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Eveline

Meine Heimatstadt liegt heute in Polen. Sie trägt den Namen Skwierzyna, dies klingt schön, wenn man die Zunge an die Zähne des Oberkiefers legt, die Luft in die Wangen bläst und dann wie eine Schlange zischt. Dieses wohlklingende Wort heißt dann auf Deutsch dies ist meine eigene Version aus meinen Studien Viehmarkt, Skwiers im Polnischen Vieh und Ryning Markt, denn diese kleine deutschsprachige Stadt lag bis 1793 auf polnischer Seite an der Grenze zu Brandenburg und unterhielt mit dem Nachbarn einen regen Viehhandel. Ihre teutonischen Gründer nannten die Stadt Schwerin, ins Brandenburgische schwer-rin kommen! Damit hatten sie völlig recht, denn die Stadt liegt auf einer Sanddüne im Urstromtal der Warthe, umgeben von Modder-Wiesen, durch die noch heute die Kühe platschend waten, nahrhafte Grasbüschel fressen, um dann wiederkäuend den Kindern beim Grasbüschelhuppen mit ihren großen dunklen Augen zuzuschauen.

Meine Familie wurde Schmieren-Werner genannt, nicht dass wir schmierig waren, nein - mein Großvater fabrizierte Schuhcreme. Es war in der jahrhundertealten Tradition dieser Stadt so üblich, bekannten Bürgern solche charakterisierenden Namenszusätze zu geben. So nannte man einen Schneider Tausend-Muster-Schulze, weil er die Stoffe nach Mustern verkaufte. Auch Danelaks Muhme mit der Pupe war ein Begriff. Die Familie Danelak hatte einen Getränkemarkt, und die Tante ging immer mit einem von einem Hund gezogenen Ziehwagen durch die Straßen, um eine Mischung aus Brause und Bier zu verkaufen, die man wegen seiner braunen Farbe Pupe nannte. Besonders zur Erntzeit bekömmlich.

Meine Mutter besaß einen Modesalon. Ihre Kunden waren die reichen Bauern, Handwerker und Gutsbesitzer. Nach der Heirat mit meinem beamteten Vater hängte Mutter die edlen Klamotten an den Nagel. Erst im Krieg erinnerte sie sich ihrer meist bäuerlichen Kunden und tat etwas für die Volkswirtschaft, indem sie das Damen-Schneiderin-Gewerbe wieder anmeldete, und somit auch wieder dem Schneider- und Näher-Verein (Innung) angehörte. Besonders die Bauern sorgten dafür, dass es uns gut ging.

Wir verlebten oft unsere Wochenende auf dem Lande. Hier lernte ich als 9-Jähriger Eveline kennen. Der Hof ihrer Eltern lag in grünen Wiesen außerhalb des Dorfes Morn, wir fuhren also zu Glogers nach Morne AbbauAbbau = abseits gelegenes Anwesen (nicht mehr gebräuchlicher Ausdruck)[1]. Mutter erzählte von der neuen Spielkameradin Eveline, die gern Lakritzen mochte und gab mir ein blankes Geldstück, um in Dr. Renners Adler-Apotheke dafür Lakritzen zu kaufen. Ich schlawienerte übern Markt zur Adler-Apotheke, stolperte die Treppen rauf, stützte durch die Tür, über der ein großer schwarzer Adler aus Stuck seine Schwingen ausbreitete. Meine Großmutter sagte immer: Junge wenn de plärrst, wirste von Renners Adler jeholt! Es ging in einen Flur hinein, links war die Tür zur Apotheke. Ich konnte kaum über den Tresen schauen, aber über mir war ein Gesicht mit einer dunklen Brille. Ich hielt meine offene Hand mit dem Geldstück hin und stotterte: …hierfür bitte Lakritzen! Jetzt begann ein für mich unvergessenes Ritual. Der Apotheker stieg auf eine Leiter, holte eine Deckelvase aus dem Regal, stieg nach unten, öffnete die Deckelvase, zählte die Lakritzen ab, tat diese in eine Tüte, verschloss die Deckelvase, stieg mit ihr die Leiter hinauf, stellte diese auf das Regal, und stieg nieder, klappte die Leiter zusammen, stellte diese ab und eine Hand reichte mir nach Bezahlung die Lakritzen. Er entließ mich mit einem freundlichen Lächeln. Ich schlug die Türen zu, raste die Treppe runter, rutschte aus! Auch das noch - die alte Hempeln! Na Junge, wo willste denn hinrutschen? …nach Morne, Frau Hempel! Ja ja, Ochse, so siehste Morne nich! rief sie mir nach.

An einem Wochenende im Spätsommer 1943

Sonnabend

Der Dampfzug nach Kreuz zockelt durch die Gegend, Morn, schreit der Schaffner, keine Menschenseele auf dem Bahnhof, nur ein Landauer mit zwei scharrenden Pferden und einem Pferdeknecht. Auf dem Bock sitzt ein Mädchen mit zwei dicken Zöpfen und großen roten Schleifen. Mutter kennt mich: Junge reiß nicht an ihren Zöpfen, die kratzt und beißt dich! Zwei große Augen blinzeln mich an. Komm auf'n Bock, ruft die Pausbackige. Ich gebe ihr die Lakritzen. Die Tüte verschwindet in der Tasche ihrer Schürze, der Kutscher hat Mutter hinten in eine Decke verpackt, die Pferde riechen den Stall, und im schnellen Trapp geht's durch Wald, Feld und Wiesen auf die Klitsche, wie Eveline sagte. Wir fahren durch das Tor, gackernde Hühner stoben zur Seite. Herzlich die Begrüßung, dann hinauf ins Fremdenzimmer. Wir gehen über den Hausboden, auf dem der Pferdeschlitten während der Sommermonate aufgestellt ist. Eveline zieht mich in die offene Räucherkammer. Wir schauen durch ein Loch nach unten, genau auf den Herd. Siehste, heute gibt's Erbsensuppe, sie knufft mir in die Seite. Bist'n netter Bengel, schade, dass de Sonntag wieder abhaust. In dem Zimmer - ich erinnere mich noch heute daran - zwei große Betten mit karierten Bezügen, eine Waschkommode mit einer großen Porzellanschüssel, in der eine Wasserkanne steht. Eveline öffnet die Kommodentür: Hier habt ihr euren Nachttopf. Vor den Betten zwei große Hundefelle als Bettvorleger. Ich hänge mir eines über, und wir toben über den Boden, während Mutter die knarrende Tür des alten Schranks öffnet, um unsere Kleidung zu verstauen.

Nachmittag

Eveline zeigt mir den Hof, erfüllt vom Gegacker der Hühner und dem Schnattern der Enten und Gänse mit zischendem Ganter. Der ist gefährlich, sagt sie, neulich hat unser Hamsterbesuch aus Berlin auf dem Örtchen mit dem Herzen in der Tür, dort am Misthaufen gesessen und Hilfe geschrien. Der Ganter hat se nich von der Toi gelassen. Erst unsere Magd hat se da rausjeholt! Sophie hat den Ganter anen Kopf jegriffen, einmal herumjeschleudert und dann uff'n Hoff abjesetzt. Der ist aber geflogen, kann ich dir sag'n. Wir laufen durch die Scheune, suchen Nester mit Hühnereiern, die wir ins Körbchen packen und bombardieren mit einigen Eiern eine im Nest brütende Gans. Das gab ein Gegacker! Der ganze Hof lief zusammen! Wir sollten zur Strafe vom Heuboden Heu in die Futterkammer werfen, balgten uns lachend, und als die Kammer voll war, sprangen wir ins Heu, um unten im Kuhstall zu landen.

Beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht gewann Eveline immer wieder. Ich soll dabei eingeschlafen sein und kann mich nicht mehr erinnern, wie ich ins Bett kam.

Sonntag

Eveline hatte einen großen Bruder, der uns ignorierte. Durch ihn war sie ein halber Junge geworden, was Streiche und Dummheiten anlangten. Ein nasser Lappen auf dem Gesicht riss mich aus dem Tiefschlaf. Ich schrie, weil mir auch die ach so kuschelige Bettdecke wegrissen wurde. Über dem Bett hing ein furchterregendes Bild! Ein Mann in Uniform lag tot in einem offenen Sarg. Um ihn herum saßen lauter schwarzgekleidete Frauen. Erst später fand ich dieses Motiv, das ich nicht vergessen habe, auf einem Neuruppiner Bilderbogen wieder. Es war die trauernde Königin am Sterbebett von Kaiser Wilhelm dem Ersten.

Zum Frühstück gab es Mehlkliebensuppe und Grützwurst mit Speckgrieben, denn es war Erntezeit. Wir bekamen Schmalzstullen. Die Sonne schien, Schwalben flogen zu ihren Nestern in den am Stall angebrachten Schwalbenkästen, die jungen Störche umflogen den Hof, während die älteren in ihren Nestern auf einem Bein standen und klapperten. Wir erkundeten die Umgebung. Zur Tränke wurden auf Kuh- und Pferdeweiden alte Badewannen oder tiefe Holzmollen aufgestellt. Die Gegend ist für ihre Luche und Gräben bekannt, also schleppten wir eine Holzmolle an den Bach, setzten uns hinein und paddelten gemütlich auf diesem schmalen Gewässer, was eine Trauerweide gar nicht mochte! Die Molle verhedderte sich in den Ästen, wir gerieten in Panik, die Molle kenterte und wir saßen im Bach! Wir schrieen. Endlich erlöste uns der Großknecht. Er nahm uns rechts und links unter seine Arme und wir wurden zur Strafe in unsere Betten gesteckt, erst zum Kaffee durften wir wieder erscheinen. Heissa, das war eine Freude! Wir aßen nicht den preußischen Beerdigungskuchen, nein - wir fraßen ihn!

Bekanntlich kann man Fahrpläne nicht verschieben, deshalb ging's im Galopp zum Bahnhof. Vorne mit auf dem Kutschbock Eveline und ich, und wir durften abwechselnd die Leinen halten. Schnaubend lief das Dampfross mit quietschenden Bremsen ein. Wir verabschiedeten uns. Während unsere Mütter noch redeten, schlich ich mich von hinten an Eveline heran und öffnete ihr die Zopfschleifen! Und sie hat nicht gebissen! Ich sprang schnell in den Zug. Doch wie sie reagiert hat, konnte ich nicht mehr sehen, denn ausgerechnet in dem Augenblick verdeckte der Rauch der Lokomotive die Sicht aus meinem Abteilfenster.

Kartoffelferien 1944

Der Lehrer, er hieß Schmidtchen und nannte mich immer Rudolf von Habsburg. Er kannte unsere Familien, deshalb erkannte er nicht an, dass mein Freund und ich während der Herbstferien unseren Kartoffelllesedienst auf dem Hof der Großmutter meines Freundes verbringen durften. Also wurden wir zu Freunden aufs Land geschickt. So reiste ich bepackt mit Büchern, denn ich sollte 1945 aufs Internat zu einer befreundeten Familie, Nachbarn von Evelines Eltern, aber ca. 2km entfernt von Morn. Die Kartoffelfelder sah ich schon von fern. Das Zeugnis über mein Kartoffel-Leseergebnis war hervorragend. Mutter kam nach. Die Zeit verging wie im Flug. Die Bücher aus Tantes Buchhandlung waren spannend.

Kurz vor Ferienende ließ Eveline durch die Freundin meiner Mutter grüßen. Diese sagte beiläufig, morgen um drei käme sie von der Handarbeitsstunde. Meine Gedanken ließen mich nicht ruhen. Weidmann, der Jagdhund, schaute auch so traurig, weil er an der Kette lag. Von einer inneren Kraft getrieben, bat ich um die Leine, und unter dem Vorwand, den Hund auszuführen, trieb es mich zu dem Feldweg, auf dem Eveline kommen musste. Da, in weiter Ferne, ein auf uns zukommender Radfahrer. Ich schmiss mich ins Gras, der Hund tat das gleiche, er legte seinen Kopf auf meine Schulter. Das Fahrrad mit einem Mädchen ohne Zöpfe, aber mit Mittelkopfrolle hielt an. Behutsam stellte sie das Rad ab, streichelte den Hund und ging zur Wiese. Ich hörte das Abrupfen von Gras, und ehe ich reagieren konnte, hatte ich das Büschel im Gesicht. Wir lachten, doch dann war alles ein wenig anders. Lange sprachen wir über die Schule, über die Angst um unsere Väter. Wir kamen uns gefühlsmäßig näher, doch wir waren noch Kinder und tobten mit dem Hund. Dann tauschten wir unsere Adressen und ich versprach, aus dem Internat eine Karte zu schreiben. Lange hielten wir bei der Verabschiedung unsere Hände, das hatten wir von den Erwachsenen gelernt.

Ich schließe versonnen das Buch einer schönen Kindheitserinnerung, die so normal, so unspektakulär und doch so kostbar für mich ist, weil sie - wie es Gräfin Marion Döhnhoff formulierte - in dem ersten Leben meines Lebens, in einer echten Heimat stattfand, aus der ich - wie viele meiner Altersgenossen - 1945 in ein anderes, nicht gewolltes Heimatland katapultiert wurde.

Eveline Gloger habe ich nie wiedergesehen. Aber ich habe auch nie ein Internat betreten.

Zur Geschichte.

Fast jede Stadt in der Neumark benannte ihre Hauptstraße Richtstraße, das hat nichts mit einer Richtung zu tun sondern kommt aus der polnischen Sprache. in welcher ryning Marktplatz heißt, also Marktstraße.

[1] Abbau = abseits gelegenes Anwesen (nicht mehr gebräuchlicher Ausdruck)