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Einschulung und frühe Jugend

Anfang 1951 wurde ich am Röbbek eingeschult, nur einige Gehminuten vom Elternhaus entfernt; ein alter Kasten aus rotem Backstein mit großem Schulhof. Lebendig erinnere ich mich daran, dass wir Kinder, zusammen mit Eltern, in einen großen Schulraum, vielleicht eine Art Aula, geführt wurden. Jeder Knirps trug seine Schultüte, das war total aufregend und spannend. Die Schüler wurden alle einzeln aufgerufen, mussten vortreten und sich zu Klassenverbänden aufstellen.

Der Schüler Lüdemann wurde mehrfach aufgerufen, da er zunächst nicht erschien. Plötzlich meldete sich eine zaghafte Stimme mit den Worten Lüdemann kommt schon; ein kleiner, lustiger Steppke marschierte unerschrocken in unsere Gruppe. Das erzeugte ein Raunen und Lachen im Raum.

Lüdemann gehörte also in meinen Klassenverband, wir wurden schnell Freunde. Er hatte in den ersten Schultagen noch die Angewohnheit, pünktlich zur Mittagszeit plötzlich aufzustehen und anzukündigen, er müsse jetzt zum Essen nach Hause. Verständlich, als Bauernsohn vom einzig verbliebenen Hof in Flottbek, direkt in unserer Nachbarschaft, der damals direkt gegenüber der Flottbeker Kirche gelegen war.

Flottbek hatte zu der Zeit noch ausgeprägten ländlichen Charakter. Der Lüdemannsche Hof mit allem Getier, was zu einem Bauernhof gehört, war ein Paradies für mich. Da gab es Kühe, Schweine, Hühner, Tauben, Schwalben, Katzen und einen Hofhund. Einer unserer liebsten Spielplätze war die große Scheune mit ihrem Heuboden. Von dort konnte man während und nach der Getreideernte super Sprünge auf die darunter gelegene Ebene auf dicke Strohballen machen – was konnte es für uns Kinder schöneres geben? Auch die Fahrt hoch oben auf den für uns Kinder turmhoch beladenen, schaukelnden Heuwagen von den Feldern zum Hof war immer ein Riesenvergnügen. Die ausgedehnten Wiesen und Felder in Richtung Baron-Vogt-Straße – Hemmingstedter Weg boten mit kleinen Tümpeln und Büschen ein traumhaftes, spannendes, endloses Areal zum Toben und Unsinn machen.

Wenn auf dem Hof Schweine geschlachtet wurden, lag schon mal die eine oder andere Schweineblase herum. Auf die zu treten erzeugte zu allgemeiner Freude einen kräftigen Strahl Urin, der sich im hohen Bogen in die Gegend ergoss. Früchte standen fast überall in Hülle und Fülle zur Verfügung zum Beispiel, Himbeeren, Brombeeren, Äpfel und Kirschen. Bucheckern zu sammeln, die herb-nussigen Kerne auszupulen und zu essen war ein Genuss. Im Lüdemannschen Vorgarten standen mächtige alte Buchen, die Massen stacheliger Gehäuse mit den Kernen abwarfen. Junge Buchenblätter auf Schwarzbrot mit Butter schmeckten wunderbar. Wir lebten eine glückliche, herrlich unbeschwerte Kindheit. Von Zeit zu Zeit bestehender Mangel an Manchem empfand ich während der Grundschuljahre nicht mehr als einschneidend.

Allerdings gab es in den 1950er-Jahren noch die sogenannte Schwedenspeisung, weil sehr viele Kinder, wie ich auch, mangelernährt waren. Von Schweden aus wurde die Ausgabe von heißen Milchsuppen für deutsche Kinder finanziert. Die Speisung fand im Gemeindehaus der Flottbeker Kirche statt. Aus dampfenden großen Kesseln bekam jedes Kind einen Schlag süße Suppe auf seinen Blechteller oder in einen HenkelmannHenkelmann = Ein Essenbehälter aus Blech, auch Döppen, Düppe, Kimmel, Knibbel oder Mitchen. Siehe: Lexikon der alten Wörter und Begriffe.

Ich war damals ein ziemlich hoch aufgeschossenes, dünnes Kind. So ergab es sich, dass ich vermutlich in der zweiten oder dritten Grundschulklasse an einer Kinderverschickung ins Hamburger Kinderheim, Wyk auf Föhr, teilnahm. Daran habe ich keine gute Erinnerung. Es gab zwar kräftiges Essen, danach mussten aber alle Kinder ab in den Keller. Der Raum war kalt mit glattem Zementboden und, wohl mit Vorbedacht, mit einem großen Ablaufsiel versehen. Dort hatte jedes Kind zwangsweise einen Esslöffel übelriechenden Dorsch-Lebertran zu schlucken. Viele mussten sich danach übergeben, auch ich – es war eklig! Das Erbrochene wurde natürlich immer schnell weggespült.

Nach dieser schrecklichen Prozedur war eine Ruhestunde in einer großen überdachten Veranda auf zahllosen Feldbetten Pflicht. Gemeinsame Spaziergänge an der Strandpromenade oder weitere Ausflüge in die Umgebung gehörten natürlich zum Tagesprogramm.

Für eine Weile musste ich zu Hause diesen blöden Lebertran weiter schlucken. Es gab ihn in einer gemilderten Form mit einem weißen, süßen Sirup (Sanostol) vermischt. Trotzdem hasste ich diesen glücklicherweise nicht so lange anhaltenden Zwang meiner Mutter.

Was mich zeitweise ebenfalls sehr quälte, waren die damals weit verbreiteten Leibchen. Das waren Hemd und Hose in einem, aus kratzigem Stoff. Am Po waren sie für das große Geschäft offen. An manchen befanden sich seitliche Schnallen zum Befestigen von langen Strümpfen. Die Dinger waren echt schrecklich und peinlich. Man nannte dieses weithin ungeliebte Kleidungsstück, wenn ich mich richtig erinnere, Freischieterbüx.

Ein für mich stark faszinierendes Ereignis begab sich dann im Dezember 1950, als mein Bruder Michael geboren wurde. Ein völlig neuer Abschnitt meines jungen Lebens zeichnete sich ab. Die Situation erschwerte sich leider dadurch erheblich, weil der von meinen Eltern gegründete Lesezirkel etwa in diesem Zeitabschnitt in die Pleite geriet. Das bedeutete, ziemlich viele Schulden hatten sich angehäuft. Ich realisierte das erst später deutlich, als sich unsere Lebensumstände für viele Jahre dramatisch verschärften.

Fortan arbeitete mein Vater als Vertreter. Er besuchte in ganz Hamburg viele Firmen und war wohl für die Firma Treu & Co. unterwegs, die Papiertüten, Packmaterial und anderes herstellte und vertrieb. Mein Vater hat mich in der Zeit manchmal mit seinem Dienstauto mitgenommen. Das Interessanteste daran waren für mich die Aufenthalte in kleinen Kneipen, in denen mein Vater und ich Kleinigkeiten aßen. Oft bekam ich von ihm einen Groschen, um an den damaligen Daddelautomaten zu spielen. Ich hatte davon keine Ahnung und drückte munter die bunt leuchtenden Tasten. Eines Tages gewann ich mehrere Mark, die nacheinander unablässig groschenweise aus dem Automaten ratterten. Das hat mich so angeregt, dass ich unentwegt weiterspielte, um noch mehr zu gewinnen. Soviel Geld hatte ich selbst noch nie besessen. Das Ende vom Lied: Ich verlor alles! Dieser Moment tiefer Enttäuschung führte wohl dazu, dass ich an solchen Automaten bis heute nie wieder Interesse zeigte.

Diese Jahre meiner frühen Jugend habe ich in guter, bildhafter Erinnerung und bin aus der Rückschau dankbar für diese so wichtige, abwechslungsreiche Zeit. Aufgewachsen bin ich auf einem festen Grund, insbesondere mit der Liebe meiner Mutter und dem Gefühl zu Hause sicher geborgen zu sein. Meine Mutter hat mir immer großes Vertrauen gezeigt, mir viel Freiheit gelassen, aber immer auch klare Grenzen aufgezeigt. Sie stand vor allem wie eine Löwin hinter mir, wenn es manchmal zu Auseinandersetzungen mit anderen Jungs auf der Straße kam, in die sich gelegentlich auch Erwachsene einmischten und es mir an den Kragen gehen sollte. Andererseits durfte ich nicht mit jeder Kleinigkeit angeheult kommen. Dann gab es die klare Ansage, sieh zu, dass du klarkommst, hilf dir gefälligst selbst. Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Respekt und Standhaftigkeit waren und sind mir als tragende Werte bis heute fest verinnerlicht. Dabei waren die Eltern so kurz nach dem Weltkrieg ganz sicher sehr mit sich und dem Überleben in einer weitgehend zerstörten Infrastruktur beschäftigt.

Einen ganz wesentlichen Teil meiner Sozialisierung und inneren Festigung leistete zudem der regelmäßige Aufenthalt in einer Kindertagesstätte, Osteresch. Die suchte ich nach der Schule auf. Das kann schon kurz nach der Einschulung oder im Laufe des Jahres 1951 begonnen haben, ich kann das nicht mehr verifizieren, und es dauerte sicherlich an bis in die ersten Jahre auf dem Gymnasium. Die für mich vorbildhafte und bestimmende Persönlichkeit war Frau Gottsleben, die Leiterin dieser Tagesstätte. Eine warmherzige, sehr starke, resolute, aber auch absolut gerechte Frau. Sie hat vielen der Kinder einen starken Glauben an sich vermittelt. Mir unter anderem dadurch, dass sie mich lehrte, fest zu dem zu stehen, was man sagt und tut und was ein fester Händedruck ist. Bei den ersten Hand-Lehreinheiten trat mir vor Schmerz jeweils das Wasser in die Augen.

Die Osteresch-Faschingsfeiern und Spielzeiten im Freien waren legendär – fröhlich, ausgelassen und immer innerhalb klarer Regeln. Ich lernte zum Beispiel auf Stelzen zu laufen, sicher klettern, balancieren und dass kleine Wunden kein großes Malheur bedeuten. Auch das gemeinsame Singen von Volksliedern und deutschem populären Liedgut war an der Tagesordnung. Ich kenne bis heute noch viele Lieder, allerdings nicht mehr textsicher.

Etwas aus der Reihe fiel allerdings ein Bruch des linken Arms. Den zog ich mir im Zuge einer Rangelei auf einem hohen gemauerten Block, einem ehemaligen Bunkereingang mitten in der Sandkiste zu, als ich durch einen kräftigen Schubs von oben in die Sandkiste fiel, und mich abstützen wollte. Der Bruch beziehungsweise der Zinkleimverband waren für Wochen hinderlich. Die Heilung lief aber ohne sonderliche Folgen gut ab. Jedenfalls waren mein Arm und ich interessant.

An den Verlauf meiner Grundschulzeit hingegen habe ich komischerweise keine genaue Erinnerung. Meine schulischen Leistungen konnten allerdings nicht so schlecht gewesen sein, weil ich den Übergang zum Gymnasium problemlos schaffte.

Neue umwälzende Ereignisse standen schon bevor: Meine Eltern, mein Bruder und ich sind im Laufe des Jahres 1951 von der nun zu kleinen, schlecht beheizten Wohnung, Groß-Flottbeker Straße zunächst in zwei Räume einer sehr geräumigen Sechszimmerwohnung in der Dürerstraße 2 umgezogen.
Aufgrund akuten Wohnraummangels und Bewirtschaftung wurden wir dorthin als Untermieter eingewiesen. Nach diesem Umzug veränderte sich mein Leben in mehrerlei Hinsicht fundamental.