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Er kennt ihn doch!

Leise öffne ich die Tür. Ein verhaltener Schrei!

Im Dunkeln schleiche ich zu meinem Platz. Grinsen in der ersten Reihe. Langweilige Kriminalkomödie tuschelt meine Nachbarin rechts. Oben im Rang…, flüstert die elegante ewig Blonde, …sitzt Hubert von Meyerinck.

Ich drehe mich um. Vorn spielt die Musik, zischt die Dame mit der schwarzen Hornbrille. Ich kenne Meyerinck, zische ich zurück. Hören Sie, der altkluge Werner kennt Meyerinck! geht’s wie ein Lauffeuer durch die Reihe. Auf der Bühne greift Schönfelder zum Whisky, den hätte ich jetzt nötig, denn ich kenne ‚Hubsi’ nur vom Hörensagen.

Pause. Langsam schlendere ich zum Erfrischungsraum, die Damen folgen. Ich stehe vor Meyerinck, die Damen kichern. Entschuldigung, schreie ich fast, ich komme aus Schwerin, Herr von Meyerinck. Großmutter hat ihre Matrosenanzüge genäht, aber auch die meinigen. Meyerinck schaut erstaunt, lacht und klopft auf meine Schulter, … ja die kleine Frau, die mich immer beim Anprobieren so gestochen hat! Das konnte sie gut, sagte ich, Auguste hieß meine Oma! Richtig, Frau Gustjen! Darf ich ‚Du’ sagen? Komm nehmen wir Platz.

Er kennt ihn doch, raunt der Damenchor. Wir lachen. Jahre liegen zwischen uns. Er wurde 1896, ich 1934 geboren, aber der Ort unserer Kindheit war derselbe: Schwerin an der Warthe, wo wir mit unseren Eltern bis zu unserem zehnten Lebensjahr gelebt haben.

Die Pause ist schon lange vorbei. Kindheitserlebnisse werden wach. Wir wandern durch die herrlichen Wälder, beobachten die Unken an der Warthe und schauen den Schleppzügen nach. Er spricht von ‚Kiewitz’, seinem elterlichem Gut. Ich von der Klitsche der Großmutter meines Freundes in Schweinert, wo ich ein Teil meiner Kindheit verbrachte. Wir erinnerten uns der Schlittenfahrten, bei Schellengeläut durch die verschneiten Wälder, oder an die sechs Rodelschlitten, die von einem Pferd gezogen wurden. Bei schnellem Fahrstil in der Kurve kippte - wenn man nicht aufpasste - grundsätzlich der letzte Schlitten um. Dies waren meisten die Ehrenplätze für die Hauslehrerin, den Lehrer oder den Pastor. Wir lachten. Kennst Du die große rote Schule? Natürlich, die habe ich bis 1945 besucht, sagte ich. Wir summten Volkslieder und lachten. Und wenn jemand falsch sang, gab’s was mit dem Geigenstock über den Schädel. Der Lehrer beglückte die Klasse damit und der Puder des Geigenstocks umwölkte unsere Köpfe. Mein Lehrer hieß Burgirn, sagte er, meiner Wiedebusch sagte ich. Mensch Du, Busch, sagte er, meine erste Rolle sagte ich an einem Sedanstag auf dem Markt vor einem Denkmal auf. Ich habe wahrscheinlich so gekrischen, dass mein Vater  hinter der Denkmalssäule in Deckung ging! Mein Gedicht muss zu schön gewesen sein! Wir lachten herzhaft! Ja, sagte ich, von meinem Kinderzimmer schaute ich bis ca. 1940 auf dieses Denkmal. Es stellte eine abgebrochene schwarze dorische Säule mit einem fliegenden Adler dar. Auch ich habe mich immer dahinter versteckt, wenn meine Mutter mich suchte. Die beiden Töchter vom Hotel Leutke haben mich dann immer bei meiner Mutter verraten: Frau Emmchen, Ihr Sohn sitzt schon wieder hinter`s Kriegerdenkmal uff’en Markt.

Was, die  bildhübschen Töchter vom Hotel Leutke hast Du auch gekannt? Die haben mich immer mit Negerküssen gefüttert, aber vorher eine große Serviette umgebunden wegen des Matrosenanzuges von Deiner Großmutter!

Bei mir waren sie zwei ältere Damen, die den ganzen Tag im Hotel mit ihren Lorgnetten hinter dem Fenster saßen und über Schwerin besser informiert waren, als die ‚Schweriner Zeitung’. Als ich einmal wegen der Damen geweint habe - meine Mutter hatte mir mit ihren frisch gefärbten Handschuhen eine gewischt und ich sah aus wie ein Zebra - hat unsere Perle Martha gesagt, Bengel, habt dir nich so, früher als die Junkers noch mit de Pferde kamen, ham se immer bei Leutges ausgespannt, heut kommse mit ihre Autos und die alten Tusneldas müssen doch och wat zu tun haben!

Mensch, Hubert, willste hier übernachten? Auf nach Hamburg, alter Junge, ertönte die Stentor-Stimme von Schönfelder.

Verabschiedung, langer fester Händedruck. Ein halbes Jahr später, am 13.Mai 1971 verstarb Hubert von Meyerinck in einem Hamburger Krankenhaus.

Sein Bild, Erinnerung an einen Theaterabend, steht auf meinem Schreibtisch.