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Eisenbahn dritter Klasse

Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir ganz früher mit der Eisenbahn verreisten, Eisenbahn dritter Klasse.

In der ersten und zweiten Klasse gab es Polstersitze. In der dritten Klasse waren die Bänke aus Holz, mit aus dicken Bindfäden geknüpften Netzen über den Sitzen zur Aufbewahrung der Koffer.

Die Abteile der vierten Klasse waren doppelt so breit wie die der dritten Klasse, hatten rechts und links Sitzbänke und in der Mitte breiten Raum für Rucksäcke, Koffer, Wagen, Kästen und Kisten für Hühner oder Kaninchen, Kiepen für Kartoffeln und Obst.

Aus der vierten Klasse stiegen auf jeder Dorfstation zwischen Münster und Dülmen immerzu Leute aus und ein, wie ich festgestellt hatte. Auch Hunde wurden befördert.
Außerdem hatten die Waggons außen eine oder zwei schmale Treppenstufen, auf denen man am Wagen hochsteigen musste.

Ich kann mich auch daran erinnern, dass manchmal mitten während der Fahrt des Zuges sich eine Tür öffnete und der Schaffner zustieg, um die Fahrkarten zu kontrollieren. Er war außen auf der Treppe von Coupé zu Coupé (so hießen die Abteile damals) geturnt. Daraus ist zu ersehen, wie gering die Geschwindigkeit gewesen sein muss.

Eines Tages hatten wir nicht nur die Großeltern auf der Nordstraße, sondern auch Vatis Eltern auf der Hittorfstraße besucht und Vatis Schwester Tante Lene war auch da gewesen.
Sie war Lehrerin in Werne (an der Lippe) und Vati hatte Schwester Lene samt Mutter zum Bahnhof begleitet, weil Oma ein paar Tage bei ihrer Tochter in Werne verbringen wollte.
Und da die Straßenbahn nicht pünktlich gewesen war, war Lene am Bahnhof hastig ausgestiegen mit den Worten ich laufe schon mal vor und reserviere Plätze für uns beide. Sonst fährt der Zug noch weg.

Als mein Vater seine leicht gehbehinderte Mutter samt Koffer dann die zwei Treppen bis auf den Perron (so nannte man damals den Bahnsteig) hochgeschleppt hatte, bot sich ihm folgendes Bild:
Seine Schwester Lene stand vor dem offenen Coupé (die französische Bezeichnung war noch allgemein üblich) des Zuges, mit einem Fuß auf der Treppe, die hinaufführte, mit dem anderen Fuß auf dem Bahnsteig. Vor ihr stand der Bahnhofsvorsteher mit der Abfahrtskelle in der Hand, der sie schreiend aufforderte: Rauf oder runter, sag ich! Dalli!

Tante Lene, die einzige in unserer Familie mit Übergewicht, stand behäbig, stur und unbeweglich, bis sie ihre herankeuchende Mutter entdeckte und freudig ausrief:
Da isse ja! Nun können wir fahren, worauf mein Vater seine Mutter die Stufen hochschob und Lene den Koffer in Empfang nahm, worauf der Mann mit der roten Mütze endlich seine Kelle hochheben und der Zug abfahren konnte.

Und so konnte, damals, eine energische Lehrerin die Abfahrt eines Zuges bestimmen. Das hat mir damals so imponiert, dass es mir nach 85 Jahren wieder eingefallen ist!