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Erinnerungen einer Marinehelferin 1941 bis 1945 — Kapitel 4: Im Internierungslager

Erinnerungen einer Marinehelferin 1941 bis 1945

Kapitel 4: Im Internierungslager 1945

In Bremen angekommen, fragte ich mich zum Auffanglager durch. Dort erfuhr ich, dass Werner noch zu einer Panzerbrigade versetzt wurde, die bereits in Flensburg wäre. Diese Einheit war das letzte Aufgebot. Die Soldaten sollten Löcher in die Straßen graben, in dem ein Mann mit einer Panzerfaust Platz hatte. Wenn der feindliche Panzer darüber fährt, würde sofort der Soldat herausspringen und von hinten die Panzerfaust in den Sehschlitz des Panzers abschießen. Damit wäre er außer Gefecht gesetzt und würde ausbrennen. Das war natürlich ein Himmelfahrtskommando. Wozu das noch? Im größten Teil Deutschlands war der Krieg doch schon zu Ende.

Was sollte ich nun tun? Um das Maß vollzumachen, wurde mir auch noch im Auffanglager mein Koffer gestohlen und ich hatte nur noch das, was ich am Körper trug. Bald stand ich wieder auf der Straße, um mit dem nächsten Konvoi nach Flensburg zu fahren. Ich hatte nur noch einen Gedanken: Ich wollte meinen Mann finden. Ich fuhr in einer Gruppe von fünf LKW. Der Mittlere hatte ein kleines Flakgeschütz aufmontiert und ein Soldat lag die ganze Nacht in Position, bei eisiger Kälte, um die Fahrt gegen feindliche Tiefflieger zu sichern. Frühmorgens kamen wir bei heftigem Schneetreiben in Flensburg an.

Ich sah mich um und konnte es kaum glauben. Es war ein verschlafenes Städtchen, verschneit und friedlich. Kein Haus war zerstört. Es gab eine Straßenbahn und eine hübsche Förde. Aber es gab auch viele Soldaten, viele Verwundete. Jetzt erinnerte ich mich: Flensburg war eine Lazarettstadt und unsere Feinde hatten das wirklich akzeptiert. Auf vielen Dächern sah man das rote Kreuz auf weißem Feld.

Ich fragte mich durch und man zeigte mir am anderen Ende der Förde die Kaserne. Es war eine Panzerkaserne und ich glaubte, dass ich dort an der richtigen Stelle war. Ich fuhr mit der Straßenbahn hin und genoss es, in einer friedlichen Stadt zu sein.

Als ich in der Kaserne ankam, meldete ich mich sofort auf der Schreibstube und, o Wunder, man fand sofort in den Listen den Namen meines Mannes. Ich hätte natürlich keine Auskunft bekommen, wenn ich mich nicht als Militärperson hätte ausweisen können. Leider war er nicht in Flensburg, sondern 24 km weiter in einem Dorf, um dort ausgebildet zu werden. Ich bat um etwas Proviant und marschierte zu Fuß in dieses Dorf. Ich weiß nicht wie ich aussah, als ich dort ankam, aber es muss schlimm gewesen sein. Auch da gab es eine Schreibstube und auch hier war Werners Name registriert. Ich erzählte, wie ich hier hergekommen war und alle Soldaten wunderten sich sehr. Man holte Werner sofort herbei und der bekam vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Der Hauptmann erlaubte uns, ein Zimmer im Ort zu nehmen, aber mir wurde nahegelegt, Werner nicht vom Dienst abzuhalten.

Ein paar Tage später mussten alle Soldaten antreten und die Waffen abgeben, aber der Kommissbetrieb ging weiter. Es gab keine Luftangriffe mehr, aber die waren im Flensburger Raum auch selten.

Es gingen viele Parolen von Mund zu Mund. Jeden Tag desertierten ein paar Soldaten. Sie versuchten wohl, auf irgendeine Weise nach Hause zu kommen. Eines Tages hieß es, alle Soldaten müssten in ein Internierungslager marschieren. In der Nacht darauf machten sich nochmals eine Menge Soldaten davon. Werner war nicht dazu bereit, ebenfalls abzuhauen, denn wer erwischt wurde, konnte von den eigenen Kameraden als Deserteur erschossen werden. Einige glaubten immer noch, dass ein Wunder geschehen würde, dass es eine Geheimwaffe gäbe und wir letzten Endes doch noch siegen würden.

Der Termin kam und das Regiment marschierte los in das Internierungslager. Die Kameraden nahmen mich im Sanka-WagenAls Krankenkraftwagen (landläufig auch Krankenwagen oder Sanitätskraftwagen, abgekürzt ebenso SanKra oder Sanka genannt) bezeichnet man spezielle zweispurige Kraftfahrzeuge des Rettungs- und Krankentransports. mit. Der Hauptmann sah das nicht gern, dass ich dabei war, und er sprach mich darauf an. Er sagte, sie wären immer noch eine Einheit und es ginge nicht, dass ich als einzige Frau mitkäme. Ich sagte ihm aber, dass für mich der Krieg aus wäre und es mich nur noch interessieren würde, wo mein Mann bliebe. Ich würde mich auf keinen Fall von ihm trennen und das tat ich auch nicht.

Wir erreichten die Eider und damit das Internierungsgebiet der Engländer. Am Fluss entlang war alles mit Stacheldraht gesperrt und alle paar Meter stand ein englischer Panzer, die Rohre drohend auf das Lager gerichtet. Ich kauerte im Sanka-Wagen und die Sanitäter hatten Jacken über mich gebreitet. So passierten wir das Tor. Am Eingang stand ein Tommy mit einer Liste. Er sah in jeden Wagen und zählte die Leute nach Dienstgrad. Wir durften weiterfahren und waren nun in Gefangenschaft. Mich hatten die Engländer nicht gesehen.

Das Internierungsgebiet erstreckte sich von der Eider bis zum Kaiser-Wilhelm-KanalAnmerkung: heute Nord-Ostsee-Kanal. Es war ein sehr großes Gebiet mit Städten und Dörfern darin. Die Soldaten konnten sich darin frei bewegen. Es waren zum Schluss ein paar hunderttausend Soldaten in diesem Gebiet. In jedem Dorf ein Regiment, in jeder Scheune eine Kompanie. Die Kameraden von Werner trugen jeder im Gepäck einen Teil eines Zeltes. Diese Teile gaben sie uns und wir beide bauten das Zelt auf einer Pferdekoppel auf und wohnten darin.

Zuerst verpflegten sich die Soldaten aus eigenen Beständen und erst als diese aufgebraucht waren, taten es die Engländer. Das konnten sie aber nicht lange Zeit aufrechthalten und die Menschen wurden nicht mehr satt. Die Leute gingen zu den Bauern und diese gaben was sie hatten, aber sie lieferten kaum noch was in die Städte, denn der Transport klappte nicht mehr. Die Kühe auf der Weide wurden nicht mehr gemolken. Es herrschte Chaos.

Es gab im Internierungsgebiet drei Kategorien von Personen: Soldaten, Flüchtlinge und die ansässige Bevölkerung. Sie alle hatten Anspruch auf Lebensmittelkarten. Ich war nicht registriert und bekam keine. So mussten Werner und ich von einer Ration leben. Dazu kam noch ein weiteres Problem: Ich war schwanger.

Es gab auch gelegentlich improvisierte Tanzabende. Ein paar Soldaten musizierten mit Akkordeon und Mundharmonika und noch ein paar Mädchen fanden sich ein. Ich beobachtete ein Mädchen in grauer Uniform, die gerade vorbei tanzte. Es traf mich wie ein Blitz, denn dieses Mädchen kannte ich. Sie war aus meiner Heimatstadt. Sie war zwei Jahre älter als ich, hatte die selbe Schule besucht und wohnte nur eine Straße von meiner Großmutter entfernt. Ich ging sofort auf die Tanzfläche und sprach sie an. Anni war auch ganz allein hierhin verschlagen worden, sie war Flakhelferin gewesen. Sie war auch schwanger und hatte durch widrige Umstände ihren Freund verloren. Anni hatte nur einen Gedanken: Nach Hause, nach Hause. Nun, sie hatte ja auch eine Mutter und Geschwister, die auf sie warteten. Auf mich wartete niemand.

Wir sahen uns jetzt täglich und machten uns Gedanken, was wir machen könnten. Dann kam uns der Gedanke, zum Kaiser-Wilhelm-Kanal zu marschieren und die Engländer zu bitten, passieren zu können.

Gedacht, getan. Werner hatte keine großen Einwände, denn unsere Rationen wurden immer kleiner und wir hatten den ganzen Tag Hunger. Wir waren uns einig, dass er bis zur offiziellen Entlassung warten und sich die Papiere für meine Heimatstadt ausstellen lassen würde. Bei meiner Großmutter würden wir uns dann wiedersehen.

Anni und ich packten ein paar Sachen in eine Umhängetasche, zogen Zivilkleidung an und marschierten los.