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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 1, Teil 4: Wochenendurlaub in Hamburg

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 1, Teil 4

Wochenendurlaub in Hamburg

Es dürfte der erste Wochenendurlaub gewesen sein. Die Grundausbildung in Neumünster war vorüber. Grüßen hatten wir gelernt, also konnte man uns auf die Menschheit loslassen. Ich hatte mich mit Gerda de Wall verabredet und wir trafen uns am Bahnhof Hasselbrook auf dem Bahnsteig. Gerda wohnte nämlich in der Hasselbrookstraße.

Gehen wir zu mir oder fahren wir in die Stadt, fragte sie mich. Zu mir war zwar sehr verlockend, aber ich kannte ihre Eltern nicht. Ich wusste nur, dass ihr Vater eine hohe Stellung in der öffentlichen Verwaltung der Hansestadt Hamburg einnahm. Vermutlich war er Richter in der Justizverwaltung oder in ähnlicher Position. Da hatte ich doch einen ziemlichen Bammel. Derartige Bekanntschaften waren nicht meine Sache. Auf die Idee, sie zu fragen, ob wir dann allein wären, also eine sturmfreie Bude haben würden, kam ich nicht. Dafür war ich noch viel zu harmlos. Also fuhren wir in die Stadt, und zwar in das Café Vaterland am Ballindamm. Das hätten wir lieber nicht tun sollen, denn dort war es brechend voll: Sonntagsbetrieb. Fast alles Landser und viele Offiziere. Leider hatten wir auf dem Kasernenhof das Grüßen in Gaststätten nicht gelernt und so fühlte ich mich denkbar unwohl. Kam ein Offizier in die Nähe oder ging vorbei, richtete ich mich im Sitzen stramm auf als Grußbezeigung, wie es heißt. Als ich dann sah, wie sich die anderen einfachen Soldaten verhielten, passte ich mich an, ich kümmerte mich nicht mehr darum, ob ein Offizier in die Nähe kam oder vorbei ging.

An das Programm, wenn es denn eines gab, habe ich keine Erinnerung mehr. Ich weiß nur noch, dass es sehr unruhig war und die Musik eine Unterhaltung kaum zuließ.

Es dürfte gegen 19.00 oder 20.00 Uhr gewesen sein, als plötzlich etliche Männer in Zivil in das Lokal eindrangen und alle weiblichen Personen aufforderten, das Lokal zu verlassen. Draußen stünden Lastwagen und die sollten sie besteigen. Auch Gerda musste dem Folge leisten und ich fuhr heim. Denn dort noch allein zu bleiben, hatte für mich keinen Sinn.

Solche Rollkommandos waren durchaus üblich und hatten den Zweck, die weiblichen Personen auf Geschlechtskrankheiten zu untersuchen. Wie sie mir später berichtete, konnte Gerda sich der Prozedur unter Hinweis auf die Stellung ihres Vaters entziehen, doch der Urlaub und ein gemeinsames Erlebnis waren verpatzt.

Ich lernte Gerda in Sielbeck am Kellersee kennen. Dort befand sich ein Erholungsheim für Kinder hamburgischer Staatsbediensteter. Gerda, ihr Bruder, ich und andere Kinder waren dorthin verschickt worden, um sich zu erholen. Mein Vater war als Krankenpfleger in der, wie es hieß, Anstalt Langenhorn auch Bediensteter der Hansestadt und daraus ergab sich mein Teilnahmeanspruch.

Wir waren schätzungsweise 40 bis 50 Kinder, Mädchen und Jungen, die einen sechswöchigen Aufenthalt in dem schönen Heim mit großem Park und Zugang zum Kellersee genießen durften. Es dürfte 1936 gewesen sein; ich war also 12 Jahre alt.

Gerda und ihr Bruder Werner waren nicht zum ersten Male im Heim. Sie fühlten sich dort anscheinend wie zu Hause. Auch unsere Betreuerin Fräulein König war ihnen hinlänglich bekannt, wie man erkennen konnte. Vermutlich schickten die Eltern sie dorthin, um eigenen Interessen wie Urlaub oder Ähnlichem nachzugehen. Die Stellung des Vaters ließ das anscheinend zu. Gerda und Werner de Wall entstammten vermutlich einer Hugenottenfamilie aus Frankreich, die im Mittelalter vertrieben worden war. Das de im Namen hat die gleiche Bedeutung wie das von in deutschen Adelstiteln. Davon wusste ich damals allerdings noch nichts, mir fiel aber das ausgeprägte Selbstbewusstsein beider Kinder auf. Mir fehlte das leider. Gerda war etwa so alt wie ich, Werner, vermutlich Gymnasiast, etwas älter (15/16 Jahre).

Natürlich suchten wir anfangs nach Jungen oder Mädchen, die uns für eine Freundschaft während des Aufenthaltes tauglich erschienen. Auf dem Weg zum Kellersee innerhalb des Parks fiel mir ein Mädchen auf, welches ihrerseits mir zu folgen schien. Ich sprach sie an und wir gingen nunmehr gemeinsam zum Ufer. Sie hieß Edith und kam aus Harburg. Sie war ein ausgesprochen hübsches und ruhiges Mädel und gefiel mir sehr. Sie hatte fast schwarzes Haar und strahlend blaue Augen in ihrem schönen Gesicht und war etwas kleiner als ich und möglicherweise auch ein Jahr jünger. Anscheinend gefiel ich ihr auch, und einer Gemeinsamkeit stand nichts mehr im Wege.

Beim Betreten des Parks war mir allerdings zunächst Gerda ins Auge gefallen durch ihr rassiges Aussehen, französischer Stil. Sie war mir aber etwas zu lebhaft. Stillere Typen waren mir angenehmer.

Wir annähernd gleichaltrigen Pimpfe mit Jungvolkerfahrung fanden uns zusammen in einer Gruppe, deren Anführer ‒ natürlich ‒ Werner war. Es waren etwa 12 Jungen, soweit ich mich erinnere. Pidding aus Barmbek war ein Unterführer. Mich nannte man Negus wegen meines Aussehens (dunkler Typ) und weil der Name wegen der aktuellen Situation, der AbessinienkriegDer Abessinienkrieg war ein völkerrechtswidriger Angriffs- und Eroberungskrieg des faschistischen Königreichs Italien gegen das ostafrikanische Kaiserreich Abessinien, heutiges Äthiopien. Er begann ohne Kriegserklärung am 3. Oktober 1935 mit dem Einmarsch italienischer Truppen und endete offiziell am 9. Mai 1936 mit der proklamierten Annexion Abessiniens durch das faschistische Italien. Am 1. Juni 1936 erfolgte die Vereinigung des besetzten Abessiniens mit den Kolonien Italienisch-Somaliland und Eritrea zur Kolonie Italienisch-Ostafrika.Quelle: Wikipedia.org war in vollem Gang, in aller Munde war. Außerdem fallen mir noch (Nick-) Namen ein, wie Fips und Doof. Auch Fritze aus Barmbek war dabei.

Nun ergab sich aber ein Problem: Werner hatte keine Freundin! Natürlich waren seine Augen gerichtet auf das schönste Mädchen in der Runde: Edith ‒ und das war meine Freundin! Werner bot mir seine Schwester als Tauschobjekt an und Edith und ich kamen überein, des lieben Friedens wegen dabei mitzumachen. Uns beiden fiel das nicht leicht und ich glaube, sie fühlte sich in keiner Weise zu Werner hingezogen. Mit Gerda konnte ich aber leben.

Unsere Aufsicht, Fräulein König, hatte auf dem Boden des Heimes einen alten Wimpel gefunden und übergab ihn der Gruppe. Auf schwarzem Grund stand auf der einen Seite das Wort Sturmvaganten und auf der anderen Seite befand sich ein Totenkopf. Der Name Sturmvaganten wurde auch für die Gruppe übernommen und ich zum Fahnenträger erkoren.

Natürlich wollte jeder vom anderen wissen, warum er denn zur Erholung verschickt worden sei. Schnippisch, wie es so ihre Art war, antwortete Gerda mir: Ich habe einen Spitzpopo und das war es dann.

Einmal hatten sich unsere kleinen Mädchen verabredet, uns Jungen, die Freunde im Schlafsaal, zu besuchen. Kaum waren wir im Bett, als platsch, platsch, platsch die Mädchen uns barfuß und im Nachthemd aufsuchten. Wir schoben die Bettdecke zur Seite und die Mädchen nahmen auf der Matratze Platz. Auf die Idee, Gerda unter die Decke zu ziehen, um mich von dem Spitzpopo zu überzeugen, kam ich allerdings nicht. So weit war ich noch nicht. Schade!.

Nach etwa vier Wochen wurde der Aufenthalt abgebrochen. Bei einem Kind war eine Infektionskrankheit ausgebrochen. Man wollte uns eine wohl eine längere Quarantäne ersparen. Ich war glücklich, wieder heimfahren zu dürfen.

Wir Gruppenangehörigen trafen uns einige Monate später noch einmal im Hammer-Park mit Freundinnen. Edith war nicht gekommen, die Enttäuschung war wohl zu groß. Möglicherweise hat sie mich als Verräter empfunden. Nicht ganz zu Unrecht. Schade! Gerda war aber da.
Gerda und ich hielten fernmündlich Verbindung ‒ in großen Abständen. Ja, Gerda besuchte sogar die gleiche Berufsschule in Wandsbek wie ich und hat mich dort erkannt. Ich sie aber leider nicht. Der Abstand zur Mädchenklasse im anderen Block war zu weit und weil Gerda gern im Mittelpunkt stand, von anderen Mitschülerinnen umringt war, habe ich sie nicht wahrgenommen. Auf jeden Fall konnten wir uns aber später zu einem Urlaubstreff verabreden.

Mit Fritze traf ich mich noch einige Male in Barmbek und wir buttscherten durch die Kaufhäuser. Karstadt war uns allerdings etwas zu groß; Woolworth war uns angenehmer. Die kleinen Metallbaukästen von TrixDer Trix-Metallbaukasten begründete den Erfolg der Marke Trix der von Stephan Bing übernommenen Vereinigten Spielwaren-Fabriken Nürnberg. Über 66 Jahre war er neben den Modelleisenbahnen das zweite Standbein für das Unternehmen und weltweit bekannt. Der Trix Volks-Metall-Baukasten wurde im August 1931 auf der Leipziger Herbstmesse erstmals vorgestellt.Quelle: Wikipedia.org für 50 Pfennig das Stück und die kleinen Tempo-Schallplatten das Stück für 1,- Reichs-Mark interessierten uns. Je nach Taschengeldlage wurde auch mal etwas gekauft, meistens nur besichtigt. Die Hochbahnbenutzung kostete damals für Kinder bis 14 Jahren 10 Pfennige pro Fahrt, das konnte man sich schon mal leisten.

Einmal besuchte ich mit Fritze seinen Vater, der in der Schwimmhalle Desenißsstraße Schwimmmeister war. Wir schlichen also durch die Heitmannstraße und die Desenißstraße bis zum Bad. Schlichen deshalb, weil sich beide Straßen, bezogen auf die Jungen, die dort wohnten, im Kriegszustand befanden. Da musste man sich vorsehen, um nicht Keile zu beziehen. So etwas kannte ich aus Garstedt nicht! In Barmbek schien das üblich zu sein.

Fritze war Mitglied der Marine-HJ und ist wahrscheinlich zur Marine eingezogen worden. Ob er den Krieg überlebt hat, weiß ich nicht.