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Der 9. November 1989 - Der Mauerfall

Wir blätterten noch in der Programmzeitung, um uns eine interessante Sendung für den heutigen Abend auszusuchen. Aber das Programm stimmte nicht mit den Fernsehbildern überein. Wir konnten nicht ahnen, dass zu diesem Zeitpunkt nicht nur alle Programme geändert waren, - ja, dass sich die ganze Welt geändert hatte.

Was waren das plötzlich für Bilder? Wir glaubten zu träumen! Menschenmengen an der Berliner Mauer, machtlose Grenzbeamte, die es aufgegeben hatten, die Menschen zurückzuhalten. Junge Leute sprangen auf die Mauer, lagen sich in den Armen. Sektkorken knallten. Eine Schlange von Trabis wälzte sich durch den geöffneten Schlagbaum, hupend und mit jubelnden Menschen.

Ungläubig sahen wir uns an: Die Grenze ... ist offen...?, ich hatte kaum eine Stimme. Dann liefen mir die Tränen - Freudentränen.

Der Nachrichtensprecher bestätigte es: Die Grenzen der DDR sind geöffnet. Die Menschen strömen nach West-Berlin.
Wir konnten es nicht glauben, ist das wirklich wahr? Oder schließen sie die Schlagbäume morgen wieder?
Ist das das Ende der DDR-Regierung, die ihre Menschen seit 1961 hinter einer Mauer festhielt? Die ihre Menschen nicht reisen ließ, wohin sie wollten? Die es auch uns erschwerte, zu den Verwandten in die DDR zu reisen?

Wie viele Male hatte ich seit 1961 schweißgebadet im Zug nach Gera gesessen, musste meinen Koffer durchwühlen lassen, während ich auf dem Gang wartete, meine weinende kleine Tochter an der Hand.
Die Rückfahrt war noch beklemmender. Lassen sie mich wieder raus? dachte ich jedes Mal.
Im Zugabteil schienen alle Leute stumm zu sein. Erst wenn wir die letzte Grenzkontrolle hinter uns hatten, ging ein Aufatmen durch das Abteil und befreiende Gespräche lösten die Anspannung. Jeder hatte Angst gehabt, die Grenzbeamten könnten irgendetwas finden, was man nicht hätte mitnehmen dürfen.

Noch im September 1989, also nur 2 Monate zuvor, hatten wir große Schwierigkeiten, eine Einreisegenehmigung für eine Familienfeier in Gera zu bekommen. Mein Lebensgefährte gehörte für DDR-Behörden nicht zur Familie.

Plötzlich, seit heute abend, sah alles ganz anders aus.
Ihr seid freijubelte ich.
Ob sie es schon wussten? Die Telefonleitungen waren überlastet, ich erreichte niemand..., konnte die Freude nicht teilen mit ihnen.

Am nächsten Morgen rollten die ersten himmelblauen, lindgrünen und cremefarbenen Trabis durch Hamburg, wir steckten Schokolade oder Geldscheine unter die Scheibenwischer. Einige Trabis waren schon geschmückt mit Obsttüten, Kaffee oder Pralinen.
Die Freude über die neue Freiheit der Menschen von drüben, wie sie bisher hießen, war grenzenlos – auf beiden Seiten.

Erst einige Tage später erreichte ich meine Verwandten in Gera. Wir heulten am Telefon vor Freude. Keiner konnte es so recht glauben, dass sie jetzt ohne Probleme in den goldenen Westen reisen konnten. Ich lud sie sofort alle ein zu meinem 50. Geburtstag im Dezember.

Am Nikolaustag freuten wir uns über das Wiedersehen nach so kurzer Zeit und feierten grenzenlos in großer Runde, gingen zusammen in das Musical Cats, machten eine Hafenrundfahrt, zeigten unsere großen Kaufhäuser und kamen mit vielen Tüten beladen zurück.

Es war mein schönster Geburtstag, denn Unmögliches war endlich möglich geworden.

Wir dachten an Onkel Jonny aus Berlin, der jetzt triumphiert hätte, er hatte schon viele Jahre vorher behauptet:
Ihr werdet sehen, eines Tages fällt die Mauer wieder und die Grenze wird geöffnet.
Dafür hatten wir immer nur ein ungläubiges Lächeln übrig gehabt.

Viele Feste konnten wir inzwischen gemeinsam feiern. In diesem Jahr feiern wir wieder ein doppeltes Fest: 20 Jahre Mauerfall und meinen 70. Geburtstag.