte eine weiße Farbmischung her, die als Malgrund auf die Hartfaserplatten aufgebracht wurde.

Nach all diesen umfangreichen Vorbereitungen war es endlich so weit und ich konnte voller Spannung die ersten Versuche meiner Schwester verfolgen, einen Zigeunergeiger mit weiten Ärmeln und Weste mit seiner Geige auf der Leinwand zu skizzieren. Sie begann mit Zeichenkohle zuerst die Umrisse des Geigers von ihrer Vorlage auf die weiße Platte zu übertragen, war aber mit den Proportionen nicht zufrieden. Auch hier half unser freundlicher Nachbar mit Rat und Tat.

Irgendwann begann sie tatsächlich ihre Tuben zu öffnen und auf der Palette die Farben zu mischen. Mit dem Pinsel und einem gewissen Schwung trug sie die Farbe auf die Leinwand auf. Nach und nach entstand das Gemälde eines Geigers so naturgetreu, dass man fast seine Musik hören konnte.

Ich glaube, dass ihr dieser Erfolg und das Lob für ihr Erstlingswerk den nötigen Aufschwung gab, um weiter zu malen, denn jetzt machte Sie sich an das Bildnis eines alten, Pfeife rauchenden Seebären in dunkelblauem Ölzeug und Südwester. Das Gesicht wettergegerbt und die Augen hellblau, wie bei Küstenbewohnern oft zu beobachten. Die Augen – das war für sie eine Herausforderung – es dauerte lange und brauchte viel Hilfe und Rat des Nachbarn, bis meine Schwester einigermaßen mit ihrem Werk zufrieden war. Auch dieses Bild wurde gelobt und bekam schließlich einen Ehrenplatz im Flur unseres Hauses, wo es sehr lange hing. Ich hatte immer den Eindruck, dass mir dieser alte Zausel in Südwester und Ölzeug nachschaute, wenn ich durch den Flur ging – so gut hatte die Künstlerin letztendlich diese Augen getroffen, an denen sie fast verzweifelt wäre.

Für sich selbst malte sie jetzt einen Pferdekopf mit weißer Blesse, danach gleich sogar eine ganze Gruppe von wilden Pferden. Ein Hengst stieg und imponierte mit seinen in die Höhe gestreckten Hufen, ein Meisterwerk ihrer Malkunst!

Im Januar 1961 wagte sie sich an Spiegelungen auf dem Wasser, es entstand eine Strandlandschaft mit Segelboot und reetgedeckten Häusern, von der noch eine Fotografie existiert und ich durfte mir zum Geburtstag ein Bild wünschen!

Auf der Suche nach einem Motiv blätterte ich mich durch die Sammlung von Postkarten und Vorlagen, ohne etwas Rechtes zu finden. Ein Seebär mit Pfeife hing bereits im Flur und guckte mir immer nach, ein Geiger geigte und die Pferde wieherten in Evelins Zimmer. Was sollte ich mir bloß wünschen? Da fiel mir eine Postkarte in die Hände, auf der ein Gebirgssee mit Wald abgebildet war. Majestätisch schritt der Rothirsch mit gewaltigem Geweih aus dem Wald, spiegelte sich im kristallklaren Wasser des Sees und röhrte mächtig. Das war mein Motiv! Dieses Bild sollte in meinem Zimmer hängen!

Die Vorbereitungen für das neue Werk ließen sich vor mir nicht verbergen, die Bildgröße wurde festgelegt durch das Zuschneiden des Malgrundes. Wenig später konnte ich die ersten Skizzen mit Zeichenkohle auf dem weißen Grund begutachten, wurde aber aus dem Zimmer geworfen, weil das Bild ja eine Geburtstagsüberraschung werden sollte, die man sich eben nicht vorher anschaut. Geluschert habe ich aber doch immer einmal und den Fortgang der Arbeiten beobachtet.
Zu meinem Geburtstag gab es aber enttäuschenderweise keinen röhrenden Hirschen mit mächtigem Geweih in Öl, sondern irgendetwas, an das ich mich nicht mehr erinnere. Der Hirsch war leider nicht rechtzeitig fertig geworden, aber zum nächsten Geburtstag sollte es an meiner Wand hängen – versprochen!

Als ich nach dem Tod unserer Eltern viele Jahre später das Haus leer räumte, fand ich auf dem Dachboden ein Ölgemälde. Es stellte einen Teufelsgeiger mit weiten Ärmeln und einer Geige dar – ich hörte fast seine Musik. Der röhrende Hirsch ist nie fertig geworden, das Motiv hat meiner Schwester wohl nicht gefallen und mein Geschmack hat sich auch geändert – einen röhrenden Hirschen werde ich mir nicht in die Stube hängen.

Schade nur, dass meine Schwester nicht mehr malt.

Epilog:

Meine Erinnerung an die Malkünste meiner Schwester hat späte Früchte getragen, siehe rechtes Bild. Kaum, dass ein halbes Jahrhundert verging, ist der röhrende Hirsch endlich fertig geworden. Nicht in Öl, auch ohne den Bergsee und die Spiegelung, jedoch zur Begleichung der alten Schuld akzeptiert! Danke für dieses wunderschöne Geburtstagsgeschenk, liebe Schwester.