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Das allerletzte Aufgebot

Kolonnen trüber Gestalten bewegten sich durch die Ruinen, hohläugig, unsauber, unkriegerisch, lethargisch, stumpfsinnig. Irgendeiner munkelte im Glied: wohin...? an den Feind? ... wo steht der? .... Hast du Lust? Schnauze du Idiot, willst du hängen? Es gab keine Wagen, nicht mal fürs Gepäck. Wie hieß es noch: Latsch, latsch, die Heide blüht. Da latschten Frontschweine mit dem EK Erster Klasse und der Nahkampfspange aus Russlands Weiten neben pickeligen Pimpfengestalten, die nach Mama riefen im Traum. Ich der ROB und Marineartillerist, jetzt Schütze-Arsch, ging weit vorn, mit dem Affen auf der Schulter und dem MG 42, es drückte auf die Knochen. Mehr schlurfend als militärisch exakt mühte sich die Kolonne über die Landstraßen mit ihrem buckeligen Pflaster, vorbei an kahlen Chausseebäumen. Einer stimmte an: Klotz, Klotz am Bein, Klavier vorm Bauch, wie lang ist die Chaussee.... Langsam wuchsen die Blasen unter den Fußlappen, rieb sich der Wolf im Hintern. Beim Halt an der Scheune, sitzend am Chausseegraben, nahm mein Tagebuch in zittriger Schrift die Eindrücke auf:

21. März. Ächzend lagern wir in der großen Scheune bei Heidmühle. Der Bootsmaat wirft ein lüsternes Auge auf die Bäuerin und nestelt auffällig an der Hose. Ob sich da was tut? Die Jungen werden nicht ernst genommen bei dem Geschäft.

28. März. Es gibt Kohlsuppe im Brauen Hirsch, und nichts passiert, keine Nachricht, kein Radio, der Oberleutnant an der Spitze der Kolonne schweigt, Latrinenparolen schwirren umher, werden weitergesagt von Glied zu Glied. Wir verlieren den Krieg, haben ihn schon verloren. Schnauze, wollt ihr vors Kriegsgericht? Das funktioniert nämlich noch.

6. April, wir latschen durch Huntebrück, keine besonderen Vorkommnisse, das Land ist furchtbar still und kalt.

9. April. Fern wummert Artillerie, bellt eine Flak, die Jungen zittern bleich. Wieder eine Nacht, ein Tag, welche Routine. Zu dritt hocken sie am Straßenrand und suchen nach Papier. Ich versuchte, den rechten Schuh auszuziehen, um die Fußlappen zu wechseln, ließ es dann aber.

12. April. Der Oberleutnant: Alle Mann hierher, machen Sie schon! Bauen Sie hier eine breite Straßensperre. Wo ist der Feind, fragt einer, halt die Schnauze. Gefreiter Feldmann riecht sehr streng, hat er??? Weiter in Kolonnen, Marscherleichterung wird befohlen, der Kragen darf offen bleiben. Mein MG bohrt hässliche Löcher in die Schulter. Die Artillerie wummert schon nah. Tiefflieger greifen drüben eine Kolonne an. Im Ort Ofen. Nahe an dem, was unser Oberleutnant die Front nennt. Der Obermaat, zuhause Schlachter, hat auf der Koppel eine einsame Kuh gefunden und zu Tode gebracht. Hat sie in der Scheune aufgehängt am Seil, sieht makaber aus, der nackte Körper, obszön. Danach ist die Suppe in der Gulaschkanone ein einziges Fettauge, und die dicken Brocken Fleisch vom Euter verteilen wir an die hektisch hackenden Hühner. Weiter marschieren. Am Straßenrand stehen Kinder - Pimpfe und zeigen stolz auf ihre dicken Panzerfäuste, siegessicher! Dann noch zwei Wochen, keine Ahnung, was da passierte… Lager bauen, latschen, Kohldampf schieben.

1. Mai. Es kracht ohrenbetäubend. Geschosse pfeifen uns über die Köpfe weg, hinlegen! In den Straßengraben, marsch ihr faulen Säcke. Lauft in die Viehkoppel und hinter die hohen Knicks. Kopf weg, Blödmänner. Keiner denkt mehr, alle tun etwas Mechanisches. Ich haue mich hinter den Knick, sehe drüben das Mündungsfeuer, stelle mein MG auf, ziehe den Gurt rein und halte drauf, bis der Gurt durch ist. Der Nachbar hat den Karabiner geladen, zielt auf etwas, was ich nicht sehen kann. Entfernt in der zweiten Knickreihe erkenne ich kanadische Panzer, ruhig fahren sie umher, sie haben nichts zu befürchten von uns. Neben uns soll die SS-Division Großdeutschland liegen, sagt man, und die wäre bei den Kanadiern gefürchtet. Der Uffz mit den vielen Orden an der Uniformjacke, alter Hase aus Russland, grinst über das junge Volk und steht auf, in der Hand die geballte Ladung, geht auf die Feindpanzer zu, leicht gebückt im Bogen, sie sehen ihn nicht, ich halte den Atem an, der Alte immer weiter, steigt auf den Panzer, stemmt die Luke auf, zieht ab, schmeißt die Ladung rein und springt runter. Rums! Da lebt niemand mehr. Mir ist es schleierhaft, mit welcher Lässigkeit und Unverfrorenheit der alte Kerl, sicher Familienvater, das gemacht hat. Wo ist bei dem die Angst? Die Kanadier werden offenbar wütend. Sie schicken Erdwerferpanzer vor, die werfen unsere Schützenlöcher zu mit klebrigem Modder, das überlebt keiner. Andere deutschen Stellungen werden mit Flammenwerfern ausgeräuchert, die Verluste sind hoch und wir ganz ohne schwere Waffen und Gerät. Man befielt absetzen. Die Toten bleiben liegen, wir schleppen Verwundete, denn Sanis haben wir auch nicht. Unauffällig löst der Verband sich auf. Einer steckt die Scheune an, in der Wehrmachtsgut lagert, alles vom Feinsten, Cognac, Würste, was man will. Jeder klaut, was er tragen kann, bevor alles zu Asche wird. Ich nehme eine geräucherte Speckseite und stecke sie mir unters Hemd. Die Flasche Grand Marnier trinken wir zu dritt in 20 Minuten, aber besoffen ist keiner. Doch da findet sich einer, der noch was zu sagen hat, weiter geht es in ungeordneten Haufen. Am 5.Mai kommt Steindamm in Sicht, am 6. Ellenserdamm. Wieder sollen wir Einmannlöcher graben. Sie laufen sofort voll, denn der Boden ist getränkt. Schuhe und Strümpfe faulen von der Haut, die weiß wird wie bei Leichen. Ich kaue meine Speckseite, aber es ist erstaunlich, was der Mensch aushält.

8. Mai - wir schlurfen über die Schwellen einer Eisenbahn, jemand hat Radio gehört, und brüllt: Kapitulation, es ist aus, aus, aus… und schmeißt den Karabiner den Bahndamm hinunter. Ich stecke mein MG 42 in ein Brombeergebüsch, eigentlich schade drum. Dann kommen in Khaki einige Kanadier, die Waffen im Anschlag, wir nehmen die Pfoten hoch. Man stellt uns zu Kolonnen zusammen. Ohne Kraft, betäubt vom Unglaubhaften, latschen wir an der Küste entlang, kommen irgendwie an und lagern auf dem Feld bei den Prielen. He, nix hinlegen you know, arbeiten, working, you know? Da stehen Eisenbahnwaggons mit Wehrmachtsgut, Säcke voller Roggen. Jeder zwei Zentner schwer. Ich nehme mir einen auf die Schulter, breche fast zusammen und schleppe ihn eine Stiege hoch auf den Boden eines Bauernhauses. Nach dem dritten kann ich nicht mehr, aber der Kanadier hilft mir auf. Bald haben wir den Bogen raus, klauen pfundweise Roggen und bringen ihn nachts im Boot über den Priel zu einer entfernten Bäckerei. Bekommen dafür drei achtpfündige schwere Schwarzbrote, die uns lange im Magen liegen. Ein Kanadier fragt nach Dolmetschern, ich rufe hier. Man gibt mir eine Schachtel Zigaretten, und ich soll herausfinden, wer ein Nazi sei. Der Sergeant ist so höflich, meine gestotterten Erklärungen zu akzeptieren, auch dass ich keine Ahnung habe, wo ein Nazi sich versteckt. Dann muss ich den Kanadiern helfen, bäuerliche Wasserbrunnen in der Nachbarschaft aufzumachen und den Holzdeckel mit Lysol zu bepinseln im Kampf gegen die gefürchteten Bakterien. Die Bauern fluchen unhörbar, denn sie begreifen dies Tun nicht und ihr sauberes Trinkwasser ist nun ungenießbar.

19. Mai. Weiter nach Carolinensiel, in Scheunen liegen, Kohldampf schieben. Hier gibt man uns nur noch drei Kekse für den Tag und kein Wasser. Wir lagern bei starkem Regen auf freiem Feld, mühsam in Decken und Zeltreste gehüllt, frieren erbärmlich. Der Hunger überdeckt die Zivilisation. Jeder beklaut jeden, alle Disziplin ist zum Teufel. Latrinenparolen machen die Runde. Churchill habe gesagt, man werde die Wehrmacht neu einkleiden und gegen Stalin schicken. Dann kommt Feldunterarzt Friedrich Robbers, setzt sich an den Klapptisch und lässt die Pimpfe in Schlange stehen, denn die Jungen würden nun entlassen. Herr Robbers unterschreibt: Ich erkläre hiermit, nach bestem Wissen und Gewissen, dass der Inhaber ungezieferfrei ist und dass er keinerlei ansteckende oder übertragbare Krankheit hat. Sein Tauglichkeitsgrad ist fit. Die Light A.A.Battery R.A. gibt mir vielfach gestempelte und mit Fingerabdruck versehene Entlassungspapiere für den 25.Juni mit dem Ziel: Wilhelmshaven.

Mit den lebenserhaltenden Brotmarken versehen, fuhr ich mittels verschiedener Jeeps und LKW’s statt wie befohlen nach Wilhelmshaven, nach Kiel in die Clausewitzstraße. Hübsche Luftwaffenhelferinnen waren eben dabei, in unserem Wohnzimmer die Möbel beim Lagerfeuer auf dem Parkett zu verheizen. Ich muss wild ausgesehen haben, mit der grauen Schießbrille, ungekämmt, dreckig, den Militärmantel zusammengehalten mit riesigen Sicherheitsnadeln. Die Damen fragten nicht erst, sie flohen. Und ich löschte das Lagerfeuer. Der Hausmeister im Parterre meinte lakonisch: Ach Sie wissen gar nicht? Ihr Vater ist tot, und die Mutter mit Ihrem Bruder wurde evakuiert, wie alle Offiziersfrauen, irgendwo aufs Land, wo sie arbeiten müssen. Ich versuchte, die Nachricht zu verdauen und schlief nach langer Zeit wieder unruhig träumend in einem Bett. Im Keller lagerten Uniformstücke des Vaters, die mich ziviler aussehen ließen, nachdem ich die Goldknöpfe abgetrennt und durch andere ersetzt hatte. Das Herumfragen dauerte, bis Nachbarn endlich sagten, wo die Familie vielleicht zu finden sei. Per Anhalter, von LKW zu LKW, bewegte ich mich langsam und auf Umwegen zum Bauerndorf Schalkholz und fragte mich durch. Ja gucken Sie mal beim Bauern Siebke vorbei. Da fand ich die Restfamilie, friedlich hausend in einem winzigen Zimmer, Mutter und Bruder wohlauf. Im April hatten sie hier ein Heim gefunden, und Erika musste trotz ihrer gefährdeten Lunge jeden Tag früh am Morgen hinaus ins Moor, Torf stechen mit den anderen Frauen. Eine harte Strafarbeit auf Befehl der Engländer, die die magere Frau kaum durchhielt. Erika hatte Freundschaft geschlossen mit einem Obristen der Kavallerie, der ab und an ein Kilo Pferdefleisch spendierte.

Im Stall hausten Flüchtlinge in den Boxen der Kühe, darunter eine abgehetzte Familie, deren Vater sich als ehemaliger Kranführer vorstellte. Die Tochter warf mir einige liebevoll auffordernde Blicke zu. Ich fand ihre rosa Pfirsichhaut zum Knutschen schön und wandelte Hand in Hand, des blöden Gegrinses und der anzüglichen Bemerkungen der Nachbarn nicht achtend, auf die Wiesen und Felder. Wir buddelten heimlich Möhren aus und kauten sie versonnen. Und dann kam der Tag. Die Blume lagerte sich und mich auf den schmerzhaft pieksenden Stoppeln des abgeernteten Kornfelds und wir liebten uns. Es war das erste Mal für mich, ich wurde entjungfert. Ich wähnte mich im Siebenten Himmel und blickte hinauf zu den ziehende Schäfchenwolken. Konnte das Leben schöner sein? Aber da war Trennung angesagt. Schalkholz mit seinen riesigen Lagern deutscher Soldaten, von denen viele seltsamerweise noch ihre Orden und Ehrenzeichen tragen durften, gehörte zum Sperrgebiet der britischen Besatzungstruppen. Niemand durfte rein oder raus, es sei denn, er wiese Papiere vor. Die ich nicht hatte. Unter dem Torf des Lastwagens verborgen schlich die Familie sich fort, über die Eider, kam halbtot in Kiel an. Und versuchte nun, sich herauszuarbeiten aus dem bodenlosen Nichts. Ohne Erika und ihre Tatkraft und Zähigkeit wäre es ihr nicht gelungen. Immer waren es Frauen, welche die Lasten der Katastrophen trugen.