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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 3, Teil 2: Villen-Lazarett Timmendorf

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 3, Teil 2

Villen-Lazarett Timmendorf

Wenn man in Richtung Heimat fährt, ist jede Eisenbahnfahrt angenehm. Über Lübeck fuhr ich dann nach Timmendorf. Papa hatte schon alles arrangiert. Ich kam nicht in das große Hotel, welches als Lazarett diente, sondern wurde in der Strandallee in einer Privatpension untergebracht. Es war ein hübsches kleines Häuschen, welches als Neben-Lazarett benutzt wurde. Hier waren einige Offiziere und auch Mannschaften untergebracht, die ‒ so würde man wohl heute sagen ‒ rekonvaleszierten oder ‒ so könnte man es vielleicht auch deuten ‒ Beziehungen hatten.

Es können wohl so knapp 20 Personen gewesen sein und es war sehr gemütlich. Ich habe mich dort schnell eingelebt. Die Betreuung derjenigen, die so wie ich ärztlicher Hilfe bedurften, oblag einem Wehrmachtsarzt, der ebenfalls dort wohnte. Einmal in der Woche hatten wir Visite, d. h. wir gingen zu dem Arzt in einen besonderen Raum. Ich wurde dort auch behandelt - mit dem Höllensteinstift. Dieser wird dazu verwendet, das wild gewachsene Fleisch, und davon hatte ich an meinem Finger eine ganze Menge, weil die Wunde in dieser Richtung bisher nicht behandelt worden war, weg zu beizen. Oh, hatte ich einen Bammel! Die erste Behandlung war auch nicht so schön, aber erträglich. Nachher gewöhnte ich mich daran und war froh, dass der Finger wieder normale Formen annahm.

Der Arzt, so wurde erzählt, sei selbst verwundet worden, als er mit der Pistole in der Hand dabei half, eingedrungene Russen aus dem Graben zu werfen. Und außerdem wurde erzählt, dass er seine zivile Praxis in Glashütte hätte. Mir war das nicht bekannt. Aber das soll nichts heißen. Glashütte war für uns Garstedter schon Ausland. Dahin ging man nicht jeden Tag. Man fuhr eigentlich nur durch, wenn man den Segeberger Kalkberg besichtigen wollte. Aber sonst kannte man kaum jemanden dort. Ja, doch - Papa kannte den Wirt vom Schinkenkrug in Glashütte und den Müller Seidel von der Mühle, der sogar um 20 Ecken mit uns verwandt war. Kontakte bestanden aber nicht.

Unser Chef in unserer Villa war Unteroffizier Köpke, der sehr darauf bedacht war, nicht anzuecken ‒ kein Wunder bei dem Posten! Es wurde viel Schach gespielt. Wir hatten richtige Koryphäen darunter. Ich konnte mich mit keinem messen, meine Fähigkeiten waren zu gering. Aber zugeschaut habe ich gern.
Mit Papa hatte ich wenig Kontakt, der hatte auch viel zu tun. In unserer Mitte war ein Soldat, der schwer verwundet war und den Papa durch Massagen wieder fit gemacht hatte. Der sang wahre Lobeshymnen auf seinen Masseur! Das hörte ich gern.

Es war immer noch Winter, aber die angenehme Seeluft erlaubte mir etliche Spaziergänge. Im Dorf selbst war nichts los. Auch das Rathaus in der Nähe des Bahnhofes hatte man als Lazarett umfunktioniert. Allmählich näherte sich Weihnachten. Wir bekamen Besuch vom Kindergarten und wurden mit Weihnachtsliedern überrascht. Oh je, da hatte es wieder gefunkt. Die Leiterin des Kindergartens war ein ganz süßes patentes Mädchen und wir beide verstanden uns auf Anhieb. Sie hieß Katja und war über die Kinderlandverschickung aus Spremberg/Niederlausitz hierhergekommen. Sie hatte dunkle sprechende Augen und hübsches dunkles Haar und eine gute Figur. Sie war fast ein Kopf kleiner als ich. Wie alt sie eigentlich war, weiß ich nicht. Ich schätze, sie war damals 16 oder 17 Jahre alt. Wir trafen uns, sooft wir konnten.

Mein Finger heilte, es bildete sich eine Narbe und die Lähmungen hatten sich auch gegeben. Zurück blieb lediglich eine leichte Taubheit auf dem Handrücken. Wann ich genau aus dem Villen-Lazarett entlassen worden bin, weiß ich nicht. Unter dem 24. Januar 1945 hatte Katja in meinen Kalender geschrieben: Ich bin Dein, Du bist mein ‒ des' sollst Du gewiss' sein! Du bist beschlossen in meinem Herzen! Verloren ist das Schlüsselein, nun musst Du immer darinnen sein! Es war wohl eine Art Abschiedsnotiz.