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Kinderlandverschickung

KLV hieß das Wunderwort im Kriegsjahr 1941. Kinder aus Städten, die im Krieg bombardiert wurden, hat man in weniger gefährdete Städte oder auf dem Land untergebracht, und zwar in Lagern oder in Privatfamilien.

Tante Erna brachte mich zum Bahnhof, ich war acht Jahre alt, meine Mutter hatte, wie so oft, keine Zeit für mich, aus Gründen die ich nicht kannte. Um meinen Hals hatte ich ein Schild auf dem mein Name und der Familie stand, die mich in Plauen im Voigtland aufnehmen wollte. Meine Tante hatte mir erzählt, dass diese Familie eine Fabrik besaßen, in der Bohrer hergestellt werden und sie war überzeugt, es würde mir dort sehr gut gehen.

Der Zug wurde im Hauptbahnhof eingesetzt und die vielen Kinder, die auf dem Bahnsteig standen, stürmten durch die Türen und besetzten Plätze für ihre Freunde. Ich kannte niemanden, denn meine Klassenkameradinnen fuhren alle in ein KLV-Lager, in dem sie alle zusammenblieben. Unsere Familie hatte es erreicht, das mein Cousin Heinz und ich nicht in einem Lager, sondern privat untergebracht wurden. Wer immer diese Idee hatte, es war für uns beide, wie ich später von Heinz erfuhr, keine gute Idee.

So kam es, dass ich Richtung Sachsen und er Richtung Wien fuhr.

Für die Fahrt hatte ich mir ein Buch mitgenommen Der Trotzkopf, in dem die Hauptperson Ilse hieß, genau wie ich. Aber auch die längste Bahnfahrt geht einmal zu Ende und irgendwann erreichten wir unser Ziel. Ich nahm meinen Koffer und stand erwartungsvoll auf dem Bahnsteig inmitten der vielen Kinder, die immer weniger wurden. Einige verließen in Gruppen den Bahnsteig, um andere kümmerten sich Frauen von der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter Partei) und prüften, ob die Kinder von den richtigen Familien, die auf ihrem Schild standen, abgeholt wurden. Langsam leerte sich der Bahnsteig. Von der Familie, bei der ich wohnen sollte, weit und breit nichts zu sehen. Die Betreuerinnen rannten hin und her, fragten hier und dort, aber keiner war bereit mich mitzunehmen. Ein Zug aus Berlin lief im Bahnhof ein, wieder stiegen viele Kinder aus und wurden von Erwachsenen in Empfang genommen. Der Bahnsteig leerte sich wieder und ich stand immer noch allein neben meinem Koffer. Eine junge Frau, die einen Jungen aus Berlin abgeholt hatte, kam auf mich zu und fragte: Wartest du schon lange hier, holt dich niemand ab? Sie hatte auf meinem Schild gelesen, das ich aus Hamburg kam. Ich nickte, sprechen konnte ich nicht, ich hatte einen dicken Kloß im Hals und hätte bestimmt angefangen zu weinen. Eine Betreuerin kam hinzu und beide Frauen unterhielten sich. Nach kurzer Zeit sagte die junge Frau zu mir: Nimm deinen Koffer, du kommst mit zu mir. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich ging mit der Frau und dem Jungen aus Berlin.

Es war nicht weit vom Bahnhof und wir hielten vor einem Mietshaus. Im 1. Stockwerk schloss die Frau die Wohnungstür auf und eine Horde Kinder stürzte sich auf sie und uns. Der Vater erschien mit einem Baby auf dem Arm, schaute seine Frau fragend an und meinte: Wieso zwei? Sie sagte: Es ergab sich so. Ich fühlte mich ziemlich unbehaglich, aber er rief: Na, dann mal rein in die gute Stube!

Das war ein Leben in der Wohnung, das Ehepaar hatte acht Kinder und nun waren wir zehn. Die Kinder machten sich daran, unsere Koffer auszupacken und bestaunten unsere Sachen. Die Süßigkeiten, die wir von zu Hause mitgebracht hatten, wurden ohne Hemmungen gerecht auf alle Kinder verteilt. Für mich als Einzelkind eine ganz neue Erfahrung. Ich musste höchstens mal mit Heinz teilen.

Die Wohnung hatte einen langen Flur, auf dem abends neun Kinder anstanden um ihr Abendbrot in Empfang zu nehmen. Es gab eine dicke Scheibe Brot mit rotem Heringssalat, den habe ich bis heute nie wieder gegessen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals etwas anderes aufs Brot gegeben hat. Morgens gab es für jedes Kind ein trockenes Grahambrötchen und eine Tasse Kakao als Frühstück und mittags nach der Schule eine Kelle voll Eintopf aus einem, wie ich fand, riesigem Topf. Nachts schliefen wir zu je vier Kinder in einem Bett, zwei am Kopfende und zwei am Fußende. Die beiden Kleinsten hatten jeder ein Kinderbett.

Faszinierend fand ich, wie die Windeln des jüngsten Kindes getrocknet wurden. Es war Winter und in der Küche glühte die Herdplatte des Kohleofens. Die nasse Windel wurde mit Schwung auf die glühendheiße Herdplatte geworfen und unter Zischen und heißem Wasserdampf, der die ganze Küche vernebelte, so oft über die Herdplatte gezogen, bis sie trocken war. Sie hatte zwar an einigen Stellen Brandflecken, aber das störte niemanden.

In meinen Briefen, die ich nach Hause schrieb, habe ich bestimmt begeistert geschildert, wie es dort zuging. Eines Tages stand Tante Erna mit einer Frau von der NSDAP vor der Tür und verlangte, sofort meinen Koffer zu packen, für mich hatte man eine andere Familie gefunden. Traurig nahm ich Abschied von den Kindern, ich hatte mich inzwischen so wohl gefühlt, denn es war immer etwas los und man war nie allein.

Ich kam zu einem älteren Hausmeisterehepaar in einer Maschinenfabrik, in der Plauener Spitzen hergestellt wurden. In der Woche waren dort viele Menschen beschäftigt und ab und zu durfte ich zu den jungen Frauen, die im Büro waren. An den Wochenenden aber war es in dem riesigen Gebäude leer und still. Ich hatte ein eigenes Zimmer und konnte in dem großen Garten spielen, aber ich war sehr allein und froh, als ich nach gut einem Jahr wieder zurück nach Hause fuhr.

Grundlage der Kinderlandverschickung (KLV) war ein Führerbefehl von 1940.
Quelle: Rundschreiben des Reichsleiters M. Bormann an die obersten Reichsbehörden und Parteidienststellen vom 27. September 1940; Wiedergabe nach Dabel, G.; KLV-Lager 1940 bis 1945; Freiburg 1981, S. 7.