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Lehmige Rutschpartie

Vor einigen Jahren sind wir im Winter gern für zwei Wochen nach Fuerteventura geflogen. Sonne, Sand und Meer, wenn es hier nur nasskalt ist.

Um die Insel ein bisschen kennenzulernen und nicht nur am Strand zu verdösen, mieteten wir uns ab und zu ein kleines Auto. Aber dieses Mal träumte mein Mann von einem Jeep. Einmal auf abgelegenen Wegen über die Insel kurven – aber nicht im Konvoi. Das war eigentlich verboten, aber auch Spanier halten sich nicht immer an alle Verbote.

Morgens um 9.00 Uhr stand der Jeep vor der Tür. Nach ein paar Anfangsschwierigkeiten kriegte Günter die Kiste in Gang. Hinter Corralejo ging es auf die Abseits-Piste. Wir wurden tüchtig durchgeschüttelt auf dem holprigen Weg, aber das nahmen wir in Kauf für unser Abenteuer.

Nach ca. zwei km gab es – ungewöhnlich für Fuerteventura – einen kräftigen Regenschauer. Glatteis? stutzte Günter. Das konnte es nicht sein. Der Jeep ließ sich überhaupt nicht mehr lenken, tanzte hin und her, war nur schwer zu bremsen. Steig doch mal aus und guck nach, warum wir so rutschen wurde ich aufgefordert. Na ja, mal sehen.

Kaum hatte ich den Fuß rausgesetzt, rutschte auch ich: Lehmboden wie Schmierseife rief ich, und die Reifen sind mit einer dicken Lehmschicht verklebt. Ich sah mich um nach einem Stock, versuchte den Lehm vom Reifen zu stoßen. Oh je, die Reifen hatten überhaupt kein Profil! Und meine Schuhe wurden bleischwer – ich hatte Plateausohlen aus Lehmpampe. Da prasselte schon ein zweiter Schauer auf mich runter und ich versuchte, mich mit meinen Lehmklumpenschuhen ins Auto zu retten. Und jetzt? fragte Günter. Ich wusste auch keinen Rat und sah mich im Geiste schon mit dicken Lehmklumpen an den Schuhen auf dem Weg nach Corralejo, um Hilfe zu holen (Meilenweit für eine…, nein, Zigaretten brauchten wir nicht).

Da kam auch noch jemand im Auto entgegen und wollte vorbei, auch er rutschte hin und her. Wir schlitterten ein Stück seitwärts, immer mit der Angst, der Wagen könnte seitlich auf die Felsenküste kippen – glücklicherweise war sie nicht sehr hoch, aber für viele Schrammen hätte es gereicht.

Der junge Spanier in dem anderen Auto schlitterte neben den Jeep, erkannte unsere Angst weiterzufahren, kurbelte sein Fenster runter und erklärte uns mit Händen und Füßen, dass wir warten sollen, bis der Regen vorbei ist, nach einer halben Stunde sei die Strecke trocken und befahrbar. Bis zu einem kleinen Parkplatz mussten wir noch rutschen. Als Günter es geschafft hatte, lief ihm der Schweiß von der Stirn, aber er hatte keine Lehmklumpen an den Schuhen. Damit hatte ich zu tun. Mit einem spitzen Stein versuchte ich, den Lehm von meinen Schuhen zu schaben, was nicht viel nützte, er klebte total fest.

Es hörte auf zu regnen, in der Sonne fielen die Lehmklumpen so nach und nach ab. Nach einer halben Stunde konnten wir wirklich weiterfahren, von den Reifen platzten die Lehmklumpen ab und flogen über die holprige Piste – keine Schmierseife mehr. Als wir eine geteerte Straße erreichten, atmeten wir auf. Im nächsten Café genossen wir die Sonne und einen Cappuccino.

Hat es geregnet? Nein, auf Fuerteventura regnet es nur sehr selten.
Als wir abends den Jeep abgaben, machten wir auf die abgefahrenen Reifen aufmerksam – aber dafür hatte der Vermieter nur ein Schulterzucken übrig. Das Wort Profil war für ihn ein Fremdwort. Er konnte ja nicht ahnen, dass wir über die Buckelpiste gefahren sind – ist ja auch nicht erlaubt.

Unsere Bandscheiben haben die Tour ohne Schaden überstanden – einen Jeep haben wir nie wieder gemietet.