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Betrachtungen eines Kunstbanausen
über seine erste Florenz-Reise

Gerade an meinem 75jährigen Geburtstag muss ich in meinem Bücherschrank wühlen.
Ein Buch über Florenz! Ein Geschenk von lieben Freunden aus dem Jahre 1965.
Ach ja, damals wollte ich nach Florenz. Mein Wunsch, nur einmal die Uffizien besuchen!
Ich finde Bilder interessant, aber nicht mehr. Freunde nennen mich charmant Kunstbanause.
Imaginär hängen besonders die Bilder der alten Meister alle ein wenig schief. Je älter, um so doller, Jede Generation von Kunsthistorikern stellt immer wieder neue Effekte fest, so dass ein bekannter Maler einmal gesagt haben soll, als in einer Galerie Kunsthistoriker über ein Bild verschiedene Meinungen hatten, Zitat: Ihr solltet auf den Friedhof gehen, wo der Maler liegt und ihn selbst danach fragen. Doch bevor ich dort liege, will ich noch schnell den Besuch in den Uffizien nachholen.

JETZT ODER NIE!! AUF NACH FLORENZ!!

Ich greife zum Telefon, motiviere meinen Freund. Im Alter sollte man immer in Badeorten wohnen, man weiß ja nie, welches Zipperlein gerade eintritt. Zehn Krankheiten soll man im Alter haben, sagte man mir, doch wann kommt welche? Montecantini war gut gewählt. Das Hotel der Vorgeschmack auf eine Senioren-Residenz.

Lieber Leser, darf ich Ihr CiceroneDer Beruf des Fremdenführers entstand mit dem Aufkommen der Bildungsreisen und des Tourismus im 19. Jahrhundert. Der Begriff des Cicerone (wohl von der Redegewandtheit eines Cicero für einen Führer durch die historischen Stätten des Mittelmeerraums abgeleitet) wurde bis nach Westeuropa populär. sein, in die UffizienDie Uffizien sind ein von 1559 bis ca. 1581 ursprünglich für die Unterbringung von Ministerien und Ämtern in Florenz errichteter Gebäudekomplex (daher auch der Name: ital. uffici = Büros). Die Architekten waren Giorgio Vasari, Bernardo Buontalenti und Alfonso Parigi. Die Galerie im Obergeschoss mit Werken der Malerei und Bildhauerei von der Antike bis zum Spätbarock gilt als eines der bekanntesten Museen der Welt. nach Florenz?

30-40° Grad im Schatten - August in Florenz.
Geschiebe in den Straßen, Latschtouristen. Gehst Du, Besucher, schnell, dann hast Du den Rucksack des Vorlatschers auf dem Bauch, gehst Du zu langsam, dann bekommst du den Rucksack des Nachlatschers in Höhe der so genannten Vierbuchstaben zu spüren!

Warteschleifen an den Uffizien - gleich, ob bestellt oder früh angestellt.
Ein Erfolgserlebnis!

Im Dauerlauf
die Treppen hinauf,
rennen und rasen,
die Besucher hüpfen wie Hasen.
Rein in die Räume,
Erfüllung der Träume!

Von Giotto die Madonna Ognissanti ein Tafelgemälde - ca. 1310, nach dem ersten Aufstellungsort genannt, abgelöst von der byzantinischen Ikonen-Malerei, aufgelöst von der klassischen Kunst, der Antike zugewandt, zeigt es uns in der dreidimensionalen Aufteilung der Stellung der Engel, den Einstieg in die abendländische Malerei. Überspielt doch der Maler galant den Kampf zwischen Stand- und Spielbein, indem er die Figuren in lange Gewänder kleidet.

Pst… hört ich den Besucher neben mir sagen.
Ach geliebte Tante Nelli,
wo hängt nur der Botticelli?
Gleich drei Säle weiter, ein Stock tiefer Carravaggio,
im hinteren Raum links der Galerie Canaletto.
Oh sieh doch, hört man Tante Hermine schwärmen,
sie, die Lehrerin, schaut auf Dresden,
das findet sie am scheensten.
Das Medusenhaupt von Carravaggio, der berühmte Lichteffekt des Malers, lässt den Schreier unheimlich erscheinen, es ist, als kämen alle Kopfschlangen auf Dich zu.
Du eilst fort. Da hängt das Bild vom Wein trinkenden Bacchus. Die Idee ist gut!

Nach der Angst kann sie nicht schaden,
wo ist der Erfrischungsraum in diesem Laden?
Schnell sich dahin begeben,
um Visionen neu zu beleben.
Welch Störenfried der ältere Herr!
Im Kunstwissen hat er besondere Gaben,
sagt doch, tun Sie es auch gelesen haben,
der Bacchus war einer von des Malers lust’gen Knaben!

Schnell nach oben durch die Galerie zur Terrasse.
Abgehangen ist die Masse.
Der Wein ist süffig doch zu teuer,
dafür schaust Du auf Florenzens marmornes Domgemäuer.

Die Domkuppel mit der marmornen Laterne, ein Wunderwerk der Statik, ja eine baulich einmalige Pionierleistung der Frührenaissance durch Brunelleschi. Der Wein lässt alle Ästhetik vergessen, die Kuppel dreht sich. Diese als Vorbild aller Zitronenpressen zu vergleichen, wäre vermessen.

Schnell, der Wein geht nicht nur ins Gehirn, bevor ich mein Hang zur Kunst verliere, zahle ich, laufe Zickzack um die Gruppen wie ein Hase - es meldet sich die Blase.

Das Räumchen liegt im Mittelgeschoss.
Männer wie Frauen emanzipiert,
werden zur WC-Warteschleife dort hingeführt.
Du denkst, es drücken Dich Gewalten.
Welch ein Fortschritt im klassischen Rom,
die Römer hatten Reihen-Donnerbalken!

Hinein in den Manierismus, den Anfang der Moderne.
Pramigianinos Schwanenhals-Madonna schaut in die Ferne,
die Malerei spricht von fantastischer Vision,
die hatten seit Cäsar manche Politiker schon.
Die Landschaft aber nach Albertis Schule dreidimensional,
dies zu finden ist bei dem verschobenen Tiefenpunkt eine Qual.
Begeistert schaut man auf die mit dem Stichel ausgearbeiteten Häuser,
und hört Minna: …schau mal, welch ein Traum!
Die Antwort: Träume nicht lange, nebenan ist auch noch ein Raum.

Ich eile mit!
Erregt ruft sie: Schau Männe, was bin ich froh,
endlich ein früher Picasso,
dieser frühe Expressionismus von ihm ist selten
.
Da hallt der Rückruf durch den Raum:
Liebling, schau richtig hin, jetzt bist de froh,
das ist der gesuchte EL - GRECCO!
Expressionistisch dargestellt, diese schmale unnatürliche,
geistig beeindruckende Figuration
ohne Rücksicht auf die Proportion,
das eigentümliche Licht - Sie wissen es schon –
zeigt uns des Menschen seelische Dimension!
Hier in dieser Technik - ich bin so frei –
liegt das Fundament der postmodernen Malerei.

Einmalig Duktus und Inkarnat, asymmetrisch die Komposition in Leonardos Jugendwerk Verkündigung (1475-80).
Erst spät wurde dessen Handschrift entdeckt,
die Historiker haben es übel getrieben,
sie hatten das Werk erst Ghirlandaio, dann Verrocchio zugeschrieben.
Kräftig im Ausdruck und geheimnisvoll das Lächeln des Engels,
die Kunstlandschaft im Hintergrund naturalistisch, dreidimensional perfekt,
hier ist im Jugendwerk Leonardos Genie versteckt.
Jungfräulich zart, fast unbescholten, mädchenhaft gar,
der Gesichtsausdruck der Jungfrau - wunderbar,
zu der Gott den Engel berief.

Die Verbindung zu beiden aber ist der ausgestreckte Arm mit den zur Tür weisenden Fingern der linken Hand, als Zeichen der Verkündigung.

Zurück zu Botticellis Primavera, (1482-83) genannt Der Frühling.
Grazien, (beneidet von Männern) leicht gekleidet, tänzeln über grüne Auen.
Da sagt die Dame neben mir: Oh wie exotisch!
Olala, Gnädigste, wir Männer nennen das erotisch.

Sehnsuchtsvoll blicken wir von der Galerie auf den Ponte Vecchio.
Ein Bad im Arno,
man wäre froh!

Dem Ausgang eilen wir jetzt zu,
der Magen ruft, Mensch jetzt hungerst Du,
im Schatten in dem kleinen Restaurante.
In Cucina nix kocht Mamma, nein die Tante!
Die Spagetti molto bene,
und mir drücken die Schuhe und die Beene.

Schnell noch einen Blick zur Loggia di Lanzi und zu der Skultura von Giambolognas Raub der Sabinerin (1583) in manieristisch-griechisch antiker Manier, genannt Figura-serpentinata. Nach Michelangelos Erklärung, man solle die Figur pyramidenförmig nach oben verjüngend gleich einer lodernden Flamme ausführen, da die lodernde Flamme die bewegungsreichste aller Figuren sei.

Lt. Wilhelm Busch: Die Zeit, die eilt im Sauseschritt,
wir eilen in Richtung Bahnhof im Gedränge der kunstsinnigen Menge mit.

Auf Statione fragen dem Seniore con Bambini,
ist dies il treno a Montecantini?
Si, si, si, steigt ein, der fährt in Richtung Pisa.
Doch dann die Excursione wurde heiter,
der Zug fuhr in andre Richtung weiter!
Statt in Montecantini landeten wir in Pisa-Endstatione.
Die für Montecantini fuhr - das machte uns weniger froh.
vom Nebengleis mit Endstatione Viareggio.
Somit haben wir erfahren,
dass sich in Italien, wenn Du fragst Seniore con Bambini,
sei Dir im Klaren, die Eisenbahnen verfahren.