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Erinnerungen einer Marinehelferin 1941 bis 1945 — Kapitel 5: Rückkehr nach Offenbach 1945

Erinnerungen einer Marinehelferin 1941 bis 1945

Kapitel 5: Rückkehr nach Offenbach/Main 1945

Tagelang dauerte es, bis wir am Kanal ankamen. Es war genauso wie an der Eider. Am ganzen Kanal waren Panzer platziert und  zusätzlich wurde er Tag und Nacht mit starken Scheinwerfern beleuchtet. Es war unmöglich, das andere Ufer zu erreichen, ohne gesehen zu werden. Wir kamen an die Böschung und sahen, wie ab und zu englische Soldaten mit Ruderbooten den Kanal überquerten. Ab und zu fuhren sie auch Zivilpersonen hinüber und wir bekamen Hoffnung. Nun wollten wir den geraden Weg gehen und meldeten uns bei den Engländern in deren Wachstube.

Wir sagten, dass wir beide Flüchtlinge wären, beide schwanger und baten darum, den Kanal überqueren zu dürfen um in unsere Heimatstadt Offenbach/Main zu kommen. Der englische Offizier war sehr freundlich, sagte aber, zuerst kämen die Soldaten zur Entlassung und dann die Flüchtlinge. Ausnahmen gäbe es nicht.

Wir waren sehr enttäuscht und marschierten in die nächste Stadt und meldeten uns als durchziehende Flüchtlinge. Wir bekamen Essen und wurden mit anderen Flüchtlingen zusammen in einem großen Saal untergebracht. Aber das war nicht die Lösung.

Inzwischen hatten wir gehört, dass es auch ein Lager für internierte Helferinnen gab. Dahin schlugen wir uns nun durch in der Hoffnung, mit den anderen Frauen dort entlassen zu werden. Wir fanden tatsächlich das Lager für weibliche Wehrmachtsangehörige.

Man war sehr überrascht, uns zu sehen. Wir sagten, wir hätten vor den Engländern Angst gehabt und so wären wir als Flüchtlinge untergetaucht. Wir wurden aufgenommen und registriert. Im Gegensatz zu den Soldaten, die sich frei bewegen durften, waren wir in einer ehemaligen Kaserne untergebracht, die wir nicht verlassen durften. Wir wurden in einen Raum gebracht und einem Verhör unterzogen. Man fragte uns nach der Zugehörigkeit zum Nationalsozialismus und über unsere Arbeit bei der Wehrmacht. Dann wurden wir von einem Militärarzt untersucht, der auch die Schwangerschaft feststellte.

Die Verpflegung war knapp aber ausreichend. So vergingen ein paar Wochen und dann mussten wir antreten. Eine Liste mit den Namen derer, die entlassen werden sollten, wurde verlesen. Wir hatten Glück, denn wir waren bei den ersten, die nach Hause entlassen werden sollten. Es war wohl wegen der Schwangerschaft, damit wollten sich die Engländer wohl nicht belasten.

Die Entlassungszeremonie war bizarr: Wir wurden namentlich aufgerufen und mussten mit Gepäck antreten. Wir mussten uns mit einem Meter Abstand voneinander aufstellen und das Gepäck vor uns aufstellen. Unter Androhung von Strafe wurde uns das Sprechen verboten. So standen wir fast zwei Stunden im Hof. Dann ging das Tor auf und drei Pkw fuhren auf den Kasernenhof. Es entstiegen drei weibliche englische Offiziere. Sie hatten Stiefel an und Reitpeitschen in der Hand. So liefen sie durch unsere Reihen. Ihnen folgte je ein Soldat, der einen Sack trug. Wir mussten unsere Koffer öffnen und die Engländerinnen wühlten mit den Reitgerten in unseren Sachen herum. Sämtliche Dinge, die einen Wert hatten, wurden mit den Gerten herausgezogen und in den Sack gesteckt. Besonders hatten sie es auf Bilder mit Personen in Uniform abgesehen. Es gab viele Tränen und Bitten, denn es handelte sich oft um die letzten Andenken gefallener Väter, Brüder und Freunde. Das beeindruckte die Offizierinnen aber nicht. Als der Zauber vorüber war, durften wir unsere Sachen wieder zusammenpacken und mussten in einen anderen Kasernentrakt gehen. Wir wurden nochmals befragt, untersucht und entlaust. Dann bekamen wir einen Stempel hinter das Ohr und nun ging es wieder zurück auf den Hof zu unserem Gepäck.

Wieder mussten wir lange warten, aber dann ging das Tor auf und ein paar große LKW fuhren herein. Ein paar Engländer nahmen unser Gepäck und luden es auf, dann kamen wir an die Reihe. Die Soldaten halfen uns aufsteigen und ab ging die Fahrt nach Marburg.

Dort war vorerst Endstation, denn dort waren die Amerikaner. Wir wurden den Amerikanern in ein Gefangenenlager übergeben. Es war ein Zeltlager auf freiem Feld, mit Stacheldraht umzäunt. Auf der einen Seite sah ich deutsche gefangene Soldaten, in einem anderen Teil waren amerikanische Soldaten. Es gab auch einen großen Fuhrpark. Hier sah ich das erste Mal in meinen Leben einen Neger. Die großen Trucks wurden nur von Negersoldaten gefahren.

Wir wurden auch in Zelten untergebracht, Es gab Decken und gute Verpflegung. Auch hier gab es wieder eine deutsche Führerin. Sie hielt uns einen Vortrag, wie wir uns verhalten sollten. Sie sagte, dass es vorkommen würde, dass die Soldaten nachts in die Zelte kämen und die Frauen herausholen würden. Sie könnte uns aber nicht helfen und jedes Mädchen sollte selbst auf sich achten. Wieder hatten wir große Angst.

Noch bevor es Nacht wurde, mussten wir antreten und wurden nach Heimatorten aufgerufen. Alle die nach Frankfurt am Main und Umgebung mussten, wurden in große LKW verfrachtet. Nun ging es endgültig nach Hause. Der Wagen war so vollgeladen, dass einige von uns stehen mussten, während andere auf ihrem Gepäck saßen. Die Strecke ab Marburg ist sehr kurvenreich und der Fahrer fuhr sehr schnell. Die Mädchen schrien und fielen durcheinander, aber der Fahrer hatte seinen Spaß daran und fuhr immer schneller.

So wie alles, hatte auch die Fahrt ein Ende und wir kamen gut in Frankfurt an und wurden am Flussufer des Mains abgesetzt. Es war uns nichts geschehen und ich glaube, wir hatten unwahrscheinliches Glück. Anni und ich nahmen unser Gepäck und traten die letzte Etappe an. Nach dreieinhalb Jahren Wehrmachtszeit sah ich meine Heimatstadt Offenbach wieder. Anni und ich trennten uns mit dem Versprechen, unsere Freundschaft weiter zu pflegen und das taten wir auch.

Als ich in der Wohnung meiner Großmutter ankam, die als einzige nicht ausgebombt wurde, war Werner schon da.

Epilog:

Eine für damalige Verhältnisse normale Geschichte, die glücklicherweise gut ausgegangen ist. Absolut glaubhaft, nüchtern und sachlich wiedergegeben. Für große Gefühle jeder Art war damals kein Platz. Ein Schmuckstück für das Archiv unserer Erinnerungswerkstatt und eine Warnung für alle, die leichtfertig mit dem Frieden umgehen. Günter Matiba, Redaktion

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