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Erinnerungen einer Marinehelferin 1941 bis 1945 — Kapitel 3: Rückkehr nach Kiel 1944

Erinnerungen einer Marinehelferin 1941 bis 1945

Kapitel 3: Rückkehr nach Kiel 1944

Aber welch eine Rückkehr! Zwei Bahnstationen vor Kiel gab es keine Schienen mehr. Ich musste mit meinem Gepäck aussteigen und rechts neben den Gleisen herlaufen in Richtung Kiel-Hauptbahnhof. Auf der Gegenseite der kaputten Schienen kamen die Leute aus Kiel heraus. Es waren meist Militärpersonen. Sie riefen mir zu: Wollen sie jetzt noch nach Kiel rein? und Nichts wie raus hier.

Mein neues Kommando war die Fernschreibstelle in der ehemaligen Marine-Akademie. Ich kannte das Gebäude von früher. Es war ein alter, halbrunder Bau. Als ich ihn nun wiedersah, war er fast völlig zerstört. Genau in der Mitte war ein Volltreffer gelandet. Es standen nur noch die beiden Seitenflügel und auch da gab es nur leere Fensterhöhlen. Da auch die Helferinnenunterkunft total ausgebombt war, mussten wir in den Trümmern des Akademiegebäudes wohnen. Es gab nur Betten und Wolldecken, keine Spinde, keine Stühle, keine Tische. Wir mussten aus dem Koffer leben. Im gutbefestigten Keller des Gebäudes war die große Fernschreibstelle. Bei Fliegeralarm standen wir dort enggedrängt und hatten keinen Platz zum Sitzen.

Die Sirenen heulten meistens zu spät, oft erst wenn die Flugzeuge schon über uns waren. Wir trauten uns manchmal kaum die Treppen zum Keller hinunter, weil man durch die leeren Fensterhöhlen das Inferno draußen hören und sehen konnte. Einmal, als es mir noch gelang in den Stollen zu laufen, fielen auf den Eingang, wo sich noch viele Menschen drängten, Sprengbomben. Nach dem Fliegeralarm konnten wir sehen, was passiert war. Viele Menschen wurden unter Betontrümmern begraben. Man konnte eine unserer Helferinnen noch erkennen, die zwischen zwei Betonplatten plattgedrückt war. Eine Kollegin von mir bekam einen Schreikrampf, als sie das sah. Sie musste mit Schlägen wieder zu sich gebracht werden.

Das schöne Kiel war nicht wiederzuerkennen. Es gab nur Trümmer und überall waren verwundete Soldaten. Das Lazarett war total überfüllt und die verwundeten Soldaten saßen außen am Bordstein oder an die Häuser gelehnt und warteten auf irgendeine Hilfe.

Wie wir hörten, war in Frankfurt der Krieg praktisch schon vorbei. Die Amerikaner waren da. Bei uns in Schleswig-Holstein war immer noch Krieg. Ein ganz gemeiner Luftkrieg. Jeden Tag war Fliegeralarm, es kamen nicht zehn, sondern mehrere Hundert feindliche Flugzeuge. Der Himmel dröhnte von Motoren und die Einschläge waren nicht mehr zu zählen. Es gab Leute, die in den Bunkern Zuflucht gefunden hatten, die aber die Bunker nicht mehr verlassen konnten, da Phosphor-Bomben alles rundherum in Brand gesetzt hatten. Sie erstickten, da kein Sauerstoff mehr herein kamDas ist eine oft gehörte Legende. Der Hamburger Feuerwehrmann Hans Brunswig (Feuersturm über Hamburg) hat das Phänomen genau beschrieben. Die Leute kamen nicht durch Sauerstoffmangel um, sondern durch die Brandgase, wie z.B. durch geruchlose Gase wie Kohlenstoffmonoxid und Kohlenstoffdioxid.Anmerkung der Redaktion (HK). Andere, die nicht von den Bomben getötet wurden, ertranken in den Kellern wegen der zerstörten Wasserleitungen, oder sie wurden durch Leuchtgas vergiftet, das ebenfalls aus den zerstörten Leitungen ausströmte.

Meine geliebte Förde sah ich nie mehr wieder, denn ich traute mich wegen der Angriffe nicht von dem Akademiegebäude weg. Wir schliefen nur noch in Kleidern und es kam kaum noch Verpflegung an.

Eines Tages hieß es, Kiel würde zur Festung und Admiral Dönitz würde Festungskommandant. In den Straßen wurden Panzerfallen gebaut und die Trümmer der kaputten Straßenzeilen wurden zu Wällen aufgetürmt.

Das konnte wohl stimmen, denn so viele Admiräle und Generäle hatte man noch nie zusammen gesehen. Sie wohnten auf der Milwaukee, einem ehemaligen Hapagdampfer, der als Wohnschiff eingerichtet war. Gott sei Dank kapitulierte Dönitz vorher.

Kurz zuvor hatten wir Helferinnen eine Zusammenkunft mit unserem vorgesetzten Offizier. Er sagte, wenn unter uns welche wären, die eine Adresse in Schleswig-Holstein hätten, wohin sie gehen könnten, würden sie sofort entlassen. Wir müssten versuchen, uns dorthin durchzuschlagen. Es gäbe keine Möglichkeit mehr, aus Schleswig-Holstein herauszukommen.

Ich war froh, dass ich eine Adresse hatte. Ich erinnerte mich an die Leute aus Wesselburenerkoog, bei denen ich als kleines Kind zur Kinderlandverschickung war. Dort wollte ich gerne hin. So bekam ich meine Entlassungspapiere, etwas Proviant und stand dann praktisch auf der Straße. Unsere Offiziere waren da nicht zimperlich, es interessierte sie nicht, was aus uns wurde. Wir waren ungefähr 500 junge Frauen, alle im Alter um die 20 Jahre.

Ich nahm meinen Koffer und sah zu, eine der Straßen zu erreichen, die aus Kiel heraus führte. Es gab keine öffentlichen Verkehrsmittel, es gab auch keine Privatautos, die waren schon lange von der Wehrmacht beschlagnahmt worden. Man sah nur Militärfahrzeuge. Sie fuhren immer im Konvoi und führten Flakgeschütze mit sich, um sich gegen die Tiefflieger zu wehren, die ständig angriffen.

An den großen Straßen stand Militärpolizei, die jedes Fahrzeug anhielt, um zu erfragen wohin es fuhr. Dann wurde das Reiseziel laut verkündet und alle Leute, ob Zivil oder Militär konnten mitfahren, ja sie mussten mitgenommen werden.

So wartete ich auch, um ein Fahrzeug Richtung Heide zu bekommen. Es kamen viele Autos, aber keines fuhr nach Heide. Es kam aber ein Konvoi, der nach Bremen fuhr. Nach meinen letzten Informationen wusste ich, dass in Bremen mein Mann war, und so fuhr ich kurz entschlossen nach Bremen.