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Die Wunder-Kerze

Ich muss zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein. Es war wieder Weihnachtszeit und Weihnachtszeit ist Kerzenzeit. Meine Eltern stellten Kerzen in die FensterDas Kuratorium Unteilbares Deutschland forderte im Dezember 1961 mit der Aktion Trotzt Mauer und Stacheldraht dazu auf, an Heiligabend um 19 Uhr Kerzen in die Fenster und eine Kerze auf den Weihnachtstisch zu stellen, als Zeichen der Verbundenheit mit den Landsleuten im Osten. Bereits Mitte der 1950er Jahre hatte es dieses Kerzenritual in den Ortschaften an der Deutsch-Deutschen Grenze gegeben.Siehe Wikipedia.org, um damit mit vielen anderen unserer Brüder  und Schwestern in der Zone zu gedenken. Da wir auch Verwandte in der Zone hatten, fand ich das einleuchtend.

Irgendwo hatte ich von einem netten Spaß gehört oder gelesen. Woher ich die Idee hatte, weiß ich nicht mehr. Einen Fernseher hatten wir damals nicht, vielleicht hatte ich es im Radio gehört. Da hatte jemand jemanden überrascht, indem er ihm eine brennende Wunderkerze durchs Schlüsselloch gesteckt hatte. Das konnte ich mir in meiner Fantasie gut vorstellen. Wunderkerzen waren bei uns Kindern sehr beliebt.

Ich nahm mir vor, meinem eineinhalb Jahre jüngeren Bruder Thomas auch diese Überraschung zu machen und fragte meine Eltern um Erlaubnis. Sie hatten keine Bedenken. So wartete ich am Abend, bis Thomas zu Bett gegangen war. Dann gingen wir vor seiner Tür in Position, denn meine Eltern wollten das Spektakel auch miterleben. Ich kontrollierte mit einem Blick durchs Schlüsselloch, ob das Licht aus war, denn eine sprühende Wunderkerze war im Dunkeln viel effektvoller. Dann entzündete ich die Wunderkerze und schob sie durch das Schlüsselloch.

Keine Reaktion. – Dann nach einigen Sekunden gespannten Wartens hörten wir Thomas‘ verschlafene Stimme: Die ganze Tür brennt! So schnell war die Tür wohl nie aufgerissen worden! – Meine Eltern hatten die Flammen zum Glück schnell unter Kontrolle.

Was war passiert? Der schwarze Türgriff bestand aus hochentflammbarem Kunststoff, der sich rasend schnell durch die sprühenden Funken entzündet hatte. Die Flammen waren schon bis an den oberen Rand der Tür gezüngelt und hatten die Ölfarbe oberhalb des Griffs in Brand gesetzt.

Der neue Türgriff war aus Metall. Die Brandspur war noch lange zu sehen – als eine Erinnerung und Mahnung an die Wunder-Kerze.