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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 2, Teil 2 Freizeit in Dresden

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 2, Teil 2

Freizeit in Dresden

Eines Tages kam ich in den Aufenthaltsraum und sah, dass ein Kamerad einen Kartentrick vorführte. Andere standen staunend drum rum. Er legte fünf Karten verdeckt aus, ließ ‒ während er wegschaute ‒ von einem Kameraden eine Karte aufdecken und diese sich merken. Dann nahm er die Karten zusammen, steckte sie in die Jackentasche, überlegte einen Augenblick, holte vier Karten wieder heraus und ließ diese so auslegen, das die Stelle, an der die gemerkte Karte lag offen blieb. Da hinein packte er zum Erstaunen der Umstehenden dann die richtige Karte! Den Trick kannte ich. Unauffällig nahm ich das Kartenspiel präparierte mich und bot an, den Trick auch mal zu versuchen. Natürlich klappte er auch bei mir. Da fielen vor lauter staunen den Kameraden fast die Zähne aus dem Mund. Verraten haben wir aber nichts.

An gemütlichen Abenden, ich nenne das mal so, konnte uns unser Kamerad Peter Herre aus Hamburg-Poppenbüttel wunderbar unterhalten. Der hatte wirklich fix was drauf. Ich versuchte vor einigen Jahren, Verbindung mit ihm aufzunehmen, traf über das Telefon aber nur seine Ehefrau an, die mir dann erzählte, dass ihr Mann bereits vor einigen Jahren an Krebs gestorben sei. Sein letzter Einsatz sei in Holland gewesen, wo seine Einheit etliche Tage in tiefem Wasser verbringen musste. Das hätte seiner Gesundheit sehr geschadet.

Ein Teil unserer Ausbildung bestand in Vorträgen. Mehrere 100 Soldaten versammelten sich dann in einem großen Saal und mussten sich anhören, was dort zum Besten gegeben wurde. An eines der Themen kann ich mich noch erinnern. Da ging es um die Erhaltung der Gesundheit der Soldaten. Weil diese Vorträge in der Regel nachmittags stattfanden und wir vormittags im Gelände waren, kämpfte jeder mit der Müdigkeit und hier und da waren Schnarchtöne zu hören. Ganz klar, dass solche Erscheinungen den Vortragenden störten. Deshalb wurden Offiziere im Raum verteilt, die dafür sorgten, dass alles ordentlich ablief - zumindest gaben sie sich Mühe, das zu erreichen.

Ein ganz besonderes Erlebnis war unsere Fahrt in das Riesengebirge. Bei Altenberg hatte die Einheit eine sogenannte Ski-Hütte. Die war aber recht groß und hatte ein großes Reservoir an Skiern für die Winterzeit. Jetzt war aber Sommerzeit und die Fahrt dorthin war mehr Erholung für uns. Wir besuchten die Ski-Schanze (ganz schön hoch), die bei einer Olympiade den Teilnehmern als Wettkampfstätte gedient hatte. Wir lehnten uns an die Sicherungsbrüstung, um besser ins Land schauen zu können, was unserem Hauptmann Weise die Schweißperlen auf die Stirn trieb, denn er war nicht schwindelfrei - aber sonst (als unser Taktiklehrer) sehr in Ordnung.

Droben im Gebirge suchten wir den Heimatdichter Max NackeMax Nacke (* 26. April 1883 in Altenberg; † 8. August 1958 ebenda) war ein Mundartdichter und Sänger des Erzgebirges.Siehe Wikipedia.org auf, der dort mit seinen Töchtern in einer hübschen Hütte wohnte. Es wurde gesungen und Nacke erzählte aus seiner Jugendzeit. Im Sommer gingen die Kinder barfuß zur Schule und im Winter standen nicht für alle Kinder (Holz-)Schuhe bereit; sie mussten also im Wechsel die Schule besuchen. So arm war man!

Einige von uns Kameraden besuchten auch den Zirkus Sarrasani, der in Dresden seinen festen Zirkusbau hatte und ein tolles Programm bot. Leider ist der Bau bei dem Luftangriff auf Dresden zerstört worden.

Höhepunkte waren die Besuche hochgestellter Persönlichkeiten bei uns. Dann versammelten wir uns alle in einer riesigen Halle auf dem Gelände. Etwa 600 Soldaten kamen dort zusammen. Es sprach einmal der Dichter Hans CarossaHans Carossa (* 15. Dezember 1878 in Tölz; † 12. September 1956 in Rittsteig bei Passau) war ein deutscher Arzt sowie Lyriker und Autor von Erzählungen.Siehe Wikipedia.org und im Anschluss daran gab ein General den Lagebericht in einer derart überzeugenden Art und Weise, dass der Krieg absolut nicht verloren gehen konnte!

Etwas später kam an einem anderen Tag Josef Goebbels und setzte noch einen drauf. Die Halle tobte! Als er rausging, standen alle Soldaten auf den Stühlen und klatschten Beifall. Nun war das Juppchen da unten noch kleener als sonst!

In Radebeul wollte ich natürlich das Karl May-Museum besuchen. Aber auch hier alles dicht. Aber eine Fahrt mit dem Lößnitz-DackelDie Schmalspurbahn Radebeul Ost–Radeburg ist eine sächsische Schmalspurbahn in der Spurweite von 750 mm unweit der sächsischen Landeshauptstadt Dresden. Für die Strecke wird heute auch die 1998 vergebene Marketingbezeichnung Lößnitzgrundbahn verwendet; umgangssprachlich wird sie dagegen meist als Lößnitzdackel (kurz auch Dackel) oder früher Grundwurm bezeichnet.Siehe Wikipedia.org, einer Dampf-Eisenbahn, die konnte ich absolvieren. In Radebeul lernte ich auch ein nettes Mädchen kennen, Hilde Benke. Sie wohnte in Friedewald, einer Station der Bahn.

Allmählich neigte sich die Ausbildung ihrem Ende zu. Man hatte schon eine Vorauswahl getroffen. Mir sagte man, dass ich leider mit keiner Beförderung rechnen könne, weil man mir den Kameraden Groß vorgezogen habe, weil dessen Bruder gerade gefallen sei. Na ja, nun wusste ich, woran ich war. Übrigens ging es Werner in seiner Einheit ähnlich. Auch er hatte nicht bestanden. Das war kein Beinbruch! Im Lehrgang waren einige "Wiederholer". Auf ein Neues. - In diesen Tagen war große Betriebsamkeit in unseren Räumen. Die Schneider liefen hin und her, die neuen Uniformen den Herren Oberfähnrichen anzupassen und die Stiefel zu liefern. Auch neue Mützen gab es. Sie sahen schon chic aus in der neuen Montur. Man konnte schon neidisch werden. Aber wer weiß, wozu das alles gut war.

Am 4. Juli fuhren Werner und ich mit der Bahn gen Hamburg. Am nächsten Tag trafen wir in Neumünster ein, eigentlich nur, um unseren Urlaubsschein abzuholen. Da bei uns nichts los war, bin ich mit Erlaubnis in Zivil nach Dresden gefahren und habe Hilde in Radebeul bei ihrer Schwester und deren Mann aufgesucht. Die Anschrift wusste ich und stand nun am Bahnhof in Radebeul. Da kam ein älteres Mütterchen daher und ich fragte nach der Straße. Sie konnte mir helfen und wir kamen ins Gespräch. Als ich dann verlauten ließ, ich käme aus Hamburg, sagte sie: Da wohnt mein Sohn! Nun ist Hamburg groß und ich fragte nach. Ja, er wohnt in Garstedt. Ich erkundigte mich ‒ weil ich aus meiner Tätigkeit in der Gemeindeverwaltung die Garstedter so ziemlich kannte ‒ nach dem Namen. Er hieß Walter Wuth und ich kannte ihn ganz gut, weil er öfter mal im Amt vorsprach. Er war Bibliothekar in Hamburg. Weil er ein Bein nachzog, wurde er kein Soldat.

Durch die Fahrt ermüdet, habe ich mich erst einmal schlafen gelegt. Nachmittags wollten wir die in der Nähe liegende Badeanstalt besuchen. Leider wurde nichts daraus, weil ein Gewitter aufzog. Ich fuhr also abends wieder zurück nach Dresden und fand im Deutschen Hof in der Nähe des Hauptbahnhofes eine Unterkunft. Das Zimmer war sehr schön und ich habe großartig geschlafen. Am nächsten Tag habe ich mich dann erst einmal umgesehen, um eine bezahlbare Bleibe zu finden. Ich fand sie am Postplatz. Nichts Besonderes aber es ging. In den nächsten Tagen haben Hilde und ich gemeinsam etwas unternommen (Kino, Ausstellungen pp.). So ganz klappte es aber nicht mit uns. Es mag daran gelegen haben, dass Hilde noch Schülerin war und zum anderen, dass ich in Zivil wieder aufgetaucht bin; ihr Soldat war nicht mehr da. Kleine Mädchen sind da empfindlich und haben diesbezüglich ihre eigenen Vorstellungen.

Ich hatte meine Zivilkleidung mit der sogenannten Wollhandkrabbe, dem Parteiabzeichen verschönt, um nicht für einen Ausländer gehalten und ständig kontrolliert zu werden. Es gab davon viele in Dresden, die als Arbeitskräfte eingesetzt waren. In die Partei hatte man mich noch 1942 übergeführt, wie ich erst erfahren habe, als ich schon beim Militär war. Für einen HJ-Führer war das eigentlich der übliche Gang.

In der Prager Straße begegnete mir an einem herrlichen Sonnentag ein ganz entzückendes Mädchen in einem hübschen hellblauen duftigen Kleid und auffallend hübschen schlanken Beinen und sprach mich an. Es war die kleine Dorfschöne, die ich zusammen mit anderen Kameraden in Altenberg kennen gelernt hatte. Hier erschien sie mir plötzlich, als käme sie von einem anderen Stern. Wie Kleider doch Menschen verändern können. Ich hatte sie im Moment nicht erkannt, weil absolut nicht erwartet. Sie aber hatte mich sofort erkannt, obwohl ich Zivil trug! Sie war in der Stadt beschäftigt.

Mit von der Partie in Altenberg war u. a. ein Kamerad mit dem Namen Josef Becher. Ein prima großer Junge mit stets strahlendem Gesicht. Er kam aus dem nahen Sudetenland. Sein Vater war dort Arzt und auch er wollte Arzt werden. Leider hab ich ihn völlig aus den Augen verloren. Schade. Er wird - falls er den Krieg überlebt hat - sicher auch vertrieben worden sein.

Eines der Lokale, in dem ich gern mein Essen einnahm, war das Gambrinus in der Nähe des Postplatzes. Es war eigentlich ein Kettenrestaurant, wie ich später erfahren habe. Es gab dort das gute Radeberger Bier. Einmal hatte ich mich entschlossen, das auf der Speisekarte aufgeführte Kuheuter zu essen. Davon hatte ich schon mal etwas gehört und wusste, dass man es lange kochen musste, um es genießbar zu machen. Es sah aus, wie ein dünn geschnittenes Stückchen Kalbfleisch und schmeckte mir hervorragend. Vielleicht war es ja auch Kalbfleisch? Solche Schein-Benennungen waren durchaus üblich, um Bewirtschaftungszwänge zu umgehen. Zum Nachtisch gab es heiße Nudeln mit Sahnesoße drüber und braunem Zucker drauf. Toll!

Aus dem Theaterbesuch mit Hilde wurde es aus den beschriebenen Gründen leider nichts. Übrigens: Als ich abends mit der Straßenbahn aus Radebeul wieder in die Stadt fuhr, musste ich in der Bahn stehen. Quasi vor meinen Füßen saß ein ganz bezauberndes Wesen und wir nahmen Blickkontakte auf. Ich begleitete sie nach Haus und wir tauschten heiße Küsse aus. Zu weiterem kam es nicht. Sie erklärte mir, sie sei verheiratet und ihr Mann an der Front; sie könne ihn nicht verraten. Das verstand ich vollkommen, wie mir auch plötzlich klar wurde, was die armen Ehefrauen ohne ihren Mann zu ertragen hatten.

Schnell eilte ich zur nächsten Straßenbahnhaltestelle und fuhr zurück ins Hotel. Doch weiter mit dem Theaterbesuch: Ich stellte mich also vor das Central Theater, das etwas außerhalb der Innenstadt lag, und versuchte, meine zweite Karte los zu werden. Ein nettes junges Mädchen, welches ich ansprach, hatte die gleichen Probleme. Ich verglich also beide Kartenpaare und wir entschieden uns für die bessere Lage im Theater und verkauften die anderen beiden Karten - das war einfacher. Carmen Kubala - so hieß das nette Mädchen - und wir  sahen uns daraufhin gemeinsam die Hochzeitsnacht im Paradies mit Johannes Heesters an und verbrachten so einen angenehmen Abend. Carmen wohnte in Coswig. Wir trafen uns noch einige Male. Ins Feld schrieb sie mir später mit ihrer schönen Handschrift lange und gute Briefe, über die ich mich sehr freute.

Am 20. Juli 1944 - ein denkwürdiger Tag! - fuhr ich zurück nach Haus und am nächsten Tag kam, bedingt durch die Ereignisse (Attentat auf den Führer), ein Telegramm und rief mich nach Neumünster zurück. Dort traf ich am 23. Juli ein. Wir waren alle erschüttert über die Untat der Offiziere, als Näheres durchsickerte. Gerade in dieser schlimmen Zeit, wo wir den Führer doch so dringend brauchten! Der Glaube war in dieser Zeit noch ziemlich ungebrochen, nur langsam schlichen sich leise Zweifel ein.