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Der Kakao – Abend

Meine Mutter wurde im Krieg in Frankfurt am Main dreimal ausgebombt.

Sie wuchs im schönen Stadtteil Sachsenhausen auf und war ein echtes Frankfurter Mädsche. Nach der letzten Ausbombung wurde ihr in einem anderen Stadtteil eine kleine Mansarden-Wohnung zugewiesen. Mit uns Kindern und der Oma, der war Mann im Krieg gefallen, wohnte sie nun in einer für alle sehr beengten, auch vom Krieg beschädigten Behausung, und sie fühlte sich dort zu keiner Zeit wohl.

Meine Mutter musste uns Kinder alleine großziehen. Sie arbeitete hart in einer Fabrik im Akkord, um uns zu ernähren. Die Geschwister meiner Mutter, also meine eine Tante und zwei Onkels, wohnten inzwischen in der Nähe - oder wir in ihrer, wie man will. Keiner konnte es nachher sagen, aber irgendwie ergab es sich, dass unsere kleine Mansardenwohnung der bevorzugte Treffpunkt der Familien-Mitglieder wurde.

Mein großer Bruder war schon in der Lehre und fast nicht mehr zu Hause.

Meine beiden Schwestern gingen noch zur Schule und ich dann auch bald.

Ich war ganz stolz, dass ich nicht mehr in den Hort musste. Und als ich fast 8 Jahre alt war, wurde ich sogar ein Schlüssel-Kind - ich empfand das damals als Auszeichnung - und durfte abends meine Mutter nun häufiger von der Arbeit abholen.

Es machte mir nichts aus, dass wir 2 km nach Hause laufen mussten. Der Weg führte nämlich auch zweimal in der Woche an der Metzgerei mit dem herrlich passenden Namen Borst vorbei! Der Metzger kannte selbstverständlich seine Kunden und natürlich auch meine Mutter und er wusste, dass wir Kinder stets hungrig auf Wurst waren. Und deshalb gab er meiner Mutter immer zusätzlich ein so genanntes Päckchen mit. Es waren großzügige Wurst-Enden und Wurst-Abschnitte darin. Ein wahres Überraschungspäckchen! Und ich bekam zusätzlich immer noch ein Stückchen Gelbwurst, die ich besonders liebte, über den Ladentisch zugesteckt. Hm.... lecker, wenn ich mich heute daran erinnere!

Der Freitag war immer ein besonderer Tag. Dann kamen Tante Gertrud, Onkel Emil und Onkel Franz zu uns und es wurde Rommé gespielt bis tief in die Nacht.

Meine eine Schwester und ich gingen am Freitagabend immer in unseren Turnverein. Die ältere Schwester war unsportlich und kam nie mit. Dafür übernahm sie aber die Aufgabe, für das Wohl der Familie mit zu sorgen.

Sie half meiner Mutter, schmierte für den Abend die Wurst-Brötchen und kochte - das war das Wichtigste - einen riesen Topf Kakao dazu. Das tat sie sehr gern und so konnte sie dann auch mal ein Stück Wurst ohne Brötchen in ihren Backentaschen verschwinden lassen. Und sie hatte wahre Hamsterbäckchen!

Die Erwachsenen saßen schon so ab sieben Uhr in recht gemütlicher Runde zusammen und begannen dann mit dem Kartenspiel. Wir, meine Schwester und ich kamen wegen unserer Sportstunde immer erst später dazu.

Auf den Freitagabend warteten wir schon sehnsüchtig die ganze Woche und während wir verschwitzt vom Turnverein kamen, war das Kartenspiel der Erwachsenen in vollem Gange. Meine Schwester und ich rannten dann die Treppen hoch, um ja nicht als letzte am Kakao-Topf anzukommen. Es gab immer Gerangel, wer wo sitzen durfte und wer den größten Becher bekam.

Wir Kinder saßen dann in der Küche, aßen genüsslich unsere Brötchen und schlürften Kakao dazu. Es war natürlich immer viel zu wenig !!! Manchmal fragte ich, ob ich den Rest des Kakaos ganz einfach aus dem Topf trinken durfte. Ich durfte! Eine liebe Unsitte, die aber lächelnd toleriert wurde, ich war ja die Jüngste!

Je später der Abend, umso fröhlicher wurde die Karten-Runde. Onkel Emil war herrlich! Er war bekannt dafür, dass er sich über ein verlorenes Kartenspiel immer fürchterlich ärgerte und dann besonders grimmig drein schaute. Die anderen tuschelten dann grinsend und verhalten, weil er sonst aufstand und nicht mehr spielen wollte. Onkel Emil hatte die Gabe, beim Rommé-Spiel mit 39 Augen die Karten auf den Tisch zu legen, statt mit 40! Dann sahen die anderen, was er für Karten auf der Hand hatte und nutzten das natürlich schamlos aus. So war es auch kein Wunder, dass er dieses Spiel dann meist verlor. Und wehe, es machte jemand eine Bemerkung darüber oder fing an zu lachen, dann gab es richtige Wortgefechte. So wiederholte sich das Woche für Woche, auch wenn Onkel Emil eigentlich …nie mehr mitspielen wollte...!

Wir Kinder saßen gern bei den Erwachsenen und sahen dem Kartenspiel zu, wurden aber immer darauf hingewiesen, ja nichts und mit keiner Miene etwas zu verraten. So lernte auch ich dieses Kartenspiel.

Der Kakao-Abend am Freitag war in den 50er Jahren lange fester Bestandteil in unserer Familie.

Wenn meine Schwester und mein Schwager uns zu den Festtagen besuchen und wir gelegentlich Canasta spielen und die Männer gegen die Frauen regelmäßig verlieren, erinnern wir uns gern an die vergangenen Kakao-Abende und es gibt dann immer die schönsten Vergleiche zu Onkel Emil, der nun leider auch schon lange nicht mehr lebt.