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Schlüsselerlebnisse

oder: wie ich zum Bergsteiger wurde

Anfang der 80er Jahre fasste ich den Entschluss, eine große Europarundreise mit dem Auto zu machen. Mit dem klapperigen Renault 14, der mir als Wertausgleich nach gescheiterter Ehe geblieben war, startete die Reise im Mai 1981 in Hamburg und führte zunächst an die französische Kanalküste, an der Mündung der Seine. Von dort ging es in Etappen entlang der Loire immer weiter nach Osten und als das Urlaubsgeld knapp wurde, durch das wilde Vercors in Richtung Westalpen. Diese Reise war in ihrer Routenführung ungeplant, je nach Laune und Landschaft änderte sich der Kurs. Nur die grobe Richtung Norden war einzuhalten, denn der Urlaub ging seinem Ende entgegen und das knapp bemessene Urlaubsgeld auch. So kam es, dass ich via Chamonix am Dach Europas vorbeikam und in Argentière, einem französischen Bergsteiger- und Skidorf, übernachtete. Natürlich lockte es mich, am anderen Tage einen Aufstieg in diese grandiose Bergwelt zu unternehmen.
Wegen mangelhafter Ausrüstung, Kondition und auf Turnschuhen kam ich allerdings nicht sehr weit, zumal dort oben noch sehr viel Schnee lag. Doch der Blick auf den Mont Blanc, die umliegenden Berge und die gewaltigen Eismassen der Gletscher entschädigten mich für alle Mühen und zogen mich fortan in ihren Bann.

Der weitere Verlauf der Reise führte von dort durch die Schweiz, durch die schneebedeckten Viertausender der Walliser Alpen, in das Rhonetal. Meine Zeit reichte noch für einen Abstecher per Seilbahn hinauf zur Bettmeralp und von dort weiter zu Fuß auf dem steilen Wanderweg zum Gipfel des Eggishorn, 2934 Meter über dem Meer. Der Blick auf den riesigen Aletschgletscher, den größten und längsten Gletscher der Alpen, war überwältigend.

In den folgenden Jahren plante ich meinen Jahresurlaub so, dass ich in den Sommermonaten in den Schweizer Bergen wandern konnte. Immer höher hinauf ging es, bis zu den hochgelegenen Berghütten und von dort ins Eis der Gletscher. Ein Schlüsselerlebnis war die Tour auf das Strahlhorn, einem leichten Viertausender, wie es in der Führerbeschreibung hieß. Von der über dreitausend Meter hoch gelegenen Britanniahütte ging es frühmorgens Richtung Gipfel, der aber nicht erreicht wurde. Mangelhafte Ausrüstung, fehlende Kenntnisse in der Sicherungstechnik im Eis, mangelnde Ausdauer und Erfahrung machten die Tour undurchführbar. Leicht ist eben doch ein relativer Begriff und die vielen zu überwindenden Gletscherspalten beeindruckten mich sehr. Mir wurde klar, dass, wenn ich nicht eine umfassende Ausbildung bekam, mein Bergsteigerleben nur kurz sein würde.

1985 trat ich deshalb dem Deutschen Alpenverein, der Sektion Hamburg bei und lernte die Norddeutschen Gebirge und ihre Hütten kennen. Im Harz und im Weserbergland unterhielt die Hamburger Sektion zwei Hütten, die als Unterkunft an den nun häufigen Kletterwochenenden dienten. Erfahrene Kletterer, Kenner der Touren im Kalkstein des Weserberglandes und im Granit des Harzes zeigten mir die Technik des Felskletterns und vor allem den Umgang mit den Sicherungsmitteln, Seil, Karabinern, Klemmkeilen und was es sonst noch an Ausrüstung gab. Fast jedes Wochenende war ich nun unterwegs und trainierte meine neu gewonnenen Fähigkeiten. 1986 begann ich, die ersten Touren vorzusteigen und die Sicherungsmittel anzuwenden, um für den Sommerurlaub zu trainieren. Das heißt, ab jetzt war ich erster im Seil und ein Sturz hätte möglicherweise schlimme Folgen gehabt.

Mit Freundin, Schwager und Schwester war ein Quartier in Sulden am Ortler für den August gebucht und Kletterausrüstung, Seile und Steigeisen nahmen wir mit.

Der Ort liegt auf 1900 Meter Meereshöhe und ist damit eines der höchstgelegenen Dörfer der Alpen. Die mächtigen Berge Ortler, Königsspitze Monte Zebrù, Zufallspitzen und Monte Chevedale sind alle deutlich über dreitausend Meter hoch, stark vergletschert und dominieren die Suldener Bergwelt.
Es gelangen uns zu zweit Bergtouren auf die Vertainspitze, den hohen Angelus, die hintere Schöntaufspitze, den Monte Chevedale und viele schöne Wanderungen zu viert. Öfters trafen wir auf rostige Überreste von Stacheldraht, Zeugen der Kämpfe, die hier während des ersten Weltkrieges tobten.
Der Bergsteiger Reinhold Messner hatte aus dem Himalaja-Gebirge eine Herde Yaks mitgebracht, die er, sich langsam an die Höhe gewöhnend, jetzt hier im hinteren Zaytal grasen ließ. Immer wieder ging der Blick hinauf zum höchsten Spitz der Ostalpen, dem gewaltigen Klotz des alles überragenden Ortlers. Dort wollten wir hinauf, bis auf seinen Gipfel auf 3905 Meter. Für Reinhold Messner, der seit 1983 hier im Vinschgau das Schloss Juval zu seinem Wohnsitz erklärt hat, ist der Ortler der Hausberg. Auf allen Routen, auch auf der schwierigen Diretissima über den Hängegletscher, hat er den Gipfel bereits erstiegen. In einem seiner Bücher schrieb er, dass das Erleben der stillen Bergwelt dazu beitragen könnte, gestresste Städter an Leib und Seele wieder gesunden zu lassen – wie recht er doch damit hat.

Als der Urlaub sich dem Ende neigte, fühlten wir uns fit genug, um diesen Klotz Ortler zu besteigen. Das Wetter schien für die nächsten Tage noch zu halten, so machte ich mich an die Tourenplanung. Zwei Optionen, entweder von der Payer-Hütte über den Normalweg, oder von der Hintergradhütte den Berg zu überschreiten, standen zur Auswahl. Von der Payer-Hütte waren es nur etwa 900 Höhenmeter bis zum Gipfel. Allerdings gingen von hier Heerscharen auf dem vermeintlich leichteren Weg, deshalb fiel die Entscheidung zu Gunsten einer Ortlerüberschreitung. Diese Tour sollte mein zweites Schlüsselerlebnis dieses Urlaubs werden und meine künftige Bergsteigerkarriere stark prägen.

Am Freitagnachmittag im August 1986 machten meine Freundin und ich uns auf den Weg und stiegen zur Hintergrathütte der Bergführerschaft Sulden auf. Der Anstieg im Schatten der Berge war angenehm und nach nur 700 Höhenmetern erreichten wir die Hütte auf 2660 Meter. Mit Blick auf die Steilaufschwünge des Ortler-Hintergrades genossen wir den abendlichen Sonnenuntergang hinter dem Berg. Wolkennebel wallten über den Grat, aber der Wetterbericht sagte Bergwetter voraus.

Nach kurzer Nacht standen wir um zwei Uhr morgens auf und richteten die Ausrüstung und Stirnlampen. Die Hütte glich einem Bienenhaus, viele Bergsteigergruppen suchten ihre Ausrüstung im Dämmerlicht der sparsamen Lampen zusammen. Es wurde gedrängelt, geschubst, gestoßen, kaum dass man seinen Tee trinken konnte, ohne dabei angestoßen zu werden.

Draußen, in der Kühle des Morgens wurde es wieder angenehm. Im fahlen Licht der Stirnlampen suchte ich den Pfad, der uns zum ersten Aufschwung und zum ersten Eisfeld führte. Der Blick vom ersten Anstieg zurück war beeindruckend. Viele stirnlampenbeleuchtete Lindwürmer zogen den Berg hinauf, wir waren nicht allein und die erste Gruppe überholte uns jetzt. Die Rücksichtslosigkeit, die wir bereits in der Hütte erlebt hatten, setzte sich jetzt fort. Wobei es unfair wäre, von allen Bergsteigern zu sprechen, die hier unterwegs waren, aber die schlechten Beispiele schienen mir doch erheblich zu sein.

Unterhalb der ersten markanten Felsformation, die zu überklettern war, um zum ersten Eisfeld zu gelangen, trafen wir auf einen Verletzten. Der hielt sich seine Schulter, die von einem Felsstück getroffen wurde, das von den Vorauskletternden losgetreten wurde. Kein Ruf, keine Warnung, der Stein traf ihn unvermittelt. Die ganze Gruppe stand ratlos um den Verletzten herum. Jetzt umzukehren fiel Ihnen nicht leicht, aber es ging nicht anders, er musste zurück zur Hütte gebracht werden, um ärztlich versorgt zu werden. Wie sagte Reinhold Messner noch gerade? Das Erleben der stillen Bergwelt kann dazu beitragen, gestresste Städter an Leib und Seele gesunden zu lassen? Was wir hier erleben durften, brauchte jetzt eine neue Strategie, um nicht ein ähnliches Unglück zu erleben.

Wir machten, gut geschützt unter Steinschlaghelmen und einem Überhang, eine lange Pause und genossen dabei das unglaubliche Farbenspiel eines Sonnenaufgangs im Hochgebirge. Nach mehr als einer Stunde waren wir beide die letzten auf dem Weg zum Gipfel. Ab jetzt waren wir nur noch auf uns selbst gestellt, in der Stille der Bergwelt unterwegs, während sich die meisten Gruppen ein Bergrennen lieferten, andere ihre Verletzten ins Tal bringen mussten. In aller Ruhe schnallten wir jetzt die Steigeisen an die Stiefel und setzten unseren Weg im Fels und Eis des Ortler-Hintergrades fort. Große Felsaufschwünge mussten überklettert werden, unterbrochen von großen Eisfeldern. Sulden verschwand im morgendlichen Dunst des Tales, wir aber stiegen immer höher der Sonne entgegen und wir waren allein. Als wir das zweite Eisfeld verließen, um den Gipfelgrat zu erklettern, sah ich eine weitere Dreiergruppe von Bergsteigern, die hinter uns auftauchte und zügig vorankam. Am frühen Nachmittag erklommen wir die letzten Meter hinauf zum mickrigen Gipfelkreuz des Ortlers und machten eine ausgiebige Pause.

Die Dreiergruppe stieg jetzt ebenfalls zu uns herauf, eine Frau und ihre zwei Begleiter waren aus München angereist, um an diesem Wochenende den Ortler zu besteigen. Einer packte nun einen kleinen Gaskocher aus und bot uns beiden Kaffee an, eine nette Begegnung von Gleichgesinnten und wir genossen den grandiosen Blick auf die umliegenden Berge und in das Tal nach Sulden, das jetzt zweitausend Meter unter uns lag.

Der Wettermotor, die Sonne, hatte jetzt am Nachmittag so viel Wasser aufgesogen und in Dampf verwandelt, dass um den Gipfel schwere Schwaden zogen. Die Münchener Gruppe wollte auf dem gleichen Weg zur Hintergrathütte absteigen, uns aber war dieser Weg zu lang, wir wollten nur 900 Höhenmeter hinab zur Payerhütte und von dort am nächsten Tage in das Tal zurückkehren. Also verabschiedeten wir uns herzlich und setzten unseren Weg über das Ortler-Platt fort. Dort oben liegt eine gewaltige Eismasse mit großen Spalten und die Orientierung ist bei schlechter Sicht schwierig. Einige Passagen im Eis seilten wir ab, bis wir wieder an einem Felsriegel standen. Hier war eine Kette fest eingebaut, als Sicherung für den letzten Abstieg. Die Felshaken und Stahlkarabiner waren durch häufige Benutzung so dünn geschliffen, dass sie mir nicht mehr vertrauenswürdig erschienen. So sicherte ich meine Freundin mit dem Seil nach unten und stieg dann hinterher. Sie war nach dieser Tour fertig und am Ende ihrer Kräfte, Tränen flossen. Die Aussicht auf eine warme Mahlzeit und ein Bett in der Payerhütte ließ sie aber ihre letzten Kräfte mobilisieren.

Wir erreichten die Hütte am frühen Abend, man hatte bereits auf uns gewartet. Dem Hüttenwart wurde von den eintreffenden Gruppen berichtet, dass noch zwei Leute im Berg waren. Eine heiße Suppe weckte Lebensgeister und ließ Tränen trocknen, die aber um so stärker flossen, als wir erfuhren, dass die Hütte bis unter das Dach gefüllt war und auch kein Notlager mehr zur Verfügung stand.

Nur vierhundertachtzig Höhenmeter unterhalb, auf 2550 Meter, liegt die Tabarettahütte an unserem Weg, bis dahin schafft ihr es noch leicht bis zur Dunkelheit und es geht ja nur noch bergab meinte der Hüttenwirt mit bedauerndem Achselzucken. Meine Partnerin hatte ihre Nerven wieder einigermaßen glatt, als wir die Rücksäcke schulterten und uns an den Abstieg zur Tabarettahütte machten, die noch ein Nachtlager für uns haben sollte. Die müden Füße liefen wieder und wurden immer munterer, es war das erste Mal, dass ich dieses Phänomen, den Rauschzustand, von dem auch Hochleistungssportler berichten, am eigenen Körper erlebte. Endorphine werden in Notfallsituationen vom Körper produziert, sie regeln das Empfinden von Hunger und Schmerz und ließen uns euphorisch werden. Als wir kurz vor Dunkelheit die Tabarettahütte erreichten, pfiffen wir ein fröhliches Lied, knipsten die Stirnlampen an und legten an Tempo noch einen Zahn zu. Gegen 23:00 Uhr trafen wir in unserem Quartier in Sulden ein, wo Schwester und Schwager uns mit sorgenvollen Gesichtern die Tür öffneten. Neunzehn Stunden hatten wir gebraucht, um von der Hintergrathütte (2661 Meter) auf den Gipfel des Ortler (3905 Meter) und wieder zurück nach Sulden (1900 Meter) zu gelangen.

Das Erlebte führte bei mir dazu, dass ich Berge mit großem Namen, wenn überhaupt, nur noch sehr ungern bestieg, dann aber nie auf dem Normalweg. So habe ich wirklich die stille, erhabene Bergwelt kennen gelernt, von der Messner gesprochen hat. Leider hat seine Entwicklung zum Höhenbergsteiger und seine vielen Publikationen darüber eine Entwicklung in Gang gesetzt, die mit dem Bergsteigen für den inneren Frieden nichts mehr zu tun hat. Wenn über den Wahnsinn berichtet wird, der am Dach der Welt in jeder Saison stattfindet, kann ich nur verständnislos den Kopf schütteln.

Scott Fischer, Extrembergsteiger, Unternehmer und der erste Amerikaner, der den 8.516 Meter hohen Lhotse bestieg, bot als bezahlter Bergführer ab 1994 Touren auf den Mount Everest an. Sein Slogan war: Wer meinen Preis bezahlt, den bringe ich auf den höchsten Gipfel der Erde. Er trat mit seinem Unternehmen in Konkurrenz zum neuseeländischen Unternehmen seines Freundes Rob Hall, beide Expeditionen belagerten die Südseite des Mount Everest 1996, um bei günstiger Witterung ihr Klientel auf den Gipfel zu bringen.

Allerdings muss jener Scott Fischer auch als derjenige erwähnt werden, der ein Umweltschutzprogramm initiierte, das in den Höhenlagen des Everest 2500 Kg Müll einsammelte. Besonders der Südsattel in knapp 8000 Meter Höhe war bis dahin eine gigantische Müllhalde aus zerrissenen Zelten und leeren Sauerstoffflaschen. Scott Fischer hatte einen großen Anteil daran, den Everest merklich sauberer zu machen.

In der Nacht von 9. zum 10. Mai 1996 brachen 21 Personen vom Südsattel zum Gipfelangriff auf, darunter auch Scott Fischer. Er erreichte den Gipfel mit einem seiner Kunden am 10. Mai, als unterhalb des Gipfels bereits ein gewaltiger Schneesturm tobte. Auf halben Rückweg, am sogenannten Balkon versagten Fischers Kräfte und er starb an Unterkühlung und seinen Erfrierungen. sein gesamtes Team hatte den Abstieg geschafft, nur der Chef nicht.

 

Everest-Bergsteiger auf der Südroute müssen seine Leiche passieren, sie liegt auf 8.300 Meter unterhalb des sogenannten Balkons. Da wir von der Erinnerungswerkstatt Norderstedt nie den moralischen Zeigefinger erheben, überlasse ich die Wertung der Ereignisse dem Leser. Eins habe ich jedoch gelernt: der Ruhm, einen großen Gipfel bestiegen zu haben verblasst nur allzu schnell und bedeutet nichts. Das Erlebnis, einen Gipfel bestiegen zu haben mit allen Ängsten, Freuden und Anstrengung vergisst man nicht, es hinterlässt einen tiefen Eindruck und verändert die innere Einstellung zu manchem.