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Fabelwesen

Im August des letzten Jahres des zwanzigsten Jahrhunderts hatten meine Frau und ich das einmalige Vergnügen, an einem besonderen Gespräch teilzuhaben, von dem ich hier erzählen will.

Die Universität Bremen hatte eine Exkursion nach Island ausgeschrieben. Meine Frau hatte mit Eintritt in den Ruhestand ihre nun viele freie Zeit mit einem geologischen Studium am Geomatikum in Hamburg verbracht, erfuhr über einen Aushang von dieser Exkursion und kam mit der Frage heim: Wollen wir dieses Jahr den Sommer auf Island verbringen?.
Was für eine Frage! Natürlich wollte ich das und so bewarben wir uns beide um je einen Platz bei der Uni Bremen. Ausgeschrieben wurde die Reise vom Fachgebiet Geografie und Biologie. Meine Frau als ausgebildete Geologin war eine willkommene Bereicherung der Kompetenz in einem weiteren Fachgebiet, so lernten wir im Dezember 1999 die Ausschreibenden, Frau Dr. S.(*)Dr. Karin Steinecke, Klima- und Vegetationsgeographie und Frau Professor K.(*)Professor König (Biologie), in Bremen kennen.

Von Seiten der Studentenschaft waren bisher nur wenige verbindliche Anmeldungen verzeichnet worden, deshalb drohte die Exkursion wegen Mangel an Beteiligung zu platzen. Mit den Hamburgern zusammen kamen nun aber genügend Teilnehmer zusammen. Später ergab es sich sogar, dass viele Studenten abgewiesen werden mussten, weil die Höchstzahl an Teilnehmern erreicht war. Viele Bewerber hatten wohl auch wegen der hohen Kosten und der Finanzierungsschwierigkeiten erst so spät eine verbindliche Anmeldung vorgenommen. Glück für uns beiden Oldies, wir hatten unsere Plätze sicher und freuten uns auf die Reise in ein ganz besonderes Land.

Mitte Juli 2000 starteten wir mit einem Direktflug von Hamburg nach Reykjavik, etwa um dreißig Studenten der Biologie und der Geografie, die beiden Ausschreibenden und vier Oldies traten eine aufregende Reise an. Obwohl wir in die Abenddämmerung flogen, wurde es, da wir uns nordwärts bewegten, immer heller. Bei der Ankunft am Flughafen Keflavik war es kurz vor Mitternacht noch taghell.

Ich möchte jetzt hier keinen Reisebericht abgeben, nicht von unseren Unterkünften berichten, die jeden Abend neu aufgebaut werden mussten. Nicht von eindrucksvollen Schlechtwetterperioden, in denen unsere Zelte und die Kleidung bis zum letzten Faden durchnässt wurden, auch nicht von den Badevergnügen in den heißen Quellen der Hochthermalgebiete Landmannalaugar und dem Krater der Askia, einem Vulkan, dessen Krater 50 Quadratkilometer misst, – nein – aber von einem ganz besonderen Erlebnis auf dieser Reise will ich berichten.

In der letzten Woche dieser recht anstrengenden Exkursion besuchten wir im Nordosten Islands einen Bauernhof, auf dem eine Doktorandin wohnte, die an der Universität Wien Glaziologie studierte. Unsere große Gruppe hatte die Genehmigung des Bauern, auf einer ziemlich ebenen Wiese die Zelte aufzubauen, um ein paar Tage zu verweilen. Wie immer im Leben geht so etwas am besten mit einem Geben und Nehmen. Ein Hang des Grundstücks war klimatisch so günstig gelegen, dass hier eine Wiederaufforstung versucht werden sollte. Der Grundeigentümer hatte eine große Lieferung von Setzlingen erhalten, die nun dringend in die Erde sollten. Am nächsten Tag machten sich alle Mitreisenden mit den Setzlingen und einem Pflanzstock im Gelände zu schaffen, so auch meine Frau und ich. Den ganzen Tag stiegen wir den Hang hinauf und hinunter und setzten achtzig neue Bäumchen auf Island, jeder Baum wurde mit einem wachse, blühe und gedeihe begleitet.

Am nächsten Tag sollte es an den nahe gelegenen Atlantik gehen, um von einem Boot aus Wale zu beobachten. Das war als Dank für die erfolgreiche Pflanzaktion vorgesehen. Bei uns beiden machte sich aber langsam ein gewisser Gruppenkoller breit, wir wollten lieber zu zweit allein sein und eine Wanderung hinauf zu dem Gletscher machen, den die junge Frau Glaziologin erforschte.

So trennten sich unsere Wege, die meisten Mitreisenden fuhren per Bus zum Hafen und zum Whale-watching, wir zwei machten uns auf den Weg durch ein einsames Tal in Richtung des Inlandeises. Langsam stiegen wir das weglose Gelände bergan, begeisterten uns an den verschiedenen Grüntönen, die wir bis dahin nur auf Island so gesehen haben. Die viele Feuchtigkeit bringt Moose in so unterschiedlichen Tönen der Farbe Grün hervor, was ich bis dahin nicht für möglich gehalten hätte. Für uns beide sollte es heute nur ein Bummeltag, ein Tag zum Ausruhen werden, ohne große Ziele – nur reiner Genuss. Das Wetter war stabil, wie es auf Island eher selten ist, oft haben wir über den Tag alle Wetter erlebt.

Durch das Gelände fließen Bächlein, vom Moos überwuchert und kaum sichtbar. In einem dieser Bäche habe ich dann auch prompt meine Schuhe versenkt und das fast bis zum Knie.
Also Schuhe und Strümpfe aus, auf einem Felsen ausgebreitet und getrocknet. Die Zwangspause kam dabei nicht ungelegen, wir hatten heute endlich einmal nichts vor und mussten nirgendwo hin!

Schön war er anzusehen, der Gletscher, wie er sich in das Tal ergoss. Auf einem benachbarten Fels landete nun ein Kolkrabe mit beeindruckendem Schnabel. Keine fünf Meter von uns entfernt ordnete er sein Gefieder und ließ ein leises Krächzen hören, das fast wie Guten Tag klang.
So freundlich angesprochen erwiderten wir natürlich seinen Gruß. Es mag verrückt klingen, aber er antwortete wieder, diesmal mit einer Folge von freundlich gurrenden Lauten, ein ungewöhnliches Gespräch kam zwischen dem Kolkraben und uns zustande. Ohne Scheu blickte er uns an, hatte keine Fluchtdistanz und machte wieder leise gurrende, krächzende, freundlich klingende Laute. Unsere Antwort, ebenfalls leise gesprochen, wurde von ihm aufmerksam verfolgt. Nun machte er eine Verbeugung und ließ mehrfaches Kopfnicken folgen, dass mit Klicklauten untermalt wurde, ordnete dabei das Gefieder und verbeugte sich erneut.

Er ließ sich für dieses Gespräch mit den merkwürdigen Zweibeinern viel Zeit, der Dialog dauerte mehr als eine halbe Stunde. Viel zu selten lassen wir stressgeplagten modernen Menschen uns die Zeit, unsere Umgebung bewusst wahrzunehmen und uns davon inspirieren zu lassen. Viel zu selten lassen wir uns darauf ein, mit Phantasie die Welt zu betrachten und solche glücklichen Momente zu sammeln. Nach diesem Gespräch mit dem Raben konnte ich viel besser verstehen, warum dieser Vogel in so vielen Fabeln und Märchen in der Rolle eines Weisen beschrieben wurde. Teile ich mein Erlebnis mit anderen, die ebenfalls darüber geschrieben haben?

Als er sich wieder in die Lüfte schwang, um auf seinen Schwingen talwärts zu segeln, entdeckten wir dort, wo er gesessen hatte zwei schwarze Rabenfedern. Eine Studentin war von unserer Geschichte so begeistert, dass sie sich diese Federn in ihre Dreadlocks flocht und bis zum Ende der Reise in ihren Haaren trug.

Wir waren am Ende dieses Tages sehr froh, nicht am Whale-watching teilgenommen zu haben, zumal uns die Teilnehmer von der Hektik im Hafen und auf dem Boot berichteten. Außer der Schaukelei auf dem überfüllten Boot hatten sie nicht viel erlebt und dabei nicht eine einzige Walfluke gesehen.