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Der Kronleuchter von Onkel Jonny

Er hing über dem Esstisch für acht bis zehn Personen in der hohen Berliner Wohnung von Onkel Jonny. Das ist ein Prachtstück erzählte Onkel Jonny uns bei jedem Besuch und ihr sollt ihn mal erben. Er ist mindestens 5.000 Mark wert. Damals hatten wir noch die D-Mark, Onkel Jonny war weit über 80 Jahre alt. Als Onkel Jonny 1977 starb, versuchten wir, den geerbten Kronleuchter ins Auto zu wuchten – oh Wunder, er ließ sich zusammenlegen. Nun eine Wolldecke darüber, denn wir mussten zweimal die Grenze der DDR passieren und Antiquitäten durfte man aus der DDR nicht ausführen.

Es ging gut und da wir gerade gebaut hatten, hängten wir den Kronleuchter ins Wohnzimmer – es fehlte ja noch an Allem. Und hier hing er über 30 Jahre. Nach dem Kauf neuer Möbel hing er nicht mehr über dem Tisch, sondern über dem Sessel meines Mannes, der sich beim Aufstehen nun immer bücken musste, um sich nicht den Kopf zu stoßen. Wir hatten ja keine Berliner Altbauwohnung mit entsprechender Deckenhöhe.

Irgendwann fand ich das zu gefährlich, weil ich befürchtete, dass der Kronleuchter mal auf seinem Kopf landen würde – mit verheerenden Folgen. Ich beschloss, das teure Stück zu verkaufen und plante schon Neuanschaffungen von dem zu erwartendem Geldsegen.

Wir packten den Kronleuchter in den Kofferraum unseres Autos und fuhren zu einem Auktionator. Der warf nur einen kurzen Blick in den Kofferraum und schüttelte den Kopf: Kann ich nicht gebrauchen. Wir hatten uns vorher sein Lager angesehen und dachten, unser Kronleuchter würde dieses mächtig aufwerten. Enttäuscht fuhren wir nach Hause.

Ich startete mehrere Versuche in Antiquitätenläden, schickte auf Anfrage Fotos und bekam noch nicht einmal eine Antwort. Na ja, sagte ich, dann versuche ich es beim Altwarenhändler. Es soll ja viel Geld geben für Bronze und anderes Altmetall.

Hier dürfen Sie nicht rauffahren rief man mir schon zu, bevor ich auf dem Hof des Händlers stand. Ich habe einen schweren Kronleuchter im Kofferraum rief ich zurück. Den können Sie auspacken, dann guckt der Chef ihn sich an und sagt ihnen, was der wert ist. Aber das Auto müssen Sie wegfahren. Ich gehorchte, lud den Kronleuchter aus und fuhr das Auto in eine etwas entfernte Parklücke. Gespannt ging ich dem Preisangebot entgegen. Tja sagte der Chef und strich sich übers Kinn – ich ahnte schon die nächste Enttäuschung – wenn sie die Kerzenhalter auseinandernehmen, die Kabel entfernen, Bronze von Messing trennen... ich hörte kaum noch zu, dann bringt das ungefähr sieben Euro. Ich holte tief Luft und sagte: Dann können Sie mir den Kronleuchter dahinten zu meinem Auto tragen – hier darf ich ja nicht rauffahren. Mit grimmigem Gesicht wurde mir der Kronleuchter wieder zum Auto gebracht. Jetzt konnte ich wieder damit nach Hause fahren. Was nun?

Vielleicht kann das Museum für Hamburgische Geschichte das teure Stück gebrauchen, fiel mir ein. Dort sind ja alte Wohnstuben ausgestellt. Ich griff zum Telefon – man hatte Interesse aber kein Geld. Das war mir inzwischen egal, es sollte dann eine Spende sein. Aber es kam anders: Mit Freundinnen wollte ich walken. Aber ich hab keinen Platz für die Stöcke – mein Kronleuchter blockiert den Kofferraum erklärte ich. Was für ein Kronleuchter? fragte meine Walking-Freundin. Ich öffnete den Kofferraum und sie bekam große Augen:Warum liegt der im Kofferraum? Sowas sucht mein Sohn schon lange, er hat so eine hohe Wohnung in München. Ich überlegte nicht lange: Eigentlich wollte ich ihn ins Museum bringen, aber wenn dein Sohn ihn haben möchte, bringen wir ihn gleich zu dir.

Über einen Obolus habe ich mich gefreut, reich bin ich damit nicht geworden und das Museum musste in die Röhre gucken. Mit einem Blick zum Himmel dachte ich: Tja Onkel Jonny, so kann man sich täuschen – und uns auch.

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