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Ingo und das vergessene Gewehr

Ingo war tagelang unsere zuverlässigste Brandwache gewesen, als Großmutters Haus im Herbst 1943 durch Brandbomben getroffen war. Im Laufschritt war ich vor drei Wochen nach Hause gerannt, als sich die Bunkertüren endlich geöffnet hatten, weil das Bunkerradio vereinzelte Bomben auf die Nordstadt gemeldet hatte. Ausgerechnet Omas Haus und das gegenüberliegende waren getroffen worden. Dicker Qualm stieg bereits vom Dachgeschoß auf. Dabei hatten wir das Dachgeschoß doch so gründlich entrümpelt!

Außer Atem hatte ich im dritten Stock vor der Korridortür gestanden und durch die grünen Glasscheiben in den Flur gestarrt, auf dessen Fußboden sich bereits eine Qualmschlange ringelte, die aus dem Schlafzimmer zu kommen schien. O Gott, was sollte ich nur machen? Frau Ahrens, die die obere Wohnung bewohnte, war wahrscheinlich unterwegs, die anderen Hausbewohner noch im Bunker. Es musste sofort gelöscht werden! Die Badewannen in allen Etagen waren mit Wasser gefüllt; die Eimer standen daneben.

Omas Wohnung im ersten Stock, die ich bewohnte, war zwar noch nicht gefährdet, aber es war sicher nur eine Frage von wenigen Stunden, das Haus in ein Flammenmeer zu verwandeln. Feuerwehr anrufen war auch sinnlos, die waren inzwischen sicher mit der Brandbekämpfung von Häusern beschäftigt, die weit wichtiger waren als Großmutters Haus.
Ich rannte die Treppen wieder hinunter und mit Gasmaske, Beil und zwei gefüllten Wassereimern beladen mühsam wieder hinauf. Dann schlug ich die Scheiben ein, löste die Fußbodenverriegelung der zweiflügeligen Etagentür – tatsächlich, zu meiner Überraschung ließ sich das machen – und war im Flur.

Aber als ich die Schlafzimmertür aufdrückte, schlug mir schwarzer Qualm entgegen, in der Decke züngelten Flammen, durch den frischen Luftzug angeregt, und auf den Betten schwelte es. Ich drückte schleunigst die Tür wieder zu und riss die Gasmaske ab, die ich mir vorher übergestülpt hatte, weil es sich in dem Qualm darunter überhaupt nicht mehr atmen ließ und ich einen Hustenanfall hatte. Offenbar waren Gasmasken gegen Qualm bei Bränden ungeeignet; darüber waren wir nicht richtig informiert worden.

Inzwischen waren auch Leppelmanns, Bewohner der Parterrewohnung, eingetroffen und hielten kurzen Kriegsrat. Fazit: Nichts zu machen, wenn nicht zufällig ein Feuerwehrauto den Weg durch unsere Straße nimmt. Dann erschienen auch Nachbarn und es begann eine große Möbelräumaktion. In der oberen Wohnung war nichts zu retten, aber die clevere Frau Ahrens hatte sowieso schon vor Monaten einen Teil ihrer Möbel und ihres Hausrats irgendwo auf dem Lande untergebracht.
Eine halbe Stunde später stapelte sich Hausrat und Möbel auf dem Fußweg vor den Nachbarhäusern.
Dann geschah das Wunder. Ein Feuerwehrwagen rasselte um die Ecke, hielt abrupt vor unserem Haus, ein kurzes Kommando ertönte, Schläuche wurden ausgerollt bis zum Feuerlöschteich auf dem Nordplatz, hundert Meter entfernt, und schwere Stiefel polterten die Treppe herauf. Und dann ergossen sich Wasserströme in die brennende Wohnung.

Das Rätsels Lösung erkannte ich sofort. Sie hieß Leo und war der Kommandeur des roten Fahrzeugs. Er war entfernt mit uns verwandt, und die neuen Möbel seines jungen Bruders, der gleich nach der Kriegstrauung zur Front abgereist war, stapelten sich in unserem vorderen Zimmer. Eine viertel Stunde später begannen wir damit, die Wasserströme, die Anstalten machten, durch die Decken zu tropfen, die Treppe herunterzufegen und der Feuerwehrwagen rasselte wieder ab, nachdem er das gegenüberliegende Haus noch unter Wasser gesetzt hatte. Ächzend und stöhnend machten wir uns daran, mit Hilfe unserer hilfsbereiten Nachbarn die Möbel wieder über die pitschnasse Treppe hochzuwuchten, während es von den Decken tropfte.

Und dann geschah das zweite Wunder. Genagelte Stiefel marschierten im Gleichschritt heran. Auf Abteilung haaalt verstummte das Geräusch, Stiefel polterten wieder die Treppe hoch und ein junger Leutnant stellte sich vor, um unter meiner Führung die Brandstelle zu besichtigen. Und dann wurden drei Soldaten von der auf der Straße wartenden Truppe zur Hilfe und nächtlichen Feuerwache abkommandiert. Ich hätte den forschen Helfer in der grauen Wehrmachtsuniform vor Erleichterung am liebsten umarmt, aber so was tat man damals nicht. Die Soldaten benahmen sich wie gelernte Möbelpacker und binnen kurzem standen alle Möbel wieder an Ort und Stelle. Dann trabten sie mit den Eimern zum Feuerlöschteich und füllten die Badewannen randvoll wieder auf, da die Wasserleitung abgestellt werden musste, weil sie stellenweise tropfte. Und nachdem ich dann per Fahrrad im Bunker geschmierte Brote abgeholt hatte, teilten sie sich für die Feuerwache ein. Nach Bombenangriffen standen für Ausgebombte und Geschädigte Getränke und Brote bereit; ich hatte öfter dabei mitgeholfen, sie zu schmieren.

Das die Jungens von der Wehrmacht in der Nacht da waren, war ein Segen, denn es passierte dreimal in der Nacht, dass der Wachhabende seine Kameraden wecken musste, um die dicken Eichenbalken des stabilen Jugendstilhauses, in derem Inneren sich das Feuer weiterfraß, abzulöschen und brennende Balken mit der Axt abzuschlagen.
Am nächsten Morgen klafften in den Decken des zweiten Stocks zwei große Löcher. Drei Tage und Nächte bekamen wir stundenweise eine Brandwache, dann hatte der kontrollierende UvD sie mitgenommen. Nur Ingo, der Jüngste der Drei traf am Abend wieder ein, und darüber war ich sehr froh, denn auch in den nächsten Tagen mussten immer wieder kleine Schwelherde in den dicken Balken abgelöscht werden und ich war natürlich tagsüber längst wieder im Dienst.

Es war so beruhigend, wenn mich Ingo bei den nächtlichen Kontrollgängen durchs Haus begleitete und mir die schweren Wassereimer aus der Hand nahm. Leppelmanns, Parterre, waren nun auch ausgezogen und hatten dabei das Haustürschloss und die Tür beschädigt, was niemand reparierte und des Nachts freien Zugang ins Haus garantierte.

Frau Ahrens, deren Wohnung ausgebrannt war, wohnte nun bei mir, und Ingo blieb dann auch weg. Ein wenig verwunderlich fand ich nur, dass er sein Gewehr nicht mitgenommen hatte. Ein bekannter Schnack sagte doch, das Gewehr sei die Braut des Soldaten, von der er sich nicht trennen dürfe. Wegen der Untrennbarkeit war unsere Nacht- und Feuerwache sicher auch mit Gewehren ausgerüstet gewesen, denn zum Löschen waren die unhandlichen Dinger doch gänzlich ungeeignet und standen auch sonst nur im Wege. Ingos Gewehr stand nun Parterre neben einem alten Kleiderschrank, in dem Raum, in dem er zuletzt geschlafen hatte. Von peinlicher Ordnung und Waffenregistrierung konnte in seiner Kaserne wohl nicht die Rede sein, sonst hätte man die Knarre doch längst vermisst.

Da ich 14 Tage später in meiner Eigenschaft als Volkspflegerin (jetzt Sozialarbeiterin) dienstlich in dem Stadtteil, in dem Ingos Kaserne lag, per Fahrrad unterwegs war, nahm ich den Umweg über die Kaserne. Dort marschierte ich mutig in die Wachstube am Eingangstor und begehrte Ingo zu sprechen.
Der von mir befragte Wachsoldat starrte mich sprachlos an. Dann wurden die beiden anderen aufmerksam und starrten ebenso. Na, so ein Ausbund von Schönheit war ich nun auch wieder nicht, um solches Aufsehen zu erregen. Oder doch? Hektisch wurde telefoniert. Mindestens ein halbes Dutzend Telefongespräche waren notwendig, um einen kleinen Soldaten ausfindig zu machen. Aber schließlich war es ja auch eine große Kaserne.

Dann bellte der Wachhabende ein paar mal jowoll ins Telefon und ich nahm an, nun würde der Gesuchte wohl endlich erscheinen. Irrtum! Nach weiteren drei Minuten erschien ein adretter Ordonnanzunteroffizier oder so was ähnliches und bat mich höflich, ihm zu folgen. Vornehme Sitten herrschten in der Kaserne. Oder war das Fürsorge? Natürlich konnte man sich in dem großen Gelände leicht verirren Warum schicken sie dann Ingo nicht einfach in die Wachstube am Kasernentor?, dachte ich. Ich brauchte mit meiner schneidigen Begleitung auch gar nicht im Gelände herumzutraben, sondern es ging gleich im nächsten großen Gebäude eine Treppe hoch. Eine Tür wurde für mich geöffnet und ich stand in einem Büro einem Offizier gegenüber, das heißt, ich stand und er saß – hinter seinem großen Schreibtisch.

Ich wunderte mich. Tatsächlich, die Achselstücke wiesen es aus. Der Mann hinter dem Schreibtisch war ein Major und er sah genau so aus, wie sich junge Mädchen zur damaligen Zeit Offiziere und Helden vorstellten, blond und groß und breitschultrig. Nur, Manieren hatte er keine. Er bot mir weder einen Stuhl an, noch machte er Anstalten, sich zu erheben und hinter seinem Schreibtisch hervorzukommen. Stattdessen starrte er mich unhöflich und aufmerksam aus kritischen blauen Augen an. Knapp forderte er mich auf, meinen Namen zu nennen und mein Anliegen vorzubringen.
Eine schnippische Antwort lag mir auf der Zunge. Mit Mühe schluckte ich sie rechtzeitig hinunter in der klugen Erkenntnis, dass sie zu Komplikationen führen könnte. Stattdessen berichtete ich kurz von der Brandwache in Großmutters Haus und dass ich den Soldaten Ingo Meier bitten wollte, sein vor 14 Tagen im Haus Nordstraße vergessenes Eigentum abzuholen. Vom Gewehr sagte ich nichts. Es war anscheinend noch nicht vermisst worden, sonst hätte man mich sicher als erstes danach gefragt.

Herr Major schauten ungläubig und streng, während er die Augen von einem Papier hob, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag: Wie lautet der Name der Hausbesitzerin? Ich stellte mich daraufhin als stellvertretende Hausbesitzerin für meine evakuierte Großmutter vor, was bei meinem Gegenüber ungläubiges Staunen hervorrief. Woran das lag, wusste ich aus Erfahrung. Ich sah mal wieder wie höchstens 17 Jahre aus, obwohl ich 23 war. Diesem Mangel pflegte ich durch ein strenges blaues Kostüm abzuhelfen und einen Hut, der jetzt draußen am Fahrrad hing. Damals trug ich die alten Herrenhüte meines Vaters (neue gab’s sowieso nicht), die mir das Gefühl vermittelten, meiner Stellung als Volkspflegerin entsprechend würdig und alt auszusehen. Meine Familie grinste zwar über meinen Tik, konnte aber nicht abstreiten, dass ich mit Hut, wenn ich meine blonden Locken darunterstopfte, fünf Jahre älter aussah.

Meinen aus der Tasche gekramten Pass schaute der unhöfliche Mensch nur flüchtig an und sagte scharf: Die Brandwache war zur Hilfe für eine ältere Dame abgestellt. Gibt es eine ältere Dame im Haus? Doch, sagte ich, Frau Ahrens, deren Wohnung ausgebrannt ist, wohnt nun bei mir, sie ist 14 Jahre älter als ich.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, als wenn mein Gegner erleichtert aufatmete, aber seine Stimme klang weiterhin sehr bestimmt, als er anordnete: Richten Sie bitte der Dame aus – wie war der Name? Er notierte – Sie möge sich morgen früh, sagen wir mal um zehn Uhr hier einfinden!
Es klang wie ein Befehl und ich dachte: Diese eingebildeten Uniformträger bilden sich doch tatsächlich ein, sie könnten Frauen genau so herumkommandieren wie ihre Soldaten. Da kam er bei Frau Ahrens aber an die falsche Adresse. Was hochmütiges Benehmen anbelangte, konnte sie es sicherlich mit ihm aufnehmen. Ich lächelte freundlich, Ich werde ihren Wunsch ausrichten. Im Übrigen hatte ich immer noch keine Gelegenheit, Ingo Meier zu sprechen, weswegen ich hergekommen bin. Die Antwort verblüffte mich: Das können Sie auch nicht. Er war seit 14 Tagen nicht mehr in der Kaserne.

Ach so, ich begriff endlich. Ingo hatte sich unerlaubt von der Truppe entfernt. So hieß das ja wohl. Wie dumm von ihm! Er gehörte sowieso nicht zu den schlauesten, aber soo dämlich... das konnte doch nur kurze Zeit gutgehen bei den vielen Streifen in der Stadt. Ich griff nach meiner Aktentasche. Eine Frage hielt mich noch auf. Warum wollten Sie ihn wirklich sprechen? Im Verhältnis zu 14 Tage Urlaub war ein vergessenes Gewehr nur eine Bagatelle. Daher sagte ich wahrheitsgemäß: Seit 14 Tagen steht ein vergessenes Gewehr bei mir im Haus. Ich wollte Ingo Meier bitten, es abzuholen.

Der zukünftige General erhob sich hinter seinem Schreibtisch zu seiner vollen Höhe. Zweifellos eine imposante Erscheinung, aber ebenso zweifellos ein Ekel. Aber er kam nun tatsächlich hinter seinem Schreibtisch hervor – sieh da – und reichte mir seine Hand. Wie gnädig! Das Gewehr wird abgeholt. Schönen Dank! Wann sind Sie zu Hause? Mit Ordonnanz wurde ich sodann zur Wache zurückgeleitet.
Als ich Ada Ahrens am Abend den Wunsch des Majors übermittelte, sie kennenzulernen, nachdem ich von meinem Besuch in der Kaserne berichtet hatte, zeigte sie sich amüsiert. Adas Mann – Jurist – war zwei Jahre zuvor gestorben. Sie war ohne Rente und nun irgendwas bei der NS-Frauenschaft, beim Gau. Es schien eine bedeutende Stellung zu sein; denn ihr Selbstbewusstsein war seitdem mächtig angestiegen und sie pflegte ab und an herablassend zu mir zu sagen: Liesel, wie sind Sie naiv!

Am folgenden Abend brauchte ich auf Frau Ahrens Bericht nicht lange zu warten. Sie erzählte mit lebhafter Anteilnahme‘. Also der Major, übrigens ein sehr attraktiver Mann, behandelt
mich mit ausgesuchter Höflichkeit.
Ich grinste. Kein Wunder. Ada Ahrens war die eleganteste Frau, die ich kannte. Das wirkte auf Männer immer. Im Gegensatz zur obersten Dienstfrau, der Reichsfrauenführerin trug sie niemals Trachten, sondern war modisch französisch orientiert.

Ich habe mich sehr nett mit dem Major unterhalten, den Sie als Ekel bezeichneten. Aber eigentlich wollte er von mir nur ein Leumundszeugnis über Sie. Er fragte mich doch tatsächlich, ob es möglich sei, dass Sie mit dem unbedarften Knaben Ingo ein Verhältnis haben und ob Sie ihm Unterschlupf gewähren. Ich habe das natürlich empört zurückgewiesen, worauf er ganz friedlich antwortete, das habe er sich auch nicht von Ihnen vorstellen können und er habe das von mir auch nur bestätigt haben wollen. Sie fuhr fort: Wie gesagt, wir plauderten dann noch, weil er meinen Vetter kannte, den Oberzahlmeister, der mir neulich – aber egal. Und stellen Sie sich vor, währenddessen kam die telefonische Meldung, dass eine Streife den Ingo geschnappt hat. Ich sah ihn, als ich die Kaserne verließ, unten im Flur stehen, von drei Männern bewacht. Er sah ziemlich mitgenommen aus und guckte nicht hoch, als ich vorüberging.
Der arme Kerl, sagte ich mitleidig. Es hat ihm in der Kaserne wohl gar nicht gefallen, vielleicht, weil er nicht der Klügste war. Sicher wird er eingesperrt. Wenn ich denke, wie viele Stunden er nachts gewacht hat... Vielleicht kann ich zu seinen Gunsten aussagen? Ob man ihn besuchen kann?
Den Deuwel werden Sie tun! sagte die juristisch erfahrene Ada. Ist Ihnen nicht klar, dass das, was unser Ingo da praktiziert hat, als Fahnenflucht bezeichnet wird? Wissen Sie, was darauf steht? Und haben Sie nicht begriffen, in welchem Verdacht Sie selbst gestanden haben – einem Fahnenflüchtigen Obdach gewährt, beziehungsweise ihn zu diesem Verbrechen angestiftet zu haben? Wir haben schließlich Krieg! Wollen Sie diesem Verdacht neue Nahrung geben? Da sieht man mal wieder, wie naiv Sie sind!

Was aus Ingo geworden ist? Ich habe keine Ahnung. Wir hatten Krieg!