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Kinderlandverschickung

Der zweite Weltkrieg wurde für die Menschen fühlbar, denn es fielen die ersten Bomben auf Städte und Dörfer. Die ersten zwei Sprengbomben fielen in Garstedt im Styhagen, die nächsten beiden in einen Acker am Schierkamp ca.150 m von unserem Haus entfernt. Das Loch war so groß, dass man unser Haus darin kopfüber hätte versenken können. Die andere Bombe war zwar geborsten, also explodiert, aber sie wurde von Lotti Timm mit einem Spaten ausgebuddelt und wir konnten die einzelnen Teile wieder zusammensetzen. Die fünfte Bombe schlug in einem Vorgarten am Rugenbarg ein und beschädigte die Front des Hauses schwer.

In großen Massen fielen Bomben auf Hamburg und auch auf Elmshorn. Da wurde beschlossen, die Schulkinder zu verschicken, um sie aus der Gefahrenzone heraus zu holen. Garstedter Schüler aus der Mittelschule und andere aus dem Kreis Pinneberg, wozu Garstedt damals noch gehörte, wurden gesammelt und auf die Insel Usedom geschickt. Es war kein Zwang daran teilzunehmen, es war absolut freiwillig.

Haus Rosenhof

Die Jungs aus unseren Klassen wohnten gegenüber im Haus Rosenhof und dort wohnte auch unser Klassenlehrer Hans Brüdt. Foto: 1941

Die Kinder aus den damals drei bestehenden Klassen kamen nach Zinnowitz. Aus unseren beiden noch Volksschulklassen, wir sollten im Herbst in die Mittelschule aufgenommen werden, wurden die Mädchen mit anderen aus dem Kreis Pinneberg im Hotel Michaelis, Heringsdorf, Kaiserstr. 18 untergebracht. Die Jungs aus unseren Klassen wohnten gegenüber im Haus Rosenhof und dort wohnte auch unser Klassenlehrer Hans Brüdt.

Wir bekamen eine Lehrerin aus Elmshorn ‒ Fräulein Schwien ‒ die uns im Hotel unterrichtete. Größere Mädchen aus dem Kreis Pinneberg bekamen eine andere Lehrerin.

Der Tagesablauf begann morgens mit dem Wecken von den BDMDer Bund Deutscher Mädel (BDM oder BdM) war in der Zeit des Nationalsozialismus der weibliche Zweig der Hitlerjugend (HJ).Quelle: Wikipedia.org-Führerinnen, die mit uns gekommen waren. Wir wuschen uns in einer großen Porzellanschüssel mit Wasser, das aus großen bereitstehenden Krügen genommen wurde. Fließendes Wasser gab es nur in den Vorräumen der Toiletten. Danach mussten wir auf dem Vorplatz des Hotels zum Fahne hissen antreten. Dazu wurde ein BDM-Pflichtlied gesungen. Dirigiert wurde das Ganze von den BDM-Führerinnen. Danach gab es Frühstück im ehemaligen Restaurant. Anschließend war Unterricht bis zum Mittagessen.

Am Nachmittag, wenn es das Wetter zuließ, ging es an den Strand zum Burgen bauen oder in den nahe liegenden Wald zum Bickbeeren pflücken. Es wurden auch Geländespiele oder Wanderungen gemacht. Bei schlechtem Wetter blieben wir im Hotel. Dort gab es dann etwas über den Nationalsozialismus zu hören oder wir mussten die sogenannten BDM-Pflichtlieder lernen und singen. Viele dieser Lieder hatten Texte, die wir nicht begriffen, aber immer sangen. Andere waren alte Volkslieder. Den Unterschied haben wir Zehnjährigen sicher nicht bemerkt.

Wenn ich mir heute die Texte durch den Kopf gehen lasse oder ich sie in meinem Liederbuch Wir Mädel singen — das ich immer noch besitze — lese, läuft es mir kalt über den Rücken. Aber so war es. Trotzdem war es eine schöne Zeit und ich möchte sie nicht missen. Die Texte habe ich erst Jahre später begriffen und meine Augen haben sich geöffnet.

Eine andere Sache, die für uns sehr schwer war, war Scharlach, das bei uns ausbrach und uns für fast die ganze Zeit isolierte. Wir durften nicht an den Veranstaltungen der vielen Kinderlandverschickten teilnehmen wie an den Sportfesten oder anderen Wettspielen. Diese Isolation hatte den Vorteil, dass wir das Hinterland von Heringsdorf bis zum Bodden kennenlernten.

Nach dem Abendessen mussten wir wieder auf dem Vorplatz antreten und die Flagge — nein, die Hakenkreuzfahne — wurde wieder eingeholt. Natürlich wieder mit dem Absingen eines der BDM-Lieder. Danach wurde gespielt oder gelesen bis zur Bettruhe.

Die Kinderlandverschickung war eine von den angeordneten Maßnahmen und wurden als Erziehung zum Nazitum genutzt. Ob die Rechnung aufging, wage ich zu bezweifeln, denn nach Kriegsende erkannten wir, was man uns damals angetan hatte. Wer das erkannte, hatte viel begriffen — auch den Widerstand gegen solche Erziehungsmaßnahmen.

Im September ging es für uns wieder zurück nach Schleswig-Holstein und zur Einschulung in die Mittelschule in Garstedt. Viele Hamburger Kinder waren Jahre unterwegs in Deutschland — sie kamen immer wieder in andere Heime der Kinderlandverschickung.

Historischer Hintergrund:

Erweiterte Kinderlandverschickung

KLV-Werbeplakat 1941

Werbeplakat für die erweiterte Kinder­land­ver­schickung. — Quelle: NS-Doku­men­tationszentrum der Stadt Köln
KLV-Werbeplakat 1941

KLV-Werbeplakat von 1941. — Quelle: NS-Doku­men­tationszentrum der Stadt Köln

Als man eine Evakuierung von Schulkindern aus luftgefährdeten Gebieten vorbereitete, griff man auf die Erfahrungen zurück, die man bei der Erholungsverschickung gemacht hatte. Die Quellen geben keine Auskunft darüber, wer die Pläne für eine Evakuierungsaktion entwickelte und vorantrieb. Belegbar ist jedoch, dass Adolf Hitler selbst eingriff und die Aktion auslöste. Zu diesem Zeitpunkt wurde klar, dass England nicht zur Kapitulation bereit war und — wie ein erster schwerer Luftangriff vom 24. September 1940 zeigte — selbst Berlin von britischen Bombern erreicht wurde.

Überwiegend wird beim Stichwort Erweiterte Kinderlandverschickung an die Evakuierung der zehn- bis vierzehnjährigen Schüler und Schülerinnen gedacht. Organisatorisch und personell war die Hitlerjugend (HJ) dafür zuständig. Die Schüler lebten — oftmals gemeinsam mit ihren Klassenkameraden — mehrere Monate lang von ihren Familien getrennt und verbrachten eine wichtige Phase ihrer Entwicklung in einem KLV-Lager.

Am 27. September 1940 schrieb Reichsleiter Martin Bormann in einem vertraulichen Rundschreiben:
„Der Führer hat angeordnet, daß die Jugend aus Gebieten, die immer wieder nächtliche Luftalarme haben…

  Weiterlesen…] Quelle: Wikipedia.org