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Das Fleisch des Waldes

Es ist September, die ersten Blätter färben sich gelb und abends wird es deutlich kühler, der Sommer geht zu Ende. Mein Vater kommt ins Schwärmen und erzählt mir, wie er als Kind in den großen, herbstlichen Wäldern seiner ostpreußischen Heimat mit seinem Vater Pilze gesammelt hat. Mit jedem Erzählen werden die Pilze und die Mengen größer. Mein Großvater war Landbriefträger in Bergfriede und mit seinem Dienstfahrrad in den kleinen Orten und den abseits gelegenen Gehöften seines Bezirks unterwegs. Sein Weg führte dabei häufig durch den Wald. Auf seiner Rücktour mit leeren Posttaschen füllte er diese mit Pilzen, die er unterwegs sammelte. Mit Speck und Zwiebeln gebraten war das ein köstliches Mittagsessen, das meine Großmutter zubereitete. An seinen freien Tagen nahm er seine Söhne mit in den Wald und zeigte ihnen dort die giftigen und die essbaren Pilze, damit sie den Unterschied kennenlernten.

Hier, im Norden Hamburgs, gibt es auch Wälder in der Umgebung, aber lange nicht solche wie in Ostpreußen sagt mein Vater, dort konnte man sich tagelang im Wald verlaufen. Wie ist es, hast du Lust, mit mir morgen Pilze sammeln zu gehen? fragt er. Morgen ist Sonnabend und mein Vater hat sein freies Wochenende. Gerne gehe ich mit zum Pilze sammeln wir müssen morgen aber früh raus sagt er noch und ich werde ins Bett geschickt, damit ich dann auch ausgeschlafen bin.

Es ist noch dunkel, als ich geweckt werde, und es gibt nur ein kleines Frühstück. Auf dem Gepäckträger des alten Herrenfahrrads wird ein Weidenkorb festgemacht, und dann geht es los. Ich bekomme noch einen Beutel aus Stoff, den ich in der Tasche meiner Regenjacke verstaue. Mein Vater nimmt mich nach vorn auf die Stange des Herrenfahrrades und ich halte mich am Lenker fest. Ein eigenes Rad besitze ich nicht, ich bin auch noch viel zu klein, um darauf fahren zu können. Es ist schummrig und ein leichter Nebel wabert über die Wiesen, als wir am Wäldchen ankommen. Wäldchen heißt bei uns die kleine Schonung an der Glashütter Landstraße, Ecke Lemsahler Weg. Erst vor wenigen Jahren sind hier Fichten in Reih und Glied gepflanzt worden, die jetzt bereits Weihnachtbaumgröße erreicht haben. Die unteren Zweige reichen bis an den Boden und stoßen aneinander, sodass man am besten auf den Knien durch das Wäldchen kriecht, wenn man Pilze finden will. Die Zweige sind noch nass vom morgendlichen Nebel, aber wir sind mit alten Sachen und Regenzeug bekleidet und das Jagdfieber hat uns gepackt.

Aus dem Boden, der voller Tannennadeln liegt, schauen plötzlich ein paar kleine braune, rundliche Kappen hervor. Mein Vater jubelt: Steinpilze, das sind kleine Steinpilze und holt sein kleines Tidax-Taschenmesser mit Perlmutteinlagen aus der Hosentasche. Vorsichtig gräbt er damit die Stiele der Pilze aus und zeigt mir, wie man sie ganz weit unten abschneidet, damit auch im nächsten Jahr noch Pilze wachsen. Wo einer wächst, da wachsen auch noch mehr, schau dich mal um, sagt er zu mir. Da sehe ich auch einen richtig großen mit gelber Unterseite und einem dicken Stiel, ebenfalls ein Steinpilz. Unsere Ernte ist gut und der Weidenkorb füllt sich zusehends. Plötzlich ein Geräusch im dunklen nebligen Wald ‒ ein Rascheln und das Brechen kleiner Zweige. Ganz in der Nähe sind noch andere Pilzsammler unterwegs, wir finden die hellen Schnittstellen, wo die Pilze abgeschnitten wurden. Mein Vater ist sauer: Wir hätten früher aufstehen sollen knurrt er. Komm, wir gehen an eine andere Stelle sagt er dann und erhebt sich von seinen Knien. Der Korb ist schon bis zum Rand mit kleinen und großen Steinpilzen gefüllt und wird jetzt wieder auf dem Gepäckträger verstaut. Ich werde erneut vorne auf die Stange des Rades genommen und halte mich am Lenker fest, der Beutel aus Stoff dient als Sitzkissen. Mein Vater tritt kräftig in die Pedale und fährt den Lemsahler Weg weiter in Richtung Kupferteich.

Dort gibt es ein paar Wiesen, auf denen Kühe friedlich grasen. Er hält an einem Zaun an und hebt mich vom Rad. Dann klettert er über den Zaun, ich passe unten durch, es hat auch Vorteile, wenn man klein ist. Hier auf der Wiese leuchten weiße Pilzkappen schon von weitem aus dem grünen Gras. Mein Vater zeigt mir die Wiesenchampignons, die ganz anders als Steinpilze aussehen. Oben Weiß, mit rosa Lamellen und dem typischen Ring am Stiel kann man sie kaum mit andern, gar giftigen Sorten verwechseln. Hin und herlaufend sammle ich die Champignons ein, die wie gesät an manchen Stellen stehen. Die Kühe schauen sich desinteressiert zu uns um und lassen uns in Ruhe. In Windeseile sind unsere Beutel und Körbe voll mit edlen Speisepilzen und es geht zurück nach Hause.

Wie seht ihr denn aus! ruft meine Mutter, als wir um die Ecke kommen. Nass und verdreckt vom Herumkriechen im Wald und auf der Kuhwiese. Auf dem Kohleherd macht sie mit dem Pfeifkessel Wasser warm und gießt es in eine der beiden Emailschüsseln, die in einer Schublade des Küchentisches verborgen sind. Die Schublade hat zum Abstützen zwei Tischbeine mit kleinen Rädern darunter und lässt sich weit herausziehen. Nach gründlicher Reinigung und mit trockener, sauberer Kleidung darf ich beim Putzen der Pilze mithelfen. Meine Mutter zeigt mir, wie man mit dem Messer vorsichtig die Tannennadeln und Häute an Kappe und Stiel der Pilze entfernt. Die Großen werden dann in Stücke geschnitten, die kleinen Pilze werden im Ganzen gebraten. Zum zweiten Frühstück gibt es, heiß aus Mutters Bratpfanne, Mischpilze mit Speck und Zwiebeln. Wie damals in Ostpreußen, schwärmt mein Vater.

Während der schweren Sturmflut im Februar 1962 gab es in dem Waldstück links des Lemsahler Weges, wo die älteren Fichten mit den großen Stämmen standen, einen Windbruch. Fast der gesamte Baumbestand wurde in einer einzigen Nacht vernichtet. Ein Jahr später wurde ein Industriegebiet errichtet und dort, wo der Wind den Wald wie Streichhölzer knickte, baute nun ein Getränkemarkt Bier-Kühn eine Halle auf. Das chemische Unternehmen Schülke & Mayr errichtete 1963 eine Produktionsanlage für ihre Produkte. Die Fichten des Wäldchens blieben unangetastet und wuchsen zu stattlichen Bäumen heran.

Mit der Änderung des Bebauungsplans Nr. 266 wurde 2008 eine Süderweiterung des Gewerbegebietes Glashütte beschlossen. Das Wäldchen verschwand innerhalb kürzester Zeit, wurde komplett gerodet und die gesamte Fläche zubetoniert. Dort entstand ein Erweiterungsbau der mittlerweile in Schülke + umbenannten Firma, die seit 1996 zur französischen Air Liquide-Gruppe gehört. Offiziell als Logistikzentrum bezeichnet, steht dort heute ein Gefahrstofflager für Gefahrstoffe aller Klassen. Daneben stehen noch ein paar restliche Fichten als Grüngürtel zwischen dem Lager und dem Glashütter Friedhof. Im Bebauungsplan heißt es hierzu:

In der Maßnahmenfläche Wald ist ein schrittweiser Umbau des Fichtenbestandes zu einem standortgerechten vorwiegend Laubwald durch Entnahme von je zwanzig Prozent der Fichten im Abstand von fünf Jahren und Unterbau mit Stiel- und Trauben-Eiche, Hainbuche, Rot-Buche und einzelnen Kiefern vorzunehmen.

Gelegentlich besuche ich heute diesen Ort, den Glashütter Friedhof und das Grab meiner Eltern. Dann denke ich gerne an meine Kindheit zurück und wie wir dort das Fleisch des Waldes gesammelt haben, das meine Mutter mit Speck und Zwiebeln zu einer köstlichen Mahlzeit veredelte.