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Wiederverwertung
oder
Die Geschichte einer Truhe

Fast könnten wir das Wort Wiederverwertung in unser kleines Lexikon der ausgestorbenen Wörter und Begriffe aufnehmen, denn wenn ich es verwende, schauen jüngere Menschen mich fragend an. Recycling, ja solch ein Anglizismus wird verstanden. Heute nimmt man einen Sack, möglichst gelb und entsorgt darin alles, was man nicht mehr gebrauchen kann, vornehmlich Verpackungen.

Als ich noch im jugendlichen Alter war, bekam ich zu Hause mit, wie meine Eltern mit dem Wenigen, was sie hatten, auskamen. Es fehlte an Geld, um ständig Neues zu kaufen. Als meine Mutter mit ihren alten, abgenutzten Küchenmöbeln unzufrieden war, aber das Geld für neue Möbel fehlte, wurden die Schränke ausgeräumt, mit Sandpapier abgeschliffen und dreifarbig lackiert. Der Korpus wurde in einem leicht ins Gelbe tendierenden Beige gestrichen, die Türen wurden hellblau und rosé lackiert. Als die Farbe trocken war, wurden die Einlegeböden mit Schrankpapier belegt, dass mit Heftzwecken festgesteckt wurde. Auch Schrankpapier sollte ich in unser Lexikon aufnehmen, denn das kennt heute kaum noch einer. Von der Rolle gab es verschiedenfarbiges und gemustertes Papier, das sehr reißfest und wasserabweisend beschichtet war und die Einlegeböden der Schränke vor Kratzern und kleinen Beschädigungen schützte.

Mein Vater stapelte in seinem kleinen Werkraum Zigarrenkisten, voll mit Nägeln und Schrauben aller Längen und Stärken. Die sahen aber immer mehr oder weniger stark angerostet aus, denn neu waren sie nicht. Wo immer in einem Brett ein noch verwertbarer Nagel oder eine Schraube steckte, wurde diese sorgfältig und vorsichtig entfernt, gerade geklopft und in eine Zigarrenkiste sortiert. Bei allem, was rund ums Haus gebraucht wurde und selbst hergestellt werden konnte, wurden diese Nägel und Schrauben wiederverwendet. Schwieriger waren schon die Produkte aus dem Sägewerk ‑ Bretter, Balken und Leisten ‑ zu beschaffen, und zwar möglichst kostenlos.

Einmal im Monat kam die Müllabfuhr durch unsere Siedlung und sammelte den Sperrmüll ein. Am Abend, beim Dunkelwerden, zog auch mein Vater los, um zu schauen, ob noch Brauchbares von den Sperrmüllhaufen zu ergattern war. Er schämte sich und wollte von seinen Nachbarn möglichst nicht bei seinem Tun erkannt werden, mied daher die Haufen in unserer Siedlung und fuhr mit dem Fahrrad in entferntere Straßen, wo er hoffte, nicht erkannt zu werden. Außerdem war das, was in unserer Siedlung weggeworfen wurde, für niemanden mehr zu gebrauchen. Am besten beschreibt die Situation der Ausspruch, den ich einmal hörte: Ist es größer als ’ne Laus, nimmt’s der Siedler mit nach Haus. Die Siedler waren die besten Wiederverwerter.

Als ab Mitte der 1950er Jahre in der nahen Feldmark als Folge des Wirtschaftswunders die ersten wilden Müllkippen entstanden, wurden regelmäßige Spaziergänge mit der ganzen Familie in die nähere Umgebung gemacht. Schwer bepackt kamen wir manchmal von dort zurück und hatten ganz unterschiedliche Beute dabei. Alte Farbeimer aus Blech eigneten sich hervorragend als Fundament für Zaunpfähle. Da alle Siedler Selbstversorger mit Gemüse, Kartoffeln, Obst und Beeren waren, gab es auch die natürlichen Feinde, hauptsächlich Kaninchen, die das gesunde Gemüse mit Stumpf und Stiel auffraßen. Um diese von ihrem schändlichen Tun abzuhalten, musste der Siedler einen Zaun errichten. Die zufällig gefundenen Farbeimer wurden dabei mit einer Mischung aus Sand, Zement und Wasser gefüllt, dann wurde ein Zaunpfahl hineingestellt und gerüttelt, bis alle Hohlräume mit Beton gefüllt waren. Nach dem Aushärten wurden die Pfähle mit ihrem Betoneimerfundament eingegraben, ausgerichtet und die Felder mit Maschendraht bespannt. Draht, Maschendraht und Zement musste gekauft werden, alles andere stammte aus Selbstversorgung und Funden. So wurde zum Beispiel im Garten, der dafür groß genug war, ein Loch gegraben. Nach ungefähr achtzig Zentimetern kam schon weißer Sand zum Vorschein, der sich als Mauersand und zum Verlegen von Gehwegplatten eignete und vor allem  nurSchweiß kostete. Die Zaunpfähle wurden aus alten, eisernen Bettrahmen gewonnen. Fand Vater so einen Rahmen auf dem Sperrmüll, wurden an Ort und Stelle mit einem mitgebrachten Meißel und dem Hammer die Nieten abgeschlagen, die den Bettrahmen zusammenhielten, sodass er zwei Meter lange Winkeleisen erhielt, die er mit seinem Fahrrad nach Hause schleppen konnte. Dort wurden die Winkeleisen auf Länge geschnitten, der unbrauchbare Rest an einen Schrotthändler verkauft und von dem Geld der Zement bezahlt.

Genauso machte es meine Oma, die bei uns wohnte, mit der Kleidung. War ein Pullover aufgetragen, wurden die Nähte aufgetrennt und der Wollfaden aus dem Gestrickten herausgezogen. Aufräppeln  nannte meine Oma das. Danach wurde die Wolle gewaschen und auf der Wäscheleine getrocknet. Dann wurde ich gerufen, um mit meinen beiden Armen als Wollewickler zu fungieren. Ich dufte mich zu Omas Füßen auf den Boden hocken, der Wollfaden wurde dann in einer liegenden Acht von einem zum anderen Arm gespannt und dann zu einem Knäuel gewickelt. Ich bekam davon zwar lahme, schmerzende Arme, aber auch Omas Geschichten zu hören, was mir diese Arbeit versüßte und deswegen auch gern von mir getan wurde. Aus dem Wollknäuel wurden dann wieder Pullover oder Socken gestrickt.

Anfang 1969 ging ich aus dem Haus und bezog in Glashütte mit meiner kleinen Familie meine erste eigene Wohnung. Als mein Vater kurz darauf in den Ruhestand ging, richtete er sich eine Werkstatt zur Holzbearbeitung ein. Er schaffte sich eine elektrische Hobelmaschine und eine Drechselbank an und baute fortan Windmühlen, Weihnachtspyramiden, Untersetzer, Schüsseln, Blumenständer und alles aus Holz. Das Rohmaterial kam, Sie, liebe Leserin, lieber Leser werden es ahnen, vom Sperrmüll. So wurden dann aus den alten Sachen, die niemand mehr gebrauchen konnte, neue schöne Dinge, über die sich die Beschenkten sehr freuten, besonders, wenn zu Weihnachten eine Pyramide, ein Räuchermännchen oder ein Nussknacker verschenkt wurden. Seiffen im Erzgebirge hatte Konkurrenz bekommen.

Als ich 1981 nach Trennung und Scheidung von Hamburg wieder zurück nach Norderstedt zog, weil ich dort eine schöne Dreizimmerwohnung im Erdgeschoß bekommen hatte, fand ich die Kücheneinrichtung in einem desolaten Zustand vor. Völlig verwohnt und von den Vormietern zertrümmert, mit einem verdreckten Herd, und auf dem Backblech klebte eine Gabel – unlösbar mit dem Untergrund verwachsen. Für eine neue Küche aber fehlte mir das Geld. Nach Abzug aller Kosten und Unterhaltszahlungen blieb mir ein Existenzminimum. Ich erinnerte mich an das, was ich in meiner Kindheit gelernt hatte: Wiederverwertung!

Wie mein Vater ging ich nach Feierabend auf Jagd, wenn der Sperrmüll rausgestellt wurde. Da ich mich aber wie er genierte, suchte ich mir im Sperrmüllkalender die Termine anderer Stadtteile heraus. Alte Sofas, auf Buchenholzrahmen gebaut, waren meine bevorzugte Beute. Die Rahmen baute ich an Ort und Stelle aus, den schäbigen Rest ließ ich dort für die Müllabfuhr. In der Werkstatt meines Vaters baute ich daraus die Schubladen für meine neue Küche. Alles ohne Nägel und Schrauben, nur mit Schwalbenschwanz-Holzverbindungen  und Leim. Korpus und Innereien, wie Schubladen und Drehborde bezahlte ich mit meinem Schweiß, die Schrankfronten schnitt mir die Tischlerei Ernst Pries in der Ulzburger Straße  nach meinen Maßangaben. Der Küchenbau nach Feierabend hat zwar länger als ein Jahr gedauert, aber die Küchenmöbel nutzten jeden noch so kleinen Raum, waren praktisch und sahen auch noch schön aus. Vor allem waren die Möbel so stabil gebaut, dass ich damit umziehen konnte und sie heute noch in Vaters alter Werkstatt nutzen kann.

Für den Flur der neuen Wohnung wünschte ich mir eine alte Truhe, möglichst mit einem runden Deckel, und ging in verschiedene Antiquitätengeschäfte. Es gab schon mehrere interessante Angebote, doch die Preisvorstellungen der Verkäufer und meine Möglichkeiten zur Finanzierung klafften weit auseinander. So entschied ich mich, mir meine Truhe selber zu bauen. Das Material, bestes, trockenes und abgelagertes Kiefernholz von sehr schöner Bernsteinfarbe, lieferte… Sie wissen schon. Als in der Nähe des elterlichen Hauses in einem größeren Wohngebiet die alten Holzfenster gegen moderne Kunststofffenster getauscht wurden, holte mein Vater am Abend die Holzrahmen für seine Drechselarbeiten aus dem Container. Diese Rahmen habe ich dann für meine Truhe verwendet, indem ich auf der Kreissäge alle Rahmen in Streifen zu zweieinhalb Zentimeter Breite schnitt. Mit einer Rauhbank, einem einen halben Meter langen Hobel, habe ich alle aufgeschnittenen Leisten von Hand so gerade gehobelt, dass ich exakt gerade Leisten erhielt, die ich mit Leim zu ganzen Platten zusammenfügte. Mein Ehrgeiz ging dabei so weit, von der elektrischen Kreissäge einmal abgesehen, dass die Truhe ohne Maschinenarbeit, ohne Schrauben oder Nägel entstehen sollte, nur in althergebrachter handwerklicher Arbeit.

Während meiner Lehre hatte ich verschiedene Techniken der Metallbearbeitung kennengelernt, die sich auch auf den Werkstoff Holz übertragen ließen. Die Platten wurden nun von mir auf die Maße meiner Zeichnung geschnitten und an den Kanten mit sogenannten Schwalbenschwänzen versehen, an denen sich die Platten im rechten Winkel ineinander stecken ließen. Hier brauchte es nur noch ein wenig Leim, mehrere Schraubzwingen und Zeit bis zum nächsten Abend, um einen Kasten entstehen zu lassen. Genau so machte ich es mit dem Boden. Der Deckel war wegen seiner runden Form etwas schwieriger herzustellen, aber die Verbindungen konnte ich nur mit Holznägeln, Schwalbenschwänzen und etwas Leim realisieren, genau wie ich es mir vorgestellt hatte. Schwierig wurde es bei den Füßen für die Truhe. Mit einem Profilhobel, wieder von Hand, bearbeitete ich eine lange Leiste, schnitt davon passende Stücke im 45 Grad-Winkel ab und setzte sie mit Holzdübeln unter den Truhenboden. Die Beschläge wurden aus Eisenblechen, gewiss ahnen Sie, woher die kamen, mit einem Kugelhammer in die gewünschte Form getrieben. Die Griffe rechts und links entstanden aus erbeutetem Vierkantstahl, der in einem umgebauten Gartengrill erwärmt wurde und mit dem Hammer auf dem Amboss die gewünschte Form erhielt. Als Gebläse diente mir dabei Mutters ausgedienter Starmix-Staubsauger. Zum Schluss habe ich mich noch als Schnitzer versucht und ein Jugendstilmotiv, eine Rose, fabriziert und mittig vorn auf der Truhe platziert. Nebeneffekt dieser Arbeit war der Spareffekt, ich konnte mir einen lange gehegten Wunsch erfüllen. Aber der Haupteffekt war der Spaß und die Befriedigung, die ich bei dieser Arbeit erlebte.

Konfuzius sagt: Der Weg ist das Ziel – wie recht er damit hat.