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Mit Musik nach Paris

Mein Urgroßvater F.W.Voigt erlebt den Feldzug 1870/71

F.W.Voigt

Friedrich-Wilhelm Voigt ist am 22. März 1833 in Koblenz als Sohn eines Kapellmeisters geboren. Er studierte Musik und Komposition in Köln und an der Akademie der schönen Künste zu Berlin. Der Preußische König holte ihn als Kapellmeister des 1.Garderegiments zu Fuß nach Potsdam. Am 15. 10. 1859 heiratete er in Berlin die schöne, musikalische Pauline Dumack. Neben seiner Tätigkeit als Kapellmeister und später als Heeres-Musikinspizient hat V. zahlreiche Polkas, Oratorien, Psalmen und Militärmärsche komponiert, von denen einige noch heute in der Bundeswehr gespielt werden. Als Kind habe ich FW’s ältesten Sohn kennengelernt, der hatte die Notizen und Briefe seines Vaters aufgehoben, daher konnte die folgende Geschichte geschrieben werden.

Nach der Kriegserklärung an Frankreich zieht das 1. Garderegiment zu Fuß ins Feld. Im Morgengrauen des 29. Juli 1870 marschiert das Regiment unter begeisterter Anteilnahme der Bevölkerung von Potsdam nach Berlin, von der Musik bis zur Glienicker Brücke begleitet. Die Hoboisten [Militärmusiker] müssen bei großer Hitze und weiten Wegen in Berlin mit dem Tornister marschieren. Voigt schreibt von unterwegs stets in Eile mit dem Bleistift. Die Musik hättest du hören müssen, ich habe mich geschämt, und wäre am liebsten in die Erde gesunken, aber trotz aller meiner Bitten um Beförderung der Tornister konnte ich es nicht ändern.

30. Juli. Einschiffung und Fahrt in Kähnen bis Mannheim. Mit klingendem Spiel über den Rhein nach Frankenthal in der Pfalz. Hier gibt Voigt ein Konzert mit vaterländischen Stücken. Die außerordentliche Anhäufung von Truppen im Grenzgebiet hat große Teuerung zur Folge, ein Pfund Butter kostet jetzt einen Thaler.

Voigt schreibt:
Drei Nächte habe ich schon unter dem himmlischen Sternenmantel zugebracht, durchnässt bis auf die Haut, in den nassen Sachen ohne Schlaf, am Biwakfeuer kauernd, und dann mit der schweren Last marschieren — marschieren. Die Feldpost bleibt aus seit dem Ausrücken aus Berlin, keine Zeitungen. Der Oberbefehlshaber weiß kaum, was in der Welt vorgeht. So schlängeln sich die Kolonnen in düsterem Schweigen auf dem aufgeweichten Wege. Die Uniform verschmutzt. Geputzt kann nichts werden. Die Verpflegung besteht aus Reis mit Fleisch vom eben geschlachteten Rind. Es wird von sechs bis zwei Uhr marschiert, bisweilen auch länger. Die Biwaks sind nachts sehr kalt, während am Tage eine Siedehitze herrscht. Die Verpflegung kann nicht immer dem schnellen Vormarsch folgen, doch gibt es annehmbaren, roten Landwein, der stärkt und gut bekommt. Das ‚Wandern’ wird einem schließlich über, doch könnte man sich mit dem Unabänderlichen abfinden, wenn nur die Vorgesetzten nicht gar zu energisch wären, was die Stimmung trübt. Die Stimmung ist nicht allzu rosig; denn die Zukunft ist dunkel. Was mag noch alles dazwischenliegen, und wie viele werden wirklich heimkehren? Hier sieht man so recht, wie sehr der schwache Mensch die Gottheit suchen muß. Wohl dem, der sie findet!

Am 7. August bringt ein heransprengender Offizier die Meldung vom Sieg bei Weißenburg und Wörth. Jubel in der Truppe. Die Musik spielt den Pariser Einzugsmarsch, die Leute tanzten, alle Müdigkeit war vergessen. Nachricht aus Potsdam. Eines der Voigt-Kinder will den Pariser Einzugsmarsch auf dem Klavier einüben, den muß die musikkundige Mutter Pauline erst leichter setzen, weil er im Original für den Neunjährigen zu schwierig ist. Pauline berichtet von einem Zwischenfall. Der Superintendent Schulze hatte im Gemeindeboten geschrieben, unsere Hoffahrt und Hochmut hätten Schuld an dem Kriege. Napoleon und seine Krieger wären Gottes Werkzeuge, uns zu strafen. Zum Lohn dafür brachten ihm Scharen der erregten Bevölkerung eine Katzenmusik. Man nannte ihn Napoleons Handlanger und sang vaterländische Lieder.

18. August. Biwak am Schlachtfeld. Korpsaufstellung, Angriff auf St.Marie aux Chènes, St.Privat. Der König kommt in der Nähe des Regiments vorbei, die Musik spielt Heil dir im Siegeskranz.

Wir gingen zu Anfang mit hinein, u.a. unter den Klängen des Yorkschen Marsches. Dann wurde ich mit dem Musikchor zurückgeschickt, doch heulten über und um uns die Granaten. Wir haben alles mit angesehen, aber es war entsetzlich. Der Jammer und das Elend sind groß. Das Regiment ist um mehr als die Hälfte zusammengeschmolzen. Viele Brave sind gefallen. Mein Oberst von Röder und sechs Offiziere; Feldwebel tot, 27 Offiziere schwer verwundet. Das Begräbnis anzusehen war erschütternd. Auf einem schlichten Brett wurden die Toten ohne alle Umstände der Erde übergeben. In den Dörfern liegen die Häuser, Straßen, Gärte alle voll von Verwundeten, doch sind sie noch nicht alle vom Schlachtfeld zu besorgen gewesen. Wir waren am Abend des 18. auf einer Höhe sechs Musikchöre zusammen; es war schon dunkel, als es stiller wurde und wir Hurrarufe hörten. Rasch wurde von allen Heil dir im Siegerkranz angestimmt, was gewaltigen Eindruck verursachte. Dann biwakierten wir dort und suchten am anderen Morgen unser Regiment, wo wir von den schmerzlichen Verlusten erfuhren. Aussehn tun wir durch Staub und Hitze wie die Räuber.

31. August. In Eilmärschen nach Sedan, über Xonville, St.Michel, Buzancy, Blany, der ausweichenden Armee Mac Mahons auf den Fersen.

Wie es heißt, sollen wir etwas Ruhe haben, das wäre ganz gut, denn wir sind alle derangiert. Gestern habe ich auch meinen Koffer bekommen und bin nun wieder etwas in Ordnung. Auch habe ich mich heut morgen vernünftig waschen können. Wir sind alle braungebrannt wie Zigeuner, dazu die Bärte, wirklich furchtbar anzusehen. Unsere Instrumente leiden auch sehr. Jeden Tag ist Abendmusik beim General von Kessel, der wohl auf und im stärksten Feuer unversehrt geblieben ist, der die größte Kaltblütigkeit bewahrte und durch Zurufe ständig die Leute anfeuerte. Unser schönes stolzes Regiment, wie ist es dünn geworden, kaum noch die Hälfte seines Bestandes. Sollen alle die Braven ungerächt bleiben? Die Franzosen sollen aber erfahren, was preußische Hiebe sind. Hier wachsen Unmassen von gelben Mirabellen; sie schmecken sehr gut, man muß sich aber mit dem Obst in Acht nehmen, denn Durchfälle sind im besten Gange. Rotwein ist gut dagegen.

26. August. Vaubecourt
Mit der Gesundheit geht es so. Vor allem müssen die Füße gut sein. Denke doch, was wir in den vier Wochen zusammengelaufen haben, und ich habe alles mitgemacht. Alarm 11 Uhr. Ausrücken in regen und Matsch, bis 12 Uhr, dann in einem Stall geschlafen, alles an, ganz naß. Kaffee von Hause erhalten, tat gute Dienste. Die Nächte sind kalt, und oft geht es schon morgens um drei Uhr und häufig ohne Kaffee fort. Lebensmittel sind sehr knapp, und wir leben infolgedessen recht dürftig. Wir knabbern den harten Zwieback. Durch die zwei letzten Märsche haben meine Füße gelitten, bin etwas gefahren. Die Kälte und der viele Regen wirken sehr nachteilig, da wir meist im Freien sind und die Bekleidung immer naß und klamm ist. Die Jacke, die du mir gesandt hast, ist wie vom Himmel geschickt. Ebenso ist Kaffee immer willkommen. Heute (Sonntag) furchtbarer Regen, weshalb wir hier in Quartier kamen. Das ganze Musikchor liegt auf einem Heuboden.

Givonne, den 3. September. Große entscheidende Schlacht bei Sedan. Napoleon gefangen. Der König und Kronprinz bei uns im Lager. Großer Jubel. Gegen Abend Gottesdienst auf dem Schlachtfeld. Strömender Regen.

Connage, den 6. September. Ermattung macht nach den großen Strapazen sich fühlbar. Verpflegung sehr unregelmäßig. Mittagessen selten. Das französische Brot ist zu weich und sättigt nicht. Die Bewohner glauben unsern Erzählungen nicht und meinen, wir seien auf der Flucht.

Der Musikdirektor des 1. Garderegiments zu Fuß sandte seiner Gattin am 5. Nov. 1870 Blumen aus Villiers le Bel vor Paris. Der Begleitzettel lautet: Die Blumen sind heute, den 5. Nov., hier in einem großen Garten gepflückt, wo noch tausende von Blumen blühen.
Fr.W.Voigt

Craonelle, den 12. September 1870. Ich ließ im Garten unsere Musik spielen. Wenn Du doch an meiner Seite hättest sitzen können! Die Musik wurde sehr bewundert und mit sehr schönem Obst und Wein regaliert. Mir fehlen von Kranken neun Mann, die unterwegs sind, sie fehlen mir sehr beim Musizieren. Lange nach dem 18.8. (St.Privat) hat er (der König) es vermieden, zu unserem Regiment zu kommen, weil er, wie er sagen ließ, sich erst an den Gedanken (der schweren Verluste) gewöhnen müsse. Als er im Biwak von Sedan nach der Schlacht erschien, da sprach er große Worte des Dankes, aber auch des Bedauerns. Unter Tränen ritt er rasch weiter. Neulich brachte ich dem Kronprinzen von Sachsen, Führer der IV.Armee, eine Abendmusik, welcher sehr erfreut war und sich lange mit mir unterhielt. Die Sachsen sind jetzt glücklich und gehoben durch die Siege, die sie miterrangen.

Mitry, den 18. September. Die Ortschaften, die wir heut passiert haben, sind menschenleer. Beim Orte brennen alle Getreidemieten, die auf den Feldern stehen. Das Vieh ist fortgetrieben, nichts zu haben. Ohne Lieferung wären wir aufgeschrieben.

Aus der Heimat haben Wiedergenesene viele Sachen und Erfrischungen mitgebracht, an Liebesgaben erhält jeder Mann 40 Zigarren. In Gonesse hat Voigt einen famosen Fund an einer großen Pauke gemacht, der uns umso angenehmer, als die Potsdamer Pauke total entzwei war.

Gonesse, den 22. September. Paris ist erreicht. Marschierten über quergelegte Bäume, aufgerissenes Pflaster auf der Chaussee bis Gonesse, wo wir einquartiert wurden, d.h. in verlassenen, teilweise von den Franzosen in Brand gesteckten Häusern. Es ist eine schreckliche Verwüstung. Paris ist von allen Armeen mit einem festen Ring umschlossen und soll belagert werden. Es werden Schanzen aufgeworfen. Die Wasserleitung nach Paris ist abgeschnitten. Das Gebäude, wohin ich mit dem Chor gekommen, besteht aus mehreren zusammenhängenden Häusern und hat Apotheke, Destillation und Materialgeschäft. Wir fanden, als die Türen mit Kolben und Äxten geöffnet wurden, viel Brauchbares. In der Apotheke, die vollständig assortiert war, wurden anfangs die Flaschen und Medikamente nur so herumgeworfen, bis die Ärzte eingriffen. Den ganzen Tag Fuhrwerke und Reiter auf den Straßen. Erst kochten die Soldaten in den Rinnsteinen, bis das anders eingerichtet wurde. Bettzeug und Möbel sind meist fort, manches wird entdeckt und bejubelt ans Tageslicht gezogen, so ein Weinlager, darunter Champagner, das in unserem Hof vergraben war.

Das Quartier wurde mit Hilfe Abrahams, des Schellenbaumträgers, wohnlich eingerichtet, aber zwei Tage ist Schmalhans Küchenmeister, weil die Lieferungen ausgeblieben.

Wir aßen ausgebuddelte Kartoffeln mit Salz, dazu ein Stück Schinken. Als Nachtisch gab es das schönste Obst, Birnen, Äpfel, Weintrauben. Hier sind die herrlichsten Villen, wahrscheinlich reichen Franzosen aus Paris gehörend. Da wohnen unsere Generale und Offiziere, dazu bekommen sie Musik von uns. Den ersten Tag war es hier überaus lustig. Die Soldaten zogen in der abenteuerlichsten Kostümierung, mit Masken, gefundenen Instrumenten durch die Straßen, Bilder von Napoleon tragend, ausgeputzt als Damen auf Velozipeden. Es war ein toller Auftritt.

Es war ein eigenes Gefühl, als wir in der glänzenden Herbstsonne die Türme von Notre Dame, die Kuppeln des Pantheon und des Invalidendoms erblickten, als die Hauptstadt des übermütigen Feindes engumschlossen zu unseren Füßen lag. Die Lagerstätte bestand aus Feldbett, Matratze und Mantel, an dessen Stelle später zwei wollene Decken traten.
Dies Gonesse ist der Ort, wo Offenbachs Operette Die Verlobung bei der Laterne spielt. Habe ich schon von dem beliebten Braten in Frankreich geschrieben? Acht Tage hintereinander haben wir Karnickelbraten gegessen; er schmeckt ganz gut, als Ragout mit Pfeffer. Aber immer wieder ‚lapin’?

Abraham hat in einem Garten eines dieser Pelztiere entdeckt und ist ihm drei Tage nachgeschlichen, bis es ihm gelang, es der Bratpfanne zuzuführen. Hiermit setzt die Einschließung von Paris ein, die über viele Monate hin sich noch erstrecken sollte. Diese wenig abwechslungsreiche Zeit, die wegen unzureichender Verpflegung und winterlicher Einflüsse manche Entbehrungen mit sich bringt, wird ausgefüllt mit Proben, Komponieren, Musikmachen bei den Vorgesetzten und Konzerten, ferner mit Schriftwechsel, teils nach Hause, teils an die Musikverleger Bote & Bock, Bahn, Lienau.

Gonesse, den 26. September. Jetzt gibt es nur noch halbe Lieferung. Milch, Butter, Eier kenne ich nur noch aus der Erinnerung. Tag und Nacht sind die Mannschaften zu den Erdarbeiten kommandiert, nur fehlt uns noch das Belagerungsgeschütz.

Bericht von Kessel: Voigt hat sich bis jetzt noch nicht bewogen gefunden, einen Marsch zu komponieren, er ist infolge der anstrengenden Märsche noch so erschöpft, dass sein Gehirn für Komposition nicht gestimmt ist. Nach dem Frühstück musste ich dem König die hier erbeutete Pauke durch Voigt vorstellen. Als Voigt hörte, dass der Erbprinz von Anhalt-Dessau bei mir sei, intonierte er von selbst den Dessauer Marsch, was den Prinzen sehr rührte. Eben war Voigt bei mir, um mir zu melden, dass er einen neuen Marsch (noch nicht getauft) komponiert habe und nebenan im Garten einüben wolle.

Gonesse, den 30. September. Vorgestern war der König hier. Da hatte ich Ehrenwache und auch bei Tafel zu spielen. Er bekam durch Moltke gerade die Nachricht, dass Straßburg kapituliert habe, wozu der König bemerkte, ‚wenn wir nur erst mit Metz soweit wären’. Majestät sprach auch mit mir, erkundigte sich nach dem Chor und fragte, ob von uns welche gefallen wären und gab seiner Befriedigung darüber Ausdruck, dass wir uns so gut gehalten. Ich muß mich allerdings durchschlagen, so gut es geht; denn es fehlen mir noch acht gute Kräfte, die ich sehr vermisse. Hier wird morgens exerziert, da hat man so allerlei zu tun. Jeden Tag ist Musik bei den Generalen oder übrigen Vorgesetzten. Wir kommen nicht aus der Übung.

Gonesse, den 3. Oktober. Um den Frauen der Hoboisten Geld zukommen zu lassen und das Geschäft zu vereinfachen, schickt V. zugleich mit seinem Anteil die ganze Summe im Geldbrief an seine Gattin nach Potsdam, die die Beträge mit Hilfe einer Hoboistenfrau den Empfängern zustellt. Dieses Verfahren wird später wiederholt.

Gonesse, den 5. Oktober. Gestern Musik bei dem das Regiment führenden Oberstleutnant von Oppell. Als Gast anwesend der Erbprinz von Anhalt. Er hat sich gut über die Musik ausgesprochen, und ich musste meinen neuen Pariser Einzugsmarsch spielen, der ihm sehr gefiel, und, wie er hofft, bald seinen Zweck erfüllen wird. Ich durfte mit ihm anstoßen und trank auf sein und des ganzen fürstlichen Hauses Wohl. Wir sprachen auch vom Theater und von den Opern, über die er ziemlich unterrichtet ist.

In einem Landhaus sieht V. prächtige Ölbilder und Stiche. Im Gartensalon hausen Grenadiere, kochen und Putzen, wozu das feinste Sèvresporzellan herhalten muß. Auf einem Harmonium lagen Kommissbrot, Grünzeug auch Putzkalk. Ab und zu werden Kisten mit Lebensmitteln aufgespürt, Ölsardinen, Lichte, Schuhzeug. Die Soldaten können alle Sachen brauchen, um sie andern Tags als unbrauchbar fortzuwerfen. Das ist wahre Findigkeit, die Freude an dem, was man nicht brauchen kann, wie Th.Fontane einmal sagt.

Die Franzosen machen sich ein Vergnügen daraus, nachts zu kanonieren, bei elektrischem Licht, um die Gegend zu erhellen. Heut abends beim Spanziergang hatten wir den Spaß, ganz n unserer Nähe eine Granate platzen zu sehen. Ein solches Ding macht einen unheimlichen Lärm und ist für das Wohlbefinden nicht bekömmlich.

Gonesse, den 7. Oktober. Diner beim General von Medem. Die Musik vom 4.Garde-Regiment spielte und auf meinen besonderen Wunsch auch einen sehr hübschen Marsch, komponiert von einem Leutnant von Köhnemann vom 91.Regiment.
Heut haben wir zum ersten Mal die sogenannte Erbswurst bekommen, die in Berlin für die Armee hergestellt wird. Es ist ein praktischer Gedanke, und sie schmeckt gut mit Kartoffeln.

Villiers, am 23. Oktober. Das im Quartier vorgefundene Piano wird in Stand gesetzt, es bewährt sich als treuer Gefährte. Die Verheirateten unter den Hoboisten sind verstimmt, dass ihren Frauen keine Unterstützungen gezahlt werden, wie es 1866 der Fall war und wie sie auch diesmal in Aussicht gestellt wurden. Was sollen die Leute mit dem kleinen Gehalt und ohne Nebenverdienst, der Winter vor der Türm wohl anfangen? Leider haben wir alle mit den Verhältnissen vertrauten Vorgesetzten verloren. Bei einem Offizier, dem ich den Sachverhalt darlegte, hatte ich die Freude, dass er aus eigenem Antriebe und in schonendster Weise jedem Verheirateten 5 T. einhändigte als Geschenk, nachdem er sich vorher über die Annahme vergewissert hatte. Überhaupt gibt die Stellung der Musik im Rahmen des Regiments zu Klagen Anlaß. Sie hat naturgemäß mit dem anstrengenden soldatischen Dienst (Vorpostendienst) nichts zu tun, wird aber um diese Vergünstigung beneidet. Unsere Armeemusik, die sich mit der anderer Länder, wie erwiesen, messen kann, genießt nicht die Achtung wie in anderen Ländern, dazu die hohen Anforderungen, die das erste Regiment der Christenheit stellt.

Voigt hat das Chor in schwierigen Lagen zusammengehalten, so dass es in bester Verfassung ist. Seine Arbeit ist dem Regiment zugute gekommen und hat zu ihrem Teil zu dessen gutem Ruf beigetragen. Die Ursache dieses schiefen Verhältnisses dürfen wir in den zermürbenden Beschwernissen der Umschließung von Paris für Vorgesetzte und Untergebene erblicken.

Und nun die endlose Dauer des Krieges, den man nach dem großen Schlag von Sedan schon für beendet hielt. Klagen darüber sprechen sich nicht nur in Voigts, sondern übereinstimmend auch in allen Heimatbriefen unserer Soldaten aus. Das alles erweckte in der Kapelle den Eindruck, als wäre es ihr in dem rein soldatischen Rahmen benommen, während der Belagerungszeit ihr Können gebührend geltend zu machen. Die Instrumente litten unter mangelnder Pflege, der Notenbestand entbehrte, da schließlich abgespielt, der Reichhaltigkeit und Abwechslung, wie die Garnison sie bot. Der künstlerisch wichtige Zweig der Streichmusik fiel ganz aus, und mit dem durch die Kriegslage gebotenen Wegfall des Nebenverdienstes galt es als Opfer auf dem Altar des Vaterlandes sich abzufinden. Über das Verhältnis Voigts zu seinen Leuten erfahren wir öfter, wie er die Gattin mit Besuchen bei Hoboistenfrauen betraut, da, wo einmal Briefmangel und damit Sorgen eingetreten sind, und wie solch ein Zuspruch Gutes bewirkt.

Villiers le Bel, den 27. Oktober. Zu Tisch ließ ich wieder die Regimentsmusik spielen und hörte da u.a. auch Les Gardes du Roi. Wie genau entsinne ich mich noch, als Voigt dies bei uns spielte.

Am 1. November hat Voigt fünf gefallene Soldaten zu Grabe geleitet, alle in einer Grube auf dem Brett, einzelne unkenntlich oder in Stücke gerissen. Beinahe jeden Tag ist Begräbnis; am 7.11. waren es zwölf Mann auf einmal. Abermals geht en dicker Sammelbrief mit Geld ab. - -damals gab es noch keine Postanweisungen — zur Verteilung an die Hoboistenfrauen.
6. November. Programm der Tischmusik, an die Gattin geschickt: Defiliermarsch m.d. Liede O Straßburg von Theilmann; Ouvertüre zu La Traviata von Verdi; Fantasie über ein irisches Volkslied von Voigt; An der schönen blauen Donau aus Tannhäuser von Wagner; Postrelais-Galopp von Piefke. Der Winter setzt früh ein; am 9.11. der erste Schnee, tags darauf vollkommene Winterlandschaft. Am 10.11. ist dreifacher Geburtstag, Luther, Schiller, Scharnhorst. Voigt hat am Klavier über Ein feste Burg, über das Lied an die Freude (9.Symphonie) und den alten Pariser Einzugsmarsch von 1814 zum Gedächtnis der drei großen Männer phantasiert. Voigt berichtet nach Hause über seine neuen Schöpfungen: Sieges- und Einzugsmarsch 1870, für Piano, Orchester und Militärmusik; Siegesklänge aus dem Feldlager vor Paris; Germanis, Und Deutschland spricht: Mein ist der Rhein, Gesang für Mezzosopran und Bariton mit Piano; Sedaner Lied; die Rheinnixen, Phantasiestück für Piano; Deutscher Feldherrenmarsch, für Piano, Orchester und Militärmusik.

Ebenda, 16. November. von Oppell: Ich wollte, ich hätte Voigt bei Euch spielen lassen können. Voigt war heute sehr klassisch, spielte u.a. aus Don Juan. Außer mehreren Glas Rotwein schenkte ich ihm für die Musik noch 50 Zigarren. Voigt komponiert aus Langeweile einen Marsch nach dem andern.

Am Totenfest hält Divisionspfarrer Rogge Gottesdienst. Anstatt Glockengeläut hätten wir den Donner der Kanonen und aus der großen Totensaat würde eine gesegnete Ernte sprießen.
28. November. Musik bei Oberstleutnant von Oppell, Geburtstag der Gattin. Dazu konnte Voigt seine Polka Grüße von der Seine überreichen. Herr von Oppell war sehr erfreut und spendete den Hoboisten ein Faß Potsdamer Bier.

1. Dezember. Abgerückt nach Arnouville, das näher an Paris liegt. Großer Umzug mit drei vollbepackten Wagen, im neuen Quartier arge Verwüstungen, faules Stroh mit lebenden Bewohnern, Schmutz, zerbrochene Fenster.

6. Dezember. Umzug nach dem verwüsteten Garges. Kaum eingerichtet, Befehl, nach Arnouville zurückzugehen. Bei solchem Herumziehen geht mancherlei verloren und zu Bruch. Aus unseren Wiederaufgesuchten alten Quartieren ist inzwischen die Einrichtung weggeschleppt. Da Mangel an Brennholz, müssen Türen, Läden, Dielen herhalten. Man will doch nicht um der schönen Augen der Grande Nation willen frieren.

Arnouville, den 16. Dezember. Musik beim Oberstleutnant von Oppell im Zeichen einer Beethovenfeier zum hundertsten Geburtstage des Meisters. Ehe wir hineingingen, sprach ich zu den Hoboisten über die Bedeutung des Tages und las einen Prolog für das Beethovenfest vor, den ich aus Berlin bekommen hatte. Galt es doch, ihnen nahezulegen, wie im Gebiet der Tonkunst allein auf den Pfaden des freischaffenden Geistes, wie sie Beethoven eingeschlagen, höhere Offenbarungen des Ewigen dem menschlichen Empfinden zu erringen sind.

Ebenda, den 17. Dezember. Es sind Liebesgaben eingetroffen. Von Oppell: Ich habe, da Voigt so geklagt hatte, ihm einige 30 Decken und Hemden für die Musik zukommen lassen. Wenn sie auch nicht auf Vorposten ziehen, so sind doch viele alte Leute dabei, denen eine warme Hülle durchaus notwendig ist. In der heute eingetroffenen Kreuzzeitung ist ein Marsch von Voigt, Vor Paris tituliert, angezeigt, den ich dir gern zu Weihnachten schenken möchte.

21. Dezember rückt das alarmierte Regiment gegen einen Ausfall der Franzosen aus. Die Musik bleibt zurück zur Bewachung der Quartiere. Einige Verluste durch Granatfeuer. Der Fahnenstock wird zerschossen, wie einst bei Großgörschen (2.5.1813), wo er einen silbernen Ring erhielt.

22. Dezember. Mit der Kapelle zum Chateau le Luat marschiert. Feierliches Begräbnis des am Typhus verstorbenen Leutnants von Gordon, das im Park stattfand, wobei Rogge die Grabrede hielt. Auf der Rückkehr sahen wir am Bahnhof viele Verwundete, auch Franzo
sen, die fortgeschafft werden sollten. Die Offiziere und Beamten baten, da sie lange keine Musik gehört, um ein Stück. Ich blies den Preußenmarsch am Zuge, und unter den Klängen der Wacht am Rhein brauste der Zug davon. Die Lazerettverwaltung erzeigte sich den Hoboisten durch Spendung eines Fasses Bier erkenntlich.

Weihnachten in Feindesland. Ein Bäumchen wird aus dem Garten geholt und geputzt, mit Buntpapier und Kerzen, soweit solche Dinge zu haben waren. Dann wurde das Offiziersquartier überrascht mit dem Choral Vom Himmel hoch und dem von mir arrangierten O du fröhliche, eine Aufmerksamkeit, die mit Freude und Rührung aufgenommen wurde. Nun kam der Weihnachtsmann, der sehnlich erwartete Herr Conradi aus Potsdam, mit gewaltigem Liebesgabegepäck, das sogleich an die einzelnen Empfänger verteilt wurde und willige Aufnahme fand. Der Gottesdienst war recht unruhig. Neben dem Glöckchen am Turm brummten die Kanonen von Paris. Beständig gingen Ordonanzen hin und her und holten Offiziere aus dem Andachtsraum; denn es war inzwischen Alarm geblasen. Doch ging der Gottesdienst ohne weitere Störung zu Ende.

27. Dezember. Ein abermaliger Umzug, im Orte selbst, muß wegen Zuzugs von anderen Truppen erfolgen.

Die Hoboisten mit den getragenen Christbäumen, da musste ich an den wandernden Wald in Shakespeares Macbeth denken. Das neue Zimmer, in dem 11 Grenadiere gehaust, musste erst gründlich gesäubert werde n. Zum Glück war neben dem Kamin ein Kachelofen vorhanden, der gute Wärme gab.

1871, 1. Januar. Kirche. Ich beschenke arme Kinder mit Weihnachtsgebäck und Baumbehang, was ungezählte Merci, Monsieus hervorrief. Diese Knaben waschen für die Soldaten, allerdings gegen gute Bezahlung. Freilich ist das Waschen bei dem stets drohenden Alarm ein Risiko. Am 3.1. kamen wieder Kinder zu mir zu Besuch. Sie waren glücklich, als wir ihnen Soldatenstullen gaben, denen ich noch einen Pfefferkuchen nachfolgen ließ. Auch der Schellenbaum war ihnen etwa neues, und sie konnten sich gar nicht satt daran sehen.

6. Januar. Umzug nach Villiers le Bel. Unser Mittagessen stand auf dem Feuer. Da stürzte unser Hauptmann ins Zimmer und rief: Ja, das glaube ich, aber Sie müssen gleich hier heraus und ausziehen. Ich bin mit den Offizieren auch eben aus unserer Wohnung herausgesetzt, und da ist dies Haus das einzige, das mir passt. Da half kein Beten, also ein neues Quartier gesucht, par ordre de moufti, in dem stark besetzten Ort. Das Ziehen ging mit Dampf los. Zwanzig Geister kamen schon mit seinen (des Moufti) Sachen. Abraham, der Schellenbaumträger, kannte sich nicht vor Wut über solche Rücksichtslosigkeit und verfeindete sich alsbald mit unserem Stubengenossen Ebel. Alle Sachen auf die Karre geladen, diese kippt um und alles fliegt in den Schmutz. Bei einem alten Ehepaar fand ich endlich mit meinen beiden Genossen eine nette Unterkunft. Auch die Offiziere schimpften über ihren erzwungenen Umzug. Wann werden sie uns endlich nach Hause schieben?

9. Januar. Die Wirtsleute sind freundlich, spenden reichlich Apfelwein. Der Mann sägt für Abraham das Holz klein, während die Frau erheblich schnattert. Famos ist es, wenn Abraham oder Ebel ständig antworten Oui Madame! Ihr ganzes Französisch geht nicht viel weiter, und die gute Dame redet sich bald die Zunge ab.

Courbevoie, 17. Februar. Besuch des Kaisers beim Regiment.

Unsere Musik spielte, solange der Kaiser auf der Brücke von Neuilly hielt, den Sebastopol Marsch, den das Regiment beim Aus- und Einzug 1866 gespielt hatte und der ein großer Lieblingsmarsch des Kaisers ist, der sich sehr für diese Aufmerksamkeit bedankte.

18. Januar. Voigts Marsch Salus Caesari nostro Guilelmo mit Siegeshymne aus Händels Judas Makkabäus ist fertig, geht am 26.Januar durch das Regiment an Kaiser Wilhelm.

Das am 21. Januar hier beginnende Bombardement bringt riesige Geschütze für die Batterien herbei. Ungezählte Transporte mit Munition, Proviant und Gerät kommen Tag und Nacht. Truppen strömen hinzu, die zur Nordarmee gehen. Dabei bekommt Voigt zwei Kollegen, die Musikmeister Schulze und Häusler vom 96. Inf.Regt. ins Quartier. Beide ganz verklammt durch langes Warten, wurden bestens aufgenommen und schieden nachts mit herzlichem Dank.

Bei dem nahen Dorf Ecouen wurde aus einem Wald einige Male auf unsere Leute geschossen. Damit das Versteck aufhört, wird der Wald beseitigt. Die Bewohner müssen das besorgen. Dadurch haben sie Beschäftigung und wir Brennholz.

29. Januar. Waffenstillstand. Die Regimentsgeschichte (von Kessel) sagt darüber: An diesem Tage fand die schwere Zeit der Belagerung ihren Abschluß. Der mutvolle Geist, der die Mannschaften des Regiments beseelte, hatte in diesen fünf Monaten des anstrengendsten gefahrvollen Vorpostendienstes nichts an seiner Spannkraft und Frische verloren.

30. Januar. Gestern ausgerückt. Die 1. Gardeinf.Division musste sich bei Gorges sammeln, um die durch den Waffenstillstand in unseren Besitz gelangten Forts zu besetzen. Es war auf dem Felde, wo wir stundenlang standen, etwas kalt, und es wurde nun musiziert, erzählt, gefrühstückt, wozu ich vom Oberstleutnant von Böhn persönlich eingeladen wurde. Mit Musik wurde heimmarschiert und ohne unser tägliches Schlummerlied, den Kanonendonner, mal gründlich geschlafen.

3. Februar. Ein Besuch in St. Denis zeigt die grauenhaften Auswirkungen des Bombardements in den Befestigungen. Die Sehenswürdigkeiten, darunter die uralte Kathedrale, werden besichtigt. Zum erstenmal kommt man an das Ufer der Seine, die mit ihrem apfelgrünen Wasser sich durch villenbesetzte Höhen schlängelt. Die Rückfahrt ging mit acht Mann auf einem zweirädrigen Karren, ein Pferd davor, vor sich.

Wir waren kaum 100 Schritte gefahren, da, krach, brach der ganze Kasten zusammen. Alle Insassen rutschten herab in den Schmutz. Ich vermisste meine Brille. Dank einem Wachsstreichholz fanden wir sie unter einem Sitzkissen im Lehm wieder. Da der Wagen unbrauchbar geworden war, überließen wir ihn seinem Schicksal. Eine Französin wischte uns mit ihrer Schürze den schlimmsten Schmutz ab, ein kleiner Junge, der deutsch sprach, war behilflich, und so ging es zu Fuß über Feld und Acker nach Hause, wo ich nach Stunden um 9 Uhr endlich anlangte.

Voigt bemerkt dazu, dass alle Mitfahrenden klaren Kopfes waren, und ein Einfluß alkoholischer Natur ausgeschlossen war.

4. Februar. Die Rückkehr der Franzosen in Massen bewirkt Mangel an Lebensmitteln, da sie alles wegkaufen und sogar um Brot betteln. Sie essen alles mit Heißhunger. Man sieht die Leute in Scharen von St. Denis kommen, manche auf Karren. Einzelne, die elegantesten Damen, in dem furchtbaren Schmutz, der hier herrscht, kommen in den feinsten Stiefelchen anmarschiert, mit hohem Chignon, dabei ein Brot unter dem Arm. Oft ganze Familien in wagen, etwas Bettzeug, blasse Kinder, verbissene Männer, resignierte Frauen, es ist wie ein Korso, doch fehlen die Blumen.

Am 18. Februar nach Courbevoie ausgerückt und übergesiedelt infolge von großen Truppenverschiebungen. Nicht weit entfernt der Mont St. Valerien und der Arc de Triomphe, ein reizvoller Ausblick. Große Verwüstung, zerstörte Barrikaden. Zu einer von ihnen waren u.a. sechs Klaviere verwendet, eine reichhaltige Besetzung, nur schade, dass die zerrissenen Saiten melancholisch herabhingen.

12. Februar. Gestern Mittag haben wir unweit der Brücke von Neuilly beim Café Napoléon — Musik gemacht, wobei es sehr lebhaft zuging. Die Franzosen waren entzückt, besonders als ich einige von ihren Liedern spielte. Heute wieder Musik, das Getriebe der Pariser war toll, lebensgefährlich ist das Gedränge, weil alle einkaufen wollen und das Tor um 6 Uhr geschlossen wird. Da passiert schon allerlei. Im Verkehr haben wir recht nette Leute kennengelernt, auch einzelnen geholfen, so Familien mit Kindern, auch habe ich schon verschiedene Einladungen nach Paris. Zu dem täglichen Spielen erscheinen auch Jungen zum Notenhalten; einmal sind es ihrer fünf. Brüder, alle gleich gekleidet. Ich bin schon ziemlich bekannt als Chef de musique de la garde prussienne. Meine Uniform und die Orden gefallen. Auch finden sich öfter französische Musiker en, so ein Professor vom Conservatoire.

20. Februar. Bei einem Besuch von Versailles Besichtigung von Klein-Trianon, dem Lieblingsaufenthalt der unglücklichen Königin Marie Antoinette, auf deren verstaubtem Flügel einige Akkorde und Melodien angeschlagen werden.

25. Februar. Probe im Garten. Overtüre zu Oberon, Entreakt Struensee, Friedensboten (Rienzi), Pariser Marsch von Saro, der von Voigt in Musik gesetzte Psalm 117 für Gesang. Fantasie aus Robert der Teufel, Lied Der Wanderer.

2. März. Nach der Musik beim Kommandeur des Gardekorps, Prinzen August von Württemberg, besichtigt Voigt mit dem Musikchor Paris. Die Bevölkerung zeigt sich feindselig. Vor der Parade auf dem Longchamps kam mit mehreren Prinzen der Herzog von Altenburg zum Batallion herangeritten. Er sprach die Absicht aus, jeder Kompanie des Regiments zwei Medaillen seines Ordens zukommen zu lassen. Der Herzog willigte sofort ein.

3. März. Große Parade der deutschen Truppen vor Kaiser Wilhelm auf dem Longchamp. Es ist dies der 3.Einzug preußischer Truppen in Paris im Laufe eines Jahrhunderts. Die beiden ersten Einzüge waren 1814 und 1815. Der Kaisermarsch von Voigt ist vom Kaiser zum Armeemarsch bestimmt und geht an den Verleger Lienau (Schlesinger) zum Druck.

Am 5. März Fahrt nach St.Cloud. Auf der Hinfahrt sammelte sich eine Menge um den Wagen und drohte die Prussiens in die Seine zu werfen, so dass sich Voigt genötigt sah, den Degen zu ziehen. Die Einsicht des Kutschers aber vereitelte diesen Anschlag.

7. März. Umzug nach Enghien, Badeort der Pariser. Die Einwohner von Courbevoie grüßen herzlich zum Abschied.

22. März. Kaisers Geburtstag brachte reichlich anstrengenden Dienst für die Musik. 7 Uhr Choral geblasen beim Regimentskommandeur. ½ 11 Fahnen geholt und zum Feldgottesdienst nach Soisy gebracht. Rückkehr 2 Uhr. ½ 4 Abmarsch nach Montmorency zum Festessen der Offiziere. Dauer bis 1/ 8 Uhr. 8 Uhr Zapfenstreich, 9 Uhr zurück, übermüdet, hungrig und durstig. Den ganzen Tag Dienst. Die ersehnte Heimfahrt verzögert sich trotz des Friedensschlusses. Die Ungeduld bei den Truppen ist zu verstehen. Nach anfänglicher Siegeslaufbahn der Halt vor Paris und Versinken n eine fühlbare Untätigkeit mit einem beengten ewigen Einerlei. Voigts Wunsch, neue Noten von Potsdam zu holen, da die alten Stücke zu bekannt und abgespielt, obgleich Voigt neue Kompositionen beigesteuert hat, erfüllt sich erst später.

19. April. Der Komponist von Mignon, Thomas, ist auch hierhergeflüchtet. Der alte Auber, 89 Jahre alt, soll in Paris auf den Tod krank sein. Auch sind Sängerinnen hier, welche ihre eigenen Villen besitzen, aber preußische Gäste vorfinden. Die Musiken am Bahnhof haben aufgehört, finden jetzt aber täglich im Jardin des Roses am See statt, wo die beste Pariser Gesellschaft sich zusammenfindet, und besonders die Pariser Damenwelt mit aller erdenklichen Toilettenpracht vertreten ist. Enghien macht den Eindruck eines feinen, vielbesuchten Weltbades. Hier sozusagen in neutraler Zone drängten die Klänge der Musik die nationalen Gegensätze wenigstens vorübergehend zurück.

Für alle die guten Sachen, die ich spiele, herrscht Teilnahme und Verständnis bei den empfänglichen Franzosen. Rechte Freude bereiten auch die Pariser Weisen, die ich für unsere Kapelle zurecht gemacht habe. Gleichen Beifall finden meine eigenen Kompositionen. Ich bekomme täglich schmeichelhafte Komplimente über die Musik und die Auswahl der Stücke. Meine Offiziere und andere wundern sich über die guten Bekanntschaften, die ich hier gemacht habe. Ja, die Musik ist eine edle Kunst; sie verbindet die Seelen der Menschen, und diese Auswirkung ist nicht einmal der Sprache vergönnt. In den Gärten haben wir mindestens drei Nachtigallen, die einen wirklich bezaubernden Schlag haben nur passt der Kanonendonner von Paris nicht recht dazu.

20. April. Musik beim General von Fabrice in Soisy. Dazu kam der Kronprinz Albert von Sachsen mit Gemahlin. Wir haben tüchtig musiziert, und es war nur eine Stimme über die schöne Musik. Der Kronprinz sprach längere Zeit mit mir, äußerte seinen und seiner Gemahlin Dank für den ihm gewidmeten Feldherrenmarsch, den ich bei dieser Gelegenheit spielen musste.

4. Mai. Endlich erfüllt sich der Wunsch Voigts aus den beengten Verhältnissen einmal heraus- und nach Hause zu kommen. Er erhält ein Kommando nach Potsdam, das mit einer vom General ihm zugedachten Erholung verbunden ist. Er geht mit Depeschen hin als Kurier und kommt mit solchen zurück. In vier Hotels wegen Raummangels abgewiesen, findet Voigt in einem kleineren Restaurant Aufnahme. Die Besitzerin, eine Deutsche, erzählte, dass sie aus Zeltingen stamme und in ihrer Jugend in Trier beim Kapellmeister des 30. Infanterieregiments gedient habe im Jahre 1839. Das gab eine frohe Szene, als Voigt sich als Sohn jenes Kapellmeisters zu erkennen gab. Sie hatte einen französischen Hoboisten geheiratet, als Marketenderin viel Geld verdient und das Haus gekauft.

13. Mai. Das viele Spielen ist wohl nützlich für die Kapelle, doch ist es leider nur pour le roi de Prusse. Die Instrumente leiden aber und es ist keine Möglichkeit zur Instandhaltung. Ein Klempner wird zum Löten angenommen, wenigstens für das Notwendigste.

15. Mai. Wie ich heute gehört, soll der 89jährige Auber in Paris die Augen geschlossen haben. Er hat sich eine traurige Zeit gewählt, in der man solche Verdienste nicht würdigt. Gestern Meydenbauer im Kurgarten getroffen, welches eine große Freude war. Er sieht in seiner Uniform stattlich aus (M. verkehrte in dem musikalischen Kreise bei Voigts Schwiegereltern in Berlin; er ist der nachmalige Geheimrat und bekannte Erfinder der Photostereometrie)

19. Mai. Die Rückkehr nach der Heimat nimmt bestimmte Form an. Voigt ist damit nicht unzufrieden; es drängt ihn zu neuem Schaffen in der Heimat. Er glaubt, dass bei allem Leid die Einwohner ihre Feinde nur ungern scheiden sehen.

Gegen 4 Uhr begab ich mich zur Musik. Ein verrücktes Frauenzimmer, die sogenannte Musiktante, weil sie bei keiner Musik fehlt, macht uns viel Spaß. Sie hält es für ihre Pflicht, jedes Mal in einem anderen Anzug tollster Art zu erscheinen. Neulich hatte sie rote gestickte Schuhe an, sonst immer alle möglichen Blumen und Bänder auf dem Kopf.

23. Mai. Morgenmusik beim General, der Geburtstag hat und der Kapelle ein Geschenk von 10 Napoleons (200 Franks) stiftet. Es sind wieder Eiserne Kreuze gekommen. Conitz wird u.a. bedacht werden, ebenso Voigt, der ganz strahlend war.

29. Mai. Pfingstmontag Gottesdienst mit Rogge. Psalm 100 Jauchzet dem Herrn alle Welt aufgeführt. Rogge dankt Voigt für die Komposition des Psalms und Oberstleutnant von Oppell gratuliert zu der im Gange befindlichen Verleihung des Eisernen Kreuzes. Rogge hat ergreifend gepredigt. Es ist der letzte Gottesdienst auf französischem Boden. Der Schlusschoral Unsern Ausgang segne Gott senkte sich in die Herzen der Krieger.

2. Juni. Diner der Offiziere beim Maire Thomé, dazu die Musik. Abmarsch nach Pantin und Einschiffung nach der Heimat.
Christoph Voigt: Damit schließt der Briefwechsel meiner Eltern, wodurch die Aufzeichnungen Voigts über seine Erlebnisse im Feldzug endigen.

11. Juni. Fußmarsch nach Potsdam. Voigt einquartiert auf dem Gute des Kronprinzen Friedrich Wilhelm in Bornstedt. Besuch durch die Gattin und die Kinder.

13. Juni. Festlicher Einzug in Potsdam und Berlin. Es herrschte allgemeine Freude darüber, das alte ruhmreiche Regiment in der Garnison wiederzuhaben und damit die alten vertrauten Beziehungen zu erneuern.

1887 ernannte Kaiser Wilhelm I FW Voigt zum 1. Preussischen Armeemusikinspizienten
1894 starb FW Voigt in Bernburg, er wurde auf den Neuen Friedhof zu Potsdam begraben