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Aladin aus der Wunderlampe
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Die Lichter gehen aus…

Meine Kindheit verbrachte ich im Norden Hamburgs in einer Siedlung, die von der Nordwestdeutschen Siedlungsgesellschaft 1950 erbaut wurde. Zuvor war dieses Gelände Truppenübungsplatz der SS-Kaserne Germania, die nach dem Zweiten Weltkrieg in das allgemeine Krankenhaus Heidberg umgewandelt wurde. Die Begrenzungsmauern aus schwerem, groben Kalkgestein und das gigantische Portal zeugen noch heute von einer radikal antidemokratischen Weltanschauung, die mit Symbolen und gigantischen Bauwerken ihre Stärke und Überlegenheit darstellen wollte. Wohin das führte, wissen wir heute und auch um das unendliche Leid, das der Krieg und seine Zerstörungen für die Menschen brachte. Meine Eltern waren in Ostpreußen aufgewachsen und 1945 von dort vor den heranstürmenden, russischen Truppen geflüchtet. Durch Zufall und sehr viel Glück gelang es ihnen, diese Siedlerstelle im Norden Hamburgs zu bekommen und eine neue Heimat zu finden. Damit verbunden war die Verpflichtung zur Kleintierhaltung und Selbstversorgung mit Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten. Die Grundstücke wurden zu diesem Zweck und mit den entsprechenden Auflagen an die Bewerber für die nächsten neunundneunzig Jahre verpachtet.

Dicht am Haus entstand aus Latten und Maschendraht der Hühnerstall, der mit braunen und weißen Hühnern bevölkert wurde. Ich erinnere mich, dass ich mit meinen Eltern am Sonntagmorgen mit auf den Hamburger Fischmarkt durfte, wo dann die besten Legehennen aus den Kartons des Händlers ausgesucht wurden. Die Hühner versorgten uns fortan mit Eiern und Fleisch und dass sie nicht zu fett wurden, besorgte ich durch Hinterherrennen und Scheuchen.

Diese Jahre werden heute auch als Nachkriegszeit und die Zeit des kalten Krieges bezeichnet. Auch wenn damals öfter im Radio von dem schwierigen politischen Verhältnis zwischen den USA und der Sowjetunion die Rede war, habe ich als Kind doch nicht begriffen, wovon gesprochen wurde. Allein die ernsten Mienen der Erwachsenen übertrugen die Sorgen auf mich, ohne dass ich wusste, wovor ich eigentlich Angst haben müsste.

Die Amerikaner und die Russen begannen ab 1951 regelmäßig mit Serien von Atombombentests in der Atmosphäre, die Radionuklide mit dem radioaktiven Fallout auf der ganzen Erde verteilten. Besonders problematisch für uns Kinder war (und ist) dabei das Radioisotop Strontium-90, das bei diesen Kernwaffentests in größeren Mengen in die Umwelt gelangte. Dieses Element ist dem Calcium ähnlich und wird gerade bei Kindern, weil sie sich im Wachstum befinden, in den Knochen eingelagert. Die Halbwertzeit, also die Zeit, in der sich die Strahlung des Isotops halbiert hat, beträgt ca. 28 Jahre. Die biologische Halbwertzeit, die Zeit, in der sich die Strahlung durch Abbau und Ausscheidung aus dem Körper halbiert, beträgt 49 Jahre. Da es sich bei diesem Stoff um einen sogenannten BetastrahlerAlphastrahlung, die von außen auf den menschlichen Körper wirkt, ist selbst relativ ungefährlich, da die Alphateilchen aufgrund ihrer geringen Eindringtiefe überwiegend nur in die oberen, toten Hautschichten eindringen. Ein im Organismus durch Einatmen oder Aufnahme mit der Nahrung eingelagerter Alphastrahler ist dagegen sehr schädlich, da in diesem Fall nicht die toten Hautschichten, sondern lebende Zellen geschädigt werden.
Ist der menschliche Körper Betastrahlen ausgesetzt, werden nur Hautschichten geschädigt. Dort kann es aber zu intensiven Verbrennungen und daraus resultierenden Spätfolgen wie Hautkrebs kommen. Sind die Augen der Strahlung ausgesetzt, kann es zur Linsentrübung kommen. Werden Betastrahler in den Körper aufgenommen (inkorporiert), können hohe Strahlenbelastungen in der Umgebung des Strahlers die Folge sein. Gut dokumentiert ist Schilddrüsenkrebs als Folge von radioaktivem Iod-131 (131I), das sich in der Schilddrüse sammelt. In der Literatur findet man auch Befürchtungen, dass Strontium-90 (90Sr) zu Knochenkrebs und Leukämie führen kann, da sich Strontium wie Calcium in den Knochen anreichert.
Wird Gammastrahlung in menschlichem, tierischem oder pflanzlichem Gewebe absorbiert, wird ihre Energie in Ionisations- und anderen Vorgängen wirksam. Dabei treten im Gewebe Sekundärstrahlungen wie freigesetzte Elektronen und Röntgenstrahlung auf. Insgesamt ergeben sich - für den Organismus meist schädliche - Wirkungen durch das Aufbrechen chemischer Bindungen. Das Ausmaß der Gesamtwirkung wird durch die Äquivalentdosis beschrieben. Die Folgen können am bestrahlten Organismus selbst (somatische Schäden) oder, durch Schädigung des Erbguts, an seinen Nachkommen als genetische Schäden auftreten.Quelle: Wikipedia.de
handelt, sind unter Umständen hohe Strahlenbelastungen im Körper die Folge. In der Literatur findet man Befürchtungen, dass Strontium-90 (90Sr) zu Knochenkrebs und Leukämie führen kann, da sich Strontium wie Calcium in den Knochen anreichert.

Während meiner Schulzeit hatte ich mehrfach das Vergnügen, an Filmvorführungen teilnehmen zu können. Mehrmals in Jahr wurden den Schulen von der Landesbildstelle 16mm-Filme und die Projektoren zur Verfügung gestellt. Ich erinnere mich deutlich an den Film Fahrraddiebe von Vittorio de Sica, der im Nachkriegs-Italien spielte und von den Schwierigkeiten berichtete, einer Arbeit als Plakatkleber nachgehen zu können, wenn man kein Fortbewegungsmittel besaß. Der Filmheld hatte sein Fahrrad verpfändet.
Ein anderes Mal gab es Der Hund, der Herr Bozzi hieß, mit dem unvergesslichen Peter Ustinov in der Hauptrolle. Als Eigentümer und Vermieter war er ohne Mitgefühl für seine armen und in Nöten lebenden Mieter. Wenn ein Bittsteller oder Bettler an seiner Tür klingelte, bellte er wie ein Hund und verscheuchte die Notleidenden. Eines Tages wurde er, als er wieder einmal hinter seiner Tür bellte, in einen Hund verwandelt, der nur durch die Liebe eines Menschen wieder zurückverwandelt werden konnte. Ein toller Film, der mich schwer beeindruckte und deshalb in meiner Erinnerung blieb. Aber auch ein anderer Film, dessen hintergründiger Sinn mir nicht gleich klar wurde, führte der Lehrer vor.

Eines Tages war es wieder einmal so weit, der Projektor wurde aufgebaut und während wir Schüler die Vorhänge schlossen und die Leinwand aufstellten, fädelte der Lehrer den Film durch den Vorführapparat. Es gab einen Zeichentrickfilm, der uns die Atomkraft erklärte. Es begann mit einer furchtbaren Explosion, die Häuser zerstörte und Bäume abbrach und alles verbrannte. Ein Atompilz stieg in die Höhe und nahm die Gestalt eines Bösen mit Turban und schwarzen zusammengewachsenen Augenbrauen an. Im Verlauf dieses Films wurde der Böse aber gezähmt und verwandelte sich mehr und mehr in einen freundlichen Riesen, der nun den Menschen half und sie mit Licht und Wärme für das Haus beschenkte. Alles war möglich und wenn man an einer Lampe rieb, entstieg ihr dieser freundliche Riese und machte das Haus warm und das Licht an und gab den Menschen Elektrizität für alles und jedes. So weit der Inhalt des Filmes, dessen Namen ich aber vergessen habe, nur sein Inhalt blieb mir in der Erinnerung.

Sehr viel später, Mitte der 1970er Jahre, wohnte ich mit meiner eigenen kleinen Familie im Hamburger Stadtteil Eidelstedt und erinnerte mich wieder an diesen Film, als in Wyhl am Nordrand des Kaiserstuhls die ersten Bürgerinitiativen sich gegen die Industriegesellschaft und ihren Energiehunger richteten. Die Landesregierung Filbingers hatte beschlossen, zu den bestehenden noch weitere 13 Kernkraftwerke zu bauen, davon fünf im Rheintal zwischen Mannheim und Basel. Frankreich wollte auf der linken Seite des Oberrheins weitere sechs Kernkraftwerke bauen. Diese Kraftwerke sollten die Vorstufe sein für eine Industrieachse Karlsruhe-Basel.

Am Bauplatz des Kernkraftwerkes Wyhl, einem Ort mit rund 2.700 Einwohnern, nahm die Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland ihren Anfang. In einer Regierungserklärung vom 27. Februar 1975 behauptete Filbinger: Ohne das Kernkraftwerk Wyhl werden zum Ende des Jahrzehnts in Baden-Württemberg die ersten Lichter ausgehen. Er begründete vorausgegangene Polizeieinsätze damit, dass das Land unregierbar würde, wenn es Schule mache, dass bei jedem größeren Projekt irgendwelche ideologischen oder andere Interessen sich mit mittelbarer oder unmittelbarer Gewalt widersetzten. Nach einem kritischen Bericht der ARD über Wyhl wollte er die ARD-Statuten dahingehend ändern lassen, dass künftig zwei Drittel aller ARD-Intendanten solchen Reportagen erst zustimmen müssten, blieb mit diesem Vorstoß allerdings erfolglos. Filbingers Nachfolger, Lothar Späth, gab das Projekt als politisch nicht durchsetzbar auf. 2002 gestand Filbinger rückblickend ein, sich bei der Angabe einer akuten Versorgungslücke ohne den Kraftwerksbau geirrt zu haben.

Ich erinnere mich an die Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke aus dieser Zeit noch recht deutlich. Es gab plötzlich elektrische Messer, Kaffeemühlen, Eierkocher, Entsafter, Joghurt- und Speiseeisbereiter und die deutschen Energieversorger prognostizierten einen zehnprozentigen Mehrbedarf an Energie jährlich.

Mitte der 1980er Jahre war ich beruflich in der aufkommenden Datenfernübertragung tätig und hatte ein Schlüsselerlebnis im Rathaus Pinneberg. Dort hatte ich mit einem Kollegen eine Messung durchzuführen, um eine Leitung im Daten-Kommunikationsnetz in Betrieb zu nehmen. An der Schnittstelle des Modems war ein Aufzeichnungsgerät angeschlossen, das die radioaktive Belastung in der Atmosphäre auswertete und in langen Zahlenreihen auf einem Drucker dokumentierte. Diese analoge Auswertung sollte nach unserem Einsatz und der Inbetriebnahme der Datenleitung wegfallen und danach in einem zentralen Forschungszentrum ausgewertet werden. Die Werte der Messapparatur auf dem Dach des Pinneberger Rathauses waren über Wochen auf Endlos-EDV-Papier aufgezeichnet worden und wiesen, so weit wir das beurteilen konnten, über Wochen recht niedrige Werte aus. Ein deutlicher Anstieg ließ uns, meinen Kollegen und mich, allerdings grübeln. Wir kamen darauf, dass in den Wochen mit niedrigen Werten eine anhaltende Ostwind-Wetterlage bestanden hatte und erst in der letzten Woche wieder die normale Westwind-Wetterlage herrschte. Aber wo kamen diese Veränderungen her, und wessen Werte wurden hier aufgezeichnet? Ein Blick auf die Landkarte machte es klar, wir lagen im Bereich Pinneberg – Norderstedt genau in der Abluftfahne des AKW Stade, das zu der Zeit noch in vollem Betrieb war. Die Messwerte, in Becquerel, lagen um den Faktor zehn höher als noch vor einer Woche, als Ostwind herrschte. Ich wusste es bis dahin nur aus der Theorie: Ein Kernkraftwerk produziert radioaktive Stoffe in fester, flüssiger und gasförmiger Form.

Das also ist der friedliche, freundliche Riese, der uns Kindern damals in einem Zeichentrick als Helfer der Menschheit vorgestellt wurde. Bis heute warten zirka 580.000 Tonnen radioaktiver Abfall auf eine sichere Endlagerung, in sicheren Kavernen, die mehr als 100.000 Jahre überstehen müssen, denn so lange wird dieser strahlende Abfall noch gefährlich für alles Leben auf der Welt sein.

Nicht berücksichtigt sind dabei die bislang weltweit durchgeführten etwa 2000 Kernwaffentests (davon 1030 durch die USA, 715 durch die Sowjetunion), wobei eine Sprengkraft von etwa 34.000 Hiroshima-Bomben freigesetzt wurde.

Erinnern wir uns an den 11. bis 16. März 2011, als eine Serie von Explosionen im fernen Japan drei Reaktorblöcke zerriss, im Kernkraftwerk Fukushima (vom Japanischen für Glücksinsel), und spätestens jetzt allen klarmachte, dass diese Technik nicht zu beherrschen ist. Der Mensch lernte im Neolithikum (Jungsteinzeit), vor etwa 12.000 Jahren Feuer zu machen. Im 20. Jahrhundert entfachte er ein Feuer, das niemand mehr löschen kann – nicht in 100.000 Jahren!

Alphastrahlung, die von außen auf den menschlichen Körper wirkt, ist selbst relativ ungefährlich, da die Alphateilchen aufgrund ihrer geringen Eindringtiefe überwiegend nur in die oberen, toten Hautschichten eindringen. Ein im Organismus durch Einatmen oder Aufnahme mit der Nahrung eingelagerter Alphastrahler ist dagegen sehr schädlich, da in diesem Fall nicht die toten Hautschichten, sondern lebende Zellen geschädigt werden.
Ist der menschliche Körper Betastrahlen ausgesetzt, werden nur Hautschichten geschädigt. Dort kann es aber zu intensiven Verbrennungen und daraus resultierenden Spätfolgen wie Hautkrebs kommen. Sind die Augen der Strahlung ausgesetzt, kann es zur Linsentrübung kommen. Werden Betastrahler in den Körper aufgenommen (inkorporiert), können hohe Strahlenbelastungen in der Umgebung des Strahlers die Folge sein. Gut dokumentiert ist Schilddrüsenkrebs als Folge von radioaktivem Iod-131 (131I), das sich in der Schilddrüse sammelt. In der Literatur findet man auch Befürchtungen, dass Strontium-90 (90Sr) zu Knochenkrebs und Leukämie führen kann, da sich Strontium wie Calcium in den Knochen anreichert.
Wird Gammastrahlung in menschlichem, tierischem oder pflanzlichem Gewebe absorbiert, wird ihre Energie in Ionisations- und anderen Vorgängen wirksam. Dabei treten im Gewebe Sekundärstrahlungen wie freigesetzte Elektronen und Röntgenstrahlung auf. Insgesamt ergeben sich - für den Organismus meist schädliche - Wirkungen durch das Aufbrechen chemischer Bindungen. Das Ausmaß der Gesamtwirkung wird durch die Äquivalentdosis beschrieben. Die Folgen können am bestrahlten Organismus selbst (somatische Schäden) oder, durch Schädigung des Erbguts, an seinen Nachkommen als genetische Schäden auftreten.
Quelle: Wikipedia.de