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Knicks und Diener

Mach einen Knicks, wenn du Tante Anna begrüßt diese Worte klingen mir noch in den Ohren, wenn ich an die Besuche von Onkel und Tanten denke. Und du mach’ einen Diener, das galt meinem Bruder. Brav taten wir, was von uns erwartet wurde. Aber ich kann mich nicht erinnern, auch Oma mit einem Knicks begrüßt zu haben. Wenn sie in unsere kleine Straße einbog, liefen wir ihr entgegen und wurden gleich in den Arm genommen - keine Zeit für Knicks oder Diener. Stattdessen bekam sie einen dicken, manchmal etwas klebrigen Kuss.

An der großen Kaffeetafel - bei Familienfesten - hatten wir stillzusitzen, Hände auf den Tisch und: Kinder halten den Mund, wenn Erwachsene reden hieß es dann. Oft haben wir uns in unbeobachtetem Moment unter dem Tisch verkrochen. Wenn Oma uns bemerkte, sagte sie: Vorsicht, Kachelofen hört mit. Bald war uns klar, dass wir mit dem Kachelofen gemeint waren. Ganz dumm waren wir ja auch nicht. Aber wir wurden ziemlich geduckt, mussten gehorsam sein und hatten nicht aufzumucken.

Aus irgendeinem Grund, an den ich mich nicht mehr erinnern kann, musste ich 100mal aufschreiben Reden ist Silber, schweigen ist Gold. Das hat mich als Schulkind ziemlich geprägt: ich traute mich selten, etwas zu sagen. In meinem Zeugnis stand dann: Renate muss sich mehr am Unterricht beteiligen.

Was war nun richtig? Reden oder lieber schweigen?

Hatte ich am Freitag den Garten nicht geharkt oder den Fußweg vor dem Haus nicht gefegt, gab es eine Gardinenpredigt. Seltsam: Meine Brüder waren freitags immer verabredet mit Freunden. Als Älteste hörte ich dann: Du bist die Große und musst Mutti helfen. Dass ich heute noch Freude an der Gartenarbeit habe, wundert mich fast.

An die Aufforderung, mein Zimmer aufzuräumen, kann ich mich nicht erinnern. Das Zimmer war so klein, dass ich kaum Unordnung verbreiten konnte. Was im Weg lag, hab ich in die Abseite unter der Dachschräge gestopft. Vielleicht haben dort mal Mäuse für Abhilfe gesorgt. Außerdem hatten wir nicht annähernd so viele Spielsachen wie sie sich heute in Kinderzimmern türmen. Und was wir nicht mehr interessant fanden, wurde gleich in der Verwandtschaft weiter verschenkt. So konnte sich gar nicht erst viel ansammeln. Vielleicht gucken wir uns deshalb so gerne alte Spielsachen in Museen oder auf Flohmärkten an.

Knicks und Diener erwarten wir heute nicht mehr von den Kindern oder Enkelkindern. Aber eine Begrüßung mit Händedruck oder Umarmung finde ich immer noch wichtig, nicht nur ein Hey.