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Radtour 1990 in das frühere Sperrgebiet der DDR

Mein Sohn Matthias hatte sich zu seinem 16. Geburtstag im August 1990 eine mehrtägige Radtour mit seinem Vater durch Schleswig-Holstein gewünscht. Auf dieser Tour wollten wir auch das Kinderparadies Hansaland in Sierksdorf und die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg besuchen.

Nach der Eröffnungsetappe von Hamburg nach Ratzeburg führte uns der zweite Tag dieser Reise von Ratzeburg durch den früheren Sperrgürtel der DDR nach Priwall an der Lübecker Bucht. Diese Etappe war für mich deshalb besonders interessant, weil sie in den Zeitraum zwischen dem Beginn der deutschen Wirtschaftsunion am 1. Juli 1990 und der Vollendung der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 fiel.

Am Morgen des 1. Augusts wurden wir bereits um 7 Uhr in der Jugendherberge in Ratzeburg wach. Noch vor dem Frühstück um 8 Uhr hatten wir unsere Sachen gepackt, dann ging es auf unseren Drahteseln Richtung DDR-Grenze und weiter auf der Bundesstraße 208 Richtung Schwerin. Dabei kam uns eine lange Trabi- und Wartburg-Kolonne entgegen. Wir selbst waren in einer langen Schlange von Westfahrzeugen Richtung Osten. In Ziethen bogen wir nach Schönberg ab und in Wietingsbeck kamen wir über die Grenze. Der Gitterzaun war noch da, aber offen, die früheren Todesstreifen waren nicht mehr umgepflügt, im Gegenteil: voller Unkraut — so schnell geht die Zeit über vieles Schweres hinweg. Auch die Wachhäuschen waren noch da, aber ohne Posten. Dort, wo vorher stundenlanges Warten nötig war, fuhr nun jeder ungehindert hindurch — ein sehr eigenartiges Gefühl.

Ein Nachbar, Generalvertreter für Gabelstapler im neuen Ostgeschäft, hatte uns empfohlen, Schönberg möglichst zu umfahren, weil wir sonst etwa zehn Kilometer nur durch den Gestank der Sondermülldeponie fahren müssten.  Auf dieser Deponie der DDR war viele Jahre lang gegen teure Devisen Sondermüll der Bundesrepublik abgeladen worden. Ich erinnere mich noch an einen Ausspruch eines Lübecker Kollegen: Wir schaffen für teures Geld unseren Sondermüll in die DDR. Anschließend haben wir ihn über die Flüsse Wakenitz und Trave wieder in der Lübecker Innenstadt und im Trinkwasser. Auch eine Form von Recycling!

Auf diesen Gestank konnten wir gern verzichten. So fuhren wir dann, anders als zunächst geplant, in das frühere Sperrgebiet über Schlagbrügge, Schlagsdorf, Thandorf, Schlagsülsdorf, Wendorf. Es gab nahezu keine Ortsschilder. Die auf unseren Karten eingezeichneten Straßen waren Sandwege oder bestenfalls Straßen mit Kopfsteinpflaster — und das bei brütender Hitze. Hier wurde die jahrelange Taktik der DDR-Behörden zur Irreführung potentieller Flüchtlinge und angreifender Feinde deutlich: Orts- und Hinweisschilder fehlten oder waren bewusst falsch.

Als wir dann bei Wendorf überraschend auf eine Asphaltstraße stießen, folgten wir ihr gern. Der nächste Ort wieder ohne Ortsschild. Nach meiner Karte musste es Rieps sein. Vorsichtshalber fragten wir eine alte Frau mit Krückstock am Wegrand, wo wir eigentlich sind. Es stimmte: Wir waren in Rieps. Die Gegenfrage der alten Dame: Ihr kommt aus dem Westen? Als wir bejahten, entwickelte sich sofort eine sehr nachdenkenswerte Unterhaltung über die letzten 45 Jahre im Sperrgebiet. Ich war froh, dass auch Matthias dabei einen Schnellkurs in Zeitgeschichte erhielt. 45 Jahre kamen die Leute aus dem Sperrgebiet nicht heraus, auch nicht in andere Sperrzonen, z. B. nach Zarrentin. Dort waren wir Mitte Juni, also nur sechs Wochen vorher, mit unserer Kirchengemeinde gewesen. Zu den vielen damaligen Eindrücken gehörte die Ankündigung einer Ostgeldparty im Dorfkrug. Zwei Wochen später kam ja die D-Mark-West in die DDR. Und dazu hatten findige Geschäftsleute Ideen, wie man die alte D-Mark-Ost ganz schnell verjubeln konnte.

Doch zurück zu unserer Radtour und der alten Dame. Jetzt, wo für sie die Möglichkeit bestand, die Einheit zu genießen und sich in Ost und West frei zu bewegen, reichten ihre Gesundheit und körperliche Kraft nicht mehr aus. Dazu kam, dass diese Frau noch als Flüchtling aus der Gegend südlich Warschaus kam. Sie war also gleich dreimal betrogen worden.

Rieps lag unweit der Landstraße nach Schönberg. Wie froh waren wir nun, diese Straße wiedergefunden zu haben. Sie bot neben einer Asphalt-Straßendecke bei der Hitze noch einen weiteren unschätzbaren Vorteil: Wie vielerorts in Mecklenburg, Rügen und Brandenburg war es eine Landstraße mit rechts und links dichten Reihen von Chausseebäumen. Man hatte also nicht nur das Gefühl, durch einen grünen Blättertunnel zu fahren, wir bekamen auch den nötigen Schatten. So gingen die Kilometer schnell voran, bis wir nach Schönberg kamen. Übrigens bis dahin keine Spur von Müll-Gestank. In Schönberg bogen wir ab nach Dassow, auch kein Gestank Die Mülldeponie lag zwischen Schönberg und Lübeck, also nicht an unserer Strecke. Kurz vor Dassow kamen wir dann an die alte Transitstrecke Lübeck — Rostock, natürlich mit entsprechendem Verkehr.

Auffällig war in den größeren Orten wie Schönberg die (dort früher undenkbare) Westreklame, z. B. unter dem Motto Wir Bayern sind wieder da zu einer Reklame für Löwenbräu-Bier oder die doppeldeutige Zigarettenreklame Let´s go West!
Rings um den Dassower See waren die alten Sperranlagen noch deutlich zu erkennen. Bemerkenswert war an vielen Orten der Straßenbau. Noch kurz vor der Grenze bei Pötenitz — wir glaubten uns schon kräftemäßig am Ende — erlebten wir die Vollsperrung einer Straße wegen Straßenbaus. Wir mussten unsere Fahrräder über Sandwege weiterschieben. Bei Pötenitz im alten Sperrgebiet gab es modernes Strandleben. Es ging fast übergangslos in das Strandleben von Priwall auf der westlichen Seite über. Man merkte kaum, dass man mit dem Fahrrad schon wieder über der Grenze war.

Die Jugendherberge an der Mecklenburger Landstraße fanden wir schnell. Sie ist eine Jugendfreizeitstätte, nur wenige Schritte von der Ostsee entfernt. Zu dem Gelände gehört auch ein großer Zeltplatz mit Hauszelten der Art, wie wir sie früher aus der Schule kannten. Wir waren bereits um 13 Uhr da und kamen auch gleich in unser Quartier: Die etwas unfreundliche Dame an der Anmeldung meinte, eigentlich sei ja erst Anmeldung ab 14 Uhr, aber sie habe mit ihrer Kollegin noch anderes zu besprechen, deshalb ließe sie uns jetzt schon rein — vielleicht machten wir aber auch so einen abgekämpften Eindruck. Das Zimmer selbst war ein 6-Bett-Zimmer mit drei doppelstöckigen Betten. Außer uns war hier noch ein Vater mit zwei Söhnen. Die Mutter musste natürlich in den Mädchentrakt. Die beiden Jungen waren im Alter von dreizehn und vierzehn Jahren, sodass Matthias gleich Anschluss fand. Sofort wurde vereinbart, gemeinsam an die Ostsee zu fahren. Wir Eltern hatten so in Ruhe Zeit, den Großsegler Passat, das Schwesterschiff der 1957 im Südatlantik untergegangenen Pamir, im Priwaller Hafen zu besichtigen. Gegen 16.30 Uhr habe ich mich dann ausgeklinkt, um mir noch Priwall anzusehen und die Fährverbindungen für den nächsten Tag zu erkunden, während die Jungen noch immer kein Ende finden konnten. Das Ergebnis dieser Anstrengungen war bei Matthias, dass er nachher mit starken Kopfschmerzen aufwachte, vielleicht auch eine Folge des hohen Ozongehalts, vor dem in Schleswig-Holstein eindringlich gewarnt wurde. Die Passat-Besichtigung schloss um 17.00 Uhr, sodass Matthias davon nichts mehr mitbekam.

Abends hatten sich die Jungen noch zum Tischfußball verabredet, für Matthias Pflichterfüllung, weil er es versprochen hatte, jedoch war er schon bald wieder zurück und dann im Bett.
Am nächsten Tag ging dann die Reise durch Schleswig-Holstein weiter. Aber die ist zeitgeschichtlich nicht mehr so interessant.