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1949 — Ein mühsamer Weg in die Normalität

Jeden Tag fuhr ich mit der Linie 4 die Holtenauer Straße hinunter Richtung Stadt, und hatte Zeit, nachzudenken über den Weg, den wir bisher gegangen waren, seit 1945 mit der Kapitulation alles zu Ende gewesen war, an das wir geglaubt hatten. Und jetzt? Waren wir in eine neue Zeit geworfen worden und wie würde die Zukunft aussehen? Wir wussten so wenig über unser Schicksal, fast nichts.
Osram — hell wie der lichte Tag, war der Slogan des Jahres 1949. Erfunden wurden Turnschuhe, Haarspray, die Currywurst und die Atomuhr.

Bonn wurde Sitz der Regierung, das Grundgesetz unterzeichnet. Das farbige Wahlplakat zeigte Konrad Adenauers Charakterkopf und darunter lapidar: Wählt CDU. Daneben Es geht um Deutschland — FDP; und Sauberkeit im Staat, wählt DP oder einfach Wählt SPD. Die Deutschen hatten wieder einen funktionierenden ordentlichen Staat, auch wenn es nicht alle gleich merkten. Im Ruhrgebiet breitete sich der Widerstand aus gegen die als sinnlos empfundenen Demontagen der Industrieanlagen. In Schleswig-Holstein trat auf Druck der Fraktion Hermann Lüdemann zurück, ihm folgte als Ministerpräsident der SPD-Mann Bruno Diekmann, und der wollte den sozialen Wohnungsbau fördern und neue Hilfe finden für die Flüchtlinge und die Arbeitslosen.

Der Hit im Karneval war: Wer soll das bezahlen. Die US-amerikanischen Soldatensender boten den beliebter werdenden Jazz in vielen Variationen. Kieler Studenten gründeten 1947 ihr kritisch-politisches Kabarett Die Amnestierten, das guten Zulauf erhielt. Abertausend Hoffnungsvolle scharten sich um den Wunderheiler Bruno Gröning, der mit Stanniolkugeln und Handauflegen wunderheilte, angeblich auch Tuberkulose und offiziell streng verboten war. Derweil sonnten sich betuchte Badegäste in den Strandkörben von Travemünde. Die Illustrierten blendeten die Leser mit Bildern von der Hochzeit des Prinzen Ali Khan, der in Cannes den Filmstar Rita Hayworth nach islamischem Ritus ehelichte. Andere entsetzten sich über die düsteren Visionen des Buches 1984 von Orwell, das auf dem Ladentisch lag. Bewegend für junge und alte Menschen war der Film Liebe 47, der nach dem Stück von Borchert Draußen vor der Tür gedreht worden war.
Zuhause lasen wir im druckfrischen Exemplar der deutschen Ausgabe von Christopher Fry, Die Dame ist nicht fürs Feuer, ein Hit der Saison, Cerams Götter, Gräber und Gelehrte, und Ernst Jüngers Tagebuch Strahlungen. Nicht satt hören konnten wir uns an der Zithermusik mit dem Harry Lime Thema in Der 3. Mann- ein Ohrwurm, wie man ihn seit Lale Andersens Unter der Laterne nicht genossen hatte.

Vier Jahre nach dem Bombenhagel des 2. Weltkriegs war eine gewisse Normalität eingetreten, und sie traf auch unsere Familie. Mein erlernter Beruf als Bandmusiker war der neuen Wirtschaftsordnung nicht gewachsen. Er war gut genug gewesen für die wilden Jahre der englischen Besatzung, des unbezahlten und unbezahlbaren Vergnügens, mit dem Leben des lustigen Musikanten, der aufspielt, wenn die Herrschaften es befehlen und ihm die Münze zuwerfen. Es waren verwehte Akkorde. Und nun? Was ließ sich tun, was erlernen, um den Bedingungen der neuen Ökonomie gewachsen zu sein und in der Lage, die Familie am Funktionieren zu halten? Die Familie bestand nur noch aus zwei Männern und einem Kind, die zwei Männer trafen sich alle Woche auf dem Arbeitsamt, um ihre paar Mark Arbeitslosengeld abzuholen gegen Quittung und in bar. Dann kam die Mutter hinzu.
Mutter Erika hatte das Sanatorium hinter sich, geheilt oder nicht, wusste niemand zu sagen. Sie waltete ihres Amtes, zur Freude des Kindes Rüdiger, das die Männerherrschaft satt hatte. Meine große Liebe, die Salondame Katharina am Stadttheater, kühlte ab. Die großgewachsene Diva ging die Ehe ein mit einem Gartenzwerg, dem Chefredakteur der Kieler Volkszeitung. Alexander soll seine Katharina schon in der Hochzeitsnacht betrogen haben, meinten die Kieler Auguren. Immerhin lud man mich zum großen Besäufnis ein. Es wurde ein rauschendes Fest. Gegen Mitternacht fand ich mich unter einem großen, voll beladenen Tisch. Und stieß dort im Dunklen auf einen jüngeren Mann, der sich als Alphons vorstellte und mit schwerer Zunge Erhebendes von sich gab über die ungeheure Bedeutung des Jazz für die deutsche Kultur. Ich stimmte bei und wir waren bald einig. Dann verriet jener, er sei beschäftigt in einer Konzertdirektion, habe aber keine Lust und wolle dringend zurück ins Rheinland, wo er Redakteur bei den Düsseldorfer Nachrichten gewesen sei, und seine Braut meine das auch. Ob ich vielleicht seinen Arbeitsplatz wolle? Ich hatte keine Ahnung, sagte aber klar natürlich. Es wurde heller Morgen, als wir miteinander zur Moltkestraße wankten, dort wohnte Ottilie, die Braut. Sie empfing die versoffenen Kerle freundlich, kochte starken Kaffee und ich schied von hinnen.

Und saß ein paar Tage später einem alten Herrn gegenüber, der streng blickte und einen steifen Kragen trug und ein Plastron mit Brillantnadel. Ich dachte an die Buddenbrocks und war nach einer halben Stunde engagiert als Leiter der Konzertdirektion Walter G. Mühlau, mit der Aufgabe, Auftritte von Künstlern und Geistesgrößen werblich zu gestalten und zu unterstützen und Plakate in Auftrag zu geben und bei den Klavier- und Leseabenden anwesend zu sein und die Gäste zu betreuen. Das Honorar war kläglich, aber irgend etwas reizte mich an dieser Künstleratmosphäre — ich fing an, am 15. Juli 1949. Und wurde sogleich überfallen vom 200.Geburtstag des Dichterfürsten, denn der Laden war die Geschäftsstelle der Goethe-Gesellschaft Kiel, gegründet 1947. Ein Club klassisch gebildeter Bürger. Die Mitgliederversammlung hatte beschlossen: Da nunmehr damit gerechnet werden kann, dass Professor Dr.Wolfgang Liepe, aus Chicago heimkehrend, den Lehrstuhl für Literaturwissenschaft an der Kieler Universität wieder aufnehmen wird, soll auf vielseitigen Wunsch der Vorsitz der Goethe-Gesellschaft für ihn aufgehoben werden. Mich warf man ins Geschehen der Festlichkeiten. Im Gemeindesaal war ein würdiger Rahmen gefunden worden. Draußen lief man über ein Mosaik, auf dem stand, Der Herr ist meines Fußes Leuchte, so war unter uns der Name Fußes Leuchte gültig. Drinnen musste ich Stühle in Reihen sortieren und etwas auf dem Podium gut aussehen lassen. Die Vortragenden waren würdig und steif und von Goethe durchdrungen, imprägniert. Mathias Wieman las mit warmer Stimme die Rezitation Goethes Leben im Gedicht; Manfred Hausmann signierte seine Bücher und sprach Gefahr und Rettung — Goethe 1949; Rita Hirschfeld spielte Werke von Bach auf einem geliehenen Bechstein Flügel; Hans Blumenberg sprach gelehrt über Paul Valérys Vergegenwärtigung des Faust und Hermann Gmelin erfreute mit Das französische Goethe-Bild in der Gegenwart. Das waren schwere Kaliber, und nicht alle der stumm sitzenden Zuhörer verstanden auch alles. Da der Saal mit dem Interieur nur gemietet war, durfte man die Zettel mit den Sitznummern nicht mit schnöden Heftzwecken anpinnen. Ich setzte mich an Mutters Nähmaschine — und nähte aus rotem Tuch, billig erworben, endlose Stoffstreifen, die mit angenähtem Bändchen am Stuhl befestigt werden konnten, aus Gummi fertigte ich einen Stempel und druckte mit ihm die Nummern in weißer Farbe drauf — sehr hübsch! Chef Hunke bewilligt mir ein Sonderhonorar von einem D-Pfennig pro Stück und ich fühlte mich fürstlich belohnt. Eleonore war zu meiner großen Liebe geworden und machte tapfer alles mit, auch Goethe.

Wir litten unter der Unbedingtheit des Kuppelparagraphen, der Eltern verbot, jungen Leuten eine zur Liebe geeignete Heimstätte zu gewähren, bevor sie die Ringe getauscht hatten. Wohin mit den jungen Trieben? Es blieben kalte Parkbänke und dunkle Treppenhäuser, wo immer das Licht anging, wenn es spannend wurde. Und im Sommer strampelten wir auf Fahrrädern ins Felmer Moor mit seinen weichen Moospolstern.
Und redeten von den Chancen, die der Globus zu bieten hatte, jetzt, da man reisen durfte, sollten wir auswandern nach Canada oder Australien? Wir waren noch keine Weltbürger, wir hatten in der Provinz zu bleiben, bescheiden, wie es sich gehörte für frisch gebackene Bundesbürger.

Ich erlebte feierliche Ereignisse, als Cheftochter Dr. Waltraud mich mitnahm nach Hamburg per Anhalter eine weite Reise, um im Schauspielhaus die große Hermine Körner zu sehen in ihrer Glanzrolle der Irren von Chailot. Durfte in Hamburg in der Speicherstadt einen der Großen des Buches besuchen, Ernst Rowohlt im dicht verqualmten Zimmerchen, Manuskripte bis an die Decke, in der Mitte das mittelalterliche Taufbecken als Aschbecher und Rowohlt mit Stentorstimme: Ich lese nie! rief. Und hatte doch soeben Buchhandelsgeschichte geschrieben mit seinen Taschenbüchern, die das Leseverhalten der Deutschen gründlich verändern würden. Betäubt wanderte ich von dannen und dachte: Wer so groß einmal werden könnte. Solche Taschenbücher mochten Universitätsbuchhandlungen gar nicht so gern, sie waren keine richtigen gebundenen Bücher, diese Vorbehalte änderten sich erst mit den Jahren. Inzwischen war ich Buchhandelslehrling geworden, weil mein Chef das für krisensicherer hielt. Chef Hunke verordnete uns, mindestens drei neu erschienene Bücher im Monat zu lesen und in großer Runde darüber eingehend und profund zu berichten. Denn wir sollten in der Lage sein, unsere lesenden Kunden fachgerecht über die neue Literatur zu unterrichten — mit dem Gedanken, sie möchten das Buch doch bitte kaufen. Von viel versprechenden Titeln bestellten wir beim Verlag eine Partie (11/10) und legten sie gut sichtbar neben die Kasse auf den Ladentisch. Bücher von Manfred Hausmann zum Beispiel oder von Hemingway.

Eleonore und ich gingen nebenher zur Handelsschule, hörten von moderner und alter Literatur, vom Göttinger Hainbund (dessen Mitglieder ich nicht aufsagen konnte) und doppelter Buchhaltung, wurden geprüft und bekamen pompöse Urkunden, durften uns Buchhandelsgehilfen nennen. Wir durften Lehrlinge ausbilden und unser Wissen weitergeben. Man nannte uns Sortimenter. Was Feineres gab es nicht im Buchhandel — damals.