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In den Mauern von Jericho

Frühjahr 1968

Der Sender schickte mich in den Nahen Osten. Gute Ratschläge gab er mir nicht mit, ich musste mich selbst durchbeißen, und das war nicht leicht, denn ich gehöre einem Jahrgang an, der belastet ist durch die unselige Geschichte des 3. Reiches mit dem entsetzlichen Holocaust. Die Israelis hatten mich sehr kritisch geprüft am Flugplatz Frankfurt, wo am Flugfelde die Panzer drohten, und ich hatte Angst vor der Begegnung mit Menschen, die mein Land einst mit dem Tode bedrohte. Pünktlich in Lod angekommen. In Israel spürte ich den eben gewonnenen Krieg, den 6-Tage-Krieg des Jahres 1967, in dem Israel seine starken arabischen Nachbarn schlug und die Sinaihalbinsel bis zum Suezkanal besetzte sowie die Altstadt von Jerusalem. Ich saß noch kaum im Taxi nach Tel-Aviv, da erzählte mir der Driver in allen Farben berlinischer Beredsamkeit, wie er bei Ausbruch des Krieges, und als das Radio das Geheimsignal Orange sendete, an den Ort des Einsatzes geeilt sei und die Taxe voller Soldaten, kostenlos natürlich, an die Front gefahren hatte. Zeiten waren das, und dieser Mordskerl Mosche Dayan! An den Straßenrändern standen zerfetzte LKW und Tanks und Geschütze, überall die Fahnen Israels und neue Denkmale. Das Land schien im Rausch zu liegen und ich fühlte mich eins mit ihm. Die Menschen auf den Straßen strahlten und waren freundlich und hilfsbereit wie der Friseur aus Breslau, der mir die Haare schnitt und alles noch einmal erzählte. Ich fand ein kleines Vorstadthotel. Den Nachtdienst versah ein freundlicher junger Student, der damit seine Semestergebühren bezahlte. Wir kamen ins Gespräch, über die Vergangenheit, über den nächsten Krieg, an dem er vielleicht teilnehmen würde. Er brachte mich zusammen mit einer munteren jungen Dame, die Englisch konnte und ausgeführt und gefüttert werden wollte. Erstmal jedoch warteten die Recherchen.

Auf der Rückfahrt kaufte ich beim fliegenden Händler am Straßenrand eine große Melone und schlang sie hinunter — Fest des Durstes. Nachtfahrt mit seltsam drohenden Gestalten — sah aus wie Kino. Ich war froh, als mich die Lounge des Hotels in ihre Arme schloss. Dann war ich auf dem Weg ans Tote Meer. Und sah zum ersten Mal und voll ergriffenen Staunens die düsteren Mauern der uralten Stadt Jericho. Ich begriff noch wenig, wollte mit Menschen sprechen, die mehr wussten. War gefangen von dieser uralten Geschichte voller ungelöster Rätsel. Freunde schenkten mir zum Abschied eine Münze aus römischer Zeit mit dem Portrait eines Cäsaren — aber zu dessen Lebzeiten war Jericho schon vergangen.

Frühherbst 1978.

Wieder Israel. Ich suchte Nomaden für meinen Film über Wanderer und Sesshafte im Nahen Osten und machte mich auf den Weg nach Jericho. Erkennbar schon von weitem — aus dem Grau der Landschaft ins Grün der Oase. Die biblischen Posaunen hörte ich nicht, dafür hupende Busse und brüllende Fremdenführer. Hübsche Frauen sah ich. Der braungebrannte Wächter am Eingang saß unter einem bunten Schirm und redete mich im breitesten Berlinisch an, er hatte schon im Berlin der dreißiger Jahre ein Museum gehütet und erlaubte grinsend den Eintritt. Ich stieg hinab in die Tiefen des alten Niveaus, acht, zehn Meter unter der Straße. In den nahe beieinander stehenden, Jahrtausende alten Quadern stand die Hitze und kochte vor sich hin. Ich war gefangen in drückender Stille und dachte an eine ferne, unbegreifbare Vergangenheit. Irgendwie hatte ich das traumhafte Gefühl, unter diesen Steinen mein Erdendasein zu beenden. Was wusste ich, welcher Fluch auf den Ruinen von Jericho am Toten Meer ruhte? Hier war viel Blut geflossen. Ob ich noch einmal kommen und es näher erkunden dürfte — die Steine von Jericho strahlten auf mich eine bohrende Faszination aus. Und die jungen Araber vor den Ruinen boten mir gastlichen Kaffee. Sie hassten Israel und meinten, Adolf Hitler sei doch der Held der Geschichte, und ich möge sein Grab in Deutschland grüßen. Es fiel mir sehr schwer, dies unkommentiert stehen zu lassen, aber so ein Kampf war für den Gast des Landes nicht zu gewinnen. Rundum zogen sich Tausende verlassener Baracken des alten Palästinenser Lagers, erdbraun, wie die Hügel ringsum, trostlos in ihrer Verlassenheit. Wo die Palästinenser jetzt waren, konnte ich nicht erfahren.

Ich kann es nicht lassen und stehe schon wieder vor dem Eingang zu den Ausgrabungen der Burg Jericho. Samuel Goldstein, der Wärter, der aus Berlin-Wedding stammt, lässt mich ein, und ich sitze noch einmal zwischen den dicken Mauern, schwitze und höre nun im Geiste die Posaunen, von denen die Bibel erzählt. Und denke an die Zeit, da die Reisenden auf der alten Karawanenstraße hier am Westufer des Jordan Halt machten und an der Quelle tranken. Hinter diesen dicken Stadtmauern wurden aus den Jägern die Heger und Pflanzer, hier erfanden sie vor endlosen Jahrtausenden den Ackerbau im Fruchtbaren Halbmond, der die Welt von Grund auf veränderte. Die Ernährungskrise, die unsere Welt heute beunruhigt — hier findet man ihren Anfang. Und auch damals hatte es der Mensch mit den Kapriolen des Weltklimas zu tun. Ab 13 500 vor Chr. wurde es rasch warm und im Nahen Osten breiteten sich Wälder und Grassteppen aus. Sie brachten den Jägern und Sammlern gute Beute. Doch um 10 800 vor Chr. kappten Schmelzwasser des abtauenden nordamerikanischen Eisschilds den Golfstrom und für mehr als 1000 Jahre herrschten in Europa und dem Nahen Osten wieder fast eiszeitliche Verhältnisse. Es gilt heute als wahrscheinlich, dass diese Not die Menschen motivierte, jene Pflanzen anzubauen, die sie vorher in großer Menge in der Natur ernten konnten. Um 9500 vor Chr. floss der Golfstrom wieder normal und es wurde wärmer und es entstanden Zentren mit aufwändiger Architektur, wie Jericho. Die Bewohner der Natuf-Kultur bauten Getreide und Hülsenfrüchte an wie Erbsen, Linsen und domestizierten Schafe und Ziegen. Um 7000 vor Chr. erreichten die ersten Bauern Europa.[1]siehe Fußnote 1 Und sie lernten: Nichts wächst ohne Wasser!
Die Anthropologin Maria Hopf aus Mainz grub Mitte der 50er Jahre in Jericho in den Schichten der Vor-Ton-Siedlungen (Pre-Pottery) nach den Anfängen der Pflanzendomestikation, nach dem Beginn der Landwirtschaft, der offenbar von den Frauen mit ihren Grabstöcken erfunden wurde. M.R.Bloch vom Arid Zone Research Institute glaubt, dass das Entstehen der ersten Stadt der Welt, also Jericho, um ungefähr 9000 vor Chr. zeitlich zusammenfällt mit dem schnellen, weltweiten Anstieg des Meeresspiegels und der Überflutung der Küstenebenen.[2]siehe Fußnote 2 Der amerikanische Anthropologe Marvin Harris schrieb 1977: Man weiß heute, dass die frühesten Dörfer im Nahen Osten im Zusammenhang einer SubsistenzwirtschaftOder Bedarfswirtschaft - in der für den eigenen Bedarf produziert wird. gebaut worden sind, die das Sammeln der Samen wilden Weizens, wilder Gerste und anderer Gräser einschloss. Die Breitspektrum-Jäger errichteten die ersten Dörfer, um sich einen Platz zu schaffen, an dem sie das Korn lagern, es zu Mehl mahlen und zu Fladen und Brei verarbeiten konnten. Maria Hopf zeigte mir stolz die schwarz gebrannten Körner des Emmer Triticum monococcum,Triticum monococcum ist eine der ältesten domestizierten Getreidearten. Der Name rührt von dem einzelnen Korn auf der Ährenspindel her. Einkorn stammt vom wilden Weizen (Triticum boeoticum Boiss.) ab, der im Gegensatz zu Einkorn eine brüchige Ährchengabel (Rhachis) hat. Einkorn galt als Vorläufer von Emmer, Dinkel und Saatweizen, bis durch genetische Untersuchungen klargestellt wurde, dass Emmer von Wildem Emmer aus der Südosttürkei abstammt.
Quelle: Wikipedia
des Einkorn Triticum boeoticum, des Weizens T.dicoccoides und der frühen Gerste Hordeum distichum, die sie in Jericho ergraben hatte. Alle diese Nahrungspflanzen waren von den frühen Farmern aus verwandten lokalen Formen kultiviert bzw. gezüchtet worden.
Man kann sagen: Hinter dicken Mauern wurde die Landwirtschaft erfunden, man glaubt es nicht.

Unruhig wanderte ich ins Israel-Museum und zur kenntnisreichen Madame Levitt. Sie zeigte mir die Glaskästen mit den fantastischen Funden aus der Frühzeit des Landes. Wir redeten über das Wissen der Alten und über frühe Quellen. Levitt verwies an Wanda, die alles wüsste. Ich fand sie in der Altstadt gegenüber der großen Mauer. Im grünen Park das Rockefeller-Museum, schweigende Hallen, Bilder, Statuen, Bücher. Aus finsterem Gewölbe trat die uralte Wanda, gleich und sofort wollte sie alles für mich heraussuchen.

Ich versuchte im Israel-Museum kostbare Vitrinen zu fotografieren, die nur widerwillig für mich geöffnet wurden. Ich fotografierte Kupferfiguren, Tiersymbole, Knochenhäuser aus gebranntem Ton, die Sinai-Halle, das Talmud-Mosaik, das Arad-Modell. Schlechtes Licht, Blitz ging nicht überall. Weiß nicht warum.
Im jungsteinzeitlichen Jericho erschreckten mich die mit Gipsmasse übermodellierten Ahnenschädel, die man in Wohnungen aufbewahrte. Sie schauten mich unwirsch aus gläsernen Augen an. Die vorgeschichtliche Stadt wurde um 15oo vor Chr, zerstört.

Professorin Dr. Amiran wartete auf mich, zusammen mit ihrer emsigen Assistentin Ruth. Sie zeigte mir verkohlte Getreidekörner aus Jericho auf Tonschalen. Jahrtausende alt. Passende Tonvasen. Frau Amiran und die Berliner Archäologin Prof. Strommenger kennen und lieben sich. Ich musste Stunden in der Rockefeller-Bibliothek zubringen, wo Wanda mir half, alte Karten zu finden und zu lesen. Durch Zufall stießen wir auf ein Mosaik aus dem 6.Jahrhundert, das eine Talmudpassage wiedergibt, die sich auf den geregelten Anbau bestimmter Früchte bezieht. Und dann stellte mir Frau Dr. Amiran mit Hilfe von jungen Leuten zentnerschwere Vasen aus dem 3. Jahrtausend vor Chr. auf den Rasen vor dem Museum, damit ich sie würdig fotografierte.

Wanda brachte mich zur kenntnisreichen Kuratorin Michal Dayagi-Mendels, die mir viel erzählte und ihre hübsche braungebrannte Hand lieh für das Foto eines Rings aus Malachit, dem Erz von Timna. Ich sah uralte Toten-Schädel mit Glas in den Augenhöhlen, und Kisten voller Funde aus Jericho. Mittags traf ich im Museum die Archäologin Tama Noy. Sie hatte Hervorragendes geleistet bei der Stilanalyse von den verschiedenen Pfeil-Schäftungen und —spitzen aus Jericho. Ihr Sein zeigten, dass die Natuf-Leute sich oft gegen habgierige Eindringlinge haben wehren müssen. Der Assistent machte für mich einige schöne Zeichnungen von edlen Pfeilspitzen aus Flint. Ich hätte sie sammeln und hüten mögen.

Wer von Jerusalem ans Tote Meer fährt, kommt immer auch an Jericho vorbei. Wieder ließ der Wärter mich hinabsteigen in die hitzeglühende Welt der tiefen Stadtmauern, die um 8050 vor Chr. errichtet wurden — (deshalb nennt man Jericho die älteste Stadt der Welt) und ich las im Alten Testament. Da wird rühmend von der Dame Rahab erzählt, die zwei feindliche Agenten bei sich versteckte, dass sie nicht in die Hände des Königs von Jericho fielen. Sogar ein Signal in Form eines roten Seils hat Rahab bereit gemacht, dass die Agenten wussten, wenn die Luft rein war. Da ließ sie dieselben am Seil durchs Fenster hernieder, denn ihr Haus war an der Stadtmauer, und sie wohnte auch auf der Mauer. (Josua 2, 3-4). Tagsüber wird die mutige Rahab zum Orts-Brunnen gegangen sein, um Wasser zu schöpfen für Haus und Garten.
Auch das Neue Testament kennt Jericho. Nach Lucas 19, 1-10 traf Jesus dort den Zöllner Zachäus und heilte nach Lukas 18, 35-43 und Markus 10, 46-52 den Blinden Bartimäus, des Timäus Sohn, nach Matthäus 20, 29-34 sogar zwei Blinde.

Ich war diesen geheimnisvollen Mauern voller alter Geschichten verfallen, sie verfolgten mich in die Träume, wie alte bunte Märchen aus unnennbarer Vergangenheit, aber ich werde nie wieder nach Jericho reisen können. Seit dem 16. März 2005 steht die älteste Stadt unter palästinensischer Kontrolle.

Ob unter israelischer Verwaltung, ob unter palästinensischer: Jericho ist ein großes ehrwürdiges Erbe aus frühester Vergangenheit und muss erhalten bleiben und gepflegt werden für alle unsere Nachkommen.

[1] Gronenborn, Detlef (2005): Die ersten Bauern in Europa Freundliche Übernahme, Spektrum der Wissenschaft Februar 2005

[2] Lamb, H.H. (1982): Klima und Kulturgeschichte. Reinbek

Literatur:

Noy, Tamar: In the Footsteps of early Hunters. Arrowheads from the collection of F.Burian and E.Friedman, Jerusalem
Hopf, Maria: Plant remains and early farming in Jericho. London 1969