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Wie Kater Hektor zu seinem Namen kam

Der 4. Juli 1986 versprach ein heißer Sommertag zu werden. Ich hatte Feierabend und fuhr mit der AKN von Hamburg nach Kaltenkirchen. Seit vorigen November wohnten wir mit unserem Sohn Norbert, Schwiegertochter Sabine und Enkel Stefan im neuen Zweifamilienhaus. Ich freute mich auf einen schönen Nachmittag auf der Terrasse mit Stefan, den ich vom Kindergarten abholte.

Stefan war vier Jahre alt. Wir beschlossen, bevor wir nach Hause gingen, noch einen Eisbecher zu essen. Der Heimweg war bei der Hitze beschwerlich und Stefan wurde quengelig und ich bekam immer öfter zu hören: Oma, ich kann nicht mehr laufen. Somit war ich ganz froh, dass uns eine willkommene Abwechslung in Form eines kleinen Kätzchens, weiß mit braun getigerten Flecken und bernsteinfarbenen Augen, über den Weg lief. Es war ein sehr junges Tier, das bei näherem Hinsehen erbärmlich aussah. Abgemagert, das Fell stumpf und die Pfötchen teerverklebt. Es miaute kläglich und ging Stefan um die Beine. Vergessen war der noch vor uns liegende Heimweg. Stefan streichelte das Kätzchen, das sofort zu schnurren begann. Nach einer Weile drängte ich zum Weitergehen und Stefan lockte: Komm Muschi komm. Das Tier lief und sprang neben ihm her, so dass Stefan treuherzig meinte: Oma, die Muschi möchte bei mir bleiben. Ich hatte Bedenken, was würde seine Mutter, meine Schwiegertochter, sagen, zumal ich selbst zwei Katzen habe, den Kater Tommi und die Siamkatze Salome, beide schon etwas betagt.

Ich versuchte meinem Enkel klar zu machen, dass das Kätzchen jemandem gehören wird, obgleich ich daran kaum glauben konnte, bei dem Zustand des Tieres. An der nächsten Straßenecke blieb es sitzen und ich war irgendwie erleichtert, obwohl mir sein Schicksal nicht gleichgültig war. Stefan wollte nun wissen, wem es gehört und warum es so allein auf der Straße herumläuft.

So gut es ging, versuchte ich seine Fragen zu beantworten. Er drehte sich immer wieder um. Das Kätzchen saß noch an der gleichen Stelle und als ob es darauf gewartet hätte, lockte Stefan wieder: Muschi komm. Es fiel fast über seine eigenen Beinchen, so schnell kam es angelaufen und Stefan stellte nun bestimmt fest: Oma, das ist meine Katze, die kommt immer mit mir mit! Da wir fast zu Hause angelangt waren und ich Katzen liebe, war ich einverstanden, dass wir sie erst mal mit nach Hause nehmen. Mit gemischten Gefühlen dachte ich daran, wie meine Schwiegertochter reagieren wird.

Auf der Terrasse bekam das Kätzchen was zu fressen, Katzenfutter war ja im Haus. Nachdem es satt war, legte es sich ganz selbstverständlich auf die Hollywoodschaukel und begann sich zu putzen. Für Stefan und mich holte ich kalte Getränke und Schokoladen-Cremeschnitten, die ich gebacken hatte, aus der Küche. Wir überlegten, wie wir den Kater, was ich inzwischen festgestellt hatte, nennen wollen. Ich schlug vor Mikesch, Oskar oder Felix.

Stefan konnte sich nicht entscheiden und während wir noch überlegten und uns neue Namen ausdachten, war der Kater unbemerkt auf den Tisch gesprungen und machte sich über die Cremeschnitten her. Spontan rief ich: Schau, Hektor an der Cremeschnitte! Stefan war begeistert und ließ keinen anderen Namen mehr gelten. Als meine Schwiegertochter nach Hause kam, zeigte sie auf den Kater, der zusammengerollt und der Hollywoodschaukel schlief und fragte: Wer ist das? Das ist Hektor mein Kater, verkündete Stefan stolz und wir berichteten, wie wir zu ihm gekommen waren. Die Terrassentür hatte ich die ganze Zeit geschlossen gehalten, damit der Kater nicht ins Haus läuft, bevor sein Schicksal geklärt ist, ob er bleiben darf oder nicht. Meine Schwiegertochter öffnete die Terrassentür und sagte: Na, dann willkommen Hektor. Hektor ist der erklärte Liebling aller Kinder unserer Straße. Nur beim Fressen kennt er kein Maß. Ob er nicht vergessen kann, dass es eine Zeit gab, in der er großen Hunger hatte? Mit meinem Kater Tommi hat er sich schnell angefreundet aber mit Madame Salome von Sansebastian, ihr voller Name, stand er noch lange Zeit auf Kriegsfuß.