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Polnischer Räucheraal

Im Jahre 1987 fuhren wir durch Polen auf der Suche nach Spuren aus Günters Vergangenheit. Die Fahrt ging durch die DDR in ein armes Land. In kleinen Läden konnte man fast nichts kaufen außer Brot.

Im Hotel gab es zwar ein gutes Frühstück, aber für den Tag hatten wir uns mit Müsli-Riegeln und Obst von zu Hause eingedeckt. Restaurants suchte man vergeblich in den einsamen Dörfern, die auch mich an die Kindheit erinnerten. Gänse liefen über die holprige Dorfstraße, auf den Feldern trockneten die Heuhocken oder wurden mit Pferd und Wagen ins Dorf gebracht.

In dem kleinen Dorf Strengeln in Masuren (jetzt heißt es Stregiel) suchte Günter das Haus einer Tante, bei der er als Kind seine Ferien verbringen durfte. Er konnte sich nicht erinnern, welches Haus es war. Nur der Holzsteg, der auf den Strengelner See hinaus führte, kam ihm bekannt vor. Günter ging vorsichtig auf den Steg, fast wäre er im See gelandet, so wacklig waren die Bretter – wie früher.

Plötzlich wurden wir gerufen. Ein alter Mann in zerschlissener Jacke wunderte sich über Günters Balance-Akt. Mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Polnisch erklärten wir ihm, was wir suchten. Er kannte niemand aus früheren Zeiten, denn er musste im Krieg hierher ziehen. Er bat uns in den Garten, und wir unterhielten uns, so gut es ging. Bevor wir uns verabschiedeten, holte ich Kaffee und Schokolade aus dem Auto, was wir für solche Gelegenheiten mitgenommen hatten, weil es hier noch kaum zu bekommen war. Der alte Mann freute sich sehr, zeigte die Sachen strahlend seinem Enkelkind. Als wir ins Auto steigen wollten, rief er uns noch einmal zurück. Er führte uns zu seiner Aalräucherei und schenkte uns einen Aal - frisch aus dem Rauch, wir freuten uns riesig.

Im Auto zog uns der Aalduft in die Nase. Ein Feldweg lockte zur Mittagpause. Campingstühle und Klapptisch hatten wir im Kofferraum, auch Pappteller und Bestecke, wir brauchten kein Restaurant. Der Aal glänzte in der Sonne, vorsichtig zerlegten wir ihn. Ich schob mir ein kleines Stück in den Mund. Es zerging auf der Zunge! Jeder Bissen war ein Genuss. Mit den Resten vom Frühstücksbrot tunkten wir das letzte Fett auf, nichts sollte verloren gehen. Dann leckten wir uns alle Finger ab. Noch nie hat uns ein Aal so gut geschmeckt, wie hier in der freien Natur – ein Geschenk von fremden Menschen.

Als wir nach einem Jahr noch einmal nach Strengeln kamen, wurden wir sofort wiedererkannt und freudig begrüßt. Die Familie lud uns ein in die gute Stube. Wir bekamen frischen Aal gebraten, Erdbeeren aus dem Garten und selbst gemachten Likör. Es war ein lustiger Nachmittag mit polnisch-deutschem Sprachwirrwarr. Mit T-Shirts für die Kinder, Süßigkeiten und Kaffee konnten wir uns bedanken.