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Arbeit adelt

Wie man nur so eine alberne und theatralische Behauptung aufstellen kann, möchtet Ihr wissen? Nun, die habe ich im RAD = Reichsarbeitsdienst gelernt.
Aber Ihr seid auf dem Holzwege, wenn Ihr denkt, der Arbeitsdienst sei eine Art Parteieinrichtung gewesen und nur überzeugte Jungnazis hätten daran teilgenommen. Als ich mich im Jahre 1939 für den RAD meldete, tat ich das, weil ich studieren wollte und eine Zulassung für die Uni nur bekam, wenn ich ein halbes Jahr RAD nachweisen konnte. Aber dann wurde dieses halbe Jahr zu einer Erfahrung für mich, die ich nicht mehr missen möchte.

Im Übrigen war der Arbeitsdienst keine Erfindung der Nazis. Als er 1934 als staatliche Organisation eingeführt wurde, hatte es bereits einen Freiwilligen Arbeitsdienst = FAG gegeben, der bereits 240 000 junge Menschen erfasst hatte. Er war von Jugendverbänden und Kirchen organisiert worden und war nicht nur zur Vermeidung der damals gerade unter Jugendlichen grassierenden Arbeitslosigkeit, sondern auch idealistisch begründet.

Mit Begeisterung haben sich damals junge Männer der Kultivierung von Mooren und Ödland gewidmet, Straßen gebaut, Wälder aufgeforstet und kameradschaftliches Gemeinschaftsleben unter bescheidenen Lebens- und Wohnbedingungen praktiziert. Inzwischen haben sich unsere Zivilisation und die Lebensbedingungen derart verändert, dass ein solch freiwilliger und fast unbezahlter Idealismus, wie der FAG vor 1933, nicht mehr verständlich ist und nur noch die Kibbuz-Bewegung in Israel entfernt-verwandschaftliche Züge erkennen lässt.

Dass für mich das Halbjahr RAD ein unvergessliches Erlebnis wurde, lag sicher auch weitgehend an der Landschaft, in der mein Arbeitsdienstlager lag – im Teufelsmoor bei Bremen.
Worpswede im Teufelsmoor war auch vor 45 Jahren eine bekannte Künstlerkolonie und noch viel später sind mir die weiten Wiesen am Moorfluss Ramme, auf der die schwarzen Segel der Moorkähne langsam am Horizont vorbeizogen, im Traum erschienen. Auf den Hammewiesen habe ich nämlich unter einem hohen Himmel wochenlang Heu gewendet, geharkt, aufgestakt und – oben auf dem vollbeladenen Heuwagen sitzend in die Scheunen eingefahren - wunderbare Erinnerung.
Selbst die bescheidenen Mahlzeiten danach mit der Bauernfamilie Tietjen am gescheuerten Holztisch, bestehend aus Milchsuppen und gekochten Kartoffeln, fand ich nicht zu kritisieren.

Neben der Arbeit beim Bauern gab es noch das Lagerleben. Das Lager bestand aus grün gestrichenen Holzbaracken. Damals sagte man noch nicht vornehm Container. Und niemandem wäre es eingefallen, das Schlafen in einer Baracke in einem Raum mit elf anderen Mädchen in sechs doppelstöckigen Betten mit Holzpritschen unzumutbar und menschenunwürdig zu finden, jedenfalls nicht laut. Dabei konnte zum Beispiel von einer federleichten warmen Daunensteppdecke keine Rede sein. Es gab stattdessen für jeden zwei harte, graue, kratzige Wolldecken, auch Pferdedecken genannt, in blauweiß karierten Bezügen.

Die Matratze bestand aus einem Strohsack. Die Haupttätigkeit am Abend, nachdem man in einem Arbeitsdienstlager angekommen war, bestand darin, seinen Matratzensack mit frischem Stroh auszustopfen. Für jeden Neuankömmling wurde frisches Stroh geliefert. Das Ausstopfen des Sackes zu einem kantigen, gleichmäßigen Rechteck war gar nicht so einfach; denn Stroh ist hart, sperrig und wenn es gebrochen ist, auch spitz.
Dass die Matratze hart war, merkte man schon nach zwei Tagen nicht mehr, wenn man sich todmüde darauf niederließ und sogar das Strohknistern beim Umdrehen im Bett weckte niemanden mehr auf.

Aber ich wollte ja von der Arbeit, die adelt, erzählen. Der RAD tat nämlich auch etwas für unsere kulturelle und politische Bildung. Die Lagerführerin spielte gut Gitarre, fünfzig Volkslieder habe ich damals mindestens gelernt und die sangen wir abends im Heidekraut sitzend hinter den Baracken.

Eines Abends, zur Feier des 1. Mai, des Tages der Arbeit, kamen wir in den Genuss eines tiefschürfenden Vortrages über den Sinn der Arbeit, den unsere Regierung gerade erfunden hatte… Sie hatte natürlich nicht die Arbeit erfunden, sondern den tieferen Sinn. In dem Vortrag war viel vom Adel des Arbeiters der Stirn und der Faust die Rede. Ausnahmsweise wurde der Vortrag von einem Redner männlichen Geschlechts gehalten, was ihm als Ausnahmeerscheinung in einem reinen Maidenlager unsere ungeteilte Aufmerksamkeit sicherte. Das mittelalterliche Wort Maid war übrigens eigens für die Mitglieder des weiblichen Arbeitsdienstes ausgegraben worden und ist inzwischen wieder aus dem deutschen Umgangssprachschatz verschwunden. Eine Mitmaid war am 2. Lagersonntag auf die Idee verfallen, einen katholischen Gottesdienst besuchen zu wollen und hatte eine Anfrage an die Lagerführerin gestartet. Beim Morgenappell wurde uns verkündet, dass es jedem freistehe, einen Kirchenbesuch zu machen. Katholische Gottesdienste fänden abwechselnd in verschiedenen Siedlungen und Dörfern im Umkreis statt. Das Dienstfahrrad dürfe dazu benutzt werden, das wir die Woche über für die Fahrt zu unserm Bauern, oft viele Kilometer entfernt, brauchten.

Das Flaggenhissen finde sonntags ausnahmsweise um 10 Uhr statt und dazu müsse jede Maid anwesend sein. Das Flaggenhissen fand an allen anderen Wochentagen um 7 Uhr morgens statt. Wir standen dazu, schnurgerade ausgerichtet, in der Mitte des Geländes, das von den Gebäuden: Schlafbaracke, Wohnbaracke mit Küche, Führerhaus und Klobaracke, letztere mit Plumpsklos, umgeben war, um den Fahnenmast und sangen: Auf hebt unsere Fahne in den frischen Morgenwind, lass’ sie weh’n und mahnen, die die müßig sind.

Oder: Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit, während die rote Fahne mit dem Hakenkreuz feierlich am Mast hochstieg. Nein, müßig waren wir weiß Gott nicht und das hätte sich auch gar nicht praktizieren lassen und die Morgenfrühe war in meinem bisherigen Leben auch nicht Meine Zeit gewesen und ich hätte sonntags nach der ungewohnten körperlichen Arbeit gern länger geschlafen.

Aber da der sonntägliche Kirchenbesuch mit Schwierigkeiten verbunden war und uns außerdem noch Strafe angedroht war für den Fall der Unpünktlichkeit oder des Umfunktionierens des Kirchenbesuchs in weltliche Vergnügungen, entdeckten einige Maiden prompt ihr tiefes religiöses Bedürfnis zum Besuch der Frühmesse.

Heute, fast ein halbes Jahrhundert später, will es mir scheinen, als seien diese Fahrradtouren auf den schmalen sandigen Heidewegen des Teufelsmoores in nebliger Morgenfrühe eines der schönsten Erlebnisse dieser Zeit gewesen. Wir fuhren schweigend hintereinander in den schmalen ausgefahrenen Sandrillen, sahen Lerchen, Kiebitze und Kaninchen, Besenginster, Wollgrasflöckchen und Heidekraut, aber fast nie Menschen. Als Gegensatz dazu erlebte ich ein paar Wochen später den Anfang des Krieges mitten in der Großstadt Düsseldorf.

Eines Sonntags hatte sich die Rückfahrt verzögert und wir hatten das Fahnenhissen um 10 Uhr verpasst. Ob die Fahrstrecke nun viel länger als sonst gewesen war, ob wir mit dem Pfarrer (der auch immer mit dem Fahrrad unterwegs war) oder anderen Messebesuchern geklönsnackt hatten, weiß ich nicht mehr.
Wir wurden jedenfalls gleich bei unserer Ankunft in das Führerhaus zitiert, erhielten im Angesicht aller Führerinnen eine Strafpredigt und eine Strafe auferlegt. Bei mir lautete sie: Sie putzen die Fenster der Wohnbaracke – aber blitzblank! Holen Sie sich gleich nach dem Mittagessen das Notwendige im Vorratsraum ab!

Nun hatte ich zwar bis dahin in meinem Leben noch kein Fenster geputzt, aber da wir zu fünfen waren, fühlte ich mich sehr stark und selbstbewusst, trat einen Schritt vor und zitierte: Arbeit kann niemals eine Strafe sein, sondern ist immer eine Ehre!!! (Hatten wir gerade gelernt). Unsere Maidenführerin schaute mich verblüfft an und kommandierte dann knapp: Wegtreten.

Am Sonntagnachmittag stand ich dann außen auf einem Schemel vor dem niedrigen Fenster der Wohnbaracke und bemühte mich mittels eines zusammengeknüllten Balles von Zeitungspapier, die Scheiben auf Hochglanz zu polieren. Da es ein schöner sonniger Tag war, summte ich vergnügt vor mich hin.
Da blieb hinter meinem Rücken jemand stehen und ich hörte die Stimme der Lagerführerin: Das macht Ihnen wohl Spaß?
Ich stieg vom Schemel, dreht mich um, nahm Haltung an und erklärte zackig: Arbeit adelt. Eine Antwort erhielt ich nicht. Die Fragestellerin wandte sich hastig ab und ging davon. Dabei hatte ich den Eindruck, dass ich ihr Lachen nicht sehen sollte.

Ein paar Tage später bekam ich dann die Quittung für mein gut gelerntes Arbeitsethos. Ich wurde zur stellvertretenden KÄ. ernannt. KÄ = Kameradschaftsälteste war der unterste Dienstrang im RAD und wurde nur von berufsmäßigen Anwärterinnen für die Führungslaufbahn eingenommen. Aber unsere bisherige KÄ, Leiterin der Küche und Hauswirtschaft, war, von allen unbemerkt, von einem Tag auf den anderen verschwunden. Das Lagergerücht wollte wissen, dass die dralle Ingeborg ein Kind erwarte, dessen Vater einer der anschlussbedürftigen Jungs der nahe gelegenen Flakstellung sei. Und da man beim Arbeitsgau wohl gerade keine KÄ vorrätig hatte, wurde mir diese verantwortungsvolle Aufgabe übertragen. Gefragt, ob ich bereit sei, diese Aufgabe zu übernehmen, wurde ich nicht. Ich erhielt nur den ausdrücklichen Hinweis, wie verantwortlich und ehrenvoll eine solche Aufgabe für eine einfache Arbeitsmaid sei und so blieb mir auch weiter gar nichts übrig, als mich geehrt und geadelt zu fühlen.

Nun hatte die Lagerführerin die Wahl ja nicht aufs Geratewohl getroffen, sondern sicherlich aus meinen Papieren ersehen, dass ich vor dem Eintritt in den RAD einen Sonderlehrgang auf einer Frauenoberschule abgeschlossen hatte.

Ich traute mir auch durchaus zu, Rinderrouladen und Weincreme für das Festessen für zehn Personen zuzubereiten. Aber darum ging es nicht, wie mir sofort klar wurde, als ich des Riesenmonstrums von Küchenherd ansichtig wurde, der die halbe Küchenbaracke ausfüllte. Eingestehen, dass ich noch nie in meinem Leben einen Kohleofen angemacht hatte, weil es bei uns im Hause nur eine Koksheizung gab, ging nicht an. Noch weniger konnte ich zugeben, dass mir das Anheizen eines Küchenherdes, zumal von solch einschüchternder Größe, ein Buch mit sieben Siegeln war, weil wir auf der Frauenoberschule auf Gas und Elektro gekocht hatten. Mit Sicherheit verfügten fast alle anderen Maiden über Erfahrung im Feueranzünden und ich hätte mich unsterblich blamiert.

In der Nacht darauf schlief ich ein bisschen unruhig, weil ich befürchtete, den Wecker zu überhören, den ich mir ausgeliehen, auf vier Uhr gestellt und unter meinem Kopfkissen deponiert hatte. Aber ich wachte dann von selbst um vier Uhr auf, kleidete mich leise an und schlich aus der Schlafbaracke in die Küche hinüber, für die ich am Abend den Schlüssel erhalten hatte. In der Küche öffnete ich dann den Rachen des Untiers von Kohleherd und stellte zu meinem Schrecken fest, dass ich erst einmal Berge von Asche ausräumen musste. Und Gummihandschuhe gab es nirgendwo. Ich dachte wieder an die edle These vom Adel der Arbeit. Wenn man sie ernsthaft bejahte, mussten ja schwarze Hände dazu gehören – zum Adel. Hatte ich nur bisher nicht gewusst.

Nachdem ich das Ascheproblem bewältigt hatte, machte ich mich an den Aufbau des Feuerwerks – unten Papier, dann Holz, schön kreuz und quer geschichtet, darauf eine gehörige Portion Kohlen. Aber irgendwie klappte das nicht. Das Papier flackerte zwar wild auf, aber das Holz kokelte nur ein bisschen an und wollte nicht brennen. Ich versuchte es mit neuen Schichtungen, entfernte die schweren Kohlen, bis mir schließlich fast das ganze Zeitungspapier ausging. Endlich verfiel ich auf die Idee – musste ich irgendwo gelesen haben – mit dem scharfen großen Brotmesser zwei große Scheite in Späne zu zerfitzeln und konnte aufatmen. Es begann verheißungsvoll zu knistern.

Kurz vor sechs Uhr glühten die Kohlen, die Herdplatte war heiß und ich konnte die beiden großen Aluminiumtöpfe auf die Platte schieben. Um allen Eventualitäten durch Anbrennen vorzubeugen, gab es bei mir am ersten Morgen nicht die übliche Haferflockensuppe mit Milch, weil die sehr groben Haferflocken eine Weile kochen mussten und sich ansetzen konnten. Stattdessen gab es Gerstengrütze, in Wasser dick gekocht. Dazu kamen ein paar Kannen heiße Milch auf den Tisch und gefüllte Zuckerdosen. Als die ersten Maiden zum Tischdecken erschienen, hatte ich bereits mehrere Pakete Schichtkäse mit Schnittlauch zu Brotaufstrich verrührt und die Mehrfruchtmarmelade aus einem großen Eimer in Schüsselchen gefüllt. Ich war in Schweiß gebadet und hatte schwarze Trauerränder unter den Fingernägeln. Aber nicht einmal eine Eins im Klassenaufsatz hatte mir jemals ein solch tiefes Gefühl der Zufriedenheit eingebracht, wie zwei Töpfe voll gekochter Gerstengrütze und zehn Kannen voll warmer Milch. Trotzdem war ich ganz froh, als nach einer Woche die beim Gau angeforderte Kameradschaftsälteste eintraf und ich des Küchenamtes wieder enthoben wurde.

Bei meinem Bauern hatte inzwischen die Roggenernte eingesetzt, die ich nicht verpassen wollte, ebenso wenig wie den gehaltvollen Rosinenkuchen, den die Bäuerin speziell für mich backte. Außerdem — rabenschwarze Fingernägel habe ich noch nie ausstehen können!