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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 1, Teil 9: Rückzug unter Beschuss

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 1, Teil 9

Rückzug unter Beschuss

Am 17. und 18. Februar 1944 war es dann so weit: Auf los geht's los! und wir verließen allesamt die Stellung. Es war eisigkalt in dieser Nacht. Unser Marsch führte uns in Richtung SoI‘cy. Der Versuch, das klappbare Korn (Visier) hochzuklappen, um das MG schussfertig zu machen, gelang mit drei Mann nur nach mehrmaligen Versuchen, weil man die Handschuhe dazu ausziehen musste. Wir landeten an der Mschaga - Schelon und sollten hier auch unter freiem Himmel übernachten. Da der Russe noch nicht wahrzunehmen war, gingen wir, nachdem es hell war, auf das Eis und holten
uns von den dort geschnittenen Schilfhaufen jede Menge Material, um unsere inzwischen für die Nacht gegrabenen Schneelöcher damit auszufüllen. Auch für das Zudeck wurde Schilf bereitgelegt.

Ich war inzwischen einer anderen Gruppe zugeteilt worden, weil die Reservegruppe keine Aufgaben mehr hatte. Gruppenführer (Unteroffizier) war ein Österreicher, Spezi wie wir die Ostmärker nannten. Inzwischen hörten wir hinter den Bäumen auf der gegenüberliegenden Flussseite Gewehrschießen, der Russe war also im Anmarsch. Der Ort, den sie dort besetzt hatten, war Schimsk, wie wir später erfuhren. Einige Kugeln zwitscherten auch an uns vorbei, obwohl wir in einer Senke relativ sicher lagen. Eine solche verirrte Kugel traf unsren Spezi in den Oberschenkel und dieser musste sofort zurück zum Tross.
Man übertrug mir die Führung der Gruppe. Um eine Meldung abzugeben, musste ich etwa 30 Meter über den Schnee kriechen. Damit es schnell ging, zog ich dafür meine Handschuhe aus. Ich hätte es lieber nicht tun sollen, denn die Schmerzen waren grauenhaft, die Kälte war widerlich.

Mit dem Verpflegungswagen, den unser Koch Uffz. Liebe begleitete, kam ein Neuzugang. Ich heiße André, stellte er sich mir vor. Ein stämmiger Kerl mit welligem, schwarzen Haar. So schwarz, wie ich es immer gern gehabt hätte; meine Haare waren leider nur dunkelbraun. Unter dem Sternenhimmel und der Nähe konnte man Einzelheiten erkennen. Er kam aus Elsass-Lothringen und war dort gezogen worden, nachdem er die Schule abgeschlossen hatte, weil er durch die Annektion als Deutscher galt. Elsass-Lothringen, wie weit war das weg; noch viel weiter als Hamburg, der arme Junge. Ich schaute auf die Sterne und versuchte, mir die Entfernung vorzustellen.

Nach dem Essen, es gab Rübenmus mit reichlich fettem Speck, suchten wir unsere Schlafstatt auf. Das Loch war gerade ausreichend für zwei Mann. Abwechselnd wachten wir. Unsere Winteruniform, die wir vor kurzem erhalten hatten, schützte uns gut gegen die Kälte. Es war zu ertragen. Hose und Jacke wurden über die Uniform gezogen. Auf der einen Seite war weißer Stoff, auf der anderen Stoff in einer Tarnfarbe, wie die Zeltplanen. Dazwischen war eine Isolierschicht. Die Taschen waren von beiden Seiten aus zugänglich, das war sehr praktisch. Augenblicklich trugen wir weiß.

Gegen Mitternacht wurden wir geweckt: Weitermarsch! Es war stockdunkel, weder Mond noch Sterne gaben etwas Licht. Es war nur der Schnee, dessen grauweiße Farbe wir zu beiden Seiten der Straße wahrnehmen konnten. Ich marschierte mit vorneweg, denn die Gruppenführer bildeten die Spitze und die Mannschaft lief hinterher. Dann folgte der nächste Zug. Davor der Kompaniechef Oberleutnant Tänzer bzw. vor dem nächsten Zug der Zugführer.

Wir waren schon eine ganze Zeit unterwegs, als wir von vorn Infanteriefeuer erhielten. Oberleutnant Tänzer sprang sofort zurück und wir anderen rechts und links in die flachen Gräben. Ich sprang nach links, weil das Feuer von halbrechts kam, wie ich es gelernt hatte. Inzwischen warfen die Russen auch Handgranaten, die aber etliche Meter vor uns verpufften. Es sah aus, als käme das Feuer aus einer geringen Höhe, so als böte ihnen ein Deich gewisse Deckung. Die Augen bemühten sich, das Dunkel zu durchdringen. Es schien so, als gäbe es dort auch Häuser.

Die Kompanie zog sich aus der Mitte der Männer seitlich durch den Schneezaun auf den in einer Entfernung von etwa 100 Metern verlaufenden und zugefrorenen Fluss zurück. Auch ich, der immer noch vorn war, folgte dem Zug. Traf ich einen Mann, sagte ich Komm mit, ich bin der Letzte. So stieß ich auch auf einen MG-SchützenDen MG-Schützen, der sich freiwillig den Russen ausliefern wollte, hätte ich eigentlich wegen Fahnenflucht erschießen müssen, aber das war mir zu blöd, denn letztlich war es seine Entscheidung, die ich respektierte., der mir aber namentlich nicht bekannt war. Der wollte nicht mit, wollte beim Russen bleiben. Meine Überredungsversuche, doch mitzukommen, blieben ohne Erfolg. Warum nur? Ich wusste dafür keine Erklärung.

An dem Loch im Schneezaun waren zwei Mann des anderen Zuges damit beschäftigt, ihren verwundeten Oberfeldwebel, der einen Blasenschuss bekommen hatte, auf die Beine zu bringen, um ihn mitzunehmen. Ich bot mich an, vorweg zu gehen. Sonst war auch keiner mehr zu sehen und zu hören. Die eigenen Leute waren wie ein Spuk verschwunden. So gelangten wir auch auf das Flusseis und kamen langsam voran. An einer recht breiten Stelle des Flusses gegenüber dem Ort, in dem sich die Russen niedergelassen hatten, schoss ein schweres russisches MG quer über den Fluss. Wir wagten es nicht, diese Schusslinie zu überqueren, wir befürchteten weitere Verwundungsausfälle. Also krabbelten wir die Böschung hoch (anstrengend) und gingen auf der Straße weiter. Wir vermuteten auf dieser Seite keine Russen. Der Verwundete brauchte dringend eine Pause und wir auch. Wir standen noch eine ganze Zeit da und schauten in die Richtung, in der unsere Mannschaft verschwunden war. Wir hofften, dass noch jemand zurückkommen würde, denn die Verwundung des Oberfeldwebels konnte nicht ohne weitere Beobachter geblieben sein. Es hat längere Zeit gedauert, bis wir erkannten, dass sich keiner mehr um uns kümmerte. Wir waren allein in einer besch… Lage!

Den Verwundeten hatten wir abgelegt auf das Reetdach eines zerstörten Hauses am Straßenrand, dass eine einigermaßen Liegefläche bot. Unsere Beobachtungen ließen uns alles Mögliche erkennen, richtige Spukerscheinungen, zumal in der Ferne ein Feuer loderte und uns mit seinen Schatten ganze Kompanien vorgaukelte. Dann legten auch wir uns hin und schliefen kurz ein, bis uns die Helligkeit des neuen Tages weckte. Die Gruppe versuchte, weiter voran zu kommen. Wir näherten uns einem Haus, welches seitlich an der Straße friedlich dalag. Plötzlich MG-Feuer, ein leichtes MG der Russen. Hätte der Russe nicht gefeuert, wären wir ahnungslos bis vor das Haus gelaufen und dort erschossen oder gefangen genommen worden. Ich war links zurück in die seitliche Mulde gesprungen, die beiden Kameraden hatte den Verwundeten abgelegt, waren zurückgelaufen und hatten hinter mir Deckung gesucht. Das MG lag direkt vor mir auf etwa 80 Meter ebenfalls in der Mulde hinter einem kleinen Strauch. Es hatte also keine Schwierigkeit, mich zu treffen. Und ich rechnete mir aus, wo es wohl seinen Treffer in meinem Körper landen würde. Kopf, wir trugen im Winter nach Möglichkeit keinen Stahlhelm, zu kalt - eine Mütze wärmte mehr. Schulter? Hinterteil? In Anbetracht dieser aussichtslosen Situation ließ ich meinen Kopf sinken. Da nahmen die Russen vermutlich an, sie hätten mich getroffen. Da ging mir meine ganze Kindheit durch den Kopf und die weitere Entwicklung bis zur Gegenwart. Ich dachte an meine Mutter, den Vater, die Großmutter…
Es war alles so ruhig und ich hob langsam den Kopf. Da kamen zwei Russen, es waren große Kerle mit umgehängter MP auf uns zu. Offensichtlich interessierten sie sich für den vor uns liegenden und noch Lebenszeichen abgebenden Verwundeten.
Ich sprang auf, ließ mein Gewehr, das etwas vor mir lag und nicht sofort zu erreichen war, weils es durch den Sprung in die Deckung auf dem glatten Boden weitergerutscht war, liegen und folgte den anderen beiden Kameraden, die ebenfalls zurückliefen. Wir rannten um unser Leben! Die Straße war etwas ansteigend und gleich hinter der Höhe verlief ein Knick rechtwinklig zur Straße hinein in die schneebedeckte Landschaft. Der Knick bot uns erst einmal Deckung. Aber wohin?
Erst einmal immer den Knick entlang bis außer Schussweite. Dann wieder nach rechts, parallel zum Fluss, denn das war ja unsere eigentliche Richtung. Wir durchschritten in dem vor uns liegenden Wäldchen ein in Russland übliches Ehrentor mit Sowjetstern, welches einen breiten Weg öffnete, dem wir folgten. Der dann folgende hohe Wald erlaubte es uns, wieder näher an den Fluss zu gehen. Im Wald selbst entdeckten wir Spuren von schwerem Gerät. Möglicherweise hatte dort eine motorisierte Artillerieeinheit rangiert.

Plötzlich stand eine junge Frau vor uns. Sie trug einen langen Mantel und sah sehr gut aus. Woher sie kam, konnten wir uns nicht erklären ‒ aber sie war da und wir sprachen sie an. Eine Verständigung war leider nicht möglich. Sie sagte nur Hitler nichts gutt, Stalin gutt. Wir ließen sie mit dieser Meinung allein und gingen weiter. Ein Disput hätte nichts gebracht. Wir haben sie auch nicht vergewaltigt. Das muss einmal gesagt werden. Das hätte nämlich wahrscheinlich eine schwere Bestrafung für uns nach sich gezogen (Erschießung).

Nach etwa 200 Metern lichtete sich der Wald, er war plötzlich zu Ende und auf der rechten Seite des von uns benutzten Weges stand ein kleines Häuschen, eigentlich mehr eine Bude, direkt am Abgrund zum Fluss. Das diesseitige Flussufer war nämlich steil ansteigend 10 Meter hoch. Das Haus war bewohnt. Es hauste dort ein Ehepaar, wie es schien. Wir fragten nach Brot und bekamen auch tatsächlich ein kleines Stückchen des harten Russenbrotes, das erst durch Kauen im Munde weicher wird und sich schlucken lässt.

Ein Blick auf den Fluss ließ uns eine mit weißen Tarngewändern marschierende kleinere Gruppe erkennen, offensichtlich Russen! Sie benutzen die Straße auf der anderen Uferseite in Richtung Sol‘cy! Wir machten das Ehepaar darauf aufmerksam, welches nichts Besseres zu tun hatte, als uns zu versichern, das seien Germanskys. Am liebsten hätten wir sie samt Bude in den Fluss gestoßen. Diese bodenlose Frechheit.

Wir sahen dann zu, weiterzukommen: Also hier die drei Deutschen und dort die etwa zehn Russen im Abstand von gut 100 Metern. Wir beobachteten sie genau und sie uns. Wir mussten aber auch die Gegend vor uns im Auge behalten, wussten wir doch nicht, wer sich tatsächlich dort aufhielt. Es war so etwas Ähnliches wie eine Ortschaft zu erkennen, davor kahle Bäume und direkt am Ortseingang ein kleiner Heuschober. Diese Ablenkung auf diese Umstände genügte den Russen, eine Salve herüber zu schicken. Ein Kamerad erlitt einen Kniedurchschuss, konnte aber ungehindert gehen. Sofort zogen wir uns weiter vom Ufer zurück, als plötzlich die Salve einer Nebelwerfer-Batterie über uns hinweg zog und am Waldessaum einschlug. Das machte einen Höllenlärm. Ob die Bude getroffen wurde, konnten wir leider nicht erkennen.

Nun waren es nur noch wenige Meter bis zum Ortseingang und wir erkannten einen deutschen Soldaten als Wache beim Heuschober. Inzwischen hatten die Russen auf der Straße auch schon Granatwerferfeuer erhalten, was uns beruhigte. Wir fragten nach unserer Einheit und trafen auf der Straße zur Unterkunft unseren Spieß ‒ von hinten. Wir riefen ihn an und er stutzte überrascht: Gerade wollte ich eure Vermisstenmeldungen zum Regiment bringen ‒ das brauch ich dann ja nicht mehr! Gott sei Dank! So blieb der Heimat Aufregung und Ungewissheit erspart.

Bei der Einheit wurden wir ohne großen Jubel aufgenommen: Übliche Abläufe. Psychologische Betreuung? Pustekuchen! Nur dass ich mein Gewehr hatte zurücklassen müssen, sorgte für Ärger. Ein Soldat lässt seine Waffe nicht einfach liegen, bekam ich zu hören, aber ich bekam einen anderen Karabiner. Die anderen hatten gerade ihre Waffen gereinigt, danach war mir aber im Moment wirklich nicht zu Mute nach den Erlebnissen. Überdies musste der Neue ja in Ordnung sein. Oh, gute Gelegenheit dem KOB eines auszuwischen! Der Chef machte Waffenappell und ich fiel auf. Das Ganze schien mir ein abgekartetes Spiel und ich machte gute Miene zum bösen Ablauf. Wenn man beim Waffenappell etwas finden will, findet man es auch. An diesem Tag passierte noch etwas Eigenartiges: Ganz klammheimlich wurde dem Obergefreiten Wegener in einer Ecke des Grundstücks, auf dem wir uns befanden, das EK 1 übergeben. Eine Verleihung im eigentlichen Sinne war das ja nicht; die hätte vor angetretener Mannschaft erfolgen müssen. Warum das auf diese Weise geschah, weiß ich nicht, aber sicherlich wollte der Kompaniechef Unmutsbekundungen vermeiden. Auch die anderen Kameraden wollten oder konnten dazu nichts sagen. In meiner jugendlichen Unerfahrenheit habe ich mir solche Missgunst untereinander nicht vorstellen können. Kameradschaft? Wohl nur ein schönes Wort. Den André habe ich nicht wieder gefunden, weiß auch nicht, ob er in russische Gefangenschaft gekommen ist. Wie ich nach dem Krieg hörte, soll es Vereinbarungen zwischen den sogenannten Feindstaaten gegeben haben, wonach solche Zwangssoldaten bevorzugt zu behandeln seien. Man habe ihnen schon in ihrer besetzten Heimat geraten, überzulaufen. Angeblich hätten sie auch eine Art geheimen Schutzbrief erhalten. Hoffentlich hat er es geschafft!