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O, du liebes Schwänchen

Dieser Ausspruch von mir war einige Zeit Sprichwort in unserer Familie geworden und wurde zitiert, wenn ich mal wieder zu gutgläubig oder niedergeschlagen war.

Fünfzehn oder sechzehn Jahre alt muss ich gewesen sein, als ich mit meinen Eltern in unserem Park spazieren ging. Ihr wisst, er gehörte dem Herzog von Croy, der Park, aber eigentlich hatten wir davon mehr als er, denn wir wanderten viel öfter darin herum als er, wohnten wir doch am Park und der Herzog wanderte auch nicht, sondern fuhr nur ganz gelegentlich mal mit der Kutsche hindurch.

Es war an einem feuchten kühlen Frühlingstag, als die Riesenkastanien im Parkeingang im Schmuck ihrer weißen Kerzen prunkten und die Ränder der Teiche voller Froschlaich wabbelten. Auf dem zweiten Teich hauste ein Schwanenpaar. Natürlich kannten wir es längst. Majestätisch kreiste es auf dem See oder stand am Ufer, gründelte in Schlamm und Froschlaich herum oder saß friedlich am erhöhten Ufer in der Sonne auf dem Rasen. An jenem Morgen nun war Frau Schwan nicht zu sehen. Nachträglich denk ich, dass sie wohl mit Brüten beschäftigt war – auch ohne sichtbares Nest.

Herr Schwan zog einsame Kreise und kam dann, als er uns erblickte, mit Bugwelle auf uns zugesegelt. Er hatte ein ziemliches Tempo vorgelegt und war im Nu am Ufer angelangt, an dessen Rand wir aus fünf Meter Entfernung zu ihm hernieder blickten. Am Ufer stoppte der stolze Segler seine Fahrt ab und blickte abwartend zu uns hoch, so, als ob er eine Ansprache erwarte, fand ich jedenfalls. Damals war noch niemand auf die Idee verfallen, wildlebende Schwäne und Enten mit Brot zu mästen wie heutzutage. Und darum warf ich auch kein Brötchen zu ihm hinunter, sondern sagte nur ganz süß und freundlich, indem ich mich verbeugte:

O, du mein liebes Schwänchen

Als habe er auf diese Aufforderung gewartet, erhob der Schwan seine Schwingen, stieß einen wütenden Zischlaut aus und schoss hoch aufs Ufer auf mich zu – mit vorgerecktem Hals. Zum Glück dauert es immer mehrere Augenblicke, bevor der schwere Segler einigermaßen in Schwung kommt und ich hatte Gelegenheit, schnell ein paar Schritte zurückzutreten und dabei das Regencape, das ich des feuchten Wetters wegen über der Schulter trug, herabzureißen und mit Schwung über den Angreifer zu werfen.

Ihr müsst zugeben, dass das eine tolle Idee von mir war und mein Vater hat mir wegen meiner Geistesgegenwart auch seine volle Anerkennung ausgesprochen, die ja schwer zu erhalten war. Im nächsten Augenblick also lag mein gummiertes blaues Cape zu meinen Füßen und darunter fand ein wüstes Gewoge und Gewühle statt. Vorsichtshalber retirierte ich noch mehrere Meter rückwärts vom Schauplatz des Kampfes Schwan gegen Regencape und schaute der weiteren Entwicklung aus mindestens zwanzig Meter Entfernung zu. Meine Mutter hatte schon vorher Reißaus genommen, während mein Vater, seiner klassischen Beschützerrolle als Vater eingedenk, wie es sich für einen Vater gehört, als Säule neben mir stehengeblieben war.

Es dauerte eine Weile, ehe sich der Schwan unter dem Cape hervorgewühlt hatte. Da stand er nun, plattfüßig mit hängendem Hals. Ein Schwanenpsychiater hätte sicher gesagt: Total deprimiert und diskriminiert. Nur noch einen flüchtigen Blick warf er in meine Richtung, bevor er sich umwandte und langsam mit hängendem Hals und geneigtem Schnabel dem Ufer zuwatschelte. Dort stürzte er sich vom Ufer aus umgehend in die Fluten und segelte schnurgerade, immer schneller werdend bis ans andere Ufer, wo er im Schilf verschwand.

Ob Frau Schwänin dort brütete? Hatte er sich mit ihr gezankt, weil er so schlechter Laune war? Was mochte seine Aggressionslust angestachelt haben? Leider verstehe ich nichts von Schwanenpsychologie. Aber noch viele Jahre später, wenn der Spruch fiel O du mein liebes Schwänchen lachten wir uns an und ich dachte an das blauweiße Regencape – Schwanengewusel am grünen Teichufer.